Schwerter zu Pflugscharen?!

Micha 4, 1 – 8

Die nachfolgende Vision wird in fast gleichen Worten auch im Buch des Propheten Jesaja überliefert (Jesaja 2, 1 – 5). Micha verzichtet darauf, sich die Vision zuschreiben. Das könnte ein Hinweis sein, dass sie bei Jesaja ihren ursprünglichen Ort hat und bei Micha „nur“ Zitat ist. Aber auch dann ist es gut, sich erinnern zu lassen: „Die Bedeutung eines biblischen Textes entscheidet sich nicht an der Verfasserfrage, sondern an seiner Aussage.“(O. Kaiser, Der Prophet Jesaja ATD. 17, Göttingen 1963. S. 20)

1 In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen, 2 und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.

Es ist ein schroffer Wechsel von Kapitel 3 zu Kapitel 4. Eben noch Gerichtsansage und jetzt so ein ganz anderer Ton. Warum es zu diesem Wechsel kommt, fragen Wir. Eine Begründung aus dem Textzusammenhang gibt es nicht.

In den letzten Tagen. Das ist „die Zeit, da Gott etwas völlig Neues tut. Noch ist aber nicht eine jenseitige Welt gemeint – dennoch sprengt das, was in V. 2-4 angesagt wird, die Möglichkeiten dieser Weltzeit völlig.“(D. Schneider, Der Prophet Jesaja, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1988, S. 74) Wahr ist ja: Die Zeiten, in der sich Berge weit über ihr seitheriges Niveau aufgetürmt haben, gehören der Entstehungszeit der Erde an. Nicht mehr unseren Zeiten.

Aber vielleicht muss ich ja gar nicht so lesen, als würde hier die Erdbeschaffenheit rund um den Zion gewandelt. Gemeint sein könnte doch auch, dass der Zionsberg auf einmal eine Bedeutung gewinnt, die ihn alle Berge überragen lässt. Erstaunlich: „Haben wir nicht geradzuvor gelesen, dass der Berg des Hauses, also der Tempelberg zur Waldeshöhe wird?“ (D. Schibler, aaO. S. 72) „Zu einer Höhe wilden Gestrüpps“(3,12) Der Berg, auf dem das Haus des Herrn steht. Der Berg, auf dem das Heil der Welt sich entscheidet im Kreuz Jesu.

Zu diesem Berg beginnt in den späteren Tagen eine regelrechte Völkerwallfahrt. Menschen aus allen Völkern laufen herzu, werden angezogen von diesem Berg, suchen den Weg zum Haus des Gottes Jakobs. Sie gehen den Weg nach, den Israel einst gezogen ist, aus Ägypten zum Horeb und vom Horeb zum Zion. Sie werden Pilger zum Haus Gottes, die dort auf Wegweisung hoffen.

Warum? Sie bringen nichts mit. Sie unterwerfen sich nicht. Sie holen sich vielmehr, wovon sie sich Lebensgewinn versprechen. Sie wollen ihren Weg nach dem Wort des HERRN und seinen Weisungen ausrichten. Weil sie spüren: Hier hören wir „Worte des ewigen Lebens.“(Johannes 6,68) Es geht nicht nur um Belehrung über das Gebot, auch nicht nur um Gotteslehre. Es geht um eine Einweisung in Lebenspraxis, die sich dem Wort des HERRN anvertraut und die dann auch wirklich seine Wege geht, auf seinen Steigen wandelt.

Der Gedanke dahinter heißt: „Wenn es nur einen Gott und nur einen Schöpfer und Herrn aller Menschen gibt und wenn sein Wohnsitz der Zion ist, dann muss irgendwann einmal der Zeitpunkt kommen, an dem alle Menschen dies erkennen und anerkennen. Denn nur im rechten Gottesverhältnis kommt ja das menschliche Geschöpfsein an sein Ziel.“

„HERR, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige!“ Psalm 25,4

Das Gebet dieses Beters wird gewissermaßen zur Massenbewegung unter den Völkern. „Der Wohnort Jahwes auf dem Zion übt eine so starke Anziehungskraft aus, dass die Völker dorthin pilgern. sie wollen den Gott verehren, der Israel auserwählt hat.“(D. Kinet, aaO. S. 133) Weil es auf diese Anziehungskraft des Zions setzte, hat Israel nie Mission als Werbung für seinen Glauben geübt. Es ist Sache der Weisungen Gottes, die vom Zion ausgehen, die Herzen zu erreichen. Nicht Sache der Leute Gottes, für ihn Werbung zu machen. Das ist kein künstlicher Gegensatz, nur eine historische Klarstellung.

