Worauf vertrauen wir?

Micha 5, 4b – 14

Wenn Assur in unser Land fällt und in unsere festen Häuser einbricht, so werden wir sieben Hirten und acht Fürsten dagegen aufstellen. 5 Sie werden das Land Assur mit dem Schwert weiden und das Land Nimrods mit ihren bloßen Waffen. So wird er uns von Assur erretten, wenn es in unser Land fallen und in unsere Grenzen einbrechen wird.

Darin muss sich der Friede bewähren, dass er der waffenstarrenden Weltmacht in den Arm fällt. Sieben Hirten und acht Fürsten – der König des Friedens ist nicht allein. Nicht machtlos und ohne Helfer. Allerdings: „Wer die gewaltigen Helfer des Messias sind, wird nur angedeutet.“(A. Weiser, aaO. S. 275) Ausdrücklich Menschenfürsten, keine himmlischen Heerscharen. Es reicht, dass sie Assur entgegentreten, selbst Kampfbereit und gerüstet.

6 Dann wird der Rest Jakobs unter vielen Völkern sein wie Tau vom HERRN, wie Regen aufs Gras, der auf niemand harrt noch auf Menschen wartet. 7 Und der Rest Jakobs wird unter den Nationen inmitten vieler Völker sein wie ein Löwe unter den Tieren im Walde, wie ein junger Löwe unter einer Herde Schafe, dem niemand wehren kann, wenn er einbricht, zertritt und zerreißt.

Der Rest Jakobs – ist das die Exilsgemeinde? Oder sind es Flüchtlinge aus dem Nordreich? Die Assoziation bei Rest ist nahliegend: Kümmerlicher Rest. Nur dass hier dieser kümmerliche Rest machtvoll, wirkungsvoll gesehen wird. Lebenspendend wie der Tau, der einfach da ist und dadurch wirkt. Tau macht nichts her, aber er ist auf trockenem Land ein Segen. Oder gewaltig wie ein Löwe, der sich seine Beute sucht und reißt. Es sind zwei sehr gegensätzliche Bilder, die hier zusammengefügt werden. Vielleicht hat diese Kombination bei Micha ihre spätere Fortsetzung in den Sprüchen gefunden: „Die Ungnade des Königs ist wie das Brüllen eines Löwen; aber seine Gnade ist wie Tau auf dem Grase.“(Sprüche 19,12) Es kann sein, Micha sieht es so, das es auf das Verhalten der Völker gegenüber diesem Rest ankommt, ob er Segen und Gefahr ist, lebenspendender Tau oder Leben raubender Löwe.

Die doppelt gebrauchte Wendung unter vielen Völkern bzw. unter den Nationen inmitten vieler Völker spricht dafür, dass Micha heimatlos Gewordene vor Augen hat. Verschleppt nach Assur. Es würde auch stimmen für die, die über hundert Jahre später verschleppt sind in die Gola, Nach Babylon. Beide mal gilt: „Mag die Lage von außen gesehen hoffnungslos sein, so sind doch die Verheißungen, die einst dem Volk von Gott gegeben wurden, nicht hinfällig geworden und das Dasein des Volkes ist nicht zur Zwecklosigkeit bestimmt.“(A. Weiser, aaO. S. 276) Auch für das zerstreute Volk gelten die Verheißungen Gottes. Ungebrochen.

8 Erhebe deine Hand gegen alle deine Widersacher, dass alle deine Feinde ausgerottet werden.

Wieder: Es liegt dem Prophet völlig fern, das Volk in einer Opferrolle zu sehen, in die man sich nur noch ergeben kann. so muss man lesen, wenn die Aufforderung an das Volk gerichtet wird. Wehrt euch. Anders allerdings, wenn es eine Aufforderung an Gott ist. eispiele für diese Leseweise lassen sich leicht finden:

Wer wird mich führen in die feste Stadt?  Wer geleitet mich nach Edom?          Wirst du es nicht tun, Gott, der du uns verstoßen hast,                                                 und ziehst nicht aus, Gott, mit unserm Heer?                                                                     Schaff uns Beistand in der Not; denn Menschenhilfe ist nichts nütze.                     Mit Gott wollen wir Taten tun.                                                                                               Er wird unsre Feinde zertreten.                   Psalm 60, 11 – 14

oder:

