Einer gegen viele

1. Könige 22, 1 – 23

1 Und es vergingen drei Jahre, dass kein Krieg war zwischen den Aramäern und Israel. 2 Im dritten Jahr aber zog Joschafat, der König von Juda, hinab zum König von Israel. 3 Und der König von Israel sprach zu seinen Großen: Wisst ihr nicht, dass Ramot in Gilead unser ist, und wir sitzen still und nehmen es nicht dem König von Aram ab? 4 Und er sprach zu Joschafat: Willst du mit mir ziehen in den Kampf nach Ramot in Gilead? Joschafat sprach zum König von Israel: Ich will sein wie du und mein Volk wie dein Volk und meine Rosse wie deine Rosse. 5 Und Joschafat sprach zum König von Israel: Frage doch zuerst nach dem Wort des HERRN!

Eine Friedenszeit von drei Jahren. Selten genug. Eine Zeit, in der sich Südreich und Nordreich näher kommen. Joschafat, der König von Juda weilt beim König von Israel. Warum erfährt man nicht. „Ob es sich um einen Freundschaftsbesuch handelt oder um eine Hoffahrt, zu der ein Vasall von Zeit zu Zeit verpflichtet war, ist nicht sicher.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,2, Göttingen 1984, S. 255) So wie auch das Verhältnis zwischen den geteilten Reichen nicht sicher ist. Allerdings hat es den Anschein, dass alle Initiativen vom König von Israel ausgehen.

Der plant die Rückgewinnung der Stadt Ramot in Gilead, die irgendwann von den Aramäern erobert worden ist. „Wann die Stadt an die Aramäer fiel, ist nicht bekannt.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 586) Nur – jetzt soll es Zeit sein, sie zurück zu gewinnen. Joschafat sichert unbedingte Solidarität zu diesem Unternehmen zu. Ob sich bei ihm dann doch irgendwie Bedenken gemeldet haben oder ob es auf eine andere Überlieferung zurückzuführen ist, jedenfalls wird er zögerlich. Frage doch zuerst nach dem Wort des HERRN! Es braucht doch „grünes Licht“ von Gott. Aufmerksame Leser*innen der Schriften Israels kennen das: Bevor man sich in eine Schlacht begibt, ist es gut, einen Orakelspruch von Gott her zu erwirken.

Dieser Gedanke wirkt weit über die Grenzen der Testamente hinaus – bis in die Worte Jesu hinein: „Welcher König zieht aus, um mit einem andern König Krieg zu führen, und setzt sich nicht zuvor hin und hält Rat, ob er mit zehntausend dem begegnen kann, der über ihn kommt mit zwanzigtausend? Wenn nicht, so schickt er eine Gesandtschaft, solange jener noch fern ist, und bittet um Frieden.“ (Lukas 14, 31-32)So gelesen ist Joschafat einfach nur vorsichtig, bedacht und nicht abenteuerlustig.

6 Da versammelte der König von Israel die Propheten, etwa vierhundert Mann, und sprach zu ihnen: Soll ich gegen Ramot in Gilead in den Kampf ziehen oder soll ich’s lassen? Sie sprachen: Zieh hinauf! Der Herr wird’s in die Hand des Königs geben.

Der König von Israel ist nicht irritiert, auch nicht gekränkt durch diesen Vorschlag. Er lässt Propheten antreten – etwa vierhundert Mann. Sie sind sofort verfügbar, weil sie so etwas wie „Hofangestellte“ sind.„Dass Propheten für die Befragung vorhanden sind, wird als selbstverständlich vorausgesetzt.“ (E. Würthwein, aaO. S. 257) Die Frage an sie ist klar, ihre Antwort ebenso, instimmig und eindeutig: Mach es! Du hast Gott auf deiner Seite.

7 Joschafat aber sprach: Ist hier kein Prophet des HERRN mehr, dass wir ihn befragen? 8 Der König von Israel sprach zu Joschafat: Es ist noch einer hier, Micha, der Sohn Jimlas, durch den man den HERRN befragen kann. Aber ich bin ihm gram; denn er weissagt mir nichts Gutes, sondern nur Unheil. Joschafat sprach: Der König rede so nicht! 9 Da rief der König von Israel einen Kämmerer und sprach: Bringe eilends her Micha, den Sohn Jimlas!

Joschafat scheint nicht überzeugt. Weil sie nicht im Namen Jahwes antworten, sondern nur irgendwie diffus der Herr sagen? So ist er eher irritiert von dieser seltsamen Einstimmigkeit. Das ist, als würden heute zehn Gutachter zu einer Frage alle das gleiche Gutachten vorlegen. Wer wollte da nicht skeptisch werden. Darum die Frage: Gibt es keinen Jahwe-Propheten mehr?

