Mehr als ein Prozess

Micha 6, 1 – 16

1 Hört doch, was der HERR sagt: »Mach dich auf, führe einen Rechtsstreit mit den Bergen, auf dass die Hügel deine Stimme hören!« 2 Hört, ihr Berge, den Rechtsstreit des HERRN, ihr starken Grundfesten der Erde; denn der HERR will mit seinem Volk rechten und mit Israel ins Gericht gehen!

Das ist die Aufforderung zu einem Rechtsstreit. Zu eine ordentlichen Verfahren vor Gericht. Mit Zeugen, mit Klagen und Gegenreden. Diese Vorstellung, dass Gott zu einem regelrechten Gerichtsverfahren ruft, ist nicht so selten, vor allem bei den Propheten nicht. Jesaja kennt das, Hosea auch und ebenso der spätere Hesekiel. Es ist prophetische Überzeugung: Gott stellt sein Volk in solchen Verfahren, aber zugleich stellt er auch sich und entzieht sich dem Verfahren nicht. „Der Prophet ist aufgerufen, im Namen Jahwes einen Rechtsstreit gegen das Volk zu führen. Berge und Hügel werden als zeugen herbeizitiert, so dass die Auseinandersetzung in der größtmöglichen Öffentlichkeit stattfinden kann.“(D. Kinet, aaO. S. 145)

Es mag für heutige Leser*innen ungewohnt sein. Aber Micha – und nicht nur er unter den Propheten – glaubt an einen streitbaren Gott. Gott ist nicht soft, zieht bei Widerstand nicht erschrocken zurück, sucht nicht den faulen Frieden, weil er Streit fürchtet. Mag sein: wer streitet, macht sich unbeliebt. Er gilt als rechthaberisch, weil er sein Recht behauptet. Man sammelt keine Sympathien, wenn man andere vor Gericht zerrt. Gott, so scheint es, hat keine Angst vor dem Entzug von Zustimmung. Ihm geht es um die Wahrheit. Um Klarheit in der Beziehung zu seinem Volk.

3 »Was habe ich dir getan, mein Volk, und womit habe ich dich beschwert? Das sage mir! 4 Habe ich dich doch aus Ägyptenland geführt und aus der Knechtschaft erlöst und vor dir her gesandt Mose, Aaron und Mirjam.

Wenn das Volk Grund zur Klage hat – jetzt ist dafür Raum und Zeit. Hat Gott nur Ansprüche gemacht? Nur den HERRN gegeben – ohne jede Gegenleistung oder Vorleistung? „Micha spielt mit zwei im Hebräischen gleichlautenden Wörtern, nämlich „ermüden“ (hæl᾽etika)und „herausführen“ (hæ‛ælitika)Frei übersetzt lautet die Frage ungefähr so: „Habe ich dich etwa fallen lassen? Habe ich dich nicht herausgeführt?“(D. Schibler, aaO. S. 98)

Es ist ja der Verdacht bis heute: Gott macht Ansprüche, aber es gibt keinen Grund dafür. Jeder Konfirmand hat es gelernt: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“(M. Luther, Kleiner Katechismus, EG 806,1) Ausgefallen ist, woran Micha erinnert: „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“(2. Mose 20,2) Das ist Gottes Argument: Du beschwerst dich, du Volk. Aber ich habe dich aus Ägyptenland geführt und aus der Knechtschaft erlöst. Ich habe dir Freiheit gegeben. Gott hat Israel nicht allein gelassen – Mose, Aaron und Mirjam sind seine Gesandten gewesen, Führer auf dem Weg. Hilfen Gottes.

5 Mein Volk, denke doch daran, was Balak, der König von Moab, vorhatte und was ihm Bileam, der Sohn Beors, antwortete; wie du hinüberzogst von Schittim bis nach Gilgal, damit du erkennst, wie der HERR dir alles Gute getan hat.«

Es ist der Versuch Gottes, „sein Volk zur Vernunft zu bringen.“(D. Schieler, aaO. S. 97) Er appelliert an ihre Erinnerung, er will es ihnen vor Augen halten, dass er sie bewahrt hat., Segen statt Fluch, Leben statt Untergang. Er ist es doch, der sie von der letzten Station in der Wüste, Schittim hinübergeführt nach Gilgal, dem ersten Lager im Westjordanland. Das alles führt Gott nicht an, um sie anzuklagen, sondern um sie zurechtzubringen: damit du erkennst, wie der HERR dir alles Gute getan hat. Erinnerung hat als Ziel die Dankbarkeit. Es wäre ein seltsamer Umgang mit der Geschichte, würde man nur auf die Fehlleistungen schauen, würde man nur auf die Noterfahrungen schauen und nicht sehen wolle, die Augen verschließen:

