Eine Athos-Erinnerung

Markus 9, 38 – 41

38 Johannes sprach zu ihm: Meister, wir sahen einen, der trieb böse Geister in deinem Namen aus, und wir verboten’s ihm, weil er uns nicht nachfolgt.

             Ist Johannes mutig geworden, dass er jetzt das Wort ergreift? Weil es eben nicht so sein muss, dass es nach Rangfolge geht und immer Petrus der Sprecher des Jüngerkreises ist. Aber, Vorsicht ist geboten: „Johannes gilt zusammen mit seinem Bruder in der synoptischen Überlieferung als eifernder, leidenschaftlicher und Ansprüche stellender Mensch.“(W. Grundmann, aaO. S.263) Darauf könnte auch sein Beiname „Donnersohn“ beruhen. Gesichert ist das allerdings alles nicht – weil Autoren wie Markus sparsam und äußerst zurückhaltend mit psychologisch fundierten Profilen umgehen.

Immerhin: Er hat keine Scheu zu erklären: wir haben nicht nur untereinander mit Eifersucht zu tun. Wir grenzen uns auch deutlich ab. Einem, der im Namen Jesu böse Geister ausgetrieben hat, dem haben sie das Handwerk gelegt. Es ihm untersagt. Aber nicht mit dem Argument: Das funktioniert bei dir nicht.

Das Erfolgskriterium spielt offenkundig keine Rolle – im Gegenteil:  er trieb böse Geister in deinem Namen aus. Es hat bei diesem unbekannten Exorzisten funktioniert. Er hat den Namen Jesus wie eine mächtige Zauberformel verwendet und damit Erfolg gehabt. „Der gegebene Fall belegt eine bestimmte Einschätzung Jesu seitens der Nichtchristen. Man sah in ihm einen mächtigen Thaumaturgen.“ (J. Gnilka, aaO.   S.60)

             Eine Bezugsgeschichte bietet sich an: „Es unterstanden sich aber einige von den Juden, die als Beschwörer umherzogen, den Namen des Herrn Jesus zu nennen über denen, die böse Geister hatten, und sprachen: Ich beschwöre euch bei dem Jesus, den Paulus predigt. Es waren aber sieben Söhne eines jüdischen Hohenpriesters mit Namen Skevas, die dies taten. Aber der böse Geist antwortete und sprach zu ihnen: Jesus kenne ich wohl und von Paulus weiß ich wohl; aber wer seid ihr? Und der Mensch, in dem der böse Geist war, stürzte sich auf sie und überwältigte sie alle und richtete sie so zu, dass sie nackt und verwundet aus dem Haus flohen.“(Apostelgeschichte 19, 13 – 16) Das hat man sicher in der ersten Gemeinde gerne und mit Lächeln erzählt: Das kommt davon, wenn man sich mit fremden Federn schmückt. „Eine Athos-Erinnerung“ weiterlesen

Wo geht es nach oben?

Markus 9, 30 – 37

30 Und sie gingen von dort weg und zogen durch Galiläa; und er wollte nicht, dass es jemand wissen sollte. 31 Denn er lehrte seine Jünger und sprach zu ihnen:

             Dort – das ist wohl nach wie vor die Gegend um Cäsarea Philippi, am Fuß des Hermon. Diese Gegend verlassen sie und ziehen weiter durch Galiläa. Heimlich. Verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit. Ein Motiv für dieses Versteckspiel? Man kann es sich  aussuchen: Die Ahnung, dass es gefährlich wird, dass Feindseligkeiten zu erwarten sind. Ausweichen von Herodes? Oder weil er „auf dem Weg nach Jerusalem nicht unnötig aufgehalten werden will“ (J. Gnilka, aaO. S.53) Es ist ja unvermeidlich: weil überall Wunder erwartet und erbeten werden, geht es nicht vorwärts auf dem Weg.

Markus deutet die Zeit der Verborgenheit als Zeit, die Jesus braucht, um seine Jünger zu lehren. Bis dahin ist meistens das Volk, die Menge, der Adressat des Lehrens Jesu. Die Jünger dagegen müssen immer wieder daheim nachfragen, damit sie verstehen. Gerade weil es nach Jerusalem geht und Jesus weiß, was ihn da erwartet, ist es umso dringlicher, dass er jetzt Zeit für seine Jünger hat.  Dass er sie lehren kann. Er, der Lehrer, διδάσκαλος, lehrt sie, δίδασκεν, weist sie ein, schließt ihnen den Weg auf, der auf ihn und sie zukommt. Das braucht nach den vorausgegangen Erfahrungen Zeit. Die Jünger sind nicht so rasch im Verstehen. „Wo geht es nach oben?“ weiterlesen

Hin nud her gerissen

Markus 9, 14 – 29

14 Und sie kamen zu den Jüngern und sahen eine große Menge um sie herum und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten. 15 Und sobald die Menge ihn sah, entsetzten sich alle, liefen herbei und grüßten ihn.