Doch, da ist noch einer. Aber der steht beim König von Israel nicht in gutem Ruf. Er ist unbequem, Er sagt nicht, was der König gerne höre. Er ist eine Unglückskrähe und kein Froh-Botschafter. Keiner, der gefällige Antworten parat hat. Mit dem, was diesem Propheten zugeschrieben wird, „gehasst, nur Unheil verkündend, sind die Merkmale des klassischen Propheten gegeben“ (E. Würthwein, aaO. S. 258) Diese Auskunft kann Joschafat nicht schrecken. Vielmehr: Gerade darum will er ihn hören. Was bleibt dem König von Israel anderes übrig. Er lässt Micha, den Sohn Jimlas holen.

Es ist wohl gut, hier nicht zu rasch auf der einen Seite den König zu sehen, der nur gefällige Botschaften will und auf der anderen den geistlichen König, der ganz an Jahwe als den HERRN gebunden ist, der aus einer persönlichen Frömmigkeit heraus instinktiv ahnt, dass etwas faul ist mit den Vierhundert.

10 Der König von Israel aber und Joschafat, der König von Juda, saßen jeder auf seinem Thron in ihren königlichen Kleidern auf der Tenne vor dem Tor Samarias, und alle Propheten weissagten vor ihnen. 11 Und Zidkija, der Sohn Kenaanas, hatte sich eiserne Hörner gemacht und sprach: So spricht der HERR: Hiermit wirst du die Aramäer niederstoßen, bis du sie vernichtest. 12 Und alle Propheten weissagten ebenso und sprachen: Zieh hin nach Ramot in Gilead; es wird dir gelingen! Der HERR wird’s in die Hand des Königs geben.

Bevor Micha auftritt, kommt es noch einmal eindrucksvoll zum Auftritt der Vierhundert. Verbunden mit einer prophetischen Zeichenhandlung. Zidkija, der Sohn Kenaanas, setzt in eine Szene um, was die Hoffnung des Königs ist – ein erfolgreicher Feldzug ist sicher. Eindrucksvoll. Eine Motivations-Geste. Diesmal auch verbunden mit der Formel: So spricht der HERR und mit dem Namen Jahwe: Der HERR wird’s in die Hand des Königs geben

13 Und der Bote, der hingegangen war, Micha zu rufen, sprach zu ihm: Siehe, die Worte der Propheten sind einmütig gut für den König; so lass nun auch dein Wort wie ihr Wort sein und rede Gutes. 14 Micha sprach: So wahr der HERR lebt: Ich will reden, was der HERR mir sagen wird.

Micha wird vom Boten, der ihn holt, informiert. So ist die Lage: alle sind sich einig. Es wird also gut sein, sich der Mehrheit anzuschließen und nicht auf eine abweichende Auskunft zu beharren. In diesem Versuch, Micha zu beeinflussen, zeigt sich eine gehörige Geringschätzung der prophetischen Verkündigung. Der Hofbeamte scheint sie für durchaus beeinflussbar zu halten.

Micha aber hält dagegen: nur was der HERR sagen wird, kann er auch sagen. Es ist wie eine späte Erinnerung an Bileam. Der muss Barak, der sich von ihm ein Fluch-Wort wünscht, sagen: „Siehe, ich bin zu dir gekommen, aber wie kann ich etwas anderes reden, als was mir Gott in den Mund gibt? Nur das kann ich reden!“ (4. Mose 22,38) So geht es auch Micha. Er ist ganz abhängig vom Wortempfang.

15 Und als er zum König kam, sprach der König zu ihm: Micha, sollen wir nach Ramot in Gilead in den Kampf ziehen oder sollen wir’s lassen? Er sprach zu ihm: Ja, zieh hinauf, es soll dir gelingen! Der HERR wird’s in die Hand des Königs geben. 16 Der König entgegnete ihm: Wie oft soll ich dich beschwören, dass du mir im Namen des HERRN nichts als die Wahrheit sagst!

Micha steht vor dem König und sagt, was der hören will. Ja, zieh hinauf, es soll dir gelingen! Es scheint, der König ist völlig verblüfft. Damit hat er nicht gerechnet. Es fällt so völlig aus der Art, wie Micha sonst auftritt, „so dass der König nachhaken muss, um die eigentliche Antwort die für ihn doch Unheil bedeutet, zu erhalten.“ (E. Würthwein, ebda.) Er beschwört Micha: Sag mir die Wahrheit. Die herbe Wahrheit ist allemal besser als eine süße Lüge. Weil sie festen Boden unter die Füße gibt.