„In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott                                                                           über dir Flügel gebreitet.“                    J. Neander 1680, EG 316

6 »Womit soll ich mich dem HERRN nahen, mich beugen vor dem Gott in der Höhe? Soll ich mich ihm mit Brandopfern nahen, mit einjährigen Kälbern? 7 Wird wohl der HERR Gefallen haben an viel tausend Widdern, an unzähligen Strömen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Übertretung geben, meines Leibes Frucht für meine Sünde?«

Jetzt ist eine andere Stimme am Sprechen. Es ist der Versuch einer Antwort auf die Fragen Gottes. Auf sein Suchen nach Dankbarkeit. Antwort auf die Erinnerung an frühere Wohltaten. Eine Antwort, die auch zeigt: Die Fragen Gottes haben Eindruck gemacht. Wirkung hinterlassen. „Dass hier vom „Gott der Höhe“ die Rede ist, lässt erkennen, dass das Volk jetzt weiß, dass es von Gott zu niedrig gedacht hat, als es seiner müde wurde.“(A. Weiser, aaO. S. 281) Darauf läuft dann die Antwort hinaus: Steigerung der Opferleistungen. Mehr Brandopfer, mehr Opfer, Ströme von Öl. Oder gar – in Israel verpönt und im Gesetz – „Alle Erstgeburt unter deinen Söhnen sollst du auslösen.“(2. Mose 34,20) – abgelehnt und verboten: die eigenen Kinder, die Erstgeborenen?

Es scheint so naheliegend: wenn wir die Sachleistungen – Opfer – an Gott erhöhen, dann wird er doch auch wieder zufrieden sein. Und wir müssen uns nicht ändern.

8 Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Es ist der Höhepunkt dieser Gerichtsszene, auf die alles zuläuft. Eine Grundsatzerklärung aus dem Mund des Propheten, hinter der der HERR steht: „Auch ausgefallene Opfer beeindrucken Gott nicht, weil er nicht etwas, vom Menschen bekommen möchte, sondern weil er den ganzen Menschen will, … die Selbsthingabe des Menschen an seinen Gott verlangt.“(D. Kinet, aaO. S. 146)

Es ist, als würde die Suche im Paradies eingespielt. Da hat Gott gefragt: „Mensch -᾽adam – Wo bist du?“(1. Mose 3,9) Hier keine Suche, sondern Wegweisung. Wegweisung zum Guten, zum Leben, wie es sich in der dreifachen Entfaltung zeigt: Recht tun – so genauer statt der Luther-Übersetzung: Gottes Wort halten. Es geht um ein Leben in der Spur der Weisungen Gottes. Dazu stimmt dann Liebe üben – chæsæd – oft auch mit Gnade zu übersetzen. Das ist ein Verhalten, das wir nicht wie von selbst können. Es ist zu üben, zu tun. „Tut (übt) man das „Recht“, so „liebt“ man die „Güte“ und umgekehrt: „liebt“ man die „Güte“, so „tut“ man das Recht.“(D. Schibler, aaO. S. 102)

9 Des HERRN Stimme ruft über die Stadt – und weise ist es, deinen Namen zu fürchten! – Hört, Stamm und Stadtversammlung!

Das ist der Auftakt zu neuen Worten. Im Ton völlig anderes als im vorigen Abschnitt. Es liegt nahe, an Jerusalem zu denken, auch wenn das nicht ganz sicher sein muss. Es klingt, als würde hier Worte zitiert, die aus Anlass einer Stadtversammlung gesprochen sein können. Wenn das stimmt, so haben wir Micha „als einen Mann der Öffentlichkeit vor Augen, der das ganze Volk zu erreichen versucht.(A. Weiser, aaO. S. 283) Wahrscheinlich im Heiligtum. Das ist wichtig: Propheten sind keine Nörgler im Hintergrund, am Stammtisch, im privaten Umfeld, sondern sie reden vor aller Augen und Ohren

10 Kann ich vergessen unrecht Gut in des Gottlosen Hause und das verfluchte falsche Maß? 11 Oder sollte ich unrechte Waage und falsche Gewichte im Beutel billigen? 12 Ihre Reichen üben nichts als Gewalt, und ihre Einwohner gehen mit Lügen um und haben falsche Zungen in ihrem Halse.

