Schlicht: Aussaat

Markus 4, 1 – 9

1 Und er fing abermals an, am See zu lehren. Und es versammelte sich eine sehr große Menge bei ihm, sodass er in ein Boot steigen musste, das im Wasser lag; er setzte sich, und alles Volk stand auf dem Lande am See. 2 Und er lehrte sie vieles in Gleichnissen; und in seiner Predigt sprach er zu ihnen:

Abermals. Durch diese Wortwendung qualifiziert Markus die vorigen Worte Jesu als Lehre. Sie sind nicht nur ein Gelegenheitsentscheidung. Sie haben langfristig Gewicht. Sie sind schon Lehre. Ortswechsel vom Haus an den See. Das Gedränge der sehr großen Menge bleibt das gleiche, sodass er in ein Boot steigen musste. Die Leute hängen, wie so oft schon, an seinen Lippen. Es ist die im Judentum der Zeit typische Situation: der Lehrer sitzt, die Schüler, hier: das Volk, stehen. Die Wahl des Bootes hat guten Grund: „Das Boot schafft eine gewisse Distanz – das scheint nicht nur akustisch wichtig zu sein.“ (W. Klaiber, aaO. S. 88)

Gleich zweimal lehren. διδάσκειν Es sind keine Lehrvorträge, wie wir sie mit dem Wort lehren verbinden. Keine theoretischen Darlegungen darüber, wie man sich Gott zu denken hat. Keine Lehrsätze: Gott ist nur einer. Gott ist allmächtig, allwissend, allgegenwärtig. Sondern er lehrt, indem er Geschichten erzählt, Gleichnisse. παραβολαῖς. „Zwei Dinge werden einander gleichgestellt und sollen miteinander verglichen werden.“ (W. Grundmann, aaO., S.118) Das Spannende am Gleichnis ist, das es nicht einfach erklärt, sondern den Hörer herausfordert, selbst Erklärungen zu suchen, sich selbst den Zusammenhang zu erschließen. Die Hörer und Hörerinnen werden darin ernst genommen, dass sie selbst urteilsfähige Leute sind.

Der Hinweis, dass er vieles in Gleichnissen lehrt, erschließt auch: „Markus gibt zu verstehen, dass er nur einen Ausschnitt aus Jesu Lehre bietet“ (J. Gnilka, aaO. S.158), nur eine kleine Auswahl. Er hat bei weitem nicht alles aufgeschrieben, was als Gleichnisse, als Worte Jesu im Umlauf war.

Es ist ein bisschen verwirrend: wo die Luther-Übersetzung „Predigt“ liest, steht im Griechischen διδαχή. „Lehre, Unterricht, Unterweisung“ (Gemoll, aaO. S. 213) Das ist deshalb wichtig, damit sich im heutigen Leser nicht das Bild festsetzt, das wir mit Predigt verbinden – Jesus ist kein Kanzelredner. Näher liegt wohl die Assoziation Straßenredner, Sprecher bei einem Auflauf, Redner im Hyde-Park in London.

Die Situation, in die Jesus sein folgendes Gleichnis erzählt, wird in ihrer inneren Spannung nicht wirklich deutlich. Es muss offen bleiben, ob es zutrifft: „Vielleicht trug Jesus es zum ersten Mal vor, als die Jünger nach der Zeit des Frühlings in Galiläa bedrückt und niedergeschlagen ihm die Bilanz des Misserfolges vorrechneten: wie viele ihnen inzwischen den Rücken kehrten, wie wenige noch bereit waren, die Botschaft weiter zu tragen, wie alles scheinbar zum Scheitern verurteilt sei.“ (E. Drewermann, aaO. S. 323) Nur – von solchem Misserfolg der Jünger erzählt Markus zuvor nichts. Auch, weil er erst später im Verlauf des Evangeliums von ihrer Aussendung berichtet. Es ist Johannes, der zu erzählen weiß, dass der Misserfolg Jesu Verkündigung begleitet: „Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören? … Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm.“(Johannes 6,61.66)

3 Hört zu! Siehe, es ging ein Sämann aus zu säen.

Jesus fordert Aufmerksamkeit ein: Hört zu! Siehe! Haben die Leute geschwätzt, getuschelt? Oder ist es eher ein Appell: „Wer versteht, um was es geht?“ (J. Schniewind, aaO. S.60) Was folgt ist ja Alltagserfahrung. Ein Säemann sät. Nichts Sensationelles. Ein Bild, das damals alle am See kennen.

