Ein Blutbad – im Namen Gottes?

1. Könige 18, 25 – 46

25 Und Elia sprach zu den Propheten Baals: Wählt ihr einen Stier und richtet zuerst zu, denn ihr seid viele, und ruft den Namen eures Gottes an, aber legt kein Feuer daran. 26 Und sie nahmen den Stier, den man ihnen gab, und richteten zu und riefen den Namen Baals an vom Morgen bis zum Mittag und sprachen: Baal, erhöre uns! Aber es war da keine Stimme noch Antwort. Und sie hinkten um den Altar, den sie gemacht hatten.

Elia lässt den Propheten Baals den Vortritt. Sie sollen als Erste ihren Gott anrufen und zum Handeln bringen, dass er Feuer macht. „Sie waren eigentlich schon im Vorteil, was die Zahl und damit auch die Menge der Gebete und rituellen Möglichkeiten anbetraf.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 493) Sie rufen nach ihm – aber da ist keine Antwort. Ganz im Gegensatz zu dem, was man von Baal sagt, dass er in Wolken seine Stimme erhebt. So geht es stundenlang, bis aus ihrem rituellen Tanz ein Hinken wird. In der Wortwahl meldet sich der Spott des Erzählers zu Wort.

27 Als es nun Mittag wurde, verspottete sie Elia und sprach: Ruft laut! Denn er ist ja ein Gott; er ist in Gedanken oder hat zu schaffen oder ist über Land oder schläft vielleicht, dass er aufwache. 28 Und sie riefen laut und ritzten sich mit Messern und Spießen nach ihrer Weise, bis ihr Blut herabfloss. 29 Als aber der Mittag vergangen war, waren sie in Verzückung bis um die Zeit, zu der man das Speisopfer darbringt; aber da war keine Stimme noch Antwort noch einer, der aufmerkte.

Auch Elia kann sich nicht mehr zurückhalten. Er verspottet sie. Euer Gott kann nicht, er ist anderweitig beschäftigt, in Gedanken, beim Stuhlgang, oder er schläft. „Dass Baal zeitweise nicht aktiv, nicht präsent ist, damit nicht wirken kann, sagt auch der kanaanäische Mythos, wo er vom Todesgott besiegt wird und in die Totenwelt hinab muss. (F. Crüsemann / R. Micheel, Dunkles belichten, Ein Prophet geht seinen Weg: Elia, Texte zur Bibel 13, Neukirchen 1997, S. 33) Die Propheten Baals aber machen weiter, immer weiter, aber es wirkt nicht. Keine Stimme noch Antwort noch einer, der aufmerkte. Baal ist einfach nicht da. Gleichwohl wird man sagen dürfen, dass ihre Frömmigkeit, ihr Einsatz über Stunden hinweg eindrücklich ist.

30 Da sprach Elia zu allem Volk: Kommt her zu mir! Und als alles Volk zu ihm trat, baute er den Altar des HERRN wieder auf, der zerbrochen war. 31 Und Elia nahm zwölf Steine nach der Zahl der Stämme der Söhne Jakobs – zu dem das Wort des HERRN ergangen war: Du sollst Israel heißen – 32 und baute von den Steinen einen Altar im Namen des HERRN und machte um den Altar her einen Graben, so breit wie für zwei Maß Aussaat, 33 und richtete das Holz zu und zerstückte den Stier und legte ihn aufs Holz. 34 Und Elia sprach: Holt vier Eimer voll Wasser und gießt es auf das Brandopfer und aufs Holz! Und er sprach: Tut’s noch einmal! Und sie taten’s noch einmal. Und er sprach: Tut’s zum dritten Mal! Und sie taten’s zum dritten Mal. 35 Und das Wasser lief um den Altar her, und der Graben wurde auch voll Wasser.

Jetzt schlägt, nach dem Mittag, Elias Stunde. Er ruft das Volk und baut einen Altar. Zwölf Steine – nach der Zahl der Stämme. Es geht um ganz Israel, nicht nur um den Norden. Es wiederholt sich – auch Elia zerlegt den Opfer-Stier. Er macht den Altar unzugänglich durch einen Graben und er füllt diesen Graben mit Wasser. Auch der zerstückelte Stier wird mit Wasser übergossen. Wenn man so will:Es trieft nur so vor Nässe. Alles, damit ausgeschlossen ist: Hier liegt eine Manipulation vor.

. 36 Und als es Zeit war, das Speisopfer zu opfern, trat der Prophet Elia herzu und sprach: HERR, Gott Abrahams, Isaaks und Israels, lass heute kundwerden, dass du Gott in Israel bist und ich dein Knecht und dass ich all das nach deinem Wort getan habe! 37 Erhöre mich, HERR, erhöre mich, dass dies Volk erkenne, dass du, HERR, Gott bist und ihr Herz wieder zu dir kehrst!

