Anklage gegen Anklage

1. Könige 18, 1 – 24

1 Nach einer langen Zeit kam das Wort des HERRN zu Elia, im dritten Jahr: Geh hin und zeige dich Ahab, denn ich will regnen lassen auf die Erde. 2 Und Elia ging hin, um sich Ahab zu zeigen. Es war aber eine große Hungersnot in Samaria.

Drei Jahre lang geschieht nichts, Elia ist in Sarepta Dauergast. Die Zeit geht ins Land und sie wird zur tödlichen Dürre. So, dass Gott bei sich den Abbruch der Regenpause beschließt – ich will regnen lassen auf die Erde. Das Schweigen Gottes hat ein Ende und die Zeit der Dürre soll auch ein Ende finden. Darum soll sich Elia Ahab zeigen. Gott will diese Kontaktaufnahme. Es geht in diesem sich Zeigen um ein Signal an Ahab, oder doch auch ein Signal an Elia.

„Der Heilige, gebenedeit sei er! redete Elija zu, dass er gehe und sich Ahab zeige. Elija entgegnete ihm: Wie soll ich zu ihm gehen, da er bis jetzt keine Buße getan hat? – Als ich meine Welt tränkte, versetzte der Heilige, gebenedeit sei er! da war nur ein Mensch in der Welt und ich tränkte sie um seinetwegen, wie es heißt: Und ein Dunst stieg auf von der Erde(gen 2,6) Um wie viel mehr jetzt, gehe und zeige dich Ahab und ich gebe Regen.“ (Midrasch Tehillim zu Ps. 117,2) (F. Crüsemann / R. Micheel, Dunkles belichten, Ein Prophet geht seinen Weg: Elia, Texte zur Bibel 13, Neukirchen 1997, S. 31)Es kostet, so weiß die rabbinische Auslegung, Gott Mühe, Elia zu seinen Schritten zu bringen.

3 Und Ahab rief Obadja, seinen Hofmeister – Obadja aber fürchtete den HERRN sehr; 4 denn als Isebel die Propheten des HERRN ausrottete, nahm Obadja hundert Propheten und versteckte sie in Höhlen, hier fünfzig und da fünfzig, und versorgte sie mit Brot und Wasser –; 5 und Ahab sprach zu Obadja: Zieh durchs Land zu allen Wasserquellen und Bächen, ob wir Gras finden und die Rosse und Maultiere erhalten könnten, damit wir keines der Tiere töten müssen. 6 Und sie teilten sich ins Land, dass sie es durchzogen. Ahab zog allein auf dem einen Weg und Obadja auch allein auf dem andern Weg.

Ahab hat seinem Hofmeister Obadja den Auftrag gegeben: Mach deinen Job. Denn der „ist für die aus dem Besitz erfolgende Versorgung des Hofes zuständig. Er hat also unmittelbar und dienstlich mit den Folgen einer solchen Notzeit zu tun.“ (F. Crüsemann / R. Micheel, aaO. S. 32) Darum soll Obadja, nach letzten Quellen, letzten Bächen suchen, um zu retten, was noch zu retten ist. Tiere vor dem Verdursten. Man kann das durchaus kritisch lesen: „Der König sorgt sich nur um seine eigene, für seine Macht wichtigen Tiere.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,2, Göttingen 1984, S. 221) Man wird aber auch nicht übersehen dürfen: Ahab macht sich in anderen Teilen des Landes selbst auf die Suche. Er bleibt nicht gemütlich im Regierungssitz zurück.

Dieser Hofmeister Obadja ist ein loyaler Beamter des Königs und gleichzeitig – heimlich – ein Anhänger Jahwes. Er ist konspirativ tätig. Darin, dass er Propheten des HERRN vor dem Zugriff der König Isebel in Sicherheit bringt. Er versteckt sie im Land, in dem es genug Höhlen gibt. Er sorgt dafür, dass sie versorgt sind – nicht jeder ist ein Elia, den Gott selbst durch Raben versorgt. Die Rolle der Raben übernimmt hier der Hofbeamte.

7 Als nun Obadja auf dem Wege war, siehe, da begegnete ihm Elia. Und als er ihn erkannte, fiel er auf sein Antlitz und sprach: Bist du es, Elia, mein Herr? 8 Er sprach: Ja! Geh hin und sage deinem Herrn: Siehe, Elia ist da!

Es kommt zur Begegnung – Obadja, der hochgestellte Beamte, der treue Diener Ahabs, und der Prophet. Sie erkennen einander und Elia erteilt dem Hofmeister den Auftrag zur Information an Ahab: Siehe, Elia ist da! Das kann Versprechen oder auch Drohung sein. Es zeigt sich in dieser Begegnung und diesem Auftrag auch etwas davon, dass Elia kein Mensch ist, der sich amtlichen Autoritäten zu unterwerfen geneigt ist.