17 Micha sprach: Ich sah ganz Israel zerstreut auf den Bergen wie Schafe, die keinen Hirten haben. Der HERR aber sprach: Diese haben keinen Herrn; ein jeder kehre wieder heim mit Frieden. 18 Da sprach der König von Israel zu Joschafat: Hab ich dir nicht gesagt, dass er mir nichts Gutes weissagt, sondern nur Unheil?

Jetzt muss Micha Farbe bekennen: Ich sah ganz Israel zerstreut auf den Bergen wie Schafe, die keinen Hirten haben. Weil das so ist, wird der Feldzug beendet sein ehe er richtig angefangen hat. Weil das Heer Israels seine Führer verlieren wird – keinen Hirten mehr haben wird. Darum ergeht die Wegweisung Gottes: Ein jeder kehre wieder heim mit Frieden. Der König von Israel hört und sagt es seinem Gast: ich habe es gleich gewusst. Kein Gutes, nur Unheil.

Weit über den engen Zusammenhang hinaus eine Wirkungsgeschichte dieses Wortes des Micha: „Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.“ (Matthäus 9, 36) Jesus sieht, was Micha Jahrhunderte zuvor gesehen hat. Er steht mit seinem Sehen in der Tradition der Propheten Israels.

19 Micha sprach: Darum höre nun das Wort des HERRN! Ich sah den HERRN sitzen auf seinem Thron und das ganze himmlische Heer neben ihm stehen zu seiner Rechten und Linken. 20 Und der HERR sprach: Wer will Ahab betören, dass er hinaufziehe und falle vor Ramot in Gilead? Und einer sagte dies, der andere das. 21 Da trat ein Geist vor und stellte sich vor den HERRN und sprach: Ich will ihn betören. Der HERR sprach zu ihm: Womit? 22 Er sprach: Ich will ausgehen und will ein Lügengeist sein im Munde aller seiner Propheten. Er sprach: Du sollst ihn betören und sollst es ausrichten; geh aus und tu das! 23 Nun siehe, der HERR hat einen Lügengeist gegeben in den Mund aller deiner Propheten; und der HERR hat Unheil gegen dich geredet.

Jetzt wird die Szene zum Tribunal: Micha enthüllt einen geistliche Hintergrund, der erschrecken muss. Es geht um wahre und falsche Prophetie, um den Geist von Gott und einen Lügengeist. Die Behauptung des Micha muss Betroffenheit auslösen: alle vierhundert Propheten sind Opfer einer Verführung. Was sie sagen, ist nur gesagt, um Ahab – er ist ja der König von Israel – in die Schlacht zu führen, in der er fallen wird.

Zum Weiterdenken

Es ist eine unheimliche Erzählung. Da werden Propheten von Gott her gebraucht – oder müssten man sagen: missbraucht – um den König in eine Falle zu locken. Es ist eben nicht so, dass sie reden würden, ohne etwas gehört zu haben. Auch nicht so, dass sie nur Gefälligkeitsworte sagen würden. Der Lügengeist von Gott hat sie zu diesen Boten gemacht, die sie sind. Sie sind subjektiv Wortempfänger, sie sind auch objektiv Empfänger einer Botschaft, hinter der Jahwe steht – und doch ist es eine Botschaft zum Unheil.

Es ist Gott, der hier anstiftet. Und Gott, der hier verführt. Was für ein Bild von Gott – wie wenig vereinbar mit unserer harmlosen Vorstellung, dass wir schon immer wüssten, dass Gott doch nur gut sein kann, nur frohe Botschaft absondern. Die biblische Prophetie ist anders unterwegs: „Geschieht etwa ein Unglück in der Stadt, und der HERR hat es nicht getan?“ (Amos 3,6)

Mein Gott, wie höre ich auf Dein Wort? Es ist so leicht, nur die Worte zu hören, die gut tun, Mut machen, Rückenwind geben. Es ist so einleuchtend: Der gute Gott richtet gute Worte an uns. Wir hätten gern zu unseren Plänen Dein Ja, wir hoffen auf Dein Ja zu unserem Tun.

So lesen wir – ich jedenfalls, oft genug Dein Wort: Auf der Suche nach Bestätigung.

Gib Du, dass wir Dich suchen, auch dann, wenn uns Dein Wort einen Strich durch unsere Pläne macht. Amen

Ein Gedanke zu „Einer gegen viele“

  1. Ja, Herr, Schenke mir Deine Gnade, indem ich erkennen darf ,was der Lügengeist ist und Deinem guten göttlichen Willen….
    Diese Unterscheidung ist unglaublich wichtig, denn dem Willen Gottes gehorsam zu sein ist
    Das A und O unseres Glaubens..

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