Schon der erste Schritt

1. Könige 21, 17 – 29

17 Aber das Wort des HERRN kam zu Elia, dem Tischbiter:

Das ist wichtig: aber- ו Was da geschehen ist, im Palast und im Räderwerk der Justiz stößt auf das aber des Wortes des HERRN. Als die Dinge scheinbar unberührt ihren Gang gehen; „greift Gott durch seinen Propheten ein. (F. Crüsemann / R. Micheel, Dunkles belichten, Ein Prophet geht seinen Weg: Elia, Texte zur Bibel 13, Neukirchen 1997, S. 58) Der zwischenzeitlich – Kapitel 20 – von der Bildfläche verschwunden Prophet wird in Gang gesetzt.

18 Mach dich auf und geh hinab Ahab, dem König von Israel zu Samaria, entgegen – siehe, er ist im Weinberge Nabots, wohin er hinabgegangen ist, um ihn in Besitz zu nehmen – 19 und rede mit ihm und sprich: So spricht der HERR: Du hast gemordet, dazu auch fremdes Erbe geraubt! An der Stätte, wo Hunde das Blut Nabots geleckt haben, sollen Hunde auch dein Blut lecken.

Es ist ein eindeutiger Auftrag, genau umrissen – bis hin zu dem Ort, an dem die Botschaft Elias auszurichten ist. Im Weinberg, den Ahab sich angeeignet hat, wird Elia ihn stellen. Mit dem klaren Schuldspruch: Du hast gemordet, dazu auch fremdes Erbe geraubt! Diese Worte lassen keinen Spielraum für Interpretation – Ahab mag nicht die treibende Kraft in diesem Geschehen gewesen sein. Dennoch ist er der Täter! „Die Schuld Ahabs wird als Verstoß gegen das sechste und achte Gebot – Mord und Inbesitznahme – gezeichnet.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,2, Göttingen 1984, S. 251)Er, nicht die Briefschreiberin Isebel wird hier angeklagt. Denn er hat von diesem Tun profitiert.

20 Und Ahab sprach zu Elia: Hast du mich gefunden, mein Feind? Er aber sprach: Ja, ich habe dich gefunden, weil du dich verkauft hast, zu tun, was dem HERRN missfällt.

Merkwürdig – Ahab nennt Elia mein Feind. Hat nicht Elia den Regen herbeigerufen? Aber das zählt nicht mehr. Ahab fühlt sich von diesem Propheten verfolgt. Auch hier im neu gewonnen Weinberg. „Ahab sieht in Elia einen Gegner, der ihm immer in den Weg trat. Jetzt gönnte er ihm einen einzigen Tag die Freude an dem neuen Weinberg.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 577) Und Elia antwortet Ja. Er hat ihn gesucht und gefunden, weil sein Tun vor Gott nicht bestehen kann. Es ist Unrecht. Ist Elia deshalb sein Feind, weil er Unrecht tatsächlich Unrecht nennt?

21 Siehe, ich will Unheil über dich bringen und dich wegfegen samt deinen Nachkommen und will von Ahab ausrotten, was an die Wand pisst, bis auf den letzten Mann in Israel 22 und will dein Haus machen wie das Haus Jerobeams, des Sohnes Nebats, und wie das Haus Baschas, des Sohnes Ahijas, um des Zornes willen, dass du mich erzürnt und Israel sündigen gemacht hast.

Das ist jetzt Gottes-Rede im Mund des Propheten. Gerichtswort. Es gibt keine Zukunft mehr, nicht für Ahab, nicht für seine Nachkommen. Es wird ihm und seiner Sippe so ergehen, wie es schon den Sippen Jerobeams und Baschas zuvor erging. Auf allen Königshäusern des Nordreiches liegt kein Segen. Weil diese Dynastien alle den Zorn Gottes heraufbeschwören durch ihr Verhalten. Hier tritt neben den Justizmord als zweiter Anklagepunkt dass Ahab Israel sündigen gemacht hat. Das mag sich auf die Baalsdienste früherer Zeiten beziehen. „Ahab hat aus der früheren Geschichte keine Lehre gezogen.“ (H. Schmid, ebda.) Ob dieser Abfall und Irrweg für den Schreiber fast der gewichtiger Grund der Verwerfung des Hauses Ahabs ist?

23 Und auch über Isebel hat der HERR geredet und gesprochen: Die Hunde sollen Isebel fressen an der Mauer Jesreels. 24 Wer von Ahab stirbt in der Stadt, den sollen die Hunde fressen, und wer auf dem Felde stirbt, den sollen die Vögel unter dem Himmel fressen.

Neben Ahab wird auch Isebel mit einem Gerichtswort „bedacht“. Sie wird den Hunden zum Fraß werden – so wie alle aus dem Haus Ahabs, die in der Stadt zu Tode kommen. Auf dem Feld werden die Aasgeier ihre Ernte haben. Schändlicher kann ein Tod kaum ausfallen. Keine Bestattung. Keine Totenklage. Kein Grab. Nicht einmal verscharrt.