9 Obadja aber sprach: Was hab ich gesündigt, dass du deinen Knecht in die Hände Ahabs geben willst, dass er mich töte? 10 So wahr der HERR, dein Gott, lebt: Es gibt kein Volk noch Königreich, wohin mein Herr nicht gesandt hat, dich zu suchen. Und wenn sie sprachen: Er ist nicht hier, nahm er einen Eid von dem Königreich und Volk, dass man dich nicht gefunden hätte.

Jetzt erfährt der Leser durch Obadja: Elia ist fieberhaft gesucht worden. Überall, auch bei den benachbarten Völkern. Der meistgesuchte Mann des Reiches Israel. Das spricht für eine schwierige Vorgeschichte zwischen Ahab und Elia, von der wir allerdings bislang nichts erfahren haben. Es reicht wohl zu wissen – Ahab verehrt Baal und Elia ist der Prophet Jahwes.

11 Und nun sprichst du: Geh hin, sage deinem Herrn: Siehe, Elia ist da! 12 Wenn ich nun hinginge von dir, so könnte dich der Geist des HERRN hinwegnehmen, und ich wüsste nicht wohin; und wenn ich dann käme und sagte es Ahab an und er fände dich nicht, so tötete er mich. Und doch fürchtet dein Knecht den HERRN von seiner Jugend auf. 13 Ist’s meinem Herrn Elia nicht angesagt, was ich getan habe, als Isebel die Propheten des HERRN tötete? Dass ich von den Propheten des HERRN hundert versteckte, hier fünfzig und da fünfzig, in Höhlen und versorgte sie mit Brot und Wasser? 14 Und nun sprichst du: Geh hin, sage deinem Herrn: Elia ist da! Dann wird er mich töten.

Obadja hat Angst. Wie wird er dastehen, wenn er sagt: Ich habe Elia gefunden ein auf diese Botschaft hin ausgesandter Suchtrupp wird später sagen: Da ist niemand. Er wird die Wut des Königs ausbaden müssen. Diese Angst ist verständlich und wohl auch berechtigt.

Obendrein hat Obadja auch deshalb Angst: Er hat seine Stellung ausgenützt, um Propheten des HERRN zu retten. Wird man nicht diesen illegalen Aktionen auf die Spur kommen, wenn man ihn verdächtigt, mit Elia gemeinsame Sache zu machen? In diesem Königshaus zählen Menschenleben nicht viel. Erst recht nicht bei der Königin, die Propheten des HERRN tötete. Opposition, eigenständiges Denken ist am Hof Ahabs nicht erwünscht und lebensgefährlich. Auch Opposition in Sachen Glauben.

Wie neben bei wird sichtbar: Elia ist nicht der einzige, der dem Gott Israels, Jahwe, die Treue gehalten hat. Da sind andere, Ungenannte, solche im Untergrund.

15 Elia sprach: So wahr der HERR Zebaoth lebt, vor dem ich stehe: Ich will mich ihm heute zeigen. 16 Da ging Obadja hin Ahab entgegen und sagte es ihm an. Und Ahab ging hin Elia entgegen. 17 Und als Ahab Elia sah, sprach Ahab zu ihm: Bist du es, der Israel ins Unglück stürzt?

Obadja lässt sich auf Elias Auftrag ein und fädelt die Begegnung ein – Ahab trifft Elia. Für den König sind die Dinge klar: Elia ist Israels Unglück. Er ist es, der den Himmel verschlossen hat. Einen „Unglücksbringer“ – ‛akar – sieht Ahab in Elia. Ganz so, wie es auch die Witwe in Sarepta gedacht hatte, als ihr Sohn starb. Wie gut, wenn man jemand hat, der schuld ist.

18 Er aber sprach: Nicht ich stürze Israel ins Unglück, sondern du und deines Vaters Haus dadurch, dass ihr des HERRN Gebote verlassen habt, und du den Baalen nachgelaufen bist.

Elia gibt den Vorwurf zurück – es ist die schärfste mögliche Anklage: Du und deines Vaters Haus – ihr seid das Unheil Israels. Ihr mit eurer falschen Religion. Mit eurer Abkehr von Gott.

Anklage steht gegen Anklage. „Elia gefährdet in den Augen Ahabs die Existenz Israels, aber auch seine eigene Machtposition.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 485) Und Elia antwortet: Du selbst bist Israels größtes Unglück.

19 Wohlan, so sende nun hin und versammle zu mir ganz Israel auf den Berg Karmel und die vierhundertfünfzig Propheten Baals, auch die vierhundert Propheten der Aschera, die vom Tisch Isebels essen. 20 So sandte Ahab hin zu allen Israeliten und versammelte die Propheten auf den Berg Karmel.

