Gegen die Angst und die Enge

Markus 4, 21 – 25

21 Und er sprach zu ihnen: Zündet man etwa ein Licht an, um es unter den Scheffel oder unter die Bank zu setzen? Keineswegs, sondern um es auf den Leuchter zu setzen. 22 Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werden soll, und ist nichts geheim, was nicht an den Tag kommen soll. 23 Wer Ohren hat zu hören, der höre!

             Einmal mehr lohnt die Frage: In welchem Zusammenhang kann Jesus so etwas sagen? Wer oder was lässt ihn diesen Worte finden? Eine Möglichkeit, die man erwägen kann – er antwortet damit auf Warnungen. Auf die Ermahnung, doch nicht so stürmisch zu sein, nicht so eilig in seinem Vorgehen. Mehr Rücksicht zu nehmen, Missverständnisse einzukalkulieren und nicht noch zu provozieren. „Wenn eine Vermutung gewagt werden darf, so dürfte das Logion am ehesten sinnvoll sein, wenn Jesus es auf sich selbst bezogen. Etwa in einer Lage, in der man ihm zuredete, sich nicht den Hass seiner Gegner zuzuziehen, ihn bat, sich zu schonen, ihn warnte, mag Jesus den Vergleich gewagt haben: Man zündet doch nicht eine Lampe an, um sie gleich wieder auszulöschen. Auf den Leuchter gehört sie.!“(J. Jeremias, Abba, 99-102 zit. nach: E. Drewermann, aaO. S. 334)

Die folgenden Worte sind Sprüche, keine Gleichnisse. Bildworte. Das Bild ist in sich klar: niemand kommt auf die Idee, ein Licht unter ein Gefäß zu stellen, unter eine Bank, wahlweise ist auch die Übersetzung „Bett“ – κλίνη,Bett, Lager, Speisesofa“ (Gemoll aaO. S.441) möglich – so dass es nicht weit hinaus leuchten kann. Sein Licht nicht ausstrahlen kann. So etwas zu tun, wäre geradezu widersinnig.

„Diese Art zu fragen, ist typisch für Jesu Gewohnheit, Alltagserfahrungen für geistliche Wahrheiten durchsichtig zu machen.“ (W. Klaiber, aaO. S.97) Worum es geht, wird wohl durch den Anschluss nach vorne, durch den größeren Zusammenhang klar: Es geht um das Wort. „Das Wort des Evangeliums will wie ein Licht die Welt erleuchten.“ (J. Gnilka, aaO. S.180) Es wäre gegen den Sinn allen Redens Jesu, wenn man das Wort verschweigen wollte. Ein schweigender Christus wäre ein Widerspruch in sich selbst Und Schweigen von Christus ist genauso ein Widerspruch in sich selbst.

In diesen Worten wird auch der Umgang Jesu mit seinen Jüngern gedeutet. Wenn er sie zur Seite nimmt, wenn er im Verborgenen mit ihnen redet, dann nicht, um sie in eine Geheimlehre einzuweihen. Das Christentum ist kein geheimer Mysterienkult. Sondern sein Lehren im Verborgenen ist Vorbereitung für ihr öffentliches Reden. Für ihr Zeugnis vor aller Welt. Es ist das Wesen des Reiches Gottes, dass es die ganze Welt meint und nicht einen Winkel, nicht eine auserwählte Schar einiger weniger.

Wann immer wir uns als Kirche damit zufrieden geben, dass wir nur einen inneren Kreis erreichen, nur noch die Kerngemeinde, nur noch die „silbergraue Kirche“ der Alten, dass wir eine Sprache sprechen, die nur noch „Eingeweihte“ verstehen, dass wir vorzugsweise Lied-Texte singen, die den Staub von tausend Jahren an sich tragen, dass wir Musik machen, die aus der Zeit gefallen scheint, dass wir schier unüberwindliche Kulturgrenzen um den Gottesdienst hochziehen, dann verleugnen wir diese Grundbewegung, die in den Worten Jesu liegt: Das Evangelium soll zu Tage treten, laut ausgerufen werden, unter die Leute kommen. Auch und gerade unter die Leute, die ganz gut ohne Gott auszukommen scheinen.  

Aber auch das mag mit in den Worten stecken: es gibt eine Zeit auf dem Weg Jesu, in der es noch nicht angebracht ist, von ihm als dem Christus, als dem Messias, als dem Sohn Gottes zu sprechen. Weil es nur Missverständnisse hervorrufen würde. Die Sorge vor solchen Missverständnissen steckt hinter den häufigen Verboten Jesu, von seinen Heilungstaten weiter zu erzählen. Weil die, die nur die Wunder, die Heilungstaten hören und sehen, dann von einem Reich träumen würden, wie es David und Salomo errichtet hatten, welches der Römerherrschaft und dem Haus des Herodes ein Ende macht. Aber das Reich Gottes, das in Jesus anbricht, ist anderer Art als solche Herrschaft.

Der Abschluss dieser kurzen Sequenz ist eine Aufforderung zum Hören. Zum richtigen Hören würde ich ergänzen. Zum Nachdenken, zum inneren Klären. Wieder schwingt in dieser Aufforderung mit: Jesus traut seinen Hörern – und Markus den Leserinnen des Evangeliums – zu, dass sie in ihrem Hören und Bedenken zu richtigen Einsichten kommen.