             Mit der Ruhe des Berges, der Bergstille, ist es endgültig vorbei. Die Verklärung verblasst geradezu im Getümmel. Die Jünger und Schriftgelehrten inmitten einer Menschenmenge und sie streiten. Worum der Streit geht, bleibt zunächst offen. Als die Menge – hier steht immer wieder χλος, was eine unspezifische Mengenangabe ist und nie den Klang „das Volk“ hat – Jesus wahrnimmt, lassen sie die Streitenden stehen und laufen auf ihn zu. Die Luther-Übersetzung lockt auf eine Fragespur, die keine ist: Warum sind sie entsetzt? Es kommt näher an den Wortsinn: „In großer Erregung“ (Einheitsübersetzung, Neue Genfer Übersetzung), „aufgeregt“ (Hoffnung für alle) – nicht unbedingt entsetzt. Eine merkwürdige, auffallende Mischung. „Bei Markus rufen Wunder und Lehre Jesu das erregte Erstaunen der Menge hervor.“ (J. Gnilka, aaO., S. 46)

 16 Und er fragte sie: Was streitet ihr mit ihnen?

             Wen fragt Jesus nach dem Streit? Die Menge, aber die sind doch nur Zuschauer? Oder fragt er seine Jünger, warum sie sich mit den Schriftgelehrten streiten – sie, die doch selbst alles sind, aber gewiss keine Schriftgelehrten.

  17 Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist. 18 Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten’s nicht.

             Die Antwort kommt von einem aus der Menge. In der Antwort zeigt sich, dass es der Vater ist, der mit seinem Sohn gekommen ist, weil er sich Hilfe erhofft. Merkwürdig: Er sagt: ich habe ihn hergebracht zu dir. Er wollte zu Jesus und ist bei den Jüngern gelandet. Weil Jesus nicht da war, sondern mit den Dreien auf dem Berg. Jetzt aber, so hat es den Anschein, ist der Vater da, wo er sein wollte, wo er sich Hilfe erhoffte: Bei Jesus.

Es folgt, dass er ausführlich die Krankheit des Sohnes beschreibt. „Diese Schilderung der Symptome des Leidens des Kindes ist die präziseste Krankheitsbrechreibung, die wir im neuen Testament finden. Zusammen mit den Angaben in V. 20 und 22 weist sie eindeutig auf das Krankheitsbild, das wir heute „Grand-Mal-Epilepsie“ nennen. Die Krankheit wurde auch schon in der Antike in ihrer Besonderheit erkannt und auf göttliche oder dämonische Einwirkung zurückgeführt.“ (W. Klaiber, aaO. S.169) Es mindert das Leiden an dieser Krankheit nicht, dass sie im Volk auch als „heilige Krankheit“ galt. 

             Auf Hilfe aus dieser Not hat der Vater gehofft und ist bitter enttäuscht. Auf ein Ende der Qualen – die seines Jungen und seiner eigenen hat er gehofft. „Stets, wen der Vater zum unfreiwilligen Zeugen eines neuerlichen Anfalls seines Sohne wurde, muss in ihm dieselbe, sich jedesmal verstärkende Angst und Panik ausgebrochen sein: er stand einem Ereignis gegenüber, für das er weder Erklärung noch Hilfe finden konnte.“(E. Drewermann, Das Markusevangelium, Zweiter Teil, Zürich 1988. S. 25) Man kann darüber nachdenken, wie hier Krankheit des Jungen und Hilflosigkeit des Vaters sich zu einem unentwirrbaren Schicksal verwickeln. „Hin nud her gerissen“ weiterlesen

Tabor

Markus 9,2 – 13

 2 Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus, Jakobus und Johannes und führte sie auf einen hohen Berg, nur sie allein.