Es ist eine Wiederholung bekannter Vorwürfe. So spricht Micha im Auftrag Gottes von Anfang an. Und ist sich in diesen Worten einig mit den Zeitgenossen – Amos und Hosea. Die Häuser der Reiche sind voll unrechtem Gut – Diebesgut, legal erworben. Und im Handel wird betrogen, was das Zeug hält. Die Maßeinheiten sind manipuliert, die Waage genauso und auch die Gewichte stimmen nicht. Der Markt ist der Tummelplatz von Gaunern. Und weil sie reich geworden sind, glauben sie sich im Recht.

Die Anklage wirkt aber wie ausgeweitet auf alle in der Stadt: ihre Einwohner gehen mit Lügen um. Alle machen mit, weil man ja mit den Wölfen heulen muss, um nicht unterzugehen. Irgendwie wirken diese Worte fassungslos: Sie drücken „Gottes Überdruss mit dieser Gaunerei aus. Wie ist das möglich, dass ihr, nach dem, was sich alles im nordreich zugetragen hat noch fähig seid, euch so zu benehmen? Habt ihr nichts gelernt?“(D. Schibler, aaO. S. 104)

Es gibt, so wissen wir aus anderen Texten, diesen Blick aus Juda auf das Nordreich: sie haben es sich selbst zuzuschreiben. Gott hat zu Recht an ihnen Gericht gehalten. Aber umso unverständlicher muss es sein, dass im Süden, Juda, Jerusalem die gleichen Verhaltensmuster an der Tagesordnung sind. Ungestraft, ungerügt, einfach hingenommen. Alle schweigen, weil alle mitmachen.

13 Darum will auch ich anfangen, dich zu schlagen und dich um deiner Sünden willen wüst zu machen. 14 Du sollst essen und doch nicht satt werden. Und was du beiseiteschaffst, wirst du doch nicht retten; und was du rettest, will ich doch dem Schwert preisgeben. 15 Du sollst säen und nicht ernten; du sollst Öl keltern und dich damit nicht salben und Wein keltern und ihn nicht trinken.

Gott aber schweigt nicht. Gott nimmt nicht hin. Gott findet sich nicht ab mit den Verhältnissen. Mit deiner Sünde. „Die singularische Anrede an die Sünder mit „du“ macht das Drohwort besonders andringend und unausweichlich und soll die persönliche Verantwortung wecken. Gott hat es mit jedem einzelnen zu tun“(A. Weiser, aaO. S. 284) Gleichzeitig wird es keinen gelingen, sich in der großen Menge zu verbergen. So wird mit dem „Du“ der Ausweg in die Anonymität verstellt.

Essen ohne satt zu werden, trinken ohne den Durst zu stillen, Besitz aufhäufen, der wie der Sand unter den Finger zerrinnt. Und schließlich wird, was man retten wollte, doch zur Beute fremder Krieger werden. Alles Mühen vergeblich. Alle Arbeit ein Haschen nach Wind. Es ist deprimierend. Der Fleiß läuft ins Leere. Es wird nicht gesagt, weil es eindrücklich genug ist – dieses Bild eines Leerlaufes aller Arbeit: „Wo Gottes Segen fehlt, da steht das menschliche Leben und seine Arbeit unter dem Fluch der Erfolgs- und Sinnlosigkeit.“(A. Weiser, aaO. S. 185) Leerlauf bei höchster Produktivität.

Man muss kein Kulturpessimist sein, um in diesen Worten eine Gefahr der modernen Zeiten angedeutet zu finden. Weltweite Produktivität – aber ziellos und in sich schädlich, weil sie die Welt, in der wir leben, zunehmend in Gefahr bringt. Berge von Müll, Industrieabfall, Umweltbelastung ohne Ende – und immer noch beschwören wir im Kollektiv das Wachstum als die einzige Möglichkeit zu überleben.

16 Denn man hielt sich an die Weisungen Omris und alle Werke des Hauses Ahab. Ihr folgtet ihrem Rat. Darum mache ich dich zur Wüste. Die Einwohner der Stadt soll man auspfeifen, und ihr sollt die Schmach meines Volks tragen.

