Hätte Elia es wissen können?

1. Könige 19, 1- 18

1 Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte.

Die Geschichte könnte zu Ende sein. Sie ist es aber nicht. Ahab erzählt Isebel alles. Vor allem die Gewalt-Geschichte auf dem Karmel. „Plötzlich steht das vorher nur kurz im Vorübergehen Berichtete im Zentrum.“ (F. Crüsemann / R. Micheel, Dunkles belichten, Ein Prophet geht seinen Weg: Elia, Texte zur Bibel 13, Neukirchen 1997, S. 41) Dass der Regen gekommen ist, spielt keine Rolle.

2 Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast!

Isebel sinnt auf Rache. Immerhin ist sie so fair, ihren Plan durch einen Boten bei Elia anzukündigen. Damit ist sie nicht nur fair, sondern sie handelt auf rechtlich nicht angreifbare Weise. Elia soll erfahren: die Götter, deren Propheten er umgebracht hat, sind höchst lebendig und keineswegs machtlos. Es geht ihr nicht nur um Rache – es geht immer noch um die Frage, welcher Gott denn Macht hat.

3 Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort. 4 Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Ginster und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.

Elia war bis dahin im Norden, in Jesreel. Jetzt beginnt eine Flucht, durch das ganze Nordreich, durch den Süden bis kam nach Beerscheba in Juda. Aber auch dort ist sein Weg nicht zu Ende. Er flieht, läuft um sein Leben, weiter, tief in den Negev.

Dort, unter einem Ginster, ist er am Ende. Mit sich, mit dem Leben, mit der Welt. Der um sein Leben gelaufen ist, der bittet jetzt um seinen Tod. nimm nun, HERR, meine Seele. „Einen so direkten Todeswunsch, zumal an Gott selbst gerichtet, finden wir sonst kaum in der Bibel.“ (F. Crüsemann / R. Micheel, aaO. S. 42) Es ist nachtschwarze Verzweiflung, die nach ihm greift. Nicht zuletzt deshalb, weil er sich gescheitert sieht: ich bin nicht besser als meine Väter. Die Väter – das sind Abraham, Isaak, Jakob. Das sind die Generationen vor ihm, die nicht konsequent nur Jahwe allein gefolgt sind, die auf den Höhen geopfert haben, die die fremden Götter nicht aus dem Land getrieben haben. dieses, sein Projekt – Israel allein an Jahwe gebunden sieht er in der Macht der Isebel, die ihn jagt, gescheitert. Sich selbst allein und am Ende.

5 Und er legte sich hin und schlief unter dem Ginster. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! 6 Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. 7 Und der Engel des HERRN kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. 8 Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.

Es ist lebensgefährlich sich in der Wüste hinzulegen und zu schlafen. Ein Bote, so wörtlich, rüttelt ihn wach. Erst beim zweiten Wecken wird es deutlich: dieser Bote ist der Engel des HERRN. Zweimal der Befehl: Steh auf und iss! Nach dem zweiten Weckruf macht Elia sich auf den Weg. Einen weiten Weg. Hatte Elia vor seinem Schlaf gesagt: es ist genug, so wird jetzt hier für den Weg vor ihm das gleiche Wort verwendet: rab. Es ist noch nicht genug – vor Elia dehnen sich noch der Weg und die Zeit.

Vierzig Tage und vierzig Nächte – ein langer Weg. Man könnte auf die Idee kommen: es ist ein regelrechte Wallfahrt. Beersheba, der „Ort, an dem sich die Wege von Hebron und Gaza treffen und weiter nach Aqaba führen, gilt als Ausgangsunkt für Wallfahrten zum Gottesberg.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,2, Göttingen 1984, S. 227)So könnte man also verstehen: Aus der Flucht, die die eine Erzähltradition kennt, ist in der anderen eine Wallfahrt geworden.

9 Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe, das Wort des HERRN kam zu ihm: Was machst du hier, Elia? 10 Er sprach: Ich habe geeifert für den HERRN, den Gott Zebaoth; denn die Israeliten haben deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten danach, dass sie mir mein Leben nehmen.

