Raffgier und Unterwürfigkeit

  1. Könige 21, 1 – 16

1 Nach diesen Geschichten begab es sich: Nabot, ein Jesreeliter, hatte einen Weinberg in Jesreel, bei dem Palast Ahabs, des Königs von Samaria. 2 Und Ahab redete mit Nabot und sprach: Gib mir deinen Weinberg; ich will mir einen Kohlgarten daraus machen, weil er so nahe an meinem Hause liegt. Ich will dir einen besseren Weinberg dafür geben oder, wenn dir’s gefällt, will ich dir Silber dafür geben, soviel er wert ist.

Nach den Kriegsgeschichten jetzt eine Geschichte innerhalb Israels. Eher eine Privat-Angelegenheit, kein Staatsgeschäft. Es geht um Grundbesitz in Jesreel,der Winterresidenz der Omriden am Ostrand der Ebene Jesreel.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,2, Göttingen 1984, S. 248) Dort wohnen König und Bürger Seite an Seite. Ahab will dort einen Weinberg erwerben, um aus ihm einen Kohlgarten zu machen. Er bietet dem Besitzer Nabot günstige Konditionen an: einen besseren Weinberg – und obendrein noch Zuzahlungen – soviel er wert ist. Das müsste doch überzeugend sein. So ein Angebot bekommt man nicht alle Tage.

3 Aber Nabot sprach zu Ahab: Das lasse der HERR fern von mir sein, dass ich dir meiner Väter Erbe geben sollte!

Jedoch Ahab ist an den falschen Mann geraten. So signalisiert es das aber – der winzige Buchstabe ו im hebräischen Text. Nabot geht es nicht um Gewinn, sondern um Treue zum Erbe der Väter. Wäre es anders – er würde sofort auf den Vorschlag eingehen. Nabot gehört zu den Menschen, die Familienbesitz für unveräußerlich halten. Wie es sich mit dem Boden-Recht wirklich verhält, ist schwierig zu beurteilen. Es ist wohl so: „Der Plan des Königs scheitert nicht an einem entgegenstehenden Bodenrecht, sondern daran, dass nach israelitischer Auffassung vom Königtum der Wille des Königs an dem Willen eines freien Bürgers seine Grenze findet.“ (E. Würthwein, ebda.) Nabot weigert sich und damit ist der Fall erledigt.

4 Da kam Ahab heim voller Unmut und Zorn um des Wortes willen, das Nabot, der Jesreeliter, zu ihm gesagt hatte: Ich will dir meiner Väter Erbe nicht geben. Und er legte sich auf sein Bett und wandte sein Antlitz ab und aß kein Brot.

Wir lesen, was wir schon nach dem erfolgreichen Krieg gegen Aram gelesen haben: Ahab ist verärgert, unmutig. So war es auch nach dem Sieg: „Aber der König von Israel zog heim, voller Unmut und Zorn, und kam nach Samaria.“ (20,43). Es scheint, er kann es nicht aushalten, dass seiner Macht als König Grenzen gesetzt sind. Nicht im Umgang mit anderen Völkern und auch nicht im Umgang mit den Israeliten. Seine Reaktion ist seltsam, fast unreif, „eines Königs unwürdig.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 568) Er tritt in Hungerstreik.

5 Da kam seine Frau Isebel zu ihm hinein und redete mit ihm: Was ist’s, dass dein Geist so voller Unmut ist und dass du nicht isst? 6 Er sprach zu ihr: Ich habe mit Nabot, dem Jesreeliter, geredet und gesagt: Gib mir deinen Weinberg für Geld oder, wenn es dir lieber ist, will ich dir einen andern dafür geben. Er aber sprach: Ich will dir meinen Weinberg nicht geben.

Isebel hört und sieht wohl, das irgendetwas mit ihrem Mann ist und fragt nach. Ganz die treusorgende Ehefrau. Sie erfährt, dass Ahab mit seinem Kaufangebot gescheitert ist. Die Auskunft Ahabs klingt dabei ein wenig weinerlich.

7 Da sprach seine Frau Isebel zu ihm: Du bist doch König über Israel! Steh auf und iss Brot und sei guten Mutes! Ich werde dir den Weinberg Nabots, des Jesreeliters, verschaffen. 8 Und sie schrieb Briefe unter Ahabs Namen und versiegelte sie mit seinem Siegel und sandte sie zu den Ältesten und Oberen, die mit Nabot in seiner Stadt wohnten. 9 Und schrieb in den Briefen: Lasst ein Fasten ausrufen und setzt Nabot obenan im Volk 10 und stellt ihm zwei ruchlose Männer gegenüber, die da zeugen und sprechen: Du hast Gott und den König gelästert! Und führt ihn hinaus und steinigt ihn, dass er stirbt.

Merkwürdig, wie Isebel ihren Mann ermutigt. Sie erinnert ihn: Du bist doch König über Israel! Dahinter mag stehen, dass sie, „die aus dem phönizischen bzw. kanaanäischen Bereich kommt, in der Tat ein anderes Rechts- und Machtverständnis hat.“ (F. Crüsemann / R. Micheel, Dunkles belichten, Ein Prophet geht seinen Weg: Elia, Texte zur Bibel 13, Neukirchen 1997, S. 56)Für sie setzt der Wille des Königs Recht. Sie leitet daraus keine Handlungsanweisung an Ahab ab. Nur so viel: Steh auf und iss Brot und sei guten Mutes! Es gibt keinen Grund, sich so hängen zu lassen. Denn – jetzt wird Isebel die Dinge in die Hand nehmen.

