Nicht klaglos schweigen

1. Könige 17, 17 – 24

17 Und nach diesen Geschichten wurde der Sohn dieser Frau, seiner Hauswirtin, krank, und seine Krankheit wurde so schwer, dass kein Odem mehr in ihm blieb.

Ausleger sagen von der nachfolgenden Episode, dass sie nichts mit der Erzählung über die Dürre zu tun hat. Es sind einige Ungereimtheiten, die es nahelegen, die Erzählung „ist eingeschoben und mit der beliebten Anschlussformel „und es geschah nach diesen Ereignissen“ lose mit der vorangegangenen Anekdote verbunden worden.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,2, Göttingen 1984, S. 222) Es fällt auf – die arme Witwe ist hier eine Hauswirtin mit einem – wie sich zeigen wird – doch relativ großen Haus, mehrgeschossig. Aus der flüchtigen Aufnahme ist ein dauerhaftes Verweilen geworden. Fast möchte man sagen: Ein Mietverhältnis.

„Die kleine Familie ist gut versorgt.“ (F. Crüsemann / R. Micheel, Dunkles belichten, Ein Prophet geht seinen Weg: Elia, Texte zur Bibel 13, Neukirchen 1997, S. 25) Sie hat mehr als Wasser und Brot. Es gilt nicht mehr: zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Aber der Sohn wird krank, sein Zustand verschlechtert sich zusehends, er wird sterbenskrank und schließlich ist er tot. Oder muss man vorsichtiger lesen: kein Odem mehr in ihm – er fällt in eine todesähnliche Erstarrung, eine Art natürliches Koma.

18 Und sie sprach zu Elia: Was hab ich mit dir zu schaffen, du Mann Gottes? Du bist zu mir gekommen, dass meiner Sünde gedacht und mein Sohn getötet würde.

Die Frau hat eine eigentümliche Sicht auf den Mann Gottes. Vergessen, dass er ihr wundersam aus dem Verhungern geholfen hat. Jetzt ist er nur noch ein Todesbote. Er hat das Unheil ins Haus gebracht. Weil er da ist, achtet Gott auch auf die Umgebung dieses Mannes und so wird auch verborgene Schuld ins Licht Gottes gerückt.

Es ist ein Denken, das wir gerne für archaisch halten, das aber bis heute im Schwange ist: „Diese Frau sieht einen Zusammenhang zwischen Krankheit und Tod des Sohnes und ihrer Schuld und versteht den Tod als Strafe.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 470) Nichts anderes steht auch heute hinter der Frage: Warum ich? Womit habe ich das verdient? Womit habe ich das ausgelöst?

Es liegt nahe – diese arme Frau strickt sich hier eine Art Bestrafungsgeschichte aus ihrem Lebensschicksal: Schon ihr Witwendasein, erst recht jetzt der Tod des Sohnes – das alles muss Ursachen haben, die in ihr selbst liegen. Sie muss keine konkrete Schuld benennen – es bleibt das diffuse Gefühl, schuldig zu sein ohne dass Anklage erhoben worden wäre. Wie soll man sich dagegen wehren können?

19 Er sprach zu ihr: Gib mir deinen Sohn! Und er nahm ihn von ihrem Schoß und ging hinauf ins Obergemach, wo er wohnte, und legte ihn auf sein Bett 20 und rief den HERRN an und sprach: HERR, mein Gott, tust du sogar der Witwe, bei der ich ein Gast bin, so Übles an, dass du ihren Sohn tötest?

Elia hört die Anklage. Und sagt kein Wort dazu, keine Verteidigungs-Rede, keine Zurückweisung der Vorwürfe. Was sollte er auch sagen. Ist es ein Werben um Vertrauen, wenn er sagt: Gib mir deinen Sohn! Überlasse ihn mir. Eine Antwort lesen wir nicht, nur das Elia den Sohn nach oben trägt, in seine Wohnung. Dort ist er allein – und fängt an und rechtet mit Gott. Er ruft ihn an, aber dieses Anrufen ist mehr Anklage als Anruf. „Sein Gebet ist ein kleines Musterbeispiel für das, was eine Klage ist und bedeutet.“ (F. Crüsemann / R