Alles geht Gott an

Micha 2, 1 – 13

1 Weh denen, die Unheil planen und gehen mit bösen Gedanken um auf ihrem Lager, dass sie es frühe, wenn’s licht wird, vollbringen, weil sie die Macht haben! 2 Sie begehren Äcker und nehmen sie weg, Häuser und reißen sie an sich. So treiben sie Gewalt mit eines jeden Hause und mit eines jeden Erbe.

Es gibt Zeiten, da sind freundliche Worte nicht am Platz. Es gibt Situationen, da ist nur noch Raum für Scheltworte, Drohung und Klage. So eine Zeit hat Micha vor Augen. Er sieht Menschen, damals wohl vorzugsweise Männer, die keine Grenze für ihre Besitzgier kennen. Sie nehmen sich, was sie haben wollen. Äcker, Häuser. Sie greifen nach Land, das doch anderen als Erbteil in Israel zugewiesen war. Es gab immer Menschen, die sich ihrem Erbe verpflichtet fühlten: „Aber Nabot sprach zu Ahab: Das lasse der HERR fern von mir sein, dass ich dir meiner Väter Erbe geben sollte!“(1. Könige 21, 3) Aber über solche Einwände gehen sie hinweg. Weil sie nur sich selbst kennen. „Hemmungslose Machtgier und rücksichtsloser Machtdünkel bestimmt ausschließlich die Machenschaften dieser Gewaltmenschen.“(A. Weiser, aaO. S. 246)

Dabei muss es gar nicht um Verbrechen gehen, um kriminelle Akte. Es reicht, dass sie die Macht haben und durch die Macht den Anschein des Rechtes. Sie folgen dem Gesetz des Marktes: Wer bleiben will, muss wachsen. Darum häufen sie Äcker und Häuser als Besitz auf, so wie es heute Immobiliengesellschaften in den Großstädten tun. Wer das Spiel nicht mitspielt, wird verdrängt werden. Das ist die beliebte Entschuldigung: Wir folgen nur den Mechanismen des Marktes

3 Darum, so spricht der HERR: Siehe, ich plane wider dies Geschlecht Unheil, aus dem ihr euren Hals nicht ziehen sollt und nicht so stolz dahergehen sollt; denn es ist eine böse Zeit.

Der Mensch denkt, Gott lenkt. Dem gnadenlosen, selbstsüchtigen Planen tritt Gott mit seinem Planen entgegen. Denen, die auf ihr Wohl aus sind, sagt Gott an: Ich plane Unheil. Ein Unheil, dem ihr euch nicht werdet entziehen können. Unausweichlich. So wie keiner euren Aktionen ausweichen kann, so werden ihr nicht ausweichen können. Es wird sich zeigen: „Menschenstolz und Menschenmacht zerbricht an Gottes Macht.“(A. Weiser, aaO. S. 247)

4 Zur selben Zeit wird man einen Spruch von euch machen und bitter klagen. Man wird sagen: Es ist aus, wir sind vernichtet! Meines Volkes Land kriegt einen fremden Herrn! Wie entreißt er es mir! Als Vergeltung verteilt man unser Feld! 5 Darum wirst du keinen haben, der für dich die Messschnur wirft, dass dir ein Losanteil in der Gemeinde des HERRN zufällt.

Die Klage, die der Prophet angestimmt hat, wird sich fortsetzen. Von Mund zu Mund. Mehr noch, sie, die die Macht haben, werden selbst einstimmen müssen: Es ist aus, wir sind vernichtet! Die sich selbst die Herrschaft sichern wollten, geraten unter Fremdherrschaft. Es wird böse mit euch enden, sagt der Prophet. Und, seltsam genug, ihr selbst bereitet euch den Untergang. Es mag sein, Micha sieht eine zukünftige Eroberung des Landes. Aber diese Eroberung ist in seinen Augen eine Folge der Gier der Mächtigen im Land. Ihr Verhalten fällt auf sie und auf das ganze Volk zurück.

Man kann vor dem Satz zurückschrecken: „Es gehört zu dem furchtbaren Ernst der göttlicher Gerichte, dass sie menschlich gesehen Schuldige und Unschuldige treffen und das ganze Volk ins Verderben stürzen.“(A. Weiser, ebda.) Das schreibt der Ausleger zweiundzwanzig Jahre nach dem großen Untergang Deutschlands 1945 und hat sicher das eigene Geschick mit vor Augen. Es ist ein Satz, den heute, im Jahr 2020, die Pandemie vor Augen – niemand zu wiederholen wagt.

