Gutes Land

Markus 4, 10 – 20

10 Und als er allein war, fragten ihn, die um ihn waren, samt den Zwölfen, nach den Gleichnissen.

Die Zwölf, aber nicht nur sie, haben zwar gehört, aber irgendwie ist da auch das Gefühl: Da sind Fragen offen. Sie scheinen nicht zu wissen, was sie mit dem Gehörten anfangen sollen. Es ist ein größerer Kreis als nur der Zwölferkreis, der sich um Jesus schart und Auskunft erbittet. Das ist einer der so kargen Hinweise darauf, dass sich mehr Leute um Jesus gesammelt haben als nur die Zwölf.

„Die Formulierung im Plural „nach den Gleichnissen“ und die griechische Zeitform von „fragten“ weisen auf eine immer wieder vorkommende grundsätzliche Fragestellung hin.“ (W. Klaiber, aaO. S.92) Es ist also so, dass die auf den ersten Blick so einleuchtenden und einfachen Gleichnisse in Wahrheit immer neu dazu nötigen, nachzufragen, nachzudenken, ihrem tieferen Sinn auf die Spur zu kommen.

11 Und er sprach zu ihnen: Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben; denen aber draußen widerfährt es alles in Gleichnissen, 12 damit sie es mit sehenden Augen sehen und doch nicht erkennen, und mit hörenden Ohren hören und doch nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde.

Gleichnisse sind Geheimnis-Worte. Sie transportieren das Geheimnis des Reiches Gottes. Sie sind nicht nur Enthüllung von Selbstverständlichkeiten, sondern zugleich auch Verhüllung. Hängt es am Hören? Die einen gewinnen Durchblick, die anderen stehen vor lauter „Rätseln.“ So kann man das griechische Wort für Gleichnisse – παραβολαῖς – auch übersetzen! Was kaum, trotz des Jesaja-Zitats gemeint sein dürfte: hier wird ein vor aller Zeit längst beschlossener Heils- oder eben Unheilswille Gottes vollstreckt. Sondern es ist wohl so verstehen: Im Hören und Nicht-Hören, im Sehen oder Nicht-Erkennen wird sichtbar, wie jemand zu Jesus steht.

Das Geheimnis aber ist nicht irgendein verborgener Inhalt – sondern er selbst, der die Gleichnisse erzählt. „Im Zusammenhang des Wirkens Jesu ist das Geheimnis des Reiches Gottes seine in Jesu Worten und Taten schon wirksame, aber noch verborgene Gegenwart.“ (W. Klaiber, ebda.) An ihm entscheidet sich, ob Sehen wirklich Sehen ist oder doch Blindheit, ob Hören wirklich Hören ist oder doch eben nur Schall wahrnehmen. Nur wer Jesus als den Messias hört, als den Christus, dem werden die Gleichnisse zur Wegweisung. Den anderen bleiben sie verschlossen.

Das also gibt es: ein akustisches Hören, das nicht zum Verstehen führt. Ein optisches Sehen, das gleichwohl blind bleibt für die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit.  Es gibt diesen Unterschied zwischen Hören und ergriffen werden, Sehen und verstehen. Was einer intellektuell erfasst muss ihn noch lange nicht existentiell berühren.  Allein das aber, dies existentielle Berührung nennt die Bibel erkennen, nennt wohl auch Jesus in Wahrheit erkennen.

Man kann und darf den Schluss von V. 12 auch so übersetzen: „Vielleicht kehren sie um und ihnen wird vergeben.“ Dann ist klar: Die Gleichnisse werden nicht mit dem Ziel der Verstockung erzählt, nicht um Menschen in die Irre laufen zu lassen. Sie ersparen vielmehr nicht das offene, ehrliche, demütige Fragen. Nach dem, was hinter den Worten steckt. Nach ihm, der hinter den Worten steht.