4 Und es begab sich, indem er säte, dass einiges auf den Weg fiel; da kamen die Vögel und fraßen’s auf.5 Einiges fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde hatte, und ging alsbald auf, weil es keine tiefe Erde hatte. 6 Als nun die Sonne aufging, verwelkte es, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es. 7 Und einiges fiel unter die Dornen, und die Dornen wuchsen empor und erstickten’s, und es brachte keine Frucht.

Auch das ist irgendwie „normal“: Der Boden, auf den die Aussaat fällt, ist nicht gleich beschaffen, nicht von gleichbleibender Aufnahme-Qualität in Blick auf Saatgut. Vögel „bedienen“ sich, manches landet auf dem Weg, wo es zertreten werden kann. An manchen Stellen ist die fruchtbare Erdkruste zu dünn. Und manches gerät ins Gestrüpp und wird von den schnellwachsenden Dornen überwuchert. „Kenner des antiken Palästina sagen uns, dass Jesu Erzählung typische Probleme damaliger Feldbestellung bündelt.“ (W. Klaiber, aaO. S.90)

Das könnte vermuten lassen: Etliche der Zuhörer Jesu nicken und stimmen zu: Genau so geht es zu. Das kennen wir aus eigenem Erleben. Andere schütteln womöglich den Kopf über diesen Säemann, weil sie sagen: Darauf muss man doch achten. Das kann man auch besser machen. So viel aber ist erst einmal festzuhalten: Der größere Teil, drei Viertel der Aussaat gehen verloren, Es ist eine Misserfolgsgeschichte, die Jesus hier erzählt. Man darf schon fragen: Ist das realistisch, dass ein besonnener palästinensischer Bauer so mit seinem knappen Saatgut umgeht?

8 Und einiges fiel auf gutes Land, ging auf und wuchs und brachte Frucht, und einiges trug dreißigfach und einiges sechzigfach und einiges hundertfach.

Das fängt vieles, aber nicht alles auf: Das Saatgut, das auf gutes Land fällt, bringt reiche Frucht. Dreißig-, sechzig- und einiges hundertfach. Das sind durchaus realistische Angaben über die Anzahl der Körner in einer Ähre. So steht dieser reiche Ertrag den Verlusterfahrungen gegenüber.

9 Und er sprach: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Jesus schließt seine kurze Erzählung mit dieser Aufforderung. Und hinterlässt damit doch zugleich Ratlosigkeit. Wie ist denn das Gleichnis zu verstehen? Worin liegt der Vergleichspunkt? Ist das die Aussage, um die es geht: „Der normale Erfolg des Wortes Gottes ist der Misserfolg!“ (J. Schniewind, aaO. S.61) Fragen über Fragen: Da ist der Säemann mit seiner seltsamen Großzügigkeit, fast könnte man sagen Gleichgültigkeit, was die Bodenqualität angeht. Er sät mit 75% Verlustquote. Wer könnte sich das wirklich leisten? Da ist der Boden, unterschiedlich und mal mehr, mal weniger fruchtträchtig. Je nachdem, wie man die kurze Geschichte hört, erzählt sie von einem unvernünftigen, aber hoffnungsstarken Säemann, der am Ende mit der Frucht doch Recht behält. Oder sie erzählt von dem Boden der so enttäuschend problematisch ist.

Eine dritte Möglichkeit: Jesus erzählt davon, dass der Samen den Boden zum guten Land machen kann. Nicht immer und überall. Aber doch hier und dort. Auch das wird man sagen müssen: Der Eindruck einer 75% Verlustquote entsteht durch die Art, wie Jesus erzählt. Realistisch aber sind die Verluste immer nur „Randerscheinung“, an den Rändern eines Ackers, auf den gesät wird. Auf der überwiegenden Fläche des Ackers aber kann die Saat Wurzeln schlagen und Frucht tragen. Das Land zum guten Land machen.