 24 Und er sprach zu ihnen: Seht zu, was ihr hört! Mit welchem Maß ihr messt, wird man euch wieder messen, und man wird euch noch dazugeben. 25 Denn wer da hat, dem wird gegeben; und wer nicht hat, dem wird man auch das nehmen, was er hat.

Erneut: Achtung! Seid wachsam! hört genau hin. Denkt nach. Die nachfolgenden Worte stehen im Evangelium des Matthäus in anderen Zusammenhängen. Da geht es um das Miteinander, um den Verzicht auf ein gegenseitiges „Richten“. Das zu wissen hilft gleichwohl hier nicht weiter, weil hier bei Markus das Thema offenkundig ein anderes ist.

Vom Vorhergegangenen legt es sich nahe: Es geht immer noch um das Hören. „Nichts ist notwendiger als verstehendes Hören. Das Gehörte aber soll weitergegeben werden; es gehört nicht dem allein, der hört und merkt.“ (W. Grundmann aaO. S.128) Wenn ich so denke, legt es sich nahe: ein freigiebiges Weitergeben führt zu einem reichen Empfangen. „Wer kärglich sät, wird auch kärglich ernten, und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.“ (2. Korinther 9,6)

Von daher: nicht kleinlich sein. Das Wort nicht nur für sich behalten. Sondern es weitergeben, bezeugen und darin neu empfangen. „Das Hören des Wortes macht den, der sich öffnet, reich. Dagegen verarmt, wer sich verschließt.“ (J. Gnilka, aaO. S.181) Noch einen Schritt weiter: Der Glaube wächst im Weitergeben. Wer ihn dagegen für sich behält, ihn als seinen Privatbesitz betrachtet, der wird erfahren, wie sein Glaube verkümmert.

Es geht um den Wiederspruch gegen eine Engführung im Glauben, die oft genug aus der Enge und der Angst erwächst. „Die eigene Herzensangst macht immer enger und ärmer, immer seelenloser und unlebendiger; eine gewisse Weite des Herzens hingegen trägt ihre Belohnung in sich selbst: sie erlaubt und ermöglicht es, von der Begegnung mit jedem Menschen bereichert zurückzukehren.“ (E. Drewermann, aaO. S. 342) Es ist nur zu wahr: Die eigene innere Enge lässt allzu oft in einer äußeren Enge und Einsamkeit landen.

Hier wird also nicht eine Parole des Kapitalismus durchexerziert und auch noch legitimiert. So wird das Wort wer da hat, dem wird gegeben; und wer nicht hat, dem wird man auch das nehmen, was er hat. gerne interpretiert – in der Kurzfassung: die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer – gerechtfertigt aus dem Mund Jesu. Sondern in diesen Worten geht es um ein „Wachstumsgesetz“ im Reich Gottes: Nur durch Weitergeben wird der eigene Glaube gestärkt. Wer seinen Glauben vergräbt, für sich behält, dem kommt er irgendwann abhanden. Es ist das Teilen, das Mitteilen, das den Glauben wachsen lässt. Ein bloßes Konservieren in der eigenen Seele führt zum Glaubensverlust.

Zum Weiterdenken

Wie oft habe ich das selbst erfahren. Es hat meinen eigenen Glauben gefestigt, gestärkt, dass ich herausgefordert war, bei anderen und mit anderen über den Glauben zu sprechen, biblische Worte auszulegen, zu erklären. Danach zu fragen, welche Bedeutung sie für unser Leben heute haben. Nur wer sich mitteilt, der kann Resonanz erfahren, erleben, wie sein Zeugnis bestätigt wird und Antwort findet. Wer sich verschließt, bleibt allein – und: allein gehst du ein. Wer will, dass sein Glaube wächst, muss ihn dem Sturm und dem Regen, dem Gegenwind auch aussetzen. Dann wird er sich bewahrheiten.

Wenn ich weiterdenke, lande ich bei der Gemeinde, der Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern als dem Wachstumsraum des Glaubens. Im Erzählen in der Gemeinschaft empfange ich Impulse aus den Erfahrungen der anderen. Das Vertrauen im Offenwerden, in eigenen Erzählen ermutigt die anderen, sich gleichfalls zu öffnen und – im wahrsten Wortsinn – sich mitzuteilen. „Spiegelneuronen“ nennt das die Wissenschaft. Es ist die Erfahrung, die wir vor Jahrzehnten gemacht haben: Wir erzählen von unserem Warten auf die Söhne – freitagsabends – und es löst in erleichtertes „das geht uns genauso! – bei andere aus. Wie würde sich die Wirklichkeit in unseren Gemeinden, unsren Gottesdiensten verändern, wenn wir anfangen, uns an unserer Wirklichkeit teilzugeben – an Sorge und an Freuden gleichermaßen.

 

Herr Jesus. Hilf Du uns zu einem neuen Hören auf Dich, zu einem neuen Erfüllt-werden mit der Freude an Deinem Wort, zu einer neuen Aufmerksamkeit für Deine Wegweisung, zu einer neuen Liebe zu Dir.

Hilf Du, dass wir nicht für uns behalten, was wir von Dir empfangen haben – Deine Liebe, das Vertrauen auf Deine Güte, das Versprechen, dass wir geborgen sind in Dir.

Gib Du uns den Mut zum Weitergeben, zum Weitersagen, zum Teilen Deiner Liebe, zum Teilen des Glaubens. Amen