13 Und er sprach zu ihnen: Versteht ihr dies Gleichnis nicht, wie wollt ihr dann die andern alle verstehen?

So gelesen ist das Fragen derer um ihn und der Jünger auch nicht von Jesus getadelt, sondern es wird ihm zum Anlass zu erklären. Sie wollen ja wissen, was gilt. Sie wollen verstehen. Sie nehmen nicht einfach hin und finden sich mit ihrem Nichtverstehen ab. Es wird sich auf dem Weg wiederholen: die Jünger verstehen nicht alles und sie verstehen nicht gleich. Entscheidend ist, dass sie fragen und sich von Jesus zum Verstehen führen lassen.

Auf uns gemünzt: Es ist nicht gefährlich und kein Grund zur Panik, wenn man nicht alles am Evangelium gleich begreift. Es ist eher gefährlich so zu tun, als hätte man alles verstanden, sofort und für immer. Sich mit dem zufrieden zu geben, was man meint, gelernt zu haben. Sich aus der Schule Jesu zu entlassen: Ich bin ja getauft und konfirmiert. Das reicht. Der Weg des Glaubens ist aber ein Weg des lebenslangen Lernens. Darin ist der Glauben höchst modern. Wer aus diesem Weg aussteigt, an irgendeinem Lernpunkt Schluss macht mit Lernen, Hören, Fragen, der verliert den Anschluss.

Die Antwort Jesu auf ihr Fragen ist eine Deutung des Gleichnisses. Er will, dass sie verstehen.

14 Der Sämann sät das Wort. 15 Das aber sind die auf dem Wege: wenn das Wort gesät wird und sie es gehört haben, kommt sogleich der Satan und nimmt das Wort weg, das in sie gesät war. 16 Desgleichen auch die, bei denen auf felsigen Boden gesät ist: wenn sie das Wort gehört haben, nehmen sie es sogleich mit Freuden auf, 17 aber sie haben keine Wurzel in sich, sondern sind wetterwendisch; wenn sich Bedrängnis oder Verfolgung um des Wortes willen erhebt, so fallen sie sogleich ab. 18 Und andere sind die, bei denen unter die Dornen gesät ist: die hören das Wort, 19 und die Sorgen der Welt und der betrügerische Reichtum und die Begierden nach allem andern dringen ein und ersticken das Wort, und es bleibt ohne Frucht. 20 Diese aber sind’s bei denen auf gutes Land gesät ist: die hören das Wort und nehmen’s an und bringen Frucht, einige dreißigfach und einige sechzigfach und einige hundertfach.

Es geht um das Wort. Heißt: Um die Verkündigung Jesu. Denn er ist – auch wenn das nicht ausdrücklich gesagt wird, der Sämann. Er lehrt ja in Galiläa, im Haus, auf dem Berg, am See. Er predigt, erzählt Gleichnisse. Er lehrt auch durch sein Tun.

Λόγος – das Wort ist der Terminus für die Verkündigung des Evangeliums. Was hier in der Gleichnis-Deutung beschrieben wird, ist die Erfahrung, die der Verkündiger Jesus macht, in Galiläa und darüber hinaus. Aber nicht nur er. Diese Erfahrung machen „alle, die sich der Verkündigung verschrieben haben, zunächst Jesus, dann alle, die als Verkünder und Missionare in seiner Nachfolge tätig sind.“ (J. Gnilka, aaO. S.174) Das gilt für die erste Gemeinde, für die Markus schreibt, aber auch über alle Zeiten hinweg für die Gemeinden heute, die vergleichbare Erfahrungen machen.

Die Verkündigung, das Wort findet unterschiedlichen Widerhall, unterschiedliches Echo. Es ist eben nicht so, dass es überall fruchtet. Da ist eine erste Gruppe, deren Frucht ausbleibt, weil der Satan sie wegreißt. Es liegt nicht an der Bodenbeschaffenheit, weil der Weg so hart ist. Es liegt an den widrigen Umständen.