Am Gottesberg findet Elia eine Höhle. Zuflucht. Ein Versteck. Aber es hört nicht auf – Er wird in Frage gestellt, nicht mehr von Menschen, sondern durch das Wort des HERRN: Was machst du hier, Elia? Seine Antwort – Klage. Ich bin allein übrig geblieben. Um ihn herum nur Feinde. Nicht nur Isebel, auch die Israeliten. Es ist eine abgrundtiefe Einsamkeit, die er spürt und die ihn glauben lässt: „Der Jahweglaube hat in Israel endgültig abgewirtschaftet.“ (G. v. Rad, Theologie des AT, Bd. 2, München 1960, S. 30) Es gibt keine Zukunft mehr, nicht für Elia, nicht für Israel, nicht für Jahwe. So am Ende mit der Welt ist der Mann Gottes – am Horeb, am Gottesberg.

11 Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR ging vorüber. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. 12 Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. 13 Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle.

Gottes Antwort: Er ruft ihn heraus aus seiner Höhle, aus seinem Versteck. Aus seiner destruktiven Sicherheit: „es ist vorbei“, die ihn so fertig macht. Er ruft ihn aus der Höhle, in die er sich verkriecht.

Draußen aber geht der Herr vorüber. so wie er es Mose zugesagt hatte: „“Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin.“ (2. Mose 33, 22) Es wird nicht erzählt, dass Mose den vorübergehenden Gott gesehen hätte. Auch Elia bekommt ihn nicht zu Gesicht. Nicht im Sturm, nicht im Erdbeben , nicht im Feuer. So, weiß der Leser der alten Zeiten, zeigt sich Baal. „Aber auch im AT ist das Erscheinen Jahwes vielfach mit solchen Phänomenen verbunden.“ (E. Würthwein, aaO. S. 230) Nur: hier ist er nicht im Sturm, im Erdbeben, im Feuer. Nicht in den gewaltigen Ereignissen. Es ist wie eine nachträgliche Kritik am Gewaltexzess auf dem Karmel: Gott ist nicht in der Gewalt gegenwärtig.

Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Hörbare Stille. „Die Stimme eines kümmerlichen, kleinen, schwachen Schweigens.“ (F. Crüsemann / R. Micheel, aaO. S. 46 Die Stille nach dem Sturm. Sie holt Elia aus seiner Höhle. Sie lässt ihn sich in Ehrfurcht verhüllen. „Propheten in der Höhle mögen in Sicherheit sein, Propheten können sie so nicht sein.“ (F. Crüsemann / R. Micheel, aaO. S. 44)

Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach: Was hast du hier zu tun, Elia? 14 Er sprach: Ich habe für den HERRN, den Gott Zebaoth, geeifert; denn die Israeliten haben deinen Bund verlassen, deine Altäre zerbrochen, deine Propheten mit dem Schwert getötet und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten danach, dass sie mir das Leben nehmen.

Der Dialog wiederholt sich. Wieder wird Elia gefragt, was ihn hierher bringt. Und wieder klagt er: ich bin allein. Von allen gejagt. Israel hat sich gegen mich gestellt. Ich bin gescheitert.

15 Aber der HERR sprach zu ihm: Geh wieder deines Weges durch die Wüste nach Damaskus und geh hinein und salbe Hasaël zum König über Aram 16 und Jehu, den Sohn Nimschis, zum König über Israel und Elisa, den Sohn Schafats, von Abel-Mehola zum Propheten an deiner statt. 17 Und es soll geschehen: Wer dem Schwert Hasaëls entrinnt, den soll Jehu töten, und wer dem Schwert Jehus entrinnt, den soll Elisa töten. 18 Und ich will übrig lassen siebentausend in Israel, alle Knie, die sich nicht gebeugt haben vor Baal, und jeden Mund, der ihn nicht geküsst hat.

