Unheimlich – dieser Gott

Micha 1, 1 – 16

1 Dies ist das Wort des HERRN, welches geschah zu Micha aus Moreschet zur Zeit des Jotam, Ahas und Hiskia, der Könige von Juda, das er geschaut hat über Samaria und Jerusalem.

Nicht irgendwann, sondern zu einer bestimmten Zeit erreicht das Wort des HERRN den Mann Micha aus Moreschet, „einem Dorf, das ca. 35 km südwestlich von Jerusalem lag.“ (D. Kinet, Der aufhaltbare Untergang, Bibelauslegung für die Praxis 14, Stuttgart 1981, S. 117) Es ist die Zeit der Könige von Juda, die in die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts weist. Über diesen Mann Micha erfahren wir nichts. Auch dass er ein Prophet ist, erschließt sich nur aus seiner Botschaft, nicht aus einer Selbstaussage. Immerhin – sein Name ist irgendwie doch passend: „Der Name Micha ist eine Kurzform für Michaja(hu) und heißt: „Wer ist wie Jahwe?“(A. Weiser, Die Propheten Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, ATD 24, Göttingen 1967, S. 233)

„Die Wirksamkeit des Propheten Micha fällt in eine politisch stark bewegte Zeit, in der die Bevölkerung des judäischen Landes bis in die Tiefen aufgewühlt wurde.“(A. Weiser, aaO. S. 228) Die drei genannten Könige umspannen einen langen Zeitraum, von etwa 747 bis 697 v. Chr. Das sind fünfzig Jahre! Es ist die gleiche Zeit, in der auch Jesaja als Prophet gewirkt hat. Ob sie damals gespannt auf Worte von Propheten gewartet haben? Ob es so etwas wie einen Prophetenverbund gegeben haben kann – Jesaja, Micha, Amos? Fragen, auf die zu antworten schwierig ist. Aber sie stellen sich in der Rückschau.

2 Höret, alle Völker! Merk auf, Erde und alles, was darinnen ist!

Die Botschaft Michas setzt mit einem Weckruf ein. Nicht nur an Juda, nicht nur an Samaria. An alle Völker und die ganze Erde. Diese Weite ist deshalb bemerkenswert, weil es doch zuvor vom Wort des Herrn heißt: das er geschaut hat über Samaria und Jerusalem. Hier als dennoch nicht nur schema᾽ jisrael „Höre, Israel.“(5. Mose 6,4) Mag sein, es ist eine lokale, partielle Schauung, die aber gleichwohl global, weltweit wahrzunehmen ist. Das ist ja etwas, was wir heutzutage mühsam zu lernen haben. Die Katastrophen der Erde machen nicht vor nationalen Grenzen Halt und die Herausforderungen der Welt gehen an alle. Sie fordern lokales Handeln, weil es um globale Veränderung geht. Was Micha anzusagen hat, betrifft alle.

Gott der HERR tritt gegen euch als Zeuge auf, ja, der Herr aus seinem heiligen Tempel.

Der knappe Satz deutet an: Gericht. Gott tritt auf, tritt aus seinem Tempel, um anzuklagen. „Die ganze Weltbevölkerung befindet sich auf der Anklagebank.“(D. Schibler, Der Prophet Micha, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1991, S. 36) Und Gott, der Herr ist Ankläger, Zeuge – ‛ed – und Richter in einer Person. Das mag für unser Rechtsverständnis schwierig sein – für das Denken Israels ist das kein Problem.

3 Denn siehe, der HERR geht aus von seiner Stätte und fährt herab und tritt auf die Höhen der Erde, 4 dass die Berge unter ihm schmelzen und die Täler sich spalten, gleichwie Wachs vor dem Feuer zerschmilzt, wie die Wasser, die talwärts stürzen.

Gott kommt gewaltig. Es sind Bilder, die an andere Schilderungen des Erscheinens Gottes denken lassen. „Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil der HERR auf den Berg herabfuhr im Feuer; und sein Rauch stieg auf wie der Rauch von einem Schmelzofen, und der ganze Berg bebte sehr.“(2. Mose 19, 18) Oder, aus dem Mund des Lobsängers auf dem Königsthron, David:

„Die Erde bebte und wankte,                                                                                               und die Grundfesten der Berge bewegten sich                                                               und bebten, da er zornig war.                                                                                         Rauch stieg auf von seiner Nase                                                                                         und verzehrend Feuer aus seinem Munde;                                                           Flammen sprühten von ihm aus.“     Psalm 18, 8-9

Wir heute neigen dazu, solche Aussagen irgendwie unpassend zu finden. Vermenschlichungen Gottes. Der Prophet will jedoch nicht vermenschlichen – er sieht gewaltiges Geschehen in Gang gesetzt, hinter dem Gott am Werk ist. Der sich der Anschaulichkeit entzieht, aber gleichwohl Herr des Geschehens ist. Darauf laufen die Sätze hinaus: Wenn Gott kommt, gerät die Welt in ihren Grundfesten in Aufruhr, in Erschütterung, ins Beben. Gott ist nicht harmlos. Diesen kommenden Gott sagt Micha an.