Es ist Zeit – und Elia betet. Einfach. Schlicht. Er ruft den Gott der Väter an: Gott Abrahams, Isaaks und Israels. Er muss handeln, bestätigen, was Elia gesagt und getan hat. Es ist an Gott, sich zu erkennen zu geben – als den, der allein Gott ist. Er muss es wirken, was Elia nicht vermag: Dass du ihr Herz wieder zu dir kehrst! Es gilt nicht nur damals: „Der Glaube ist bedroht von Irrtum, Unklarheit, falscher Gottesvorstellung. Der Glaubende braucht immer aufs Neue eine Gottesbegegnung, die Klarheit schafft.“ (H. Schmid, aaO. S. 500) Solche Gottesbegegnung allerdings kann man nur erbitten, erzwingen lässt sie sich nicht.

38 Da fiel das Feuer des HERRN herab und fraß Brandopfer, Holz, Steine und Erde und leckte das Wasser auf im Graben. 39 Als das alles Volk sah, fielen sie auf ihr Angesicht und sprachen: Der HERR ist Gott, der HERR ist Gott!

Da fiel das Feuer des HERRN herab. Baal hat nicht geantwortet. Wohl aber der HERR. Jahwe. Es ist knapp erzählt, wie es knapper nicht geht. Es braucht keine Ausschmückungen. Nur das zählt: dass Gott antwortet. „Damit ist der Taterweis erbracht, und die Erzählung lässt das Volk selber die Folgerung ziehen: Jahwe, er ist Gott!“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,2, Göttingen 1984, S. 218)Darauf läuft es hinaus, das will die Erzählung zeigen: Jahwe ist allein Gott, der einzige. Alle anderen Götter, auch Baal sind ihm gegenüber nichtig. Nichts.

40 Elia aber sprach zu ihnen: Greift die Propheten Baals, dass keiner von ihnen entrinne! Und sie ergriffen sie. Und Elia führte sie hinab an den Bach Kischon und schlachtete sie daselbst.

Es wirkt, als sei es dem Erzähler fast ein wenig peinlich. Elia nützt die Situation aus. Nützt die emotionale Stimmung des Volkes aus. Es wirkt, als wolle er sie zu einer Tat bringen, nach der es keine Rückkehr mehr geben wird. Es ist für heutige Leser*innen erschreckend, wie hier das Gewalt-Potential religiöser Erregung sichtbar wird. Kommt es zu diesem Gewalt-Exzess auch deshalb, weil das Volk so seine vorherige Schaukelhaltung vergessen machen will?

Darf man sagen: Die kühle Erklärung des großen Exegeten ist auch ein wenig peinlich? „Die Tötung der Baalspriester war keineswegs ein Akt der Rache oder eines Fanatismus, zu dem sich Elias Leidenschaft hatte hinreißen lassen. … Elia hat nur ein uraltes, inzwischen freilich weithin vergessenes Recht praktiziert, demzufolge auf jeder Form des Abfalls von Jahwe die Todesstrafe stand: Wer anderen Göttern opfert, der soll vom Leben zum Tode gebracht werden. (2. Mose 2,19)“ (G. v. Rad, Theologie des AT, Bd. 2, München 1960, S. 28) Für den heutigen Leser ändert das nichts am Befremden über diese Gewalt.

Es ist ein bleibendes Ärgernis: „Gott schreitet nicht ein, als Elija die Baals-Propheten ermordet, noch zieht er ihn wegen seiner Tat zur Rechenschaft.“ (F. Crüsemann / R. Micheel, aaO. S. 38) Muss man daraus also schließen, dass diese Tat Elias Gott recht ist? Oder hat Elia doch mit dieser Gewalt Gottes Willen verfehlt? Wie auch immer – sie kann kein Modell für heutigen Umgang mit Andersgläubigen, auch „Ungläubigen“ sein.

41 Und Elia sprach zu Ahab: Zieh hinauf, iss und trink; denn es rauscht, als wollte es sehr regnen. 42 Und als Ahab hinaufzog, um zu essen und zu trinken, ging Elia auf den Gipfel des Karmel und bückte sich zur Erde und hielt sein Haupt zwischen seine Knie 43 und sprach zu seinem Diener: Geh hinauf und schaue zum Meer hin! Er ging hinauf und schaute und sprach: Es ist nichts da. Elia sprach: Geh wieder hinauf! So geschah es siebenmal.

Es ist ein abrupter Wechsel. Wo war Ahab während der Gewalt-Orgie? Warum soll er jetzt essen und trinken? Hat er zuvor gefastet? Diese Unklarheiten sprechen dafür, dass es ursprünglich keinen Zusammenhang zwischen der Opfer-Erzählung und der folgenden Geschichte um die Rückkehr des Regens gegeben hat.