In der Reihenfolge, in der das Markus-Evangelium erzählt, steht dieses Gleichnis am Anfang des Wirkens Jesu, auch des Lehrens Jesu. Es könnte also sein, dass es davon redet, dass Jesus sich nichts vormacht: Er ahnt schon am Anfang, wie es um den Erfolg seiner Säe-Arbeit stehen wird. Es gibt Ausleger, die davon ausgehen, dass dieses Gleichnis eher in eine spätere Zeit der Wirksamkeit Jesu gehört, wo er schon Widerstände erfährt, Missverständnisse erlebt, die Abwendung derer, die ihm zugehört haben. Dass es also bei Markus am falschen Platz steht. Dann würde Jesus davon reden, dass der Sämann trotz dieser so niederdrückenden Erfahrungen am Ende die Frucht sieht, dass er unbeirrt durchhält.

Wer Ohren hat zu hören, der höre! Bilde dir deine eigene Meinung. Suche Dein eigenes Verstehen. Uns zum Trost: Wir sind nicht die einzigen, die hier nicht gleich den Durchblick haben!

Zum Weiterdenken

Es ist das erste Gleichnis, das – nach Markus – Jesus erzählt. Von daher kommt ihm sicher besondere Bedeutung zu. Ganz gewiss ist Jesus kein naiver Geschichtenerzähler. Er hat schon in seinem bisherigen Weg gespürt, dass es Gegenwind gibt, Einwände. Dass es Anfragen gibt. An ihn und seine Art, an seine Botschaft. Umso wichtiger: „Dennoch ist der unglaublich lange Atem Jesu in diesem Gleichnis ganz und gar getragen von dem Atemwinde der Hoffnungen Gottes.“(E. Drewermann, aaO. S. 325) Das wird über seiner Verkündigung stehen – der in Galiläa, der in Judäa, der vor den Jüngern und der an das Volk. Seine Worte sind Worte, die ihm seine Hoffnung eingibt und die deshalb auch bei den Hörenden Hoffnungen wecken können. Jesus erzählt nicht nur vom „unverzagten Säemann“ (J. Jeremias, Die Gleichnisse Jesu, München 1966, S. 101) Er ist selbst der unverzagte Säemann! So wenig man die Bergpredigt abgelöst vom Bergprediger verstehen kann, so wenig dieses Gleichnis abgelöst von ihm, der es erzählt. Er erzählt seine Geschichte darin. Vorweg.

Ich stelle mir vor, ich bin einer in der Menge am Ufer. Ich sehe, wie er sich setzt. Sich sammelt, einen Augenblick seine Augen über uns wandern lässt. Was wird er sagen? Lehren? Was erklärt er uns? Dann fängt er an und ich spüre Enttäuschung in mir. Da kennen wir alle doch. Ein Säemann sät. Was denn sonst? Wenn er nicht sät, gibt es kein es Ernte. So einfach ist das. Aber er redet weiter. Je nachdem, wohin der Same fällt, geht es weiter. Man kann nicht handverlesen, Samenkorn für Samenkorn säen. Es ist ein weiter Schwung, ein großer Wurf, eine geöffnete Hand.

 Ich habe alles gehört, auch alles verstanden. Weil ich das mit dem Säemann aus eigener Anschauung kenne. Nur, was soll das? Kommt es ihm etwa nicht auf den Säemann an, sondern auf das Land? Will er, dass ich mich frage, was für eine Sorte Land ich bin? Was der Same bei mir werden, wirken kann? Fragt er, ob ich nur aus Neugier hier bin, weil ich nichts Besseres zu tun habe? Will er uns alle dazu bringen, dass wir uns über in klar werden? Im Nachhinein überlege ich: Der Sämann muss seinen Samen loslassen, Was werden wird, wird werden. Es liegt ein großes Vertrauen in diesem säen. Es wird Frucht bringen, auf jeden Fall, weil der Same ist, wie er ist. Erzählt Jesus uns also mehr vom Vertrauen des Säemanns auf seinen Samen. Gar nicht so viel über das unterschiedliche Land. Das sollen wir zu Herzen nehmen? Das Vertrauen des Säemanns in sein Säen.

 

Jesus, wie gut, dass Du Dich nicht vom Erfolg abhängig gemacht hast in Deinem Reden, in Deinem Aussäen des Wortes, in Deinem Aussäen der Liebe Gottes – nicht vom kurzfristigen und nicht vom nachhaltigen Erfolg. Du hast Dein Wort gesagt. Und nun ist es in der Welt, hineingesät in den Acker und bringt Frucht. Gib, dass es auch in meinem Leben fruchtet. Amen