Wie lange, HERR, willst du immerfort zürnen?                                                              Wie lange wird dein Eifer brennen wie Feuer?                                                                     Schütte deinen Grimm auf die Völker, die dich nicht kennen,                                        und auf die Königreiche, die deinen Namen nicht anrufen.                                              Denn sie haben Jakob gefressen und seine Stätte verwüstet.                                                                                             Psalm 79, 5 – 7

oder:

Gott Zebaoth, wende dich doch!                                                                                         Schau vom Himmel und sieh,                                                                                                     nimm dich dieses Weinstocks an!                                                                                            Schütze doch, was deine Rechte gepflanzt hat,                                                                den Sohn, den du dir großgezogen hast! Psalm 80, 15 – 16

Wenn man so will – es ist seit der Richterzeit erlerntes Verhalten: In der Not ruft Israel nach seinem Gott als nach dem, der allein helfen kann. Auch in der selbst verschuldeten Not. Es ist ja sonst kein Helfer. Das wissen sie in Israel, dass sie nicht auf die Gunst der Nachbarn hoffen können.

9 Zur selben Zeit, spricht der HERR, will ich die Rosse aus deiner Mitte ausrotten und deine Wagen zunichtemachen 10 und will die Städte deines Landes ausrotten und alle deine Festungen zerbrechen.

Es ist eine Frage, die sich wie von selbst stellt, weil der Zusammenhang nicht eindeutig ist: Wer ist jetzt durch den Spruch des HERRN angeredet? Wem kündigt er den Untergang der Kriegswagen an? Israel hat solche Waffen-Systeme nicht. Und mit den Festungen im Land ist es auch nicht so weit her. Die einzig nennenswerte Festungsstadt ist Lachisch. Dort gibt es auch die entsprechenden Truppen.

Hört man auf den Zeitgenossen Michas, auf Jesaja, kommt vielleicht ein wenig Licht ins Dunkel:  „Ja, du hast dein Volk, das Haus Jakob, verstoßen; denn sie sind den Sitten des Ostens verfallen, und es gibt Zeichendeuter wie bei den Philistern, und Kinder von Fremden haben sie mehr als genug. Ihr Land wurde voll Silber und Gold, und ihrer Schätze war kein Ende; ihr Land wurde voll Rosse, und ihrer Wagen war kein Ende. Auch wurde ihr Land voll Götzen; sie beten an ihrer Hände Werk, das ihre Finger gemacht haben.“(Jesaja 2, 6 – 8) Da sind es nicht die Rosse und Wagen irgendwelcher Fremd-Mächte, sondern die in Israel, die Gott erzürnen. Weil sie in Israel sich auf einmal auf ihre militärische Stärke verlassen und nicht auf ihn. Allen Hilferufen in Gottesdiensten und Psalmen zum Trotz. „Das Vertrauen auf menschliche Rüstung, Rosse und Streitwagen, auf die festen, mit Mauern und Türmen versehenen Städte und den Schutz der Festungen wird von den Propheten als falsches Vertrauen auf eigene Macht und Sicherheit und damit als Misstrauen gegen Gottes Macht immer wieder erkannt und getadelt.“(A. Weiser, aaO. S. 277)

11 Und ich will die Zauberei bei dir ausrotten, dass keine Zeichendeuter bei dir bleiben sollen. 12 Ich will deine Götzenbilder und Steinmale aus deiner Mitte ausrotten, dass du nicht mehr anbeten sollst deiner Hände Werk, 13 und will deine Ascherabilder ausreißen aus deiner Mitte und deine Städte vertilgen.

So wird es zu einer gedanklichen Einheit: Neben die Ansage der Zerstörung der Mittel eigener Stärke tritt die Ankündigung der Zerstörung aller Götzenbilder und Steinmale. Wenn die „religiöse Kunst“ dahin gegangen ist, wird es vorbei sein mit dem Anbeten der Werke der eigenen Hände. Es macht für dieses Drohwort keinen Unterschied, ob die Werke der eigenen Hände Kampfmaschinen oder Götterstatuen sind!