Der HERR aber widerspricht diesem Propheten, der sich von Menschen – und von Gott? – verlassen fühlt. Er widerspricht ihm, indem er ihn auf die Reise schickt. Ihm einen neuen Auftrag gibt. Nach Norden – durch die Wüste nach Damaskus. Dort soll er die Widersacher des Hauses der Omriden, des Hauses Ahabs salben – zum König. Den einem in Aram, den anderen über Israel. Und dort wird er auch seinen Nachfolger finden und zum Propheten salben – Elisa, den Sohn Schafats. Mit diesen Worten am Horeb wird das turbulente Ende der Omriden-Herrschaft als der Weg Gottes gedeutet. Nicht nur als ein erfolgreicher Putsch. Beteiligt an diesem Ende – Hasaël, Jehu, und Elisa. Sie werden „Gerichtsvollzieher Gottes“ sein.

Die Botschaft dieser Worte an Elia: Du glaubst Gott am Ende. Aber der Weg Gottes geht weiter. Gott hat schon längst seinen Weg und er wird ihn weiterführen. Zu diesem Weg gehört auch: es gibt mehr Treue in Israel als Elia in seiner verbitterten Einsamkeit und Kurzsichtigkeit glaubt: Ich will übrig lassen siebentausend in Israel, alle Knie, die sich nicht gebeugt haben vor Baal.

Ein Predigt-Versuch für heute

Liebe Gemeinde,

„Ich kann nicht mehr. Ich bin fertig. In mir ist alles wie tot. Durch Jahre habe ich gekämpft, aber jetzt bin ich am Ende. Am liebsten möchte ich nur noch sterben. Dabei habe ich einmal gedacht, ich würde es alles packen. Die ganze Welt wollte ich verändern – oder doch wenigstens die Welt um mich herum. Ich kenne Augenblicke, in denen ich dachte: Jetzt hast du es bald geschafft. Jetzt bist du bald durch. Dann ist der Kampf durchgestanden und alles muss gut werden. Aber dann hat ein Windhauch genügt – und meine Kraft war wie weggeblasen. Eine lächerliche Kleinigkeit hat genügt und ich bin abgestürzt – von der Höhe in die Tiefe.“

Nicht nur einmal habe ich das gehört – in diesen und ähnlichen Worten. Menschen haben mir erzählt von ihren Träumen und Höhenflügen und von den Abstürzen. Menschen haben mir erzählt von ihren Hoffnungen und vom Scheitern – im Blick auf ihre Ehe, im Blick auf ihre Kinder, im Blick auf ihren Beruf, im Blick auf ihre Kirchengemeinde. Immer wieder gibt es diese Erfahrung – und ich kenne sie auch von mir selbst nur zu gut: Alles habe ich gegeben, alles habe ich versucht – und ich bin abgestürzt. Ich denke mir, dass Sie das auch kennen werden – vielleicht bei einem Menschen in Ihrer Umgebung, vielleicht aber auch bei sich selbst.

Wie weit ist unser normaler Alltag von der Geschichte des Elia entfernt, der ständig in Todesgefahr schwebt, mit Gott redet, gewaltige Erfolge feiert und bittere Niederlagen erlebt? Lässt sich für unseren Alltag dennoch aus dieser Geschichte etwas mitnehmen? Ja, ich glaube schon.

1. Nach dem Erfolg der Absturz

Elia erlebt einen Absturz – gestern noch der Held, heute ein einsamer Flüchtling. Gestern noch berauscht von der eigenen Macht rennt er heute in Angst in die Wüste. Gestern hat er sein Ziel erreicht, die Propheten des Baal besiegt, ja sogar getötet und heute fürchtet er ums eigene Leben.

So gefährlich geht es bei uns nicht zu und doch kennen wir ähnliche Erfahrungen: Gerade dann, wenn wir etwas geschafft haben, droht die große Leere. Wir haben auf ein Ziel hin gearbeitet, alle unsere Kräfte dafür eingespannt und als es erreicht ist, sind wir abgeschlafft, löst sich die Spannung. Und manchmal stürzen wir dabei in ein großes Loch. Studenten kennen das und man es „Examens-Depression“. Frauen kennen das nach der Entbindung und es wird „Geburts-Depression“ genannt. „Ich konnte mich nicht mehr richtig motivieren“ sagt der dreifache Biathlon-Weltmeister. Die große Erschöpfung nach der großen Anstrengung. Manchmal wächst sie sich aus in eine richtige Lebenskrise: vorher habe ich gewusst, wofür ich da bin – jetzt weiß ich gar nichts mehr.