6 »Geifert nicht!«, so geifern sie. »Solches soll man nicht predigen! Wir werden nicht so zuschanden werden! 7 Darf so etwas gesagt werden, Haus Jakob? Meinst du, der HERR sei schnell zum Zorn? Sollte er solches tun wollen?«

Die Angegriffenen schlagen zurück. Attackiert Micha ihren Machtmissbrauch, so werfen sie ihm Einmischung vor und schlimmer noch: Irrlehre. Unsinn über Gott. Es ist der Angriff, der geeignet ist, den Propheten als inkompetent zu erweisen: Er hat keine Ahnung von dem, was rechte Lehre ist.

„Micha hat nicht das Recht, so zu sprechen, weil er damit gegen die Grundaussagen des Glaubens und gegen die Zusagen Gottes Front macht.“(D. Kinet, aaO. S, 119) Er stellt in Frage, was niemand in Frage stellen darf: „Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde…(2. Mose 34, 6-7) Das kann doch nicht sein, dass einer, der im Namen Gottes zu reden beansprucht, die Treue Gottes in Frage stellt. Dass er vergisst, dass Gott langmütig ist, freundlich, voller Geduld. „Geduldig und von großer Güte.“(Psalm 86,15 103,8; 145,8) Davon lebt Israel und wer das in Frage stellt, entzieht ihm den Grund unter den Füßen, auf dem es steht.

Durch diese Art, aus den Worten Gottes eine Beistandsklausel zu machen, die immer und ewig gilt, ist es zur Entwicklung eines theologischen Denkens gekommen, das die Freiheit Gottes vergessen hat. „Das Bild vom lieben, treuen und barmherzigen Gott hat sich als unabänderliches Dogma in die Theologie eingeschlichen. Gott kann und darf deshalb nicht anders sein.“(D. Kinet, aaO. S. 120) Es ist mir eine wirkliche Frage, ob unsere Zeit nicht genauso denkt.

„Die Kirche soll sich nicht in die Politik einmischen. Die Kirche soll nicht über Märkte und Marktmechanismen reden, von denen sie nichts versteht.“ Das ist eine unserer Zeit angemessene Übersetzung für „Geifert nicht!«- »Solches soll man nicht predigen!« Es ist wohl so, dass der Prophet nervt, weil er den Nerv getroffen hat. Dass er stört, weil er nicht schweigt. Und dass man ihn deshalb zur Ordnung rufen möchte.Vor allem die, die an der Macht sind, deren Tun er so kritisch beleuchtet.

Es ist wahr, meine Reden sind freundlich den Frommen. 8 Aber ihr steht wider mein Volk wie ein Feind; denn ihr raubt Rock und Mantel denen, die sicher dahergehen, die sich abwenden vom Krieg. 9 Ihr treibt die Frauen meines Volks aus ihren lieben Häusern und nehmt von ihren kleinen Kindern meinen Schmuck auf immer:

Es ist Gott, der hier das Wort hat. Der bestätigt, dass er nicht schnell zum Zorn ist. Ja, Gott kann auch freundlich. Gott kann auch lieb und nett. Aber nicht immer und nicht wie auf Abruf. Seine guten Worte gelten denen, die gut sind, fromm. Redlich. Wenn sich aber die Führungskräfte des Volkes wie ein Feind des Volkes aufführen, dann wird Gott sie darin nicht unterstützen, sie in ihrer Habgier nicht noch schützen. Es ist vielmehr so: indem sie so mit dem Volk umgehen, isolieren sie sich nicht nur von dem Volk, sondern sie werden regelrecht zum Nicht-Volk. Sie sind nicht mehr Gottes Volk. Beim Zeitgenossen des Micha steht der Satz: „Nenne ihn Lo-Ammi, denn ihr seid nicht mein Volk, so will ich auch nicht der eure sein.“(Hosea 1,9)

Die Erwartung, dass Gott alles gut heißen wird, was geschieht, ist ein Irrtum. Es löst den Widerspruch Gottes aus, durch den Mund des Propheten. „Von denjenigen, die ohnehin schon nicht viel besaßen, wurde noch das wenige, das ihnen Freude bereitetem brutal weggerissen.“(D. Schibler, aaO. S. 53)

10 »Macht euch auf! Ihr müsst davon, ihr sollt an dieser Stätte nicht bleiben!« Um der Unreinheit willen muss sie grausam zerstört werden.