             Eine lange Woche vergeht. Aus diesen sechs Tagen gibt es nichts zu erzählen. Diese Tage verrinnen. In diesem ereignislosen Dahingehen der Tage mag nachwirken, was zuvor alles war, in Galiläa, in der Gegend von Tyrus, im Gebiet der Zehn Städte. Sein Tun und seine Worte. Aber geprägt sind diese Tage von dem einen:  Jesus ist bei den Jüngern.

Als die Zeit vorüber ist, nimmt er dann drei von ihnen mit sich, Petrus, Jakobus und Johannes. Nur diese drei. Es wird seltsam betont: nur sie allein. Es sind, wenn man so will, „die üblichen Verdächtigen“. Sie sind bei der Erweckung der Tochter des Jairus dabei (5,37), sie wird er mitnehmen nach Gethsemane (14,33). Ohne jede Begründung auserwählt unter den Zwölfen. Weil er sie mitnimmt. Es gehört zu den Lernprozessen, die uns das Evangelium abverlangt: Es gibt nicht für alles, was geschieht, eine Begründung.     

             Sie gehen auf einen hohen Berg. „Die Tradition identifiziert ihn mit dem Tabor, der als hohe Kuppe in der Ebene Jesreel liegt.“ (W. Klaiber, aaO. S. 164) Markus liegt nichts daran, diesen Berg durch einen Namen unvergesslich zu identifizieren, ihn zur Wallfahrtsstätte zu machen: Da war es….

Es wird wohl stimmen, wenn es auch erst durch den Fortgang der Geschichte begreiflich wird: „Der hohe Berg erinnert an den Gottesberg Sinai.“ (J. Gnilka, aaO. S. 33) Für die drei Jünger aber ist es erst einmal einfach nur ein Berg. Allerdings so viel wissen sie: Jesus sucht immer wieder Berge auf, weil er in ihnen die Nähe Gottes sucht. .

 Und er wurde vor ihnen verklärt; 3 und seine Kleider wurden hell und sehr weiß, wie sie kein Bleicher auf Erden so weiß machen kann.

             Verklärt. Verwandelt. μετεμορφθη.  Metamorphose. Transfiguration – auf Englisch. An ihm wird eine Wirklichkeit sichtbar, wie sie vorher nicht zu sehen war.

            „Ein Mensch gewinnt seine wahre Gestalt, die im Grunde schon immer in ihm lebte…. Dieser eine Augenblick seiner Verwandlung enthüllt den ganzen Kern seines Wesens; zum ersten Mal zeigt sich jetzt deutlich, mit wem wir eigentlich, womöglich über Jahrzehnte hin geredet und zusammengelebt haben, ohne dass wir auch nur entfernt ihn wirklich gekannt hätten.“ (E. Drewermann, aaO. S.593) Es ist ein Versuch wie gestottert, sich durch die Analogie zu unseren „normalen Erfahrungen“ zu erklären, was da geschieht. „Tabor“ weiterlesen

Festhalten geht nicht

Markus 8,34 – 9,1

34 Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 

Stehen sie denn nicht schon längst um ihn, so dass er sie rufen muss – das Volk und seine Jünger? Es wird wohl so sein: Was Jesus jetzt an Worten sagt, gilt allen, nicht nur der besonderen Gruppe der Zwölf. Es gilt der ganzen Gemeinde der Christinnen und Christen. Es gibt nach Markus keine Zwei-Klassen-Ethik – für das gemeine Volk und die auserwählten Jünger.

Es ist die Fortsetzung seiner Leidensankündigung. Ausgedehnt auf seine Leute. Sie sollen es wissen, am Anfang des Weges nach Jerusalem: Wer hinter ihm hergehen wird – hier steh das gleicheπσω μου, mit dem er Petrus auf seinen Platz verwiesen hat (8,33), der wird sein Geschick teilen. Wer das will, der muss wissen, was es kostet. „Die Preisgabe seiner selbst ist Hingabe an Gottes Willen und Absicht.“ (W. Grundmann, aaO. S. 227) Sich selbst verleugnen, von sich selbst absehen, sich nicht mehr selbst schützen wollen, die eigenen Belange hintanstellen – alles, um auf dem Weg hinter Jesus her zu bleiben. Aber nie geht es darum, das eigene Ich auszulöschen. Nachfolgen kann nur, wer ein eigenes Ich hat und es auch achten gelernt hat.