Zusammengenommen sind es Worte, die den Untergang ansagen. Aber nicht totale Vernichtung. Ein Untergang, hinter dem als Akteur nicht die überlegene Weltmacht Assur steht, sondern der HERR. Was untergehen wird, sind die Machtwerke und Machwerke. „Das Gericht, das Gott an seinem Volk vollzieht, ist ein Läuterungsgericht, das nicht der Vernichtung, sondern dem Leben dient, zu dem Gott selbst verhelfen will.“(A. Weiser, aaO. S. 278)

14 Und ich will mit Grimm und Zorn Vergeltung üben an den Völkern, die nicht gehorcht haben.

Wechselt Gott das Thema oder nur die Adressaten seiner Worte? Eine Leseweise: Israel hat sich durch seinen Götzendienst eingereiht unter die Völker – darum ist es hier angesprochen, als Volk unter den Völkern, wie alle Heiden.

Mir leuchtet eine andere Weise zu verstehen mehr ein: Es gibt bei diesem Untergang Samarias und über hunderte Jahre später Jerusalems keine unbeteiligten Zuschauer. Völker auf der Tribüne, die ihre Freude an diesem Schauspiel haben. Es ist ein Gedanke, der hier nur anklingt, der später ausgeformt werden wird: die Welt-Mächte, die das Gericht Gottes an seinem Volk vollziehen, überziehen. Sie wollen nicht nur begrenzte Gerichtswerkzeuge in der Hand Gottes sein, sondern ihr eigenes Machtspiel spielen. Das führt zu dem Urteil, dass sie nicht gehorcht haben. Dieser Ungehorsam fällt auf sie zurück.

Zum Weiterdenken

    Fünfundsiebzig Jahre nach dem Untergang des 3. Reiches ist es eine offene Frage: Was ist damals in Schutt und Asche untergangen? Die Insignien des Reiches? Die Waffensysteme bis hin zur Wunderwaffe V 2? Die Prachtbauten? Die deutschen Städte waren nur noch Trümmerhaufen. Ist auch das Denken untergegangen, das die eigene Nation als Herrenrasse vergötzt? Ist auch der Glaube untergegangen, der auf die eigene Stärke setzt? Auf die eigene Wehrhaftigkeit? Was würde Micha wohl heute zu sagen haben?

Das andere, was mich beschäftigt:  dass du nicht mehr anbeten sollst deiner Hände Werk. Viel zu lange haben sie auf ihre toten Götzen gesetzt, auf ihrer Hände Werk, auf die eigene Leistung, sichtbar und vorweisbar.  Aber es zeigt sich: diese Götzen zerfallen und die Anbetung der eigenen Werke zerfällt zu Staub. Es bewegt mich, diese Worte auf die Erfahrungen jetzt zu beziehen, die Pandemie. Überall zerbrechen Lebensperspektiven, das Vertrauen auf die eigenen Zukunftspläne platzt, die Konjunkturdaten zerschellen. Kann nes sein, wir haben zu lange auf die Werken unserer Hände vertraut und vergessen, dass ein anderes Vertrauen notwendig ist, auf ihn, der auch unser Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.

 

Manchmal, mein Gott, erschrecke ich. Wir sind so tief verstrickt in das Leben unserer Zeit. Wir sind Zeitgenossen der Anbetung, die nicht mehr Dir gilt, sondern den Werken unserer Hände. Wir sind infiziert von einem Denken, das alles von sich selbst erwartet, weil es nicht abhängig sein will von Dir, von Deiner Güte, Deinem Erbarmen, Deinem Willen.

Wir machen uns eine Welt zurecht, die ohne Dich funktionieren soll, in der kein Platz mehr für Dich ist, weil Du unsere Pläne störst.

Heiliger Gott, tritt uns in den Weg, damit wir innehalten. Tritt uns in den Weg, damit wir sehen, dass wir Dich verlieren, wenn wir weitermachen, immer weiter. Rufe Du uns so, dass unser Herz erschrickt und hört. Amen