Wehe mir

Micha 7, 1 – 7

1 Ach, es geht mir wie einem, der Obst pflücken wollte, der im Weinberge Nachlese hielt, doch keine Traube gab’s zu essen, keine Frühfeige, nach der ich verlangte!

Wer ist der, der hier so spricht? Der Prophet? Oder Gott? Diese Sätze haben eine Parallele im Weinberglied des Jesaja: „Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.“(Jesaja 5, 1 – 2) Die Ernte fällt aus. „Auch die genaueste Nachlese erbringt nicht die erhofften Lichtblicke.“(D. Kinet, aaO. S. 150) Der Frucht sucht, steht mit leeren Händen da – betrogen um seine Mühe.

2 Die frommen Leute sind weg in diesem Lande, und die Gerechten sind nicht mehr unter den Leuten. Sie lauern alle auf Blut, ein jeder jagt den andern, dass er ihn fange. 3 Ihre Hände sind geschäftig, Böses zu tun. Obere und Richter fordern Geschenke. Der Gewaltige redet nach seinem Mutwillen, und so verdrehen sie alles. 4 Der Beste unter ihnen ist wie ein Dornstrauch und der Redlichste schlimmer als eine Dornenhecke.

Diese Fruchtlosigkeit gilt für die guten Früchte. Schlechte Früchte dagegen gibt es in Hülle und Fülle. Das Unrecht blüht, die Korruption ist ein einträgliches, normales Geschäftsmodell. Gewalt überall. Die Wahrheit wird verdreht, die Lüge feiert Triumphe. Das alles führt dazu, dass die frommen Leute emigrieren, auswandern. Die Gerechten, denen an chæsæd liegt, an Güte und Gerechtigkeit und die man deshalb chasid nennen kann, sind nicht mehr zu finden. Das heißt auch: Um Micha wird es einsam. Darum auch ein Seufzer: Ach, Weh mir.

Es ist hart: „Der Prophet findet keine Gemeinschaft mehr unter Gleichgesinnten.“(D. Kinet, ebda.) Das gilt trotz der Zeitgenossen Hosea, Jesaja, Amos. Die Vorstellung, dass es eine gegenseitige Stärkung unter diesen Propheten gegeben haben könnte, ein sich gegenseitig Stützen, gar so etwas wie eine „prophetische Austauschrunde“, die durch die Nähe und Parallelität mancher Worte entsteht, ist wohl nicht zuhalten.

Der Tag ist gekommen, den deine Späher geschaut haben, deine Heimsuchung ist da; dann werden sie nicht wissen, wo aus noch ein.

Das Ergebnis: Der Tag ist nahe, an dem dieses ganze Trugbild von Stärke zusammenbrechen wird. Die Späher haben ausgeschaut nach diesem Tag. Ob ängstlich oder wartend oder gar hoffend bleibt offen. Man wird die Späher nicht als Leute auf der Mauer sehen müssen. Der Wortgebrauch legt nahe, dass hier die Propheten als Wächter gemeint sind.

Sie haben angekündigt, was jetzt eintrifft: Heimsuchung. Das hebräische pāqad – heimsuchen hat etwas von strafen an sich. „Heimsuchen. Das Wort kommt im AT wie im NT für ein Handeln Gottes vor, das einem einzelnen Menschen oder einem Volk (meistens seinem Volk Israel) durch besondere Führungen in Zorn oder Gnade Seinen Willen kundtut.“(Osterloh/Engelland, Biblisch-Theologisches Handwörterbuch, Göttingen 1954, S. 255)Was kommen wird, ist ein Tag des inneren und äußeren Zusammenbruchs. Ob sie darin primär Zorn oder auch Gnade sehen, ergibt sich wohl aus der je eigenen Einstellung zum Geschehen, ob man darin die Hand Gottes erkennen kann.

5 Niemand glaube seinem Nächsten, niemand verlasse sich auf einen Freund! Bewahre die Tür deines Mundes vor der, die in deinen Armen schläft! 6 Denn der Sohn verachtet den Vater, die Tochter widersetzt sich der Mutter, die Schwiegertochter ist wider die Schwiegermutter; und des Menschen Feinde sind seine eigenen Hausgenossen.

Noch einmal greift Micha die Situation im Land auf. Diesmal nicht die in der großen Öffentlichkeit, sondern wie sich das alles auf die Familien, die Sippen auswirkt. Es gibt, so Micha, keinen heilen Rückzugsort mehr. Das moralische Chaos hat auch Miteinander in den Familien vergiftet. Micha beschreibt keinen normalen Generationenkonflikt. Er beschreibt das Zerbrechen von Vertrauen auch da, wo alles auf Vertrauen angelegt ist. Der Nächste, der Freund, die eigene Frau – sie alle sind nicht mehr verlässlich. Sie alle können zu Denunzianten werden. Es sind „völlig zerrüttete Umgangsformen in den Familien. Treue und Wahrhaftigkeit mussten der Lüge, Täuschung und Feindschaft weichen.“(D. Kinet, aaO. S. 151)

Das zu lesen erinnert daran, wie in totalitären Staaten die Familie ausgehöhlt wird, Kinder die Eltern denunzieren, Eheleute einander an den Überwachungsapparat – ob Gestapo, Stasi oder KGB – ausliefern. Freundschaften sind oft genug verleugnet worden und so mancher Freund hat den Freund ausgeliefert.