5 Das alles um Jakobs Übertretung und um der Sünden des Hauses Israel willen. Was ist aber die Übertretung Jakobs? Ist’s nicht Samaria? Was sind aber die Opferhöhen Judas? Ist’s nicht Jerusalem? 6 So will ich Samaria zum Steinhaufen im Felde machen, zum Land, auf dem man Reben pflanzt, und will seine Steine ins Tal schleifen und es bis auf den Grund bloßlegen. 7 Alle seine Götzen sollen zerbrochen und all sein Hurenlohn soll mit Feuer verbrannt werden. Und ich will alle seine Götzenbilder zerstören; denn sie sind von Hurenlohn zusammengebracht und sollen auch wieder zu Hurenlohn werden.

Auslöser des Geschehens ist das Verhalten in Nord- und Südreich, Samaria und Juda. Es sind steile Sätze: Die Hauptstädte, auf die man stolz ist, in denen das Leben pulsiert, deren Pracht das Selbstbewusstsein stärkt, Samaria und Jerusalem, sind Übertretung. Es ist wohl so, dass sich in den Hauptstädten wie unter dem Brennglas zeigt, was überall im Land im Schwange ist. „Die Hauptstadt des Landes als Exponent des ganzen Volkes ist der Schuldige.“(A. Weiser, aaO. S. 237) Die Orte, die heilig sein sollten, sind zu Orten der Sünde gemacht worden. Jerusalem zur bamot, zur Opferhöhe, gleich den heidnischen Höhenheiligtümern, die zur Zeit Michas wohl noch nicht wirklich verpönt waren. Volksfrömmigkeit hat sich noch nie an die reine Lehre gehalten.

Hier allerdings endet die Parallele zwischen Nord- und Südreich. Jerusalem bleibt im Folgenden unerwähnt. Denn die Gerichtsansage zielt nur noch auf Samaria. Kein Stein wird dort auf dem anderen bleiben. Die Götzenbilder fallen. Das Land erntet, was es gesät hat – Vergänglichkeit ohne Treue.

8 Darüber muss ich klagen und heulen, ich muss barfuß und bloß dahergehen; ich muss klagen wie die Schakale und jammern wie die Strauße: 9 Dass Samarias Wunde unheilbar ist, dass sie bis nach Juda eindrang; der Schlag reicht bis an meines Volkes Tor, bis hin nach Jerusalem.

Micha sieht, was kommen wird. Oder sieht er zurück auf die schon erfolgte Zerstörung Samarias im Jahr 722? Allerdings auch das könnte als historische Einordnung möglich sein: Der Blick richtet sich auf die Strafexpedition Sanheribs, die ihn im Jahr 701 bis vor die Tore Jerusalems führt. Eine Entscheidung über den Zeitpunkt der Worte ist vom Text her kaum möglich. Wie auch immer die historische Lage ist, jedenfalls stimmt Micha eine regelrechte Totenklage an. Nackt, barfuß – kurz: schutzlos preisgegeben. Kein Zweifel: Der Schlag ist der Schlag Jahwes. Hinter den feindlichen Heeren sieht Micha Gott am Werk.

10 Verkündet’s ja nicht in Gat; lasst euer Weinen nicht hören; in Bet-Leafra wälzt euch im Staube! 11 Ihr Einwohner von Schafir müsst dahin mit allen Schanden; die Einwohner von Zaanan sind nicht ausgezogen; Bet-Ezel klagt: Er nimmt euch seine Stütze. 12 Die Einwohner von Marot vermögen sich nicht zu trösten; denn Unheil vom HERRN ist gekommen bis an die Tore Jerusalems. 13 Du Stadt Lachisch, spanne die Rosse vor die Wagen; denn das war für die Tochter Zion der Anfang zur Sünde. In dir fanden sich ja die Übertretungen Israels. 14 Du wirst dich scheiden müssen von Moreschet-Gat; die Häuser von Achsib werden den Königen von Israel zum Trug. 15 Ich will über dich, Marescha, den Eroberer bringen, und die Herrlichkeit Israels soll kommen bis Adullam. 16 Lass dir die Haare abscheren und geh kahl um deiner verzärtelten Kinder willen; ja, mach dich kahl wie ein Geier, denn sie sind gefangen von dir weggeführt.