Es bleibt nicht bei der Klage, auch nicht bei der Anklage. Es folgt der Urteilsspruch. Sie, die die Armen aus ihren Häusern und von ihrem Besitz vertreiben, werden selbst zu Vertriebenen werden. Sie, die das Volk berauben, werden selbst Opfer des Raubes der Stärkeren werden. Es ist schon früh, weit bevor die israelitische Aufklärung in der Denkschule der Weisheit nach dem Exil dieses Denkmuster theoretisch entwickelt, ein Denken im Zusammenhang von Tun und Ergehen. Ihr eigenes Tun fällt schicksalhaft, schuldhaft auf sie zurück. Sie säen Unheil und werden deshalb auch Unheil ernten.

11 Ja, wenn ein Irrgeist käme und ein Lügenprediger und predigte, wie sie saufen und schwelgen sollen – das wäre ein Prediger für dies Volk!

Es ist bittere Ironie – so sind die Prediger, die sich die Mächtigen wünschen. Sie streicheln und schmeicheln. sie stimmen zu, sie heißen gut. Sie sind Meister des gesellschaftlichen Small-Talk und ihre Botschaft ist nicht Kritik, sondern Lob. Dann sind Prediger willkommen, wenn sie ihnen allen, den Mächtigen und dem Volk nach dem Mund reden.

Die Leute, die Micha im Blick hat, sind seit damals nicht ausgestorben. „Sie haben insoweit Religion und können diese nur solange gebrauchen, als sie ihren menschlichen Bedürfnissen dient, und wer diese ihre Interessen vertritt, der ist ihr Prophet.“(A. Weiser, aaO. S. 251 Die Worte Michas wirken wie eine frühe Version der scharfen Kritik von Karl Marx: „Religion – Opium für das Volk.“(Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie 1843), weil sie stillhalten lehrt. Hier aber gilt das nicht für das Volk, sondern für die Mächtigen. Religion in dieser Version lehrt Genuss ohne Reue. Das, sagt Micha, ist ein Irrgeist und die so reden sind Lügenprediger.

12 »Ich will dich, Jakob, sammeln ganz und gar und den Rest Israels zusammenbringen. Ich will sie wie Schafe miteinander in einen festen Stall tun und wie eine Herde in ihre Hürden, dass es von Menschen dröhnen soll.« 13 Ein Durchbrecher ist vor ihnen heraufgezogen; sie haben das Tor durchbrochen und sind hindurch- und hinausgezogen: Ihr König zog vor ihnen her, ja der HERR an ihrer Spitze.

Größer kann der Stimmungsumschwung nicht sein. Auf die scharfen Angriffe folgt eine Heilsweissagung. Es gibt keinen Weg, die Abfolge zu erklären. Es liegt vielmehr nahe, hier eine deutliche Zäsur zu sehen Es sind Worte, die in eine andere Situation hineingesprochen werden.

Eine Gedanke: Es scheint, als würde Micha es nicht mehr aushalten, den Blick in das Chaos und das Unrecht und darum die Blickrichtung wechselt: In eine andere Welt, in eine andere Zeit. Er muss diese Hoffnung auf eine andere Zeit bewahren, damit er nicht in Resignation und Hass versinkt. Es ist Gottesrede, die ihn hoffen lässt auf diese andere Zeit. Es ist die Erinnerung an den Zug durch das Schilfmeer, Mose und der HERR voran, die ihn auf den neuen Weg hoffen lässt. Weil der Herr vorangeht, wird der Weg frei werden.

Der Rest Israels – das läsṣt vermuten: Nach der Deportation, nach 722. Nicht mehr vor der Zerstörung, sondern nach der völligen Niederlage nimmt Micha hier das Wort. Er richtet seine Worte an Leute, die alles verloren haben, ihren Besitz, ihre Heimat, ihre Freiheit. Es sind entwurzelte Leute. Deshalb müssen sie nicht unbedingt schon im Exil sein, verschleppt nach Assur. Es können auch die sein, die jetzt mühsam eine neue Existenz suchen. Auch heute gibt es viel Flucht, die dennoch im eigenen Land bleibt, heimatvertrieben aus den eigenen Häusern, entwurzelt, aber noch nicht in der Fremde eines anderen Landes.