Elia steigt auf den Gipfel des Berges. Ist es ein Gebets-Gestus, dass er den Kopf zwischen die Knie legt? Ein Trauer-Gestus? Eine Zauberhaltung – oder ist es von allem etwas? „Für diese Haltung haben wir keine biblische Parallele und der Text selbst gibt keine Deutung.“ (H. Schmid, aaO. S. 507) Nur so viel: Elias Diener – wo kommt der so plötzlich her? – wird siebenmal gesandt, um Ausschau zu halten zum Meer hin. Ob sich Wolken zeigen. Diese siebenmalige Wiederholung mag an den siebenfachen Umzug um Jericho erinnern, ehe die Mauern einstürzen.

44 Und beim siebenten Mal sprach er: Siehe, es steigt eine kleine Wolke auf aus dem Meer wie eines Mannes Hand. Elia sprach: Geh hinauf und sage Ahab: Spann an und fahre hinab, damit dich der Regen nicht aufhält! 45 Und ehe man sich’s versah, wurde der Himmel schwarz von Wolken und Wind, und es kam ein großer Regen. Ahab aber fuhr hinab nach Jesreel.

Endlich beim siebenten Mal zeigt sich eine kleine Wolke aus dem Meer. Das genügt Elia. Er weiß: Jetzt kommt der große Regen. Er mahnt Ahab: Bringe dich vor dieser Regenflut in Sicherheit. Der Regen setzt ein – ein großer Regen. Ahab fährt durch den Regen hinunter in die Ebene, nach Jesreel.

46 Und die Hand des HERRN kam über Elia, und er gürtete seine Lenden und lief vor Ahab hin, bis er kam nach Jesreel.

Elia braucht keinen Wagen. Er bekommt göttlichen Rückenwind durch die Hand des HERRN. „Mit übermenschlichen Kräften ausgestattet“ (E. Würthwein, aaO. S. 214) rennt er auf dem Weg vor dem Wagen Ahabs her.

Zum Weiterdenken

Es ist ein Gedanke, der mich bewegt: „Dem aussichtslosen Versuch, durch Leistung die Aufmerksamkeit der Gottheit zu erregen, steht die Gelassenheit Elias gegenüber, die neben dem rasenden Bemühen der Baalspriester geradezu als Passivität erscheint.“ (G. v. Rad, aaO. S. 27) Aber diese Passivität lässt Gott Raum zu handeln.

Ganz so, wie wir es manchmal singen:

Ihr dürft euch  nicht bemühen noch sorgen Tag und Nacht,                                             wie ihr ihn wollet ziehen mit eures Armes Macht.                                                            Er kommt, er kommt mit Willen, ist voller Lieb und Lust,                                             all Angst und Not zu stillen, die ihm an euch bewusst.                                                                                       P.  Gerhardt, 1653, EG 11

             Es ist nicht in der Dramaturgie, aber vielleicht doch gedanklich und geistlich die Mitte des Textes – das schlichte Gebet Elias zu Gott. „Herr, jetzt bist du dran. Ich kann das Volk nicht zu Dir kehren. Das ist Deine Sache.“ Ob wir das von Elia lernen könnten, gar lernen müssten: Umkehr zu Gott zu wirken ist nicht unser Ding. Wir können keinen zur Umkehr bringen. Es ist allein Gottes Möglichkeit. Er muss sich als der gegenwärtige Gott erweisen. Seine Gegenwart aufleuchten lassen. Dazu braucht es kein Feuer vom Himmel. Nur seine leise Gegenwart. Unsere Aufgabe ist, ihn zu rufen: Herr, kehre Dich doch wieder zu Deinen Volk. Nur so wird es auch zur Umkehr der Herzen kommen. Alle Umkehr bei uns Menschen fängt mit der Umkehr Gottes an.

Wenn man als unbefangener Leser nur den Abschnitt V. 41 – 46 lesen würde, käme man nicht auf die Idee, eine tiefe Feindschaft wischen Elia und Ahab zu vermuten. Es wirkt wie die Erzählung eines glücklichen Endes einer langen Dürre-Periode. Und Elia ist der „Regenmacher“, der dem König zur rechten Zeit Hilfe zukommen lässt.

Es ist uns fremd geworden, das Setzen auf ein Gottesurteil. Ja, mein Gott, Du zeigst, auf wessen Worte du antwortest. Du zeigst, wer Dir vertraut und wer auf die falschen Götter setzt. Du lässt das Gebet des Armen, des Ausgelieferten nicht ins Leere laufen.

Aber Du willst nicht, dass wir Gottesurteile vollstrecken, dass wir uns zur Gewalt ermutigt fühlen mit Dir auf unserer Seite. Wir haben kein Recht zur Gewalt. Niemals. Schon gar nicht denen gegenüber, die im Irrtum gefangen und blind sind. Lehre uns Deine Gewaltlosigkeit. Lehre uns Deine Gerechtigkeit,die Erbarmen ist bis zum Äußersten. Amen