Jetzt wird der Vorwurf handfest ausgesprochen: ihr im Süden, stolz auf eure Frömmigkeit, befolgt in Wahrheit die Weisungen Omris und alle Werke des Hauses Ahab. Ihr seid nicht besser. Ihr seid die Mitläufer des Nordens. Darum wird Jerusalem das Schicksal Samarias teilen müssen. Darum mache ich dich zur Wüste. Es ist Gott, der so an ihnen handeln wird. Der Gott, dessen sie sich so sicher waren. Der Gott, von dem sie glaubten, dass er gar nicht anders kann als für sie sein. Der Gott, der sie in diesen Worten noch einmal warnt, der immer noch darauf hofft, dass sie seine Stimme hören werden und umkehren.

Zum Weiterdenken

Es ist die Aufgabe des christlichen Predigers, einen Text aus Micha für die Gemeinde heute auszulegen. Im Respekt davor, dass dieser Text nicht für uns geschrieben worden ist, sondern für die jüdische Gemeinde vor über 2500 Jahren. Weil aber unser Glaube sich aus diesen Texten, die nicht unser Eigentum sind, nährt, dürfen und müssen wir versuchen, sie der Gemeinde zuzusprechen. Ihre Botschaft in unsere Zeit und Lebens-Situation neu zu sagen.

Liebe Gemeinde,

Jeden Tag sehen wir die immer gleichen Bilder:  Ein Tanker läuft auf Grund und sein Öl verschmutzt Strände, verklebt Tieren das Fell, belastet die Natur.   Soldaten marschieren mit schwerem Geschütz auf ein Dorf zu und schießen Häuser zu Schrott, Menschen sterben, flüchten, weinen, klagen.  Kinder sehen uns an mit übergroßen Augen, aufgeblähten Bäuchen – der Hunger zeichnet das Leben.  Männer und Frauen stehen vor einem Werkstor. Den Gesichtern kann man ablesen, was im Werk verhandelt wird: Stellenabbau, Firmenschließung.   Ein Autowrack an einem Baum und der Rettungswagen daneben, das Blaulicht abgeschaltet: drei Tote – junge Leute, die zu schnell waren auf der Heimfahrt aus der Disco, eine übersehene Vorfahrt, ein leichter Fahrfehler.

Jeden Tag die gleichen Bilder – ob im Fernsehen oder in der Zeitung – und manch einer fragt dann: Wo ist da der liebe Gott? Wo ist er, der alles so herrlich regieret? Wo ist er, der doch diese Welt in Ordnung halten müsste? Was ist das mit Gott? Nicht nur Spötter, Ungläubige fragen so – wir, mit unserem Glauben fragen genauso.

Jeden Tag die gleichen Bilder: große Opferfeste, bei denen die Priester Ströme von Ochsen, Ziegen und Taubenblut vergießen. Prozessionen ziehen über Pracht-Straßen zu den riesigen Tempeln, die von der Größe der Götter zeugen. Der Aufmarsch des Militärs zeigt: Heute gehört uns Assur und morgen die ganze Welt. Im Ohr schrillt die Forderung: Arbeitet schneller, ihr Juden. Schafft etwas, ihr seid hier nicht zum faulenzen in unserer Stadt. Die Antreiber verlangen und steigern mit scharfen Worten und mit harten Schlägen das Tagespensum. Und in den Ohren der jüdischen Arbeitssklaven klingen die Spottreden: Wo ist denn euer Gott? Wo ist er, der auf eurem Berg Zion so herrlich regieret? Wo ist er, der euch schützen sollte vor unserer Macht? Euer Gott – das ist nur so ein kleiner Berg-Gott und sein Tempel ist zum Trümmerhaufen geworden, seine Macht greift nicht mehr.

Irgendwann ist es soweit, dass die Israeliten, belächelt und geschunden, verlästert und überlastet anfangen zu fragen und zu klagen: Gott, wo bist du? Gott, warum lässt du uns im Stich? Gott, warum lässt du dein Volk fallen? Hast du vergessen, wie man hilft? Hast du vergessen, wie man sich erbarmt? Hast du uns vergessen, dein Volk?