Es folgt ein Vorschlag, fast ein Befehl Elias. Ahab soll die Prophen Baals und die Propheten der Aschera, insgesamt 850 Mann auf den Karmel rufen. Warum ausgerechnet der Karmel als Treffpunkt? „Der Karmel wurde als heiliger Berg verehrt und war im Lauf der Zeit Sitz verschiedener Gottheiten. …Es ist anzunehmen, dass gerade auf dem Karmel zur Zeit des Elia der Baalskult in Blüte stand.“(H. Schmid, aaO. S. 486) Dorthin also, ins Stammland Baals lässt Ela „laden“. Dort – er allein der Übermacht von 850 Propheten Baals und der Aschera gegenüber. Die Machtverhältnisse sind in so einer Konstellation klar. Darum lässt sich Ahab auch sofort darauf ein.

21 Da trat Elia zu allem Volk und sprach: Wie lange hinkt ihr auf beiden Seiten? Ist der HERR Gott, so wandelt ihm nach, ist’s aber Baal, so wandelt ihm nach. Und das Volk antwortete ihm nichts. 22 Da sprach Elia zum Volk:

Jetzt kommt ein neuer Akteur in Spiel: das Volk. Elia wendet sich an sie und macht in seinen Worten deutlich: Es geht darum, dass ihr euch klar werdet. Es geht nicht um Ahab und nicht um Elia – sie wissen beide, wo sie stehen. Aber ihr werdet euch entscheiden müssen. Es gibt Situationen, da ist es mit der Neutralität vorbei. So ist das Volk: „Wie ein Vogel hüpft es bald auf den einen, bald auf den anderen Zweig.“ (E. Würthwein, aaO. S. 217) Darum auch: Das Volk antwortete ihm nichts. Sie wissen nicht zu entscheiden. Vielleicht sehen sie das Problem des hinkenden Glaubens gar nicht, das Elia sieht? „Wir dürfen nicht glauben, dass die Alternative der Frage Baal oder Jahwe für die Zuhörer von vornherein geläufig war.“(G. v. Rad, Theoligie des Alten Testamentes, München 1965, Bd 2, S. 26) So ist ihr Schweigen ein letztes Zeichen der Unsicherheit.

Ich bin allein übrig geblieben als Prophet des HERRN, aber die Propheten Baals sind vierhundertfünfzig Mann. 23 So gebt uns nun zwei junge Stiere und lasst sie wählen einen Stier und ihn zerstücken und aufs Holz legen, aber kein Feuer daran legen; dann will ich den andern Stier herrichten und aufs Holz legen und auch kein Feuer daran legen. 24 Und ruft ihr den Namen eures Gottes an, ich aber will den Namen des HERRN anrufen. Welcher Gott nun mit Feuer antworten wird, der ist Gott.

Darum setzt Elia seine Anrede an das Volk fort. Es geht ihm ja allein darum, das Volk zu gewinnen. Die Propheten Baals sind für ihn keine Zielgruppe. Aber was für ein bitterer Satz: Ich bin allein übrig geblieben als Prophet des HERRN. Man wird fragen dürfen: Hat Elia Obadja nicht zugehört? Es ist sein subjektives Empfinden: Ich bin mit meiner Klarheit in Israel allein.

Elia schlägt einen handgreiflichen Beweis vor – ein Stier als Opfer auf dem Altar. Und nur der, dessen Gott das Opfer annimmt, der mit Feuer antworten wird, der ist mit Gott, der hat in Wahrheit Gott auf seiner Seite. Es geht nur Entweder-oder – nicht ein bisschen Baal und ein bisschen Jahwe. Es wird sich zeigen, wer der wahre Gott ist. Genauer: Es wird sich zeigen, dass nur ein Gott ist. Jahwe. Darauf setzt Elia.

Und das ganze Volk antwortete und sprach: Das ist recht.

Das Volk stimmt zu. Weil es überzeugt ist? Oder doch nur, weil ihm die Entscheidung so abgenommen wird?

Zum Weiterdenken

Man wird fragen dürfen: Steht dieses Gottesurteil unter dem Vorzeichen der Chancengleichheit? Hier vierhundertfünfzig, da nur einer. Und dann – Feuer ist das Markenzeichen Baals! Elia lässt sich auf ein Spiel ein, in dem die andere Seite alle Trümpfe in der Hand zu haben scheint. Keine schlechte Position, wenn es darum geht, Gott zum Handeln zu bringen, der die Armen stützt und die Niedrigen aufrichtet.

Mein Gott, Du führst in Begegnungen hinein. Du führst auch durch Begegnungen. Leben ist immer anderen begegnen. Wie oft stehe ich vor Menschen, von denen ich nichts weiß, nicht ihre Angst, nicht ihre Sorgen, nichts von ihren Stärken und Schwächen.

Es gibt Begegnungen, die Du schenkst, die uns stärken, weil sie zeigen: Wir sind nicht so allein wie wir es geglaubt haben. Andere sind mit uns auf dem Wege.

Es gibt auch die anderen Begegnungen, in denen wir angeklagt werden, uns beschuldigt spüren und uns wehren müssen. Gib Du uns, dass wir wach sind in allen Begegnungen. Amen