25 Es war niemand, der sich so verkauft hätte, zu tun, was dem HERRN missfiel, wie Ahab, den seine Frau Isebel verführte. 26 Und er versündigte sich dadurch über die Maßen, dass er den Götzen nachwandelte, ganz wie die Amoriter getan hatten, die der HERR vor Israel vertrieben hatte.

Es wirkt wie ein Einschub aus späterer Hand. mit einem vernichtenden Urteil: Keiner war wie Ahab. Auch das entschuldigt ihn nicht, dass ihn seine Frau Isebel verführte. Er ist selbst verantwortlich Er ist es, der den Götzen nachwandelte. Auffällig auch hier – nicht das Unrecht gegen Nabot, sondern der Götzendienst ist die schärfste Anklage. Weil alle konkrete Schuld aus dieser Verirrung erwachsen ist?

27 Als aber Ahab diese Worte hörte, zerriss er seine Kleider und legte den Sack um seinen Leib und fastete und schlief darin und ging bedrückt einher.

Ahab wäre nicht Ahab, wenn er nicht emotional reagieren würde. Er hört sein Urteil und weiß, dass es keine Revisionsinstanz gibt. Es gibt nur sofortige völlige Unterwerfung unter dieses gerechte Urteil Gottes. Es sind die äußeren Zeichen einer Buße, die hier aufgezählt werden – die Kleider zerreißen, einen Sack anlegen, fasten – nahe sind alle diese Handlungen auch an der Totenklage. Er ging bedrückt einher. Still. „Gemeint ist wohl: in sich gekehrt und nachdenklich. Er nahm sich Elias Worte zu Herzen und dachte vor Gott über sein Leben nach.“ (H. Schmid, aaO. S. 580)

Aufmerksame Leser*innen erinnern sich, dass Ahab oft mit sichtbarem Verhalten auf Worte reagiert, dass es zu seinem „Verhaltens-Repertoire“ zu gehören scheint: Rückzug, Bekümmerung, Essensverweigerung. „Und er legte sich auf sein Bett und wandte sein Antlitz ab und aß kein Brot.“ (21,4) Von daher liegt die Frage durchaus nahe: Wie glaubwürdig ist diese Buße?

28 Und das Wort des HERRN kam zu Elia, dem Tischbiter: 29 Hast du nicht gesehen, wie sich Ahab vor mir gedemütigt hat? Weil er sich nun vor mir gedemütigt hat, will ich das Unheil nicht kommen lassen zu seinen Lebzeiten, aber zu seines Sohnes Lebzeiten will ich das Unheil über sein Haus bringen.

Gott aber glaubt dem, was er „sieht“. Weil er es glauben will? Er nimmt diese äußere Zeichen der Bußübungen als das Signal für eine innere Wandlung. Ahab hat sich vor mir gedemütigt. Das gibt Gott gewissermaßen freie Hand für einen Aufschub. Ahab wird es nicht selbst erleben, was als Ende des Hauses der Omriden angesagt ist. Jetzt noch nicht, erst später. Mit Ahab bekommt also das ganze Königshaus noch einmal Fristverlängerung. Aufschub.

Zum Weiterdenken

Es ist schon bemerkenswert: dieser König Ahab ist der schlimmste unter allen Königen im Nordreich. Er übertrifft alle anderen. Und doch reicht es Gott, dass er nur den Anschein von Buße bei ihm sieht, um seinen „Strafbefehl“ auszusetzen. Gnade für den, der der Spitzenreiter unter alle schlechten Königen ist. „Es kommt alles noch einmal zur Sprache. „(H. Gollwitzer) Spätestens, wenn das Leben offenbar wird vor dem Richterstuhl des Jüngsten Tages. Hier ist es früher, zu Lebenszeiten. Das eröffnet in aller Anklage doch noch einem Raum zur Besinnung, zur Reue. An solchem gnadenhaften Aufschub ist für alle späteren Leser*innen zu lernen: Gott scheut es nicht, dass man ihn für inkonsequent halten kann, für ein Weichei, wenn es um das durchsetzten seiner Urteile geht.

Gleichzeit bleibt aber festzuhalten, trotz des Aufschubs: „Die Opfer sind der Maßstab göttlichen Handelns.“ (F. Crüsemann / R. Micheel, ebda.)Gott vergisst auch über seiner Freude an der Reue nicht, dass den Opfern Gerechtigkeit zuteilwerden muss. Ahabs Strafe ist nur ausgesetzt, nicht aufgehoben.

Mein Gott, es ist zum Staunen, wie Du auf Schuldbekenntnisse antwortest. Du fragst nicht nach, ob die Reue echt ist, ob sie tief genug geht. Du forderst kein Versprechen: Von nun an nie mehr Unrecht. Du siehst die Zeichen der Reue, Zeichen der Buße. Äußerlich nur – und nimmst sie doch als ein Zeichen innerer Umkehr. Bist Du naiv, mein Gott?

