Nichts gilt mehr als sein Ruf

1. Könige 19, 19- 21

19 Und Elia ging von dort weg und fand Elisa, den Sohn Schafats, als er pflügte mit zwölf Jochen vor sich her, und er war selbst bei dem zwölften.

Elia folgt der Wegweisung Gottes. Er bleibt nicht am Gottesberg, an dem Ort seiner so tiefen Gotteserfahrung. Er macht sich auf den Weg und findet Elisa, den ihm Gott als seinen Nachfolger im Prophetenamt genannt hatte. Bei der Arbeit. Mit einem großen Gespann. Die kurze Notiz macht den Eindruck: Elisa ist ein tatkräftiger Mann.

Und Elia ging zu ihm und warf seinen Mantel über ihn. 20 Und er verließ die Rinder und lief Elia nach und sprach: Lass mich meinen Vater und meine Mutter küssen, dann will ich dir nachfolgen.

Elia übt mit seinem Mantel ein Berufungs-Ritual aus. Eines, dass der Leser des Könige-Buches schon aus der früheren Erzählung kennt. Da war Jerobeam durch den Propheten Ahija als König gekennzeichnet worden, der ihm zehn Stücken seines Mantel übergab( 11, 26-32) „Der Überwurf des Mantels war Zeichen der Berufung…Ist der Mantel des Propheten als Amtstracht zu verstehen, dann ist die Handlung in sich verständlich.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 529) Das erscheint ein bisschen zu sehr von heutigen Amtstrachten her gedacht. Es reicht doch und ist in sich stimmig – Elia wirft seinen Mantel auf Elisa und signalisiert damit: Du wirst mein Nachfolger. Auch wenn dieser Mantel ein ganz profanes, gewöhnliches Kleidungstück ist.

Elisa will folgen – aber nicht gleich, nicht auf der Stelle. Er will erst noch Abschied nehmen können. Lass mich meinen Vater und meine Mutter küssen. „Wie sehr Elischa schon im Dienst Elijas gesehen wird, zeigt die Bemerkung, dass er dazu die Erlaubnis seines neuen Herrn erbittet.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,2, Göttingen 1984, S. 233) Elisa weiß: Dieser Ruf, diese Aufgabe wird ihn über den engen Kreis der Familie hinausführen. Vielleicht sogar von der Familie entfremden?

Er sprach zu ihm: Wohlan, kehre um! Bedenke, was ich dir getan habe!

Elia stimmt zu. Darf man sagen: Er ist an dieser Stelle großzügiger als viel später Jesus. Der beantwortet die Bitte um Zeit für einen Abschied von der Familie abschlägig. „Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ (Lukas 9, 61-62) Nur darauf zielt Elias Mahnung: Über der Familie nicht zu vergessen, dass er von nun an berufen ist.

21 Und Elisa wandte sich von ihm weg und nahm ein Joch Rinder und opferte es, und mit den Jochen der Rinder kochte er das Fleisch und gab’s den Leuten, dass sie aßen. Und er machte sich auf und folgte Elia nach und diente ihm.

Man kann es leicht überlesen oder einfach als gegeben hinnehmen: Elisa opfert ein Joch Rinder und er nimmt für das Opfer die Joche der Rinder, die aus Holz sind. Es ist aber mehr als „nur“ ein Opfer. „Elischa zerstört die Arbeitsmittel seines bisherigen Berufes.“ (E. Würthwein, ebda.) Das ist ein Zeichen unbedingter Konsequenz. Keine Rückkehr mehr zu diesem Joch.

Es ist ein opulenter Abschied. „Bei den Beteiligten ist an seine Familie, die Freunde, vielleicht sogar die ganze Dorfgemeinschaft zu denken. Elisa hat seine gesicherte, ja sogar wohlhabende Existenz aufgegeben und gegen die unsichere und auch finanziell nicht abgesicherte Lebensweise des Propheten eingetauscht.“ (H. Schmid, aaO. S. 530) Nicht freiwillig, sondern gerufen. Beschlagnahmt ohne jede Vorwarnung. Auch das ist kein Thema, wie „fromm“ im Sinne des Elia sein Nachfolger ist. Gott hat ihn erwählt – das reicht.

Entsprechend lapidar fällt der Schluss-Satz dieser kleinen Szene aus. Und er machte sich auf und folgte Elia nach und diente ihm. Der Prophetenberuf fängt hier mit dem Diener-sein bei dem Propheten an.

Zum Weiterdenken

Eine Gedanke oder nur ein skurriler Einfall? Elisa nimmt die Joche seiner Rinder – zwölf an der Zahl – und verbrennt sie. Für das Opfer, für das Abschiedsfest. Ich denke nicht, dass die Zahl zwölf hier Zufall ist. Es ist die Aufgabe des Propheten, das Joch von den Stämmen zu nehmen. Das Joch, unter das sie sich selbst verfangen haben. Wenn man so will, ist das eine unbewusste prophetische Zeichenhandlung, nur für Elisa selbst bestimmt. Das ist deine Aufgabe, zu entlasten. Dafür bist du da.

 Wie geht das, ausscheiden aus einer Aufgabe und nicht wissen, wer sie übernehmen wird. Ob es überhaupt weiter gehen wird mit diesem Amt? Elia wird diese Unsicherheit erspart. Er bekommt seinen Nachfolger gezeigt und darf ihn auch in Dienst nehmen. Aber nicht alle sind so wie Elia. Dann ist es gut, sich aus Nachfolge-Regelungen heraus zu halten. Nicht mitmischen bei der Auswahl. Nicht Einfluss nehmen, nicht die Fortsetzung der eigenen Arbeit regeln wollen. Es wird weitergehen. Auch wenn es anders weitergeht. Diese Herausforderung an das eigene Vertrauen ist auch Elia nicht erspart geblieben. So wie sie unsereinem auch nicht erspart bleibt.

Unter all die Sterne schrieb der Herr den Namen von dir                                                Unter all die Sterne, nah bei ihm und weit von hier                                                          Unter all die Sterne hat der Herr Dein Leben gestellt                                                    Unter all die Sterne, ihm ganz nah am Himmelszelt

Die Stund‘, in der du Gottes letzten Ruf verstehst,                                                           Die Stund‘, wenn du das Ende deiner Zeit erflehst,                                                             Die Stund‘, in der du hoffnungsvoll dann zu ihm gehst,                                                Gelobt die Stund‘                                                                                                                                                                    Sœur Sourire  1965

Mein Gott, ob ich auch so folgen würde, wenn einer mich ruft? Ob ich auch Abschied genommen hätte von allem, was mir vorher lieb war, was mich geprägt hat? Meine Abschiede sind sanfter ausgefallen. Ich habe mich nicht so radikal los-lössen müssen. Ich durfte immer Sohn bleiben, Ehemann, Vater.

Ich danke Dir, dass Du mich so gerufen hast, dass ich nicht überfordert worden bin, dass ich meinen Gefühlen nicht Gewalt antun musste. Ich will Deinen Ruf hören, auch in der letzten Stunde meines Lebens, wenn ich mich von allem lösen muss. Es ist gut, dass Du auch dann der Rufende sein wirst. Amen