Wir entgehen unserem Schicksal nicht.

Wie alle wissen, auch die Aramäer: Wenn der König fällt, ist die Schlacht verloren, der Kampf vorbei. 1. Könige 22, 24 – 40

24 Da trat herzu Zidkija, der Sohn Kenaanas, und schlug Micha auf die Backe und sprach: Wie? Ist der Geist des HERRN von mir gewichen, dass er mit dir redet? 25 Micha sprach: Wahrlich, an dem Tage wirst du’s sehen, wenn du von einer Kammer in die andere gehst, um dich zu verkriechen.

Zidkija hat verstanden und nimmt die Worte des Micha persönlich. Er fühlt sich nicht nur ein bisschen in Frage gestellt. Er spürt, dass ihm hier abgesprochen ist, was bis dahin seine Existenz ausmacht – dass der Geist des HERRN in ihm wirkt, durch ihn spricht. Er ist in seiner Berufsehre verletzt. Dass er handgreiflich wird, ist nur ein Zeichen seiner tiefen Betroffenheit. Und Micha? Er lässt sich nicht auf eine Debatte über die Anmaßung in seinen Worten ein, über einen Wahrheitsbeweis. Da ist nichts zu beweisen. Die Zukunft wird es an den Tag bringen.

Man wird es nicht übersehen dürfen: Hier stehen sich zwei Sichtweisen von Prophetie gegenüber. Mich sagt von sich: Ich sah. Er ist abhängig von dem, was Gott ihm zeigt, ihn schauen lässt. Zidkija dagegen führt seine Worte auf den Geist zurück. „Für ihn ist der Geistbesitz das Kriterium des Prophetentums… Da sich Micha auf Vision und Audition berufen hatte, sind mit Zidkija und Micha zwei verschiedene Arten des Prophetentums einander gegenüber gestellt.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,2, Göttingen 1984, S. 260) Sie haben vermutlich auch unterschiedliche Wurzeln.

26 Der König von Israel sprach: Nimm Micha und bring ihn zu Amon, dem Stadthauptmann, und zu Joasch, dem Sohn des Königs, 27 und sprich: So spricht der König: Diesen werft in den Kerker und speist ihn nur kärglich mit Brot und Wasser, bis ich mit Frieden wiederkomme. 28 Micha sprach: Kommst du mit Frieden wieder, so hat der HERR nicht durch mich geredet. Und er sprach: Höret, alle Völker!

Auch der König reagiert. Er lässt Micha festsetzen Bei Wasser und Brot. Viel stärker kann er sein Missfallen an den Worten des unbotmäßigen Propheten nicht zum Ausdruck bringen. Er ist überzeugt, die Botschaft Michas ist Unsinn. Er wird im Frieden heimkehren. Das wiederum beantwortet Micha: wenn es so kommt, wieder König erhofft, dann ist das der Beweis, dass Micha der ist, durch den der HERR nicht geredet hat. einmal mehr: der Wahrheitserweis der prophetischen Rede liegt im zukünftigen Geschehen. Das aber geht alle an, auch die anderen Völker. „Der weitere Gang der Ereignisse wird enthüllen, wer wahr gesprochen hat und wer in Vermessenheit.“ (E. Würthwein, aaO. S. 259)

29 So zogen der König von Israel und Joschafat, der König von Juda, hinauf nach Ramot in Gilead. 30 Und der König von Israel sprach zu Joschafat: Ich will mich verkleiden und in den Kampf ziehen, du aber behalte deine königlichen Kleider an. Und der König von Israel verkleidete sich und zog in den Kampf.

Ist das ein infamer Plan oder ist es einfach Kampflust? Der König von Israel kleidet sich für den Kampf wie ein normaler Kämpfer, Joschafat, der König von Juda dagegen wird als König in all seiner Pracht in den Kampf ziehen. Wenn es ein Plan ist, so ist er infam: Ahab „will sich im Kampf nicht als König zu erkennen geben. Joschafat dagegen soll als solcher kenntlich sein und so die Angreifer auf sich ziehen.“ (E. Würthwein, aaO. S. 256) Man kann darüber nachdenken, ob Joschafat gehorchen muss oder ob er naiv ist und die Gefahr nicht vorausschauend erkennt.

31 Aber der König von Aram gebot den Obersten über seine Wagen – es waren zweiunddreißig – und sprach: Ihr sollt nicht kämpfen gegen Geringe und Hohe, sondern allein gegen den König von Israel. 32 Und als die Obersten der Wagen Joschafat sahen, meinten sie, er wäre der König von Israel, und wandten sich gegen ihn zum Kampf, aber Joschafat schrie. 33 Als aber die Obersten der Wagen merkten, dass er nicht der König von Israel war, wandten sie sich von ihm ab.

Der Plan Ahabs scheint zu gelingen. Wie alle wissen, auch die Aramäer: Wenn der König fällt, ist die Schlacht verloren, der Kampf vorbei. Die gegnerischen Kräfte konzentrieren sich auf die vermeintliche Heerführung und damit auf Joschafat. Ihn identifizieren sie irrtümlich als den König von Israel. Der erkennt die tödliche Gefahr und schreit in seiner Angst. Als die Aramäer ihren Irrtum – es ist der falsche Mann – bemerken, lassen sie den Judäer laufen.