3 Er wird unter vielen Völkern richten und mächtige Nationen zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

Das ist ein Ergebnis dieser Weisungen vom Zion her: „Das Schiedswort des Herrn wird die Konflikte und Streitigkeiten unter den Völkern schlichten.“(D. Kinet ebda.) Eine weltweite, globale Neuordnung unter den Nationen. Weit über Israel hinaus. Nicht das einzige Ergebnis. Zurechtweisen ist zurechtbringen. Es kommt durch das Wort vom Zion her zu einer Neuausrichtung des Lebens. Ein Ergebnis dieser Neuausrichtung ist die Konversion von Kriegsgerät in Werkzeuge des Lebens. „Die ständige Kriegsbereitschaft aller gegen alle ist sinnlos geworden.“(O. Kaiser, aaO. S. 22)

4 Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund des HERRN Zebaoth hat’s geredet. 5 Ein jedes Volk wandelt im Namen seines Gottes, aber wir wandeln im Namen des HERRN, unseres Gottes, immer und ewiglich!

Das ist die Antwort – eine Selbstverpflichtung Israels: Als Gottes Volk in der Zeit wollen wir wandeln im Licht des HERRN, nach den Maßstäben der Zukunft Gottes leben. Es mag sein: Die Völker denken zu seiner Zeit noch nicht an diese Wallfahrt – das weiß Micha. Sie folgen ganz anderen Tagesordnungen und anderen Gesetzmäßigkeiten. Aber umso wichtiger ist es, dass Israel zu einer neuen Treue und zu einem neuen Wandel auf den Wegen Gottes findet, die Zukunft der Völker gewissermaßen vorweg nimmt.

Das ist bis heute die Herausforderung – auch an uns Christen. Wir sollen so tun als ob. Wir sind dazu berufen, heute schon aus der Hoffnung auf die Gegenwart Gottes zu handeln. Die Christen sind um ihres Glaubens willen der Gegenwart und der Zukunft Gottes verpflichtet. Wir sind befreit von den Altlasten der Vergangenheit und berufen zu einer Lebenspraxis, in der aufleuchten kann: Wir trauen auf das Kommen Gottes.

6 Zur selben Zeit, spricht der HERR, will ich die Lahmen sammeln und die Verstoßenen zusammenbringen, alle, die ich geplagt habe. 7 Ich will die Lahmen als Rest übrig lassen und die Verstoßenen zum mächtigen Volk machen. Und der HERR wird König über sie sein auf dem Berge Zion von nun an bis in Ewigkeit. 8 Und du, Turm der Herde, du Feste der Tochter Zion, zu dir wird kommen und wiederkehren die frühere Herrschaft, das Königtum der Tochter Jerusalem.

So spricht der Herr. „Spruch des Herrn ist ein geläufiger Ausdruck, (mehr als 360 mal, davon allein 175 mal in Jeremia, 85 mal in Hesekiel und 25 mal in Jesaja).“(D. Schibler, aaO. S. 75) Das diese Wendung hier steht, hebt die besondere Bedeutung der folgenden Worte hervor. Durch sie bindet sich Gott an ihre Erfüllung. Es ist nicht nur die Völkerwallfahrt, die angesagt ist. Es ist auch eine neue Sammlung Israels. eine, die bei den Abgehängten anfängt. Lahmen und Verstoßenen. Die in der Rechnung der Mächtigen nicht zählen.