Darauf kommt es an: „Israel ist zerstreut, und Jahwe will die Überreste des Volkes sammeln und in die Freiheit führen.“(A. Weiser, aaO. S. 252)Entscheidend ist: Das ist allein Tat Gottes. Das ist die Zumutung an die, die so im Elend stecken: Sie sollen diese Verheißung hören und ihr trauen. Gott ist der Durchbrecher. Es ist kühn: „Wie die Herde am Morgen – der Leithammel (der Durchbrecher) an der Spitze – durch das Tor des Pferchs herausdrängt auf die Weide, so wird Israel unter Jahwes Führung aus der Gefangenschaft in die Freiheit ziehen.“(A. Weiser, aaO. S. 253)

Propheten sind nicht nur Unglücksraben. Nicht nur Kassandra. Sie dürfen auch – im Auftrag Gottes – Heil ansagen. Man muss nicht als Erklärung für diese Heilsworte des Micha auf die Idee verfallen: Spätere Zufügung. Gott ruft sein Volk durch beides, durch die Ansage des Gerichtes und die Verheißung der Gnade. Allerdings: Es braucht den Glauben, das Vertrauen, dass Gott auch diese Heilsworte der Propheten wahr machen wird so wie er auch das Gericht wirklich werden lässt.

Zum Weiterdenken

Micha ist einer, der Zeitanalyse treibt. Politisch redet. Manchmal mag er nicht mehr nur sehen, was ins Chaos führt. Ich kann das nachvollziehen. Ich bin nicht nur ab und zu, ich bin dauererschöpft von den Nachrichten in Tagessschau und Nachtstudio. Es gibt bei mir das Gefühl, dass die Welt im Chaos versinkt. Nicht erst seit der Pandemie. Was mir zusetzt, ist eine Mentalität, de nur noch die eigenen Interessen kennt und keinen Respekt mehr vor den Regeln der Gemeinschaft. Es sind Politiker wie Trump, Orban, Erdogan & Co, die das vorleben. Es sind die Krawallmacher in Frankfurt, Stuttgart und anderswo, auch die selbsternannten Waldretter, Tier-, Umwelt- und Lebensschützer, die keine Gerichtsurteile respektieren, die ihnen nacheifern. Ist das zu politisch und gehört nicht zur Auslegung biblischer Texte? Aber Micha greift in seinen Worten auf politische Verhältnisse zurück und geißelt Raffgier und Selbstsucht, Machtgeilheit und Egoismus. Und: Er nennt Ross und Reiter.

Auch einer Bischöfin und Ratsvorsitzenden steht es, so die Kritiker mit der Macht im Rücken,  nicht zu, einfach in einer Predigt zu sagen: „Nichts ist gut in Sachen Klima … Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden … Es ist nicht alles gut, wenn so viele Kinder arm sind im eigenen Land … Nichts ist gut, Erschrecken ist angesagt, wenn ein Spitzensportler Angst hat, seine Depression offiziell behandeln zu lassen … Nichts ist gut, wir erschrecken, wenn wir erkennen, wie bei uns eine solche Atmosphäre der Gnadenlosigkeit herrscht und alle immer stark sein müssen – wie unmenschlich!“(M. Käßmann, 1. 1. 2010 im Berliner Dom) Sie hat dafür heftigen Widerspruch geerntet. Der Vorwurf im Kern: Gesinnungsethik statt Verantwortungsethik.

Gar so weit ist unsere Zeit nicht entfernt von dem, was die Widersacher des Micha ihn wissen lassen. Aus einem Leitartikel zum Urteil über die Aufhebung des Verbotes der Sterbehilfe: „Die Kirchen, die gegen das Urteil Sturm laufen, müssen sich darauf hinweisen lassen, dass ihre ethischen Regeln allein für die Gläubigen gelten, nicht aber die Gesellschaft binden können…. Die Kirchen werden damit leben müssen, dass in Einrichtungen anderer Träger künftig auch Sterbehilfe angeboten wird.“ (F. Roeingh, Freiheitsrechte, in: Kreisanzeiger 27. 2. 2020, S. 2) Schärfer kann das Auseinanderdriften von Christengemeinde und Bürgergemeinde kaum formuliert werden. Die Zeiten der Volkskirche und ihres Einflusses auf die Gesellschaft neigen sich dem Ende zu.

Du Heiliger, Du Barmherziger, Du Gott und Herr. Du siehst, was im Gang ist. Du siehst nicht weg, weil es Dich nichts angeht. Du siehst hin, weil es Dich berührt, schmerzt, kränkt. Alles Unrecht ist eine Wunde, die Du erleidest.Alle Gewalt trifft Dich. Aller Hass ist Dein Schmerz. Du wirst richten, aber nicht vernichten. Du fällst dem Unrecht und den Tätern in den Arm, um die zu schützen, die unter die Räder kommen. Du hältst fest an Gnade und Erbarmen, am Leben, am neuen Anfang. Darüber lobe und preise ich Dich. Amen