Ein Ort nach dem anderen wird genannt. Alles Orte im Süden, die zu Juda zählen, im Hügelland der Schefola. Und es bleibt kein Zweifel – hinter dem Geschehen, das so beklagt wird, steht Gott. Unheil vom HERRN ist gekommen bis an die Tore Jerusalems. Das ist Michas Verständnis des Geschehens: „Gott ist ihm der Herr der gesamten Geschichte; seiner Macht und seinem Willen dient auch der König von Assur, und es gibt für ihn keine menschliche Unternehmung, hinter der nicht Gott als der eigentlich Handelnde unsichtbar steht.“(A. Weiser, aaO. S. 242)

Zum Weiterdenken

Wenn ich mich in Micha hineindenke: Was er hier sagt, ist ein Tabu-Bruch. Er beschreibt den unaufhaltbaren Vormarsch der Assyrer als Gerichtshandeln Gottes. Des Gottes, auf dessen Treue sie sich in Israel verlassen haben. Er ist doch der Gott, der uns als Volk erwählt hat, der David und seinem Volk die Treue geschworen hat. Der gute Gott der Väter. Es kann und darf doch nicht sein, dass er jetzt so ganz anders, fremd, gar feindlich ist, Ob seine Botschaft Micha nicht den wütenden Vorwurf eingebracht hat: Du bist ein Drohbotschafter, und kein Frohbotschafter. Wenn Micha hinter dem Vormarsch der Assyrer Gott sieht, dann gewinnt er damit zugleich Hoffnung: Gott ist auch für die Assyrer eine Grenze. So herb ist der Glaube Michas.

Darf man, kann man das heute noch so sagen, so denken? Gott hinter allem Geschehen, auch dem Unheil? „Lebendiger Gott als Möglichkeit ist ein Gott, der sich in der Geschichte lebendig erwiesen hat – und in der Geschichte lebendig heißt > Unser Gott!<. Aufbauen und zerstören, zerstören und aufbauen heißt, Leben geben und Leben nehmen. Lebendiger Gott setzt voraus, dass Gott in der Geschichte als Zerstörender und als Aufbauender wieder handelt. Es ist in der Heiligen Schrift niemals von dem Gott die Rede, der immer nur aufbaut, sondern das ist das Geheimnis der Heiligen Schrift, das von einem Gott die Rede ist, der beides tut: Aufbauen und zerstören. Gericht und Gnade nennt man das.“(K. Vollmer, Römerbrief, Mitte des Neuen Testamentes. Niederschrift Finnland 1973, Münstedt 2012, S. 22)

So zu denken und zu glauben ist vielen heute fremd geworden. Gott ist aus der Geschichte ausgewandert in die persönliche Moral. Allenfalls noch in ethische Forderungen. Aber er ist nicht mehr der Handelnde. „Zuweilen kommt mir auf dem Weg ein mordlustig aussehender Hund entgegen. Während ich angstvoll dem Unheil ins Auge sehe, ruft die Stimme eines (dem Hund nicht selten ähnlichen sehenden) „Herrchen“: „Der ist lieb.“ Und zuverlässig folgt als weiterer Satz: „Der tut nichts.“ Die vertraute Wortwahl erlaubt verblüffende Rückschlüsse auf die Rede vom „lieben Gott“: „Der ist lieb – der tut nichts.“ Lieb sein heißt: Nichts tun. „Willst du wohl liebsein?!“ sagt man dem Kind und meint in den meisten Fällen, dass es etwas unterlassen soll. In dieser Logik zeigt nicht nur eine bestimmte Pädagogik ihr Gesicht, sondern auch eine bestimmte Frömmigkeit. Würde – mit Verlaub – Hund, Kind oder Gott „etwas tun“ so wäre es aus mit dem Lieb-Sein. Der „liebe Gott“ ist „lieb“, nicht nur solange er nichts, sondern weil er nichts tut. Vor dem „lieben Gott“ muss man keine Angst haben. Er tut nichts.“( J. Ebach u. a.; Gretchenfrage. Von Gott reden – aber wie? Gütersloh 2002, S. 110)

Ob so ein Gott im Leben und Sterben trösten kann? Ob er uns hilft, im Chaos der Welt nicht orientierungslos hinter den Lautsprechern herzulaufen?

Manchmal, mein Gott, bist Du mir unheimlich. Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. Kann es sein, dass wir Deine Gerichte sehen ohne zu verstehen, was da im Gang ist? Stehst Du auch heute hinter allem Geschehen, hinter den Muskelspielen der Mächtigen, , hinter den bösen Sprüchen, hinter dem skrupellosen Agieren derer, die für sich die Macht beanspruchen? Müssen wir uns verabschieden von dem, was uns ein Leben lang geprägt hat, dass alles leichter wird, dass immer mehr zur Verfügung steht, dass es keine Grenzen für das Wachstum gibt?

Kann es sein, dass Dein Weg mit uns so aussieht, dass wir bescheidener werden müssen, mit weniger zufrieden, demütiger und weniger anspruchsvoll? Ich will mich auf die Suche machen nach Dir, nach Deinem Weg und ihn gehen, auch dann, wenn es schmäler wird auf dem Weg, ärmlicher. Wo Du bist, da ist volle Genüge. Amen

Ein Gedanke zu „Unheimlich – dieser Gott“

  1. Die wertvollen alten Texte aus dem Buch der Könige haben mir Ihre Kommentare soviel aktueller und präsenter gemacht. Ganz herzlichen Dank dafür!Sie wurden für den jeweiligen neuen Tag sehr hilfreich und aktuell!!

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