Was ist das für ein Gott? Warum macht Gott nicht Ordnung? So fragen Menschen um uns herum und sitzen dabei oftmals zu Gericht über Gott. Wo bist du Gott? Warum lässt du uns hängen, warum hilfst du uns nicht in unseren Nöten – so fragt Israel und so fragen wir. Es ist nur eine winzige Verschiebung und doch ist es der Anfang eines Weges zur Hilfe, zu neuem Leben. Statt über Gott zu fragen und über Gott zu klagen – Gott zu fragen und zu Gott zu klagen und manchmal auch Gott direkt anzuklagen. Unser Predigtwort hat solche Fragen an Gott und Klagen zu Gott, ja Anklagen gegen Gott zum Ausgangspunkt – und Micha sagt: Gott stellt sich!

Gott macht vor unseren Klagen und fragen nicht die Ohren dicht und die Augen zu und lässt sie ungehört und unbesehen von sich abprallen. Manche Leute haben von Gott ja die Vorstellung, er sei wir das Lutherdenkmal in Worms: das steht da, unbewegt und unberührt von den Leiden der Zeit. Gott aber ist kein hohles Denkmal, irgendwann einmal aufgestellt und irgendwann vom Zahn der Zeit zerfressen und nicht mehr zeitgemäß: Gott ist lebendig, gegenwärtig und hört und sieht und antwortet.

Seine erste Antwort ist eine Erinnerung. Israel erinnert er: Ich bin es doch, der euch zum Volk gemacht hat. Ich bin es doch, der euch aus der Knechtschaft in Ägypten geführt hat. Ich bin es doch, der euch sein gutes Gebot gegeben hat, eine Ordnung zum Leben. Ich bin es doch, der euch auf den Wegen durch die Wüste bewahrt hat und der euch das Land geschenkt hat. Wisst ihr es nicht: Was ihr seid, seid ihr durch mich. Was ihr habt, habt ihr von mir. Alles, buchstäblich alles Gute in eurem Leben ist meine Gabe. Gott erinnert Israel an das Gute, das es empfangen habt.

Und – was für ein taktvoller, großartiger Gott – Gott sagt kein Wort davon, wie Israel ihm seine Guttaten gedankt hat. Kein Wort vom goldenen Kalb, kein Wort von dem Murren am Haderwasser, kein Wort von den Wünschen, einen König zu haben und endlich sein zu können wie alle Heiden, kein Wort von der Geschichte der Sünde und der Treulosigkeit, die Israels Geschichte doch durchzieht und das Volk dahin gebracht hat, wo es jetzt klagt und Gott anklagt. Nein, Gott schlägt nicht zurück mit Gegenanklagen – er erinnert nur: Und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Gottes Antwort auf unser Klagen und Anklagen ist auch: Erinnert euch doch, was ich euch Gutes getan habe. Erinnere dich: am Anfang deines Lebens habe ich dir die Treue versprochen – meine Treue, Tag um Tag. Am Anfang deines Lebens habe ich dich berufen, mein Kind zu sein und immer wieder habe ich dich eingeladen, dieser Berufung doch zu trauen und aus ihr zu leben. Erinnere dich, wie ich dich behütet habe auf allen deinen Wegen. Erinnere dich, wie ich dir den Tisch gedeckt habe, Tag um Tag. Erinnere dich, wie ich dir den Weg deines Lebens gezeigt habe. Erinnere dich, wie ich dir Glück geschenkt habe – Menschen zu finden, mit denen du das Leben teilen kannst, die für dich da sind und für die du da sein kannst.

Und dann sagt Gott: Schau hin auf das Kreuz. Sieh dahin, wo ich hänge zwischen Himmel und Erde – denn in Jesus hängt ja nicht irgendwer am Kreuz, sondern ich selbst hänge da – damit du mir glaubst, dass ich das Letzte für dich gebe, dass ich das Äußerste für dich wage, dass ich alles dran setze um dich zu gewinnen, dass ich mich ganz reinhänge in diese Welt, damit du leben kannst.

So antwortet Gott mir und dir auf unsere Klagen und Anklagen, schlägt nicht zurück, erzählt uns nicht die Geschichte unserer Untreue, unseres Kleinglaubens, unserer eigensinnigen Wege. Aber er muss sie uns ja auch gar nicht erzählen – wir kennen uns ja selbst nur zu gut, auch wenn wir es nicht laut sagen.

Was sollen wir denn antworten auf diese Erinnerung? Israel merkt es nach den Worten Michas: unsere Anklagen sind schief, wir haben den Mund zu voll genommen, wir haben uns übernommen. Nicht wir können Gott auf die Anklagebank setzen – von Rechts wegen ist das unser Platz. Und darum fragen sie: Wie können wir denn gutmachen, was wir versäumt haben? Wie können wir antworten auf diese Erinnerungen Gottes?