Auf dem Weg hinter Jesus her wird aus dem Nachgehen ein Nachfolgen. Im Griechischen wird das schön deutlich. Da steht zuerst das ganz normale λθεν, das durch Mitgehen und durch Verleugnung des Ichs und Aufnehmen des Kreuzes zum κολουθεν wird, zum Nachfolgen. Das gibt dem Weg hinter Jesus her seinen Inhalt: „Die Bereitschaft, Nachteile, Widerstände und Schwierigkeiten, die durch konsequente Nachfolge entstehen, auf sich zu nehmen.“ (W. Klaiber, aaO. S.158) Ja zu sagen zu einer Schicksalsgemeinschaft mit ihm, die möglicherweise auch den Weg zum Kreuz miteinschließt. „Festhalten geht nicht“ weiterlesen

Was sagst Du?

Markus 8, 27 – 33

27 Und Jesus ging fort mit seinen Jüngern in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Und auf dem Wege fragte er seine Jünger und sprach zu ihnen: Wer, sagen die Leute, dass ich sei?

             Von Betsaida führt sie der Weg fort in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Das sind Orte in der Nähe der Jordan-Quelle am Fuß des Hermon – heute Baniyas. Es ist eine Gegend, in der „nach rabbinischen Angaben die Grenze zwischen Israel und den Heidenvölkern liegt.“ (W. Grundmann, aaO. S.217) Weit weg von Jerusalem.

Aber hier beginnt der Weg nach Jerusalem. Wenn man so will: Er beginnt mit einer ungewöhnlichen Frage Jesu, die allerdings auf den ersten Blick wie nebenbei gestellt anmutet. Sonst erzählt Markus, dass die Menschen erstaunt fragen: „Wer ist der?“ (4;41) Aber jetzt fragt Jesus, fragt danach, welche Antworten sich die Leute auf ihr Fragen geben. „Die Frage Jesu ist am Anfang formuliert wie die Erkundigung über anderer Leute Ansichten.“ (E. Drewermann, aaO. S. 542)

Es fallen einem gleich die Meinungsforscher unserer Tage ein. Sie fragen wöchentlich: „Was halten Sie von…?“ – „Wie zufrieden sind Sie mit der Arbeit von…?“  Dann stellen sie ein Ranking auf – in der Zufriedenheitsskala ganz oben oder abgestürzt oder im Mittelfeld. Will Jesus das also von sich wissen: Wo siedeln die Leute mich in ihrer persönlichen Zufriedenheitsskala an? Das ist schwer vorstellbar von einem, der bis dahin seinen Weg geht, unabhängig von dem, was er an Zuspruch oder Widerspruch erfährt, nur gebunden an den Willen Gottes. Vielleicht müssen wir es uns eingestehen: Wir wissen nicht, was ihn zu seiner Fragen an die Jünger gebracht hat. Zumindest am Anfang der Szene muss man sich eine gewisse Ratlosigkeit eingestehen.

 28 Sie antworteten ihm: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer; einige sagen, du seist Elia; andere, du seist einer der Propheten.

             Ihre Antwort aber hören wir. „Das Volk sagt, genau wie wir heute noch: ein Prophet, ein Lehrer, ein Großer. Wir schweifen im Finstern. Wir meinen, je mehr wir schweifen, je verschwommener es um uns ist, desto näher seien wir Gott.“ (P. Schütz aaO. S. 311) Das ist ein hartes Urteil über ehrlich vorgetragene Meinungen. So viel ist zu spüren: Im Volk denkt man groß über Jesus. Die Worte sind Ausdruck von Hochschätzung.  Aber auch das ist deutlich: Es ist ein widersprüchliches Bild – einig darin, dass er „irgendwie“ mit Gott zu tun hat, aber mehr auch nicht.

29 Und er fragte sie: Ihr aber, wer, sagt ihr, dass ich sei? Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Du bist der Christus! 30 Und er gebot ihnen, dass sie niemandem von ihm sagen sollten.

             So sagt „man“. Aber jetzt wird es direkt, persönlich: was sagt ihr? Das ist der Moment der Wahrheit: „Ich“ sagen. Es gibt Situationen im Leben, da ist nicht mehr Sachlichkeit gefragt, nicht mehr die Meinung aller. Nicht mehr das Zitieren von Literatur, Fachleuten, Experten. „Es gibt den Punkt in unserem Leben, wo kein Ausweichen mehr hilft und es nicht länger möglich ist, mit den Zitaten anderer an uns selbst vorbei zu leben.“ (E. Drewermann, aaO. S. 544) Da bin ich gefragt. „Was sagst Du?“ weiterlesen