Man könnte auf die Idee kommen: das sind die Fußkranken der Weltgeschichte. Lumpenproletariat. Ja – und genau über sie will Gott König – mælæk – sein! Es ist die Eigenart dieses Gottes, dass er erwählt, was nichts ist. so wird es auch viel später heißen: „Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist;  und was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist, auf dass sich kein Mensch vor Gott rühme.“(1. Korinther 1, 27-29) Es entspricht diesem Gott: „Der ewige Gott schließt mit dem dreckigen Nomadenvolk, das durch die Wüste strolcht, einen Bund.“(K. Vollmer, aaO. S. 80) Mit Leuten, die von den stolzen Ägyptern verächtlich Hebräer genannt werden, gut genug, als Ziegeleiarbeiter verschließen zu werden. Dieser König hat seine Ehre nicht darin, dass andere ihn groß manchen, sondern dass er groß macht, was in den Augen aller klein ist, unbedeutend.

Es ist ein Neuanfang, der zugleich eine Rückkehr ist. Zu dir wird kommen und wiederkehren die frühere Herrschaft. Es liegt irgendwie auf der Hand, dass hier die Hörer*innen Michas eine „Wiedervereinigung“ der beiden Reiche – Israel und Juda -unter einem Davids-Spross hören mussten. Ob sie darin messianische Töne gehört haben, wird man offen halten müssen.

Zum Weiterdenken

Die Worte dieser Vision sind ausgewandert aus ihrem Zusammenhang. Dass Schwerter zu Pflugscharen, Spieße zu Sicheln gemacht werden, ist im Denken des Micha ( und Jesajas!) Folge dessen, dass Menschen der Weisung Gottes ihr Herz öffnen und ihr Handeln davon bestimmen lassen. Es ist eben nicht Konsequenz einer allgemein einleuchtenden Friedensethik oder eines grundsätzlichen Pazifismus. Demgegenüber sagt die weltliche Vernunft vielmehr stattdessen: „Si vis pacem, para bellum.“ Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor. Sei gerüstet, so wird dich keiner angreifen.

Wann ist es so weit, dass die Tage der „letzten Zeit“ da sind? Manchmal denke ich, wir sind heute weiter von ihnen entfernt als es zur Zeit des Jesaja war. Nicht nur, weil es in der Gegenwart „etwa 222 weltweit bewaffnete Konflikte“(A. Merkel, Rede vor dem Bundestag 21.11.18) gibt, die auch mit Waffen aufs Grausamste ausgetragen werden. Mehr noch, weil augenscheinlich das Fragen nach der Wegweisung Gottes völlig aus der Mode gekommen ist. Heute fragt man nach der Zustimmungsquote bei Wählern und in den Medien, nach dem Stand des DAX, nach der Durchsetzbarkeit der eigenen Interessen, nach den Auswirkungen auf den Markt, Alles legitime Fragen – nur Gottes Weisung kommt darin nicht vor.

Ab und an wird symbolträchtig beschworen: Schwerter zu Pflugscharen. Aber die Lebenspraxis ist eine andere. Ich fürchte, das gilt in den häuslichen Verhältnissen wie in der großen Welt der Politik, 140 000 Fälle häuslicher Gewalt – das ist nur die angezeigte Spitze des Eisberges – sprechen eine deutliche Sprache. Wie weit ist das weg von den Worten des Micha: Sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Im Großen und im Kleinen.

Umso größer die Herausforderung an alle, denen es mit Gott ernst ist, mit dem Glauben, die zum Volk Gottes gehören wollen, zu seinem Aufgebot in der Welt. Die Vision folgt einer anderen Vernunft. Wir sollen so tun als ob. Wir sind dazu berufen, heute schon aus der Hoffnung auf die Gegenwart Gottes zu handeln. Wir üben es heute schon ein, seine Weisungen suchen, Auf sein Wort und seine Stimme höre und ihr folgen. Die Christen sind um ihres Glaubens willen in der Gegenwart schon der Zukunft Gottes verpflichtet. Wir sind berufen zu einer Lebenspraxis, in der aufleuchten kann: Wir trauen auf das Kommen Gottes.