Und dann ist es manchmal doch wie bei Elia: Bei ihm ist es Isebel, die ihn jagt, die ihn in Frage stellt und sein Leben gefährdet. Wir werden nicht von Feinden gejagt, die uns nach dem Leben trachten. Aber uns zermürben die eigenen Fragen, die tief in uns setzen: Hat dein ganzes Engagement eigentlich Sinn gehabt? Was kommt jetzt noch, nach diesem großen Schritt? Wie geht es weiter, wenn die Kinder aus dem Haus sind, wenn beruflich alle Spatzen gefangen sind, wenn die Ruhestands-Grenze droht? Stellt sich dann der große Absturz ein?

2. Leben auf der Überholspur

Elia sagt einen Satz, der mich sehr hellhörig macht: „Ich bin nicht besser als meine Väter“ ich frage mich, ob das ganze Gewalt-Programm, das Elia durchgezogen hat, nicht genau aus diesem Satz heraus geboren und verständlich wird. Die Väter waren lau im Glauben an den einen Gott – er will es besser machen. Darum wird er radikal: „Jahwe allein“ ist Elias Parole – und er setzt sie durch, bis er in einem Meer von Blut watet. Er kämpft für seinen Gott mit den Methoden und Mitteln der Propheten des Baal – er tut so, als sei der Gott Israels der bessere Kriegs-Gott, der gewaltigere Blitze-Schleuderer, der bessere Lebensspender. Und er scheut vor der Gewalt nicht zurück, weil er es ja weiß und es besser machen will.

Vor vielen Jahren gab es ein Buch über die Liebe: „Wir wollen es besser machen.“ Ich weiß nicht, wie viel Unheil das angerichtet hat. Denn es scheint ein Gesetz zu geben: Wer immer im Komparativ lebt, der muss zwangsläufig irgendwann leer laufen. Wer immer jemand übertreffen muss, der wird nie wirklich frei. Und irgendwann kippt der Ansporn durch die inneren Antreiber und wir kommen mit der Enttäuschung über uns selbst nicht zurecht. Wenn ich mich umschaue, sehe ich viele, die genau an diesem Programm scheitern: „Ich bin nicht besser als meine Väter“. Ich kenne eine Menge Söhne und Töchter prominenter Eltern, die ihr Leben lang nicht aus dieser Falle heraus gekommen sind – besser sein als die Eltern. Das macht auch vor den Erben kleiner Handwerksbetriebe nicht halt. Wer andere zur eigenen Meßlatte macht, der ist vom Absturz tief bedroht.

Es ist eine verrückte Situation: Elia flieht aus Angst vor dem Tod in die Wüste und dort wünscht er sich den Tod! Er sieht, wohin ihn sein Wille gebracht hat und kann es kaum aushalten. Fast könnte man sagen: Die Enttäuschung über sich selbst ist schlimmer als die Rachsucht der Isebel und die Angst vor ihr. Ist es wahr, dass wir den Tod mehr fürchten als alles andere – oder könnte man auf die Idee kommen, dass wir die Wahrheit über uns selbst noch mehr fürchten als den Tod?

3. Wenn wir am Ende sind, hilft nur noch das Elementare

Nun endlich kommt Gott ins Spiel – oder nicht direkt Gott, sondern ein Bote Gottes. Ein Engel rührt den todmüden Elia an. Geht es Ihnen auch so, dass Sie gerne wüssten, wie der Engel wohl ausgesehen hat? Ich denke mir, in der Wüste hatte er das Gewand eines Beduinen an und war braun gebrannt, mit einem langen Burnus, der ihn vor der Hitze schützte. Vielleicht sah sein Gesicht ein wenig zum Fürchten aus.