Es ist, am Anfang wie eine Entschuldigung. Dass es nicht zum fruchtbaren Hören kommt, hat auch mit äußeren Umständen zu tun. In der Sprache des Markus: dem Satan. Der mich als Erklärung eher ratlos lässt. Ich kenne andere äußere Faktoren: „Das ist doch Schnee von gestern. Priesterbetrug. Alte Märchen. Gott – das braucht kein Mensch. Zumindest kein aufgeklärter, intelligenter selbstbestimmter Mensch.“ Es gibt ein intellektuelles und gesellschaftliches Klima, das dem verkündigten Wort den Boden zu entziehen sucht. Ob man es deshalb satanisch nennen muss?

Die zweite Begründung: Menschen ohne Tiefgang. „Es sind Augenblicksmenschen und sie werden bei den ersten Schwierigkeiten wankelmütig.“ (J. Gnilka, aaO. S.175) Ihre Verbindung zum Glauben ist oberflächlich. Das zeigt sich, wenn der Glaube keine Erfolgsgeschichte zu werden verspricht, sondern Gegenwind einbringt. Für die erste Gemeinde: gesellschaftliche Isolation, Ausgrenzung, Beobachtung durch Staatsorgane, Ausschluss aus der frühere Religionsgemeinschaft. Der Glaube scheint sich nicht zu lohnen. Warum also daran festhalten? Austrittswellen im Dritten Reich, in der DDR, aber auch zu Zeiten, in denen man doch Kirchensteuer in beträchtlicher Höhe sparen kann, zeigen: solche Oberflächlichkeit findet sich zu allen Zeiten.

Dann gibt es den Glauben, der im Alltag zerbricht, scheitert. Weil die Sorgen der Welt die Hoffnungen auffressen, weil die Ängste die Zuversicht verschlingen, weil der Kummer die Freude am Glauben zum Erlöschen bringt. Wenn dann noch dazu kommt, dass es anderen gut geht, denen, die sich aus dem Glauben nichts machen, wenn sie sorgenfrei durchs Leben gehen, ihnen der Erfolg nachläuft – was spricht dann noch dafür, sich diesen „Rucksack Glauben“ aufzubürden, der das Leben nicht einfacher, sondern schwieriger macht. Der keinen Erfolg garantiert und keine Erfolgsgeschichte freisetzt, sondern alles verkompliziert, weil man immer noch danach fragen muss, was denn Gott von den eigenen Ideen und Maßnahmen hält. Da ist für manchen, der einmal mit dem Glauben angefangen hat, das Ende der Fahnenstange erreicht. Und Gott und sein Wort bekommen den Abschied.

Das ist oftmals eher ein schleichender Prozess der inneren Entfremdung als ein lauter Knall. Es sind nicht die großen tragischen Ereignisse, sondern oft genug ist es einfach ein zermürbender Alltag und der Verlust einer tragenden Gemeinschaft, der so das Wort ohne Frucht bleiben lässt. Es sind „die kleinen Füchse, die die Weinberge verderben.“ (Hohes Lied 2,15) Nicht die großen Dramen.

Am Ende aber der helle Ausblick. Es gibt auch fruchtbares Hören. Frucht im Leben von Menschen, die gehört haben. „Sie hören, aber – wie unterschiedliche griechische Verbformen andeuten – nicht punktuell, wie die anderen, sondern ständig. Und sie nehmen das Wort in ihr Leben auf, heißen es willkommen und geben ihm weiten Raum.“ (W. Klaiber, aaO. S.95) Sie werden verwandelt durch das Wort. Dass sie fruchtbar sind, liegt nicht an einer seelischen Disposition, nicht an einer höheren menschlichen Qualität – es liegt an der Langzeitwirkung: Jesus im Johannes-Evangelium sagt: sie bleiben. Das ist das Geheimnis des Fruchtbringens: an Jesus bleiben.

Zum Weiterdenken

Die Frage bleibt: Was fange ich mit dieser Deutung des Gleichnisses an? Ich kenne Predigten über das Vierfache Ackerfeld, die auf eine Selbstprüfung hinauslaufen: „Mensch, bedenke, wie es um dein Aufnehmen des Wortes bestellt ist.“ Aber es stimmt doch: „Der Boden kann in seiner Beschaffenheit nicht geändert werden!“(J. Gnilka, aaO. S.176) Genauer: er kann sich doch nicht selbst ändern. Bodenverbesserungen heutigen Stils durch Kunstdünger etc. sind nicht im Blick, geben auch nichts für das Verstehen her.