Was mich beschäftigt:

Es ist eine Erfahrung, dass die Vergangenheit und die Gegenwart einen so gefangen nehmen können, dass der Blick auf die Zukunft verstellt wird und Hoffnung auf Gottes Zukunft nur noch wie eine Illusion erscheint. Wir sind Problem-orientiert, nicht nur im Unterricht. Es gibt die bittere Variation des Jesus-Wortes „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind – Christ*innen – da ist ein Problem in ihrer Mitte.“ Manchmal denke ich, dass wir blind und taub geworden sind für alle Hoffnungssignale und nur noch die Signale der Angst wahrnehmen.

Es ist ein schräger Satz: „Viele kleine Leuten an vielen Orten können das Gesicht der Welt verändern.“ Sie können es, wenn sie mit der Selbstentwaffnung anfangen und mit der Selbstentwertung – wir können ja doch nichts ändern – aufhören. Wenn wir uns aufmachen zu dem Berg Gottes, uns orientieren an seinem Recht, für uns seine Gerechtigkeit – geschenkt! – in Anspruch nehmen.

Warum machen die Völker sich auf den Weg? Es gibt eigentlich nur einen Grund – er wird einmal sehr schön beim Propheten Sacharja benannt. In einem Wort, das sich auch auf die Völkerwallfahrt zum Zionsberg bezieht: „Zu der Zeit werden zehn Männer aus allen Sprachen der Heiden einen jüdischen Mann beim Zipfel seines Gewandes ergreifen und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir hören, dass Gott mit euch ist.“ ( Sach. 8,23).

Das ist der Grund der Völkerwallfahrt: Gott ist gegenwärtig. Denn das ist die Ahnung, die das Gottesgerücht ausstreut in den Völkern: Wo Gott ist, da wird das Leben durchsichtig. Wo Gott ist, da wird das Leben erträglich und weit, auch in seinen dunklen Seiten. Wo Gott ist, kann der Schmerz und das Leid nicht mehr das letzte Wort haben. Wo Gott ist, muss das Unrecht weichen und kann der Krieg nicht mehr die ultima ratio sein. Wo Gott ist, verliert der Tod seine Macht. Wo Gott ist, da wird das Leben sich entfalten.

Darum also kommen die Völker – weil Gott zu finden ist. Es hängt alles an Gott und seiner Gegenwart. Und wo Gott gegenwärtig ist, wird das Leben gelehrt. „Dass er uns lehre“ – das ist nicht etwas, was zur Gegenwart Gottes noch als etwas Zweites dazu käme – sondern das ist die Gegenwart Gottes. Dass Gott gegenwärtig ist, lehrt uns,, das Leben zu lieben, lehrt uns, dem Tod das letzte Recht zu bestreiten. Dass Gott gegenwärtig ist, lehrt uns, dass er Leben in Fülle schenkt und unser Leben in Fülle will.

Wer auf die Kirche schaut, der sieht Menschen am Werk mit Schwächen, Fehlern, Kleinglauben und manchmal auch tapfer – das soll Gottes Avantgarde sein? Ich – einer von denen, mit denen Gott seinen Weg gehen will? Ich lerne mühsam: ich muss nicht die Welt retten. Das ist Gottes Job und er hat ihn sich auch vorbehalten als Alleinstellungsmerkmal. Ich darf einfach tun, was vor meinen Füßen ist, wofür meine Kraft reicht. Und Gott kann daraus etwas machen.

Mein Gott, manchmal frage ich mich, glauben wir das noch, dass Schwerter zu Pflugscharen werden, die Völker das Kriegshandwerk verlernen, Soldaten zum Blumen-Pflücken gehen, Gewehre verrotten. Glauben wir das noch in einer Zeit, in der Kriege wieder führbar werden, es nur Kollateral-Schäden gibt, keine Todesopfer mehr, in der wir Reden hören von der größer gewordenen Verantwortung. Glaube ich das noch?

Ich weiß es nicht. Aber es ist meine Sehnsucht, der ich Raum geben möchte, an der ich festhalten will, die meine Seele nicht zynisch verhärten lässt, dass Du diese Worte noch kennst, mein Gott, und sie einmal Wirklichkeit werden – bei uns, in unsere Zeit hinein. Amen