34 Ein Mann aber spannte den Bogen von ungefähr und schoss den König von Israel zwischen Panzer und Wehrgehänge. Da sprach er zu seinem Wagenlenker: Wende um und führe mich aus dem Kampf, denn ich bin verwundet! 35 Aber der Kampf nahm immer mehr zu an demselben Tage, und der König blieb im Wagen stehen gegenüber den Aramäern. Am Abend aber starb er, und das Blut floss von der Wunde mitten in den Wagen.

Ahab aber wird von einem gewöhnlichen Krieger der Aramäer, irgendeinem Mann von ungefähr angeschossen. Wie zufällig, wie es in einer Schlacht ist. Der Mann hat keine Ahnung, wen er da getroffen hat. Tödlich verwundet. Ein Rückzug aus der Schlacht ist nicht möglich, weil sich alles ineinander verkeilt hat. Die Situation ist buchstäblich verfahren und Ahab stirbt, verblutet auf einem Wagen.

36 Und man ließ ausrufen im Heer, als die Sonne unterging: Ein jeder gehe in seine Stadt und in sein Land; 37 denn der König ist tot! Und sie gingen nach Samaria und begruben den König zu Samaria.

„Mit dem Tod des Königs hat der Feldzug ein Ende.“ Das Heer wird entlassen. Es kommt also so, wie es Micha gesehen hatte: Diese haben keinen Herrn; ein jeder kehre wieder heim mit Frieden.“ (22,17) Immerhin – sie bringen den toten König zurück nach Samaria und begraben ihn dort. Er wird nicht von Hunden oder Aasgeiern gefressen!

38 Und als sie den Wagen wuschen bei dem Teich Samarias, leckten die Hunde sein Blut – und die Huren wuschen sich darin – nach dem Wort des HERRN, das er geredet hatte.

Aber: als sein Streitwagen gesäubert wird, vom Blut abgewaschen, da leckten die Hunde sein Blut. Es wirkt wie ein Zusatz: „Außerdem badeten in dem Teich gerade die Huren. Da diese kurze Feststellung ihne jede Erklärung steht, fällt die Deutung schwer.“(H. Schmid, aaO. s. 605) Vielleicht ist es nur eine zufällige Begegnung? Was Elia seinerzeit angesagt hatte, das erfüllt sich jetzt, auch wenn Elia in dieser Geschichte gar nicht mit auf dem Plan ist.

39 Was mehr von Ahab zu sagen ist und alles, was er getan hat, und das Elfenbeinhaus, das er baute, und alle Städte, die er gebaut hat, siehe, das steht geschrieben in der Chronik der Könige von Israel. 40 Also legte sich Ahab zu seinen Vätern, und sein Sohn Ahasja wurde König an seiner statt.

Auffällig; erst hier wird zum ersten Mal in diesem Kapitel der Name Ahab genannt. Vorher ist immer nur vom König von Israel die Rede. Es ist, als wäre die Person Ahab hinter seinem Amt verschwunden und würde erst im Tod wieder sichtbar gemacht. Es folgt die standardisiert Abschlussformel über die Könige. Seine Leistungsbilanz. Ahab war ein Städtebauer. Das wird hier nicht verschwiegen. Und er findet sein Grab bei den Vätern. Seine Irrtümer in Sachen Glauben werden hier nicht mehr eigens erwähnt. Sein Sohn Ahasja wird sein Nachfolger. immerhin König in der dritten Generation aus der Dynastie der Omriden.

Zum Weiterdenken

Es ist ein seltsames Ende. Um dem Tod in der Schlacht zu entgehen, verkleidet sich König Ahab und geht gerade so seinem Tod entgegen. Er entledigt sich seiner Königswürde und wird am Ende würdelos „entsorgt.“ Seine Schuld, angehäuft über Jahrzehnte, hat ihn am Ende eingeholt. Es ist, wie es das Sprichwort sagt: „Gottes Mühlen mahlen langsam, aber stetig trefflich fein.“

Haben wir also das zu lernen? Keiner entgeht seinem Geschick. Keiner kann sich so verstecken, dass er dem Tod entgeht. Das könnte zu fatalistisch gedacht sein, zu sehr in Kategorien wie unabwendbares Schicksal. Es ist die Sicht der Könige-Bücher: Weil die Warnungen Gottes ungehört verhallen, weil der Ruf zur Umkehr nicht wirklich gehört wird, nur darum nimmt das Schicksal seinen Lauf. Im individuellen Leben bei Ahab und im Geschick Israels. Es hätte anders kommen können, wenn ….

Hören wir in der Corona-Pandemie einen Ruf zu Umkehr zu einem anderen Leben? Zu einer Lebensweise, die die gnadenlose Ausbeutung der Welt bremst, wenn sie sie schon nicht stoppt? Oder warten wir nur darauf, dass alles wird früher, dass es weiter geht, immer weiter. Wie gehabt. Das ist – so meine Sicht – die Schicksalsfrage unserer Zeit. Wir sollten die Warnsignale – Gottes?! – nicht überhören.

 

Mein Gott und Herr. Wir entgehen unserem Schicksal nicht. Das höre ich und erschrecke. Es ist wohl so, dass wir planen können, uns geschickte Schachzüge überlegen. Manchmal gehen sie auf. Manchmal aber holt uns die Vergangenheit ein. Manchmal gibt es kein Ausweichen. Irgendjemand tut, was er tut und wir werden eingeholt von dem, was wir befürchtet haben.Wir entgehen unserem Schicksal nicht. Ich möchte lernen, es anzunehmen. Amen