Heute kommen die Engel nicht so – bei uns schon gar nicht. Da fielen sie ja viel zu sehr auf. Bei uns kommen die Engel eher im Anzug oder in Jeans, vielleicht auch im Rock – jedenfalls selten mit Flügeln. Wichtiger als das Aussehen aber ist, was der Engel sagt!

Der Engel rührt, stößt, wahrscheinlich nicht sonderlich sanft, Elia an, und sagt: Steh auf, nimm und iss. Und als der die Augen öffnet, sieht er Wasser und Brot. Wasser, Brot, Berührung – der Engel Gottes bringt keinen Luxus – er bringt das Lebensnotwendige. In der Wüste geht es um das Lebensnotwendige – das, was Lebensnot wendet. Alles andere wird als Luxus entlarvt. Damit das Leben weitergeht, neuen Grund unter die Füße kommt, braucht es diese drei Dinge – damals bei Elia, und ich glaube auch bei uns – Wasser, Brot, Berührung.

Unsere Wohnungen stehen voll mit Sachen, die wir für unentbehrlich halten. Wir sind auch den lieben langen Tag mit so vielen Dingen beschäftigt, die uns in Atem halten – mit Steuerflucht und Koalitionsquerelen, mit Kleiderfragen und Gewichtsproblemen, mit Stil-Diskussionen und Gehaltsfragen. Alles nicht ganz unwichtig und doch denke ich: In Wahrheit verstellen sie uns häufig den Weg zum Leben. Das alles wird ja sehr zweitrangig, wenn es um das Leben geht, wenn wir „in die Wüste“ geraten.

Das sehen wir, wenn wir auf Anfang und Ende unseres Lebens schauen: Am Anfang unseres Lebens hat das alleine wirklich gezählt – und wenn es ans Sterben geht, wird das allein zählen – dass uns einer noch einmal die Stirn abtupft, noch einmal einen Bissen Brot gibt, noch einmal einen Schluck Wasser für die durstige Kehle reicht, noch einmal uns nahe ist und uns Gott nahe bringt in einem Gebet.

Damit einer wieder aufstehen kann, wieder Ja zum Leben sagen kann, nicht gefangen bleibt im Nein seiner Resignation, braucht es nicht tausenderlei, sondern das Einfache, Elementare: Wasser und Brot und eine Stimme, die sagt: Du bist noch nicht am Ende.

Steh auf und iss! Das Leben, dein Leben, Elia, geht weiter. Du bist noch nicht am Ende, weil Gott mit Dir noch nicht am Ende ist. Du bist am Ende deiner Kraft, aber Gott gibt dir neue Kraft. Und dann stärkt er Elia durch Wasser und Brot. Er stärkt ihn mit dem, was dem Leben neue Kraft gibt.

Bei uns ist das nicht anders. In unsere Müdigkeiten hinein sagt Gott sein Wort, das uns befreit und neue Kraft gibt. In unsere Müdigkeit hinein sagt er uns: Nehmt und esst, mein Leib, nehmt und trinkt, mein Blut. Unser Glaube lebt genau wie Elia vom Essen und Trinken, vom Brot und vom Wein. Unser Glaube, unser Leben lebt davon, dass Gott sich uns neu schenkt – jeden Tag neu schenkt.

4. Der Weg zum neuen Anfang ist der Weg zurück zum Anfang

Durch vierzig Tag und Nächte geht Elia zum Horeb. Das ist erst einmal ein Weg in der Leere, ein Weg, der ihn arm und leer sein lässt. Aber anders können wir ja auch nicht neu erfüllt werden als dass wir die Leere erfahren.

Der Weg zum Horeb ist ein Weg zurück zum Anfang. Am Horeb war die Begegnung Israels mit seinem Gott, in der es zum Volk geworden ist. hier hat Gott sich dem Volk versprochen. hier hat er ihm das Gebot gegeben als gute Lebensordnung. Hier hat er sich dem Volk offenbart als der verlässliche Grund. Elia kehrt zu diesem Anfang Gottes mit seinem Volk zurück.