Isebel ist eine Briefschreiberin. Was sie allerdings schreibt, ist ein Auftrag zu einem Mord. Sie setzt die Ältesten und Oberen, die mit Nabot in seiner Stadt wohnten unter Druck. Sie sollen einen Schauprozess gegen Nabot inszenieren. Sie werden schon die entsprechenden Leute zu finden wissen, die gegen ihn aussagen und ihn anklagen. Wegen Gotteslästerung und Majestätsbeleidigung. Dann gilt es nur noch, ein gekauftes Urteil zu vollstrecken – die Ankläger werden auch das besorgen müssen. Steinigung.

11 Und die Ältesten und Oberen, die mit ihm in seiner Stadt wohnten, taten, wie ihnen Isebel entboten hatte, wie sie in den Briefen geschrieben hatte, die sie zu ihnen sandte, 12 und sie ließen ein Fasten ausrufen und ließen Nabot obenan im Volk sitzen. 13 Da kamen die zwei ruchlosen Männer und stellten sich ihm gegenüber und zeugten gegen Nabot vor dem Volk und sprachen: Nabot hat Gott und den König gelästert! Da führten sie ihn vor die Stadt hinaus und steinigten ihn, dass er starb.

Es ist erschreckend – da ist kein Widerstand gegen den Befehl von oben. Es ist, als würde das Siegel des Königs auf dem Brief alle Fragen überflüssig machen. Nur noch Gehorsam. Befehlsgetreu ausgeführt. Justizmord an Nabot. „Von der Erzählung wird weder die Möglichkeit einer Verweigerung angedeutet noch wird gegen diese Justizorgane eine Beschuldigung erhoben.“ (F. Crüsemann / R. Micheel, ebda.) Sie sind nur Befehlsempfänger, mehr nicht. Und der Vollzug wird ausgesprochen lapidar berichtet. So geht es eben in der Welt zu.

14 Und sie sandten zu Isebel und ließen ihr sagen: Nabot ist gesteinigt und tot. 15 Als aber Isebel hörte, dass Nabot gesteinigt und tot war, sprach sie zu Ahab: Steh auf und nimm in Besitz den Weinberg Nabots, des Jesreeliters, der sich geweigert hat, ihn dir für Geld zu geben; denn Nabot lebt nicht mehr, sondern ist tot.

Alles wunschgemäß erledigt. Nabot ist gesteinigt, tot. Der Weg zu dem Weinberg, der ein Kohlgarten werden soll, ist frei. Es ist gespenstisch, wie hier formuliert wird – Nabot ist selbst schuld. Seine Weigerung hat ihn das Leben gekostet.

16 Als Ahab hörte, dass Nabot tot war, stand er auf, um hinabzugehen zum Weinberge Nabots, des Jesreeliters, und ihn in Besitz zu nehmen.

Ahab hört, was seine Frau ihm ausrichtet. Er fragt nicht nach dem Wie und nicht nach dem Warum. Er macht sich auf den Weg zum Weinberg, um ihn in Besitz zu nehmen. Welches Recht ihm das erlaubt, bleibt fragwürdig. „Wahrscheinlich durfte der König die Güter solcher einziehen, die sich eines Todeswürdigen Verbrechens gegen ihn schuldig gemacht hatten.“ (E. Würthwein, aaO. S. 250)Alles ist so gelaufen, dass keine Unannehmlichkeiten zu erwarten sind. Der Anschein des Rechts ist durch den Prozess gewahrt. Was, wenn an dieser Stelle Schluss wäre mit der ganzen Erzählung? „Schweigt Jahwe, der Gott des Rechts, zu solchem Unrecht?“ (E. Würthwein, aaO. S. 251)

Zum Weiterdenken

Wer die Macht hat, kann sich nehmen, was er will. Es gibt auch heute den lapidaren Satz, der Willkür nicht entschuldigt, aber erklärt: Er/sie tut dies und das, einfach, weil er/sie es kann. Es scheint, wir leben in einer Zeit, in der das objektive Rechtsverständnis immer mehr in den Hintergrund tritt, weil Leute einfach tun, was sie können und für richtig halten. Jede*r ist sich selbst das Gesetz. Das sind die schönen, postmodernen Zeiten, die einen das Fürchten lehren können.

Mein Gott, ich erschrecke darüber, wenn ich bedenke, was die Gier aus Menschen machen kann. Sie lässt sie nach fremdem Gut greifen. Sie lässt die Macht missbrauchen. Sie lässt sie zu skrupellosen Tätern werden. Sie zieht andere in den Bann der eigenen Schuld.

Ich erschrecke über die Gier, die ich auch in meinem Leben sehe, nach Sicherheit, nach Anerkennung,  nach Beifall und natürlich auch nach Besitz. Es ist nur Glück, dass meine Gier mich nicht zu Gewalt verführen durfte. Es ist nicht meine Widerstandskraft. Nur mein Glück. Ich danke Dir, dass Du mich vor dem Unrecht maßloser Gier bewahrt hast. Bis auf den Tag heute. Amen