Öffne mir die Augen

Markus 8, 22 – 26

22 Und sie kamen nach Betsaida.

             Zum zweiten Mal geht es nach Betsaida. Dorthin hatten sie gewollt, als der Sturm sie auf dem See überraschte. Jetzt kommen sie tatsächlich dort an. „Bethsaida war durch den Tetrachen Philippus unter Tiberius, zu Ehren der kaiserlichen Familie, der Julier, zur Stadt erhoben worden.“ (W. Grundmann, aaO. S. 212) Es ist also nicht irgendein Kaff, sondern ein Ort, dem doch eine gewisse Bedeutung zukommt. Aber für Markus bleibt es ein Dorf.

 Und sie brachten zu ihm einen Blinden und baten ihn, dass er ihn anrühre.

            Dort kommen wieder einmal Menschen, die ihm einen Kranken vorstellen. Diesmal einen Blinden. Sie kommen mit der Bitte, dass er ihn anrühre.  Es hat sich herumgesprochen: Sein Berühren ist heilsam, es lässt heil werden, an Leib und Seele. Das ist offensichtlich die Erwartung, in der sie zu ihm kommen: Wenn Jesus den Blinden berühren wird, wird er dadurch geheilt werden. Es ist eine Erwartung, wie sie sich mit dem Kommen der Heilszeit Gottes verbindet. „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden.“ (Jesaja 35,5)

Der Anfang dieser Erzählung wirkt wie eine Wiederholung der Heilung des Taubstummen. Auch da hieß es:Sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege.“ (7,32) Die Erwartung an Jesus als einen Heiler in der anbrechenden Heilszeit Gottes verfestigen sich. Sie ahnen: Sein Helfen ist keine Eintagsfliege, es hat Kontinuität.  Auch das hat sich herumgesprochen: Er schickt keinen weg, er lässt sich erbitten. „Öffne mir die Augen“ weiterlesen

Begriffsstutzig

Markus 8, 14 -21

14 Und sie hatten vergessen, Brot mitzunehmen, und hatten nicht mehr mit sich im Boot als ein Brot. 15 Und er gebot ihnen und sprach: Schaut zu und seht euch vor vor dem Sauerteig der Pharisäer und vor dem Sauerteig des Herodes. 16 Und sie bedachten hin und her, dass sie kein Brot hätten.

             Unterwegs wird bemerkt: Sie haben nur ein Brot an Bord. Was ist das unter so viele? Das löst Gedanken bei ihnen aus, wie schon öfters. Es beschäftigt sie. In diese Gedanken hinein hören sie ein Wort Jesu. Sie hören nur, dass er vom Brot redet, in seiner noch nicht gebackenen Form, vom Sauerteig.

Jesus spricht, einmal mehr, in Rätseln, in Gleichnisform. „Sich auf die Denkweise der Pharisäer und auf die Umtriebe der Gefolgsleute des Herodes einzulassen, gefährdet das Verhältnis zu Jesus.“ (W. Klaiber, ebda.) Wie aber sollen sie seine „Symbolsprache“ verstehen, die an der Sorge um ihr reales Brot für heute befasst sind? „Kulturgeschichtlich betrachtet ist Religion stets so etwas wie ein Luxusphänomen, das eine gewisse Entlastung von der unmittelbaren Lebensnotdurft bereits voraussetzt.“ (E. Drewermann, aaO. S.505) Man kann so sehr in den Gedanken um das tägliche Brot verhaftet sein, dass man weder Augen noch Ohren noch sonstige Sinne hat für den, der das tägliche Brot gibt.  Das man auch nicht versteht, dass das Wort Brot mehr meinen kann als das, was da im heißen Ofen gebacken worden ist. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“( B. Brecht, Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny) „Begriffsstutzig“ weiterlesen

Zeichen? Spuren!

Markus 8, 10 -13

10 Und alsbald stieg er in das Boot mit seinen Jüngern und kam in die Gegend von Dalmanuta.

             Wieder ein rascher Aufbruch – einmal mehr εθς – alsbald, sofort. Manchmal wirkt es, als eile Jesus von Ort zu Ort, als würde er die Orte der besonderen Erfahrungen auch deshalb verlassen, weil das Leben keinen Stillstand duldet, weil es weiter geht. Es könnte Absicht des Evangelisten Markus sein. Die das Evangelium lesen, sollen lernen: Es gibt kein Verweilen bei den wunderbaren Erfahrungen des Augenblicks. Kein „Verweile doch, du bist so schön.“(J. W. v. Goethe, Faust) Weil sonst das Leben verloren geht. So fahren sie mit dem Boot über das Galiläische Meer nach Dalmanuta. Wir wissen heute nicht, wo wir diesen Ort suchen sollen. Wahrscheinlich ist es eine Ortschaft am Westufer des Sees. Sicher ist das aber nicht.