Am alten Gottesberg aber wartet eine neue Gotteserfahrung auf ihn. Er erlebt Gott – anders als er ihn erwartet hatte, anders als es ihn seine Tradition lehrte. Elia musste Gott mächtig erwarten, im Sturm, Im Erdbeben, im Feuer. So beschreibt Israel immer wieder das Kommen Gottes. Aber Gott kommt „in einem stillen, sanften Sausen“ – wie in einer verröchelnden, vom vielen Rufen verletzten Stimme. Elia erfährt:. Der Gott Israels ist nicht der bessere Baal – Gott ist kein Baal. Und darum darfst du aufhören zu kämpfen und der einsame Streiter zu sein.

5. Die Klage des Elia

Elia stimmt in dieser Begegnung mit Gott nicht gleich Lobgesänge an. Es ist so, als müsste er jetzt erst einmal alles loswerden. Zweimal bricht es aus ihm heraus, was ihn quält: `Ich habe mich eingesetzt bis ans Ende meiner Kraft und bin fertig. Ich bin einsam geworden auf dem Weg für dich. Ich sehe keine Perspektive mehr.‘

Gott geht in der neuen Begegnung nicht an der Klage des Elia vorbei. Gott begegnet Elia vielmehr so, dass er klagen kann. Vor diesem verletzten Gott, der seinen Menschen sucht, kann Elia seine Verletzungen aussprechen.

Im Neuen Testament gibt es eine ganz ähnliche Szene. Auf dem Weg nach Emmaus erzählen die Jünger Jesus wortreich, wie sehr sie von dem Geschehen des Karfreitag verletzt, erschreckt, verängstigt sind. Sie finden kaum ein Ende und Jesus lässt sie erzählen, erzählen, erzählen.

Auf dem Weg der Umkehr müssen wir nicht von Anfang an Jubellieder singen. Gott hält unsere Klagen und Fragen aus. Er hört sie, er geht mit uns bis auf den Grund unseres Schmerzes. So nimmt er uns auf und er eröffnet dann auch einen neuen Weg in die Zukunft.

6. Die neue Sendung

Am Ende steht ein neuer Auftrag für Elia. Er wird gesandt, er bekommt von Gott selbst seinen neuen Weg gezeigt. Und: Gott hat gehört, wie sehr Elia sich dahinein verrannt hat, dass er ein einsamer Kämpfer ist. Darum zeigt Gott ihm mit diesem neuen Auftrag: Dein Nachfolger steht schon bereit. Du musst nicht glauben, dass mit dir alles zusammen bricht. Ich habe schon gefunden, wer weitermacht. Ich habe schon gefunden, wer neben dir mitträgt. Ich habe schon gefunden, wem ich meine Arbeit in die Hände geben kann.

Seht, wir sind auch nicht die einzigen, die Gottes Kirche noch mühsam erhalten müssten und nach uns wird alles zusammenbrechen. Gott will uns mit unserer Arbeit – aber er hat auch schon längst die im Blick, die mit uns und nach uns in seinem Auftrag weitergehen werden. Gott sei Dank – es geht weiter mit dem Volk Gottes: Es geht solange weiter, wie Gott immer neu Menschen in seine Arbeit ruft – zu sich, zu einem neuen Anfang im Glauben und zum Gehen auf seinem Wegen.                                                                                                                                                            Friedberg-Fauerbach 24. 2. 08

Mein Gott, viel zu oft habe ich geglaubt zu wissen, wie Du bist, wie Du Dich zeigen wirst. Viel zu oft habe ich auch dieses Bild gemalt, eines Gottes, der im Sturm daher fährt, die Erde erschüttert, der wie ein brennendes Feuer ist.. Ich hätte es genauer lesen müssen

Gottes Stimme – wie ein verlöschendes Röcheln, ein sanfter Windhauch, ein verwehendes Schweigen. Ich hätte es wissen können aus der Schrift: Gott kommt leise, sanftmütig, ohne große Pracht. Ich hätte es wissen können, schließlich legst Du Deinen Sohn in einen armseligen Stall. Öffne mir die Augen und die Ohren für Dein stilles Kommen in mein Leben hinein. Amen