Oder willst Du einfach nichts lieber, als dass wir umkehren von unseren falschen Wegen und darum nimmst Du den ersten Schritt schon für den ganzen Weg? Ich danke Dir für Deine Bereitschaft, schon den ersten Schritt mit Deiner Gnade zu beantworten. Amen

3 Gedanken zu „Schon der erste Schritt“

  1. Sippenhaft widerstrebt mir sehr, aber mir ist erneut bewusst geworden, wie sehr das Handeln der Eltern das Leben der Kinder beeinflusst.
    Die Sünden der Väter (und Mütter) heimsucht an den
    Kindern…..
    Ist Gott da gerecht?

    1. Es ist schon vom Bund am Sinai her angelegt: „Ich der, HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte oder vierte Glied an den kinder derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.“(2. Mose 20,5-6) Zumindest kann man Gott nicht vorwerfen, dass er nicht mit offenen Karten spielt. Diese Spielregel ist bekannt, damals in Israel.
      Sippenhaft ist ein böses Wort. Vor allem, weil sie politisch angewandt und missbraucht worden ist. Aber es gehört zur Wahrheit des Lebens, dass die Wege der Eltern die späteren Wege der Kinder oftmals beeinflussen. Im Negativen finden wir das unfair. Im Positiven auch? Ich kenne wenige, die sich darüber beschweren, dass sie in bildungsaffinen Eltenrhäusern groß geworden sind, die Eltern ihnen Möglichkeiten eröffnet haben.
      Man müsste auch im Blick auf die Nachkommen Ahabs und die nachfolgenden Könige, ob in Israel oder in Juda, ja festhalten:Keiner von ihnen ist für den Weg in den Untergang vorherbestimmt. Keiner musste von vornherein die Spur der Väter einhalten. Es gibt ja auch Spurwechsel – bei Joasch, Usija, Hiskia… Daraus lese ich: das Drohwort gegen Ahab setzt keinen Automatismus in Gang. Aber es bewahrheitet sich, weil sie einfach weitermachen.
      Das ist ja die Botschaft der Königebücher insgesamt: Der Weg zum Untergang wäre aufhaltbar gewesen, wenn die Könige den Weg der Väter, der dem HERRN missfiel, verlassen hätten und den Weg Gottes gesucht hätten. Insgesamt – so die Sicht der Könige-Bücher – ist die Geschichte des Königtums in Israel ein Desaster.In Israel gelten die Königebücher als prophetische Schrift. Dazu Sätze von Schalom ben Chorin: Die Prophetie ist ihre Wesen nach alternativisch angelegt. Sie stellt den Menschen, das Volk Israel, die Völker der Welt vor Alternativen Wenn der mensch das Gute tut, das ihm Gott ins Herz gegeben hat, wenn Israel den Bund wahrt, den Gott mit ihm geschlossen hat, wenn die Völker der Welt auf die Stimme und die Zeichen Gottes achten, dann sind ihnen Erbarmen und Gnade gewiss; wenn sie die göttliche Botschaft aber verwerfen, in der Verstockung verharren, sind sie dem Gericht verfallen. Das Gericht ist indesses nicht das letzte Wort, sondern die Chance der Umkehr bleibt gegeben. Hinter jedem Gerichtswort wölbt sich dennoch ein eschatologischer Regenbogen der Versöhnung nach der Sintflut.“(Schalom Ben-Chorin, Mutter Mirjam, München 1982, S. 139) Damit ist nicht alles erklärt, schon gar nicht uner Empfinden. Damit ist – in meinen Augen – auch Gott noch nicht „aus dem Schneider“. Aber es hilft mir zur Vorsicht vor eiligen Urteilen. Unfair? Ungerecht? Es sind die Taten der Kinder, die als Wiederholungen der Taten der Väter die Entscheidungen Gottes auch „rechtfertigen“. Auf diese Art „Wiederholungsspiel“ sind wir nicht festgelegt.

      1. Eine zweite Antwort, die die königskritische Sicht Israels schon vor der Königszeit zeigt:
        Als das dem Jotam angesagt wurde, ging er hin und stellte sich auf den Gipfel des Berges Garizim, erhob seine Stimme, rief und sprach zu ihnen: Höret mich, ihr Herren von Sichem, dass euch Gott auch höre. Die Bäume gingen hin, um einen König über sich zu salben, und sprachen zum Ölbaum: Sei unser König! Aber der Ölbaum antwortete ihnen: Soll ich meine Fettigkeit lassen, die Götter und Menschen an mir preisen, und hingehen, über den Bäumen zu schweben? Da sprachen die Bäume zum Feigenbaum: Komm du und sei unser König! Aber der Feigenbaum sprach zu ihnen: Soll ich meine Süßigkeit und meine gute Frucht lassen und hingehen, über den Bäumen zu schweben? Da sprachen die Bäume zum Weinstock: Komm du und sei unser König! Aber der Weinstock sprach zu ihnen: Soll ich meinen Wein lassen, der Götter und Menschen fröhlich macht, und hingehen, über den Bäumen zu schweben? Da sprachen alle Bäume zum Dornbusch: Komm du und sei unser König! Und der Dornbusch sprach zu den Bäumen: Ist’s wahr, dass ihr mich zum König über euch salben wollt, so kommt und bergt euch in meinem Schatten; wenn nicht, so gehe Feuer vom Dornbusch aus und verzehre die Zedern Libanons.Richter 9, 7 – 15

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