Sie landen bei der immer gleichen, alten Antwort, die alle religiösen Menschen geben: Opfer müssten Gott doch zufrieden stellen. Spenden müssten Gott doch gefallen. Gottesdienst – gefeiert nach allen Regeln der Kunst – das müsste es doch sein. Es liegt ja so nahe in einer Umwelt, in der die Opfer nur so triefen vor Blut, in der stundenlang Gottesdienste gefeiert werden.

Ist das nicht die Antwort, die Menschen auch heute immer wieder gar zu schnell versuchen: Opfer, Spenden, Gottesdienst. Damit muss Gott doch zufrieden sein: Mit meinem Zehnten, mit der wöchentlichen Anwesenheit, mit meinem Einsatz im Chor oder für die Kirche? Damit müsste sich Gott doch zufrieden geben – mit den 10 % oder 25 % meines Lebens, die ich aus dem großen Lebenskuchen für ihn aufhebe.

Gott aber sagt – damals und heute: Halt, mein Freund. Sei nicht so eilig. Ich will nicht etwas von dir, ein großes Teil, dein bestes Teil – ich will dich. Schau doch – ich habe mich dir ganz geschenkt und ich möchte, dass du dich mir ganz schenkst. Das ist mein Wille: Ich will dich ganz!

Gott sagt: Ich will, dass du dich von meinem Wort halten lässt und dich an mein Wort hältst. Ich will, dass du dich in meine Verheißungen hineinbirgst wie in einen schützenden Mantel und dass du dich von ihnen leiten lässt als deinen Wegzeichen durchs Leben. Das ist gut für dich, so zu leben.

Gott sagt: Ich will, dass du dir meine Liebe gefallen lässt. Meine Liebe hört nicht auf, wenn du dich daneben benommen hast. Meine liebe hört nicht auf, wenn du mir Schmerzen und Arbeit gemacht hast. Meine Liebe hört nicht auf, wenn du am Boden bist. Nein, meine Liebe umfasst dein ganzes Leben, auch die Zeiten, Tage und Taten, die dir nicht gefallen und die du nicht wahrhaben willst an dir selbst. Und wenn du irre wirst an meiner Liebe – dann schau auf das Kreuz: da hängt sie in Person, meine Liebe zu dir.

Lass sie dir gefallen und wenn sie dir gefällt, diese Liebe, mit der ich dich liebe – dann gib sie weiter: an den, der dir Schwierigkeiten macht, der dich kränkt und belastet, der dir das Leben schwer macht. Und wenn du irre wirst in deinem Liebe üben – dann schau auf das Kreuz: da hängt sie in Person, meine Liebe zu dem, der dir das Leben schwer macht – ihn liebe ich wie dich. Das ist gut für dich, so zu leben.

Gott sagt: Ich will, dass du deinen Weg durchs Leben mir anvertraust. Von allem Anfang der Welt an habe ich auf dich gehofft. Gehe deinen Weg mit mir. Lass mich deine Kraft sein, wenn du kraftlos wirst. Lass mich deinen Mut sein, wenn du mutlos wirst. Lass mich deine Wahrheit sein, wenn du so viel Lüge erfährst. Lass mich dein Brot sein, wenn in dir so viel Hunger nach Leben ist. Lass mich dein Licht sein, wenn es dunkel um dich ist. Lass mich dein alles sein, wenn du nichts mehr hast und kannst und bist. Das ist gut für dich, so zu leben.

Mensch, es ist dir gesagt, was gut ist: Gott ist gut für dich – und du bist nach seinem Willen Gott gut genug, dass du dich ihm schenken darfst – dein ganzes Leben. Wenn du es bis heute noch nicht getan hast – dann tue es jetzt: Gott freut sich auf dich.                                      

                                            18. 2. 1996 Breitscheid

Halte Du mich fest, mein Heiland. Halte Du meine Erinnerungen wach an Deine Güte, an Dein Bewahren, an Deine Treue. Hilf Du mir, dass ich nie vergesse, was Du mir Gutes getan hast. Du hast Dich uns geschenkt, Dein Wort, Deine Güte, Dich selbst.

Lehre Du mich, in Deiner Spur zu bleiben und nicht anderen Spuren zu folgen, mit Dir zu leben in Recht und Güte und Demut. Amen