 11 Und die Pharisäer kamen heraus und fingen an, mit ihm zu streiten, versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.

             Dort kommen Pharisäer, die das Gespräch mit Jesus suchen, auch den Streit nicht vermeiden, die ihn herausfordern.  „Die Stärke ihrer Bewegung lag sicher darin, dass sie, wenn auch vermutlich nicht am Anfang, von Laien getragen wurde, und dass sie als geschlossener Kreis, von dem stets Anziehungskraft ausgeht, auch den einfachen Mann aufnahmen.“(J. Gnilka, aaO., S.107) Mitglieder dieser Bewegung also gehen auf Jesus zu. Weil sie das, was sie von ihm gehört hatten, fragen ließ: Was steckt dahinter? Um ihn zu prüfen und vielleicht auch um die eigene Nähe zu ihm zu überprüfen? συζητεν – untersuchen, disputieren, streiten, hinterfragen.“ (G. Friedrich,Theol. Wörterbuch zum NT, Bd VII; Stuttgart, 1964, S, 748) Es ist ein Form der Wahrheitssuche.

„Zeichenforderungen erscheinen der jüdischen Theologie berechtigt.“ (W. Grundmann, aaO. S.206) Schließlich hat auch schon der Richter Gideon gleich zweimal Zeichen von Gott gefordert und erhalten. (Richter 7, 36 – 40) Für diese Forderung wird er in keiner Weise kritisiert. „Zeichen? Spuren!“ weiterlesen

Doppelt hält besser

Markus 8, 1 – 9

   „Die Auffassung, dass 8, 1 – 9 eine vom Evangelisten geschaffene Doublette sei, ist heute aufgegeben.“ (J. Gnilka, aaO. S.300) Es gibt wohl so etwas wie einen „gemeinsamen Grundbericht“ (J. Gnilka, ebda.), auf den beide Speisungserzählungen zurückgehen. Das ist aber nur eine Aussage über den literarischen Zusammenhang, keine Aussage darüber, ob es zwei solche Ereignisse gegeben hat.

1 Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: 2 Mich jammert das Volk, denn sie haben nun drei Tage bei mir ausgeharrt und haben nichts zu essen. 3 Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Menschen als eine große Mengeπολλός χλος – um Jesus sammeln. Es ist auch nicht das erste Mal, dass sie über diesem Zusammenkommen bei ihm vergessen, für die eigene Verpflegung zu sorgen. Sie sind einfach da, so wie sie sind, mit leeren Händen.

Das sieht Jesus – die leeren Hände, die leeren Mägen, so wie er ja auch die leeren Herzen sieht. Für die leeren Herzen hat er gesorgt – drei Tage lang. Solange hat er sein Evangelium vom Erbarmen Gottes an sie ausgeteilt. Aber wer für die Seelen Sorge trägt, kann den Leib nicht übergehen. So gilt eben: Das Volk jammert ihn, geht ihm an die Nieren. Σπλαγχνζομαι. Es geht ihm innerlich nahe und lässt ihn eben nicht kalt. „Das Erbarmen ist Grundzug des Wirkens Jesu und gilt den Menschen in jeder Notlage.“ (W. Grundmann, aaO. S.204) Das umso mehr, als sie seit Tagen bei ihm sind, weil sie einen langen Weg zu ihm auf sich genommen haben.

             Sie sind von ferne her gekommen hat man als Hinweis lesen wollen, dass es sich bei der Menge wohl um Heiden handelt. Das ist nicht zwingend so zu verstehen, aber auch nicht auszuschließen. Es könnte erklären, warum diese zweite Speisungsgeschichte erzählt wird – die erste in 6, 20 – 44 erzählt von einer Speisung Israels, diese nun möglicherweise von einer Speisung von Menschen aus den Heiden. „Der Speisung der Kinder folgt die Speisung der `Hündlein´, nun sollen auch sie satt werden.“ (W. Grundmann, ebda.) Ganz unsinnig wirkt der Gedanke nicht auf mich. „Doppelt hält besser“ weiterlesen