            Es wirkt, als hätte diese Worte des Micha einen Widerhall, eine Fortsetzung in Worten Jesu gefunden:  „Es wird aber ein Bruder den andern zum Tod überantworten und der Vater das Kind, und die Kinder werden sich empören gegen ihre Eltern und werden sie zu Tode bringen.“(Matthäus 10,21) Bei Jesus ist es eine düstere Vision zukünftiger Zeiten der Feindschaft gegen Christ*innen – bei Micha die Beschreibung der Gegenwart!

7 Ich aber will auf den HERRN schauen und harren auf den Gott meines Heils; mein Gott wird mich erhören.

Es klingt trotzig: Ich aber. Micha macht sich keine Illusionen, er ist nicht blind für die Wirklichkeit um ihn herum. Aber in seinem Sehen und Hoffen bestimmen darf ihn nicht, was so vor Augen ist. Sondern er will sich anders ausrichten. Schauen, Harren. Ausschau halten nach den kleinen Zeichen Gottes in einer dunklen Welt.

Es ist mehr als nur ein exegetisch kundiger Hinweis: „Die ersten beiden Worte sind aber sind typisch für einen Klagepsalm eines Einzelnen. Ebenso steht es mit den Wendungen nach dem Herrn Ausschau halten und auf ihn harren, Gott meines Heils. Es handelt sich um die Vertrauenserklärung eines Gläubigen in einer menschlich gesehen hoffnungslosen Lage, genauso wie man sie häufig in den Psalmen findet.“(D. Schibler, aaO. S. 113 )

Beispiele:

Du vernichtest die Lügner;                                                                                                   dem HERRN sind ein Gräuel die Blutgierigen und Falschen.                                      Ich aber darf in dein Haus gehen durch deine große Güte                                          und anbeten vor deinem heiligen Tempel in deiner Furcht.     Psalm 5, 7-8

Ich bin wie taub und höre nicht,                                                                                         und wie ein Stummer, der seinen Mund nicht auftut.                                                   Ich muss sein wie einer, der nicht hört                                                                               und keine Widerrede in seinem Munde hat.                                                                  Aber ich harre, HERR, auf dich;                                                                                              du, Herr, mein Gott, wirst antworten.           Psalm 38,16

Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre,                                                                              der Fels meiner Stärke, meine Zuversicht ist bei Gott.         Psalm 62,8

Es ist keine einsame, isolierte Tapferkeit. In seinem Harren, in seinem Hoffen ist Micha in den Gebeten Israels gut aufgehoben. Er kann sich Halt suchen in der Frömmigkeit, die seit Altersher ihre Hoffnung auf den Herrn setzt, auch wenn es oft eine Hoffnung mit Zittern und Zagen ist. Dieses Anknüpfen an der Gebetssprache der Psalmen hilft, Micha nicht zum einsamen Streiter zu machen.

Zum Weiterdenken

            Was Micha hier beschreibt, lässt ein Klima der Angst spüren, Machtmissbrauch, Willkür, der Verlust einer ordentlichen Rechtsprechung, Korruption, Filz – diese Art Chaos ist keine Eigenschaft nur unserer Zeit, kein Erfindung von Diktaturen. Micha sieht sie und es plagt ihn. Zu dem Klima der Angst aber kommt das fast noch schlimmere Klima des Misstrauens. Im vertrauten Familien- und Freundeskreis. Muss ich mich hüten, in den eigenen vier Wänden zu sagen, was ich denke, weil ich nicht weiß, ob es in den eigenen vier Wänden bleiben wird? Es ist die große Krise des Vertrauens, die hier sichtbar wird. Eine Krise, die ich Gott sei Dank nie existentiell erlebt habe. Ich musste mich nicht vor Überwachung und Denunziation fürchten. Es gab keine nächtliche Besuche und keine Verhöre ohne Anklage. Ich bin tief dankbar, dass ich am Familientisch und in Freundeskreis nue taktisch verstummen musste.

 

Mein Gott und Herr, bewahre mich davor, dass ich nur noch schwarz sehe, dass die Welt mir nur noch ein Schreckensort ist. Bewahre mich davor, dass ich untergehe in dem Gefühl, dass es keine Ordnung mehr gibt, keine verlässliche Beziehung, dass alles um mich herum Lug und Trug ist. Manchmal sehe ich nur noch Untergang und Unheil. Bewahre mich davor zu verharmlosen, schönzureden, zu entschuldigen. Bewahre mich auch vor dem Wegsehen, weil das einfacher ist.

Mache mich stark, mein Herz fest, meinen Glauben beständig, damit ich über das Chaos hinaus sehen kann auf Dein kommendes Heil. Amen