Ein eher persönlicher Gedanke, beim Nachdenken geht er mir auf und leuchtet mir ein: Ich „bin“ nicht nur das, was ich mir zu sein wünsche – gutes Land. Ich kenne auch das andere, dass mir die Sorgen und Begierden, die Anforderungen des Alltags das Vertrauen überwuchern und ersticken, dass meine Aufmerksamkeit eher oberflächlich ist, dass ich höre, aber auch nicht höre. Ich kenne in meinem eigenen Herzen die leise Stimme, die Zweifel anmeldet, die den Glauben zum Hirngespinst erklärt. Ich bin dem oft genug geradezu hilflos ausgeliefert. Weil ich mich eben nicht selbst qualitativ, als „Land“ auf den Level „gutes Land“ bringen kann. Alles hängt an der Qualität des Samens, des Wortes. Dass es wirkt, was es soll und will.

Es wird wohl so sein: „Als der eigentliche Boden der vielfältigen Saat ist das menschlich Herz zu sehen.“(E. Drewermann, aaO. S. 328) Dann ist Hoffnung, weil Gott seit alters her neue Herzen schenken will, alte Herzen verwandeln: „Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.“(Hesekiel 36, 26-27) Die Sehnsucht, der Zweifel und der Glaube fragen: Wann? Wann endlich ist es so weit? Die Antwort, ganz in der Spur der Gleichnisse: „Im Allerkleinsten ist das Allergrößte schon da. Im Jetzt hebt das Geschehen schon an, freilich in der Verborgenheit. Diese Verborgenheit der Königsherrschaft Gottes will geglaubt werden in einer Welt, die noch nichts davon erkennt.“(J. Jeremias, aaO. S. 104).

Es ist nicht gleich zu sehen. Aber in diesen Worten steckt auch eine Verheißung: „Die Welt ist nicht verworfen. Sie ist sogar berufen. Sie ist zum Acker berufen. Ja, sie ist nicht nur berufen, sondern auch bestellt. Bestellt mit den Samen des Reiches.“ (P. Schütz, Evangelium, Bd. I Gesammelte Werke, Hamburg 1972, S.266)

So gelesen geht es um eine Ermutigung an die Boten, an die, die das Wort aussäen. Sie sollen sich unabhängig machen vom Effekt, von der Bodenbeschaffenheit. Das ist kein Plädoyer für ein Verzicht auf genaue Höreranalyse, für den Verzicht auf die Frage: Welche Sprache sprechen die Menschen, zu denen ich rede? Wie denken sie? Welche Bilder verstehen sie und welche Sätze langweilen sie? Das sind wichtige Fragen – aber sie garantieren noch keinen „Erfolg“, auch keine Frucht.

Das Gleichnis und seine Deutung gehen einen anderen Weg. Sie gehen davon aus, dass das Wort ausgesät werden muss. Dazu braucht es Säe-Männer und Säe-Frauen. Ihr Auftrag ist schlicht: säen. Sie sollen einen langen Atem behalten, denn am Schluss wird doch die Frucht stehen. Dass sie das Wort aussäen, das sind sie der Welt und ihrem Auftraggeber schuldig So wird aus dem Gleichnis und seiner Deutung eine Ermutigung zum Durchhalten.

 

Herr Jesus, Du hast mit langem Atem das Wort ausgeteilt. Gib Du uns den langen Atem, dass wir an Deinem Wort bleiben, dass wir es zu Herzen nehmen, dass wir es miteinander teilen.

Gib Du, dass Dein Wort tut, wozu Du es ausgesät hast, dass es Frucht bringt in unserem Leben, in meinem Denken und Fühlen, Reden und Tun, Frucht in meinem Glauben. Amen