Gute oder wahre Worte?

Micha 3, 1 – 12

  • 1 Und ich sprach:

Mehr teilt Micha über sich selbst nicht mit. Nur dass er spricht. Nicht wo, nicht wann, hier auch nicht, ob er zu den nachfolgenden Worten beauftragt ist. Der Prophet sagt: ich. Es sind seine Worte und sein Urteil, das wir hier lesen.

Höret doch, ihr Häupter Jakobs und ihr Herren im Hause Israel!

Das sind seine Adressaten: die Führer des Volkes. Die das Sagen haben, die ein Amt haben, die auch Macht haben. Politisch Verantwortliche und gesellschaftlich Einflussreiche. Häupter und Herren. Micha redet nicht über sie, er spricht sie direkt an.

Ihr solltet die sein, die das Recht kennen. 2 Aber sie hassen das Gute und lieben das Arge; sie schinden ihnen die Haut ab und das Fleisch von ihren Knochen 3 und fressen das Fleisch meines Volks. Und wenn sie ihnen die Haut abgezogen und ihnen die Knochen zerbrochen haben, zerlegen sie es wie für den Topf und wie Fleisch für den Kessel.

Es ist krass – sie sollten das Recht kennen – das heißt nicht nur, die Paragraphen kennen. „Kennen bedeutet hier- wie immer im alttestamentlichen Sprachgebrauch – nicht nur ein intellektuelles Wissen, sondern schließt auch das entsprechende Denken und Handeln ein.“(D. Kinet, aaO. S. 127) Sie sollten sich vom Recht leiten lassen in ihrem Tun. Davon aber sind sie, die Micha anredet, wie entfernt. Sie verdrehen alles. Sie sind Leuteschinder. Aasgeier. Sie behandeln das Volk als Schlachtvieh für die eigenen Feste. „Micha prangert die systematische und wohlüberlegte Ausbeutung und Schinderei der kleinen Leute an.“(D. Kinet, ebda.) Er ist der Anwalt der Landbevölkerung, der man ihre angestammten Rechte nimmt. Die bloße Tatsache dieser Anklagen des Micha zeigt: Das Schreien der Armen hat Gehör gefunden – bei Gott. Und bei dem Propheten.

4 Wenn sie dann zum HERRN schreien, wird er sie nicht erhören, sondern wird sein Angesicht vor ihnen verbergen zur selben Zeit, wie sie es mit ihrem bösen Treiben verdient haben.

Es wird eine Zeit kommen, die anders ist als die Zeit jetzt. Eine Zeit, die sich gegen die wendet, die im Augenblick so selbstherrlich machen, was sie wollen. Eine Zeit, die sie zum Schreien bringt. Ihr Schreien aber, die in ihrer Macht das Recht mit Füßen getreten haben, die weggehört haben vor dem Schreien der Armen, wird ins Leere gehen. Es wird nichts sein mit dem Segen: „Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“(4. Mose 6, 25-26) Gott wird sein Angesicht verbergen. Er wird in der Tat der Gott sein, von dem sie immer gedacht haben: er sieht weg.

5 So spricht der HERR wider die Propheten, die mein Volk verführen, die da predigen, es werde gut gehen, wenn man ihnen zu fressen gibt; wer ihnen aber nichts ins Maul gibt, dem erklären sie den Krieg. 6 Darum kommt Nacht über euch statt Gesicht und Finsternis statt Wahrsagung. Die Sonne soll über den Propheten untergehen und der Tag über ihnen finster werden. 7 Und die Seher sollen zuschanden und die Wahrsager zu Spott werden; sie müssen alle ihren Bart verhüllen, weil Gott nicht antworten wird.

Den eigenen Worten des Micha folgen jetzt wieder Worte im Auftrag. So spricht der HERR. Worte gegen die „Kollegen“, die Propheten, die mein Volk verführen. Micha ist nicht der einzige Prophet. Wir kennen Zeitgenossen – den ersten Jesaja, Hosea, Amos. Aber die sind hier nicht angesprochen. sondern die Worte Michas richten sich gegen andere Propheten. Namenlos für uns, aber gerne gehört bei den Mächtigen, vielleicht auch gerne gehört beim Volk. Propheten, die gute Botschaft haben: „Es ist noch immer gut gegangen, es wird auch weiter gut gehen.“ Propheten, die lohnabhängig sind in ihren Botschaften. Für gutes Geld gibt es gute Botschaft. Für kargen Lohn auch nur karge Worte.

Ihnen sagt Micha Blindheit an. „Ihre prophetische Begabung wird ihnen genommen.“(D. Kinet, ebda.) Ihre Bilder sind nur noch wirre Träume. Ihre Gesicht Finsternis. Sie verlieren den Durchblick. Sie sehen nichts mehr. So werden sie zum Gespött der Leute werden. Das ist die ultimative Katastrophe für jeden, der im Namen Gottes zu reden beansprucht: weil Gott nicht antworten wird, haben sie nichts mehr zu sagen. Die Gottheiten – hier steht ᾽ælohim im hebräischen Text – schweigen. So warten diese Propheten nur noch ins Leere und sie reden darum auch nur noch leeres Gerede.

8 Ich aber bin voll Kraft, voll Geist des HERRN, voll Recht und Stärke, dass ich Jakob seine Übertretung und Israel seine Sünde anzeigen kann.

Das ist das Gegenbild: Micha weiß, wer er ist. Es ist ausgesprochen selten, dass ein Prophet so sein Selbstbewusstsein in den Vordergrund rückt. Aber es ist nötig, um den Kontrast deutlich zu machen: Hier das wirre Gerede ohne Auftrag, Heilsbotschaften, hinter denen keine Wirklichkeit steht. Da der Prophet, voll Geist des HERRN, der keine netten Botschaften hat, sondern Übertretung und Sünde anprangert.

Jeremia ist später als Micha. Aber er benennt im Konflikt mit einen anderen Propheten Kennzeichen wahrer und falscher Prophetie, die auch hier schon mitschwingen mögen: „Die Propheten, die vor mir und vor dir gewesen sind von alters her, die haben gegen viele Länder und große Königreiche geweissagt von Krieg, von Unheil und Pest. Wenn aber ein Prophet von Heil weissagt – ob ihn der HERR wahrhaftig gesandt hat, wird man daran erkennen, dass sein Wort erfüllt wird.“(Jeremia 28, 8-9) Heilspropheten müssen sich messen lassen am Eintreffen des Heils.

9 So höret doch dies, ihr Häupter im Hause Jakob und ihr Herren im Hause Israel, die ihr das Recht verabscheut und alles, was gerade ist, krumm macht; 10 die ihr Zion mit Blut baut und Jerusalem mit Unrecht. 11 Jerusalems Häupter sprechen Recht für Geschenke, seine Priester lehren für Lohn, und seine Propheten wahrsagen für Geld, und dennoch verlassen sie sich auf den HERRN und sprechen: »Ist nicht der HERR unter uns? Es kann kein Unglück über uns kommen«:

Erneut fordert Micha zu Hören. Das wirkt fast, als hätte man gern versucht, ihn zu überhören. Wieder ist seine Aufforderung verbunden mit Anklagen. Noch einmal – Rechtsbruch allenthalben. Eine Stadt auf Lug und Trug und Blut gebaut. Das soll die Heilige Stadt sein? Der Wohnort Gottes? Sie, die Mächtigen sind korrupt und die Propheten liefern Gefälligkeits-Orakel. Hinter allem aber steht ein falsche, trügerische Sicherheit: Ist nicht der HERR unter uns? Es kann kein Unglück über uns kommen«

Jeden Tag singen sie es im Tempel:

Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein,                    da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind.                                                              Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie fest bleiben;                                                   Gott hilft ihr früh am Morgen.             Psalm 46, 5-6

Und fast mantra-mäßig der Abschluss:

Der HERR Zebaoth ist mit uns,                                                                                               der Gott Jakobs ist unser Schutz. Sela.        Psalm 46. 12

Darauf ist Verlass. Darauf verlassen sie sich. Wenn Micha etwas anderes sagt, dann stellt er sich gegen den Strom der Überlieferung, gegen das Wissen der Theologen seit alters her. Dann ist er der Ungläubige, der Kleingläubige, der Störer der öffentlichen Ordnung und der religiösen Stimmung. Sie sind sich so sicher: Gott ist auf unserer Seite, dass sie einfach nicht hören können, wie Micha ihnen ihre zerrissene Existenz vorhält.

12 Darum wird Zion um euretwillen zum Acker umgepflügt werden, und Jerusalem wird zu Steinhaufen werden und der Berg des Tempels zu einer Höhe wilden Gestrüpps.

Diese Sicherheit wird sich als Lug und Trug entpuppen. Nicht, weil Gott nicht ist. Sondern weil Gott dem Treiben, das seinen Namen missbraucht, nicht für immer und ungerührt zusehen wird. Wer glaubt: „God is on our side“(B. Dylan 1964) geht eine Verpflichtung ein: Mit seinem Leben auch Gott zu entsprechen. Gott lässt sich nicht zum Kumpanen unseres Unrechts machen.

Zum Weiterdenken

Von Micha zu lernen: Machtmissbrauch ist kein Neuzeit-Phänomen. Raffgier auch nicht. Predigten, die einlullen, statt aufzuwecken, die Gott schön reden und den Zorn Gottes für veraltete Theologie erklären, für unseriös – auch das ist uralt. Auch an dieser Stelle gilt der bittere Satz Tucholskys: „Es gibt keinen Neuschnee.“

Michas Botschaft ist knochenhart: Euer Verhalten wird euch auf die Füße fallen, Gott, den sie ignoriert haben, wird sich verbergen in den Zeit der Not. Der Schrei nach dem guten Gott wird ungehört verhallen. Diesen Gott, der nur gut kann, gibt es nicht. Die Prediger, die allen nach dem Mund geredet haben, werden vergeblich auf Gottesworte warten. Es gibt ein Verstummen dieser Schönrederei, weil die harte Wirklichkeit den Schönrednern die Sprache verschlägt.

Eine Theologie, die nichts zu sagen weiß, als dass der liebe Gott uns gut ist und darum auch alles gut werden muss, jetzt und hier, die zerbricht an der Wirklichkeit der Welt. Ob wir das in den Zeiten der Pandemie neu lernen werden?

Heiliger Gott, bewahre uns davor, dass wir den Leuten nach dem Mund reden, dass wir nur sagen, was sie gerne hören wollen. Hilf uns, dass wir bei der Wahrheit bleiben, auch wenn sie hart ist, dass wir nicht schönreden, was nicht in Ordnung ist.

Hilf uns aber auch, dass wir in solchen Reden nicht selbstgerecht werden, nicht von oben herab urteilen. Gib Du uns die Worte, die Deinem Suchen entsprechen, die Mut machen, sich Dir anzuvertrauen, auch mit dem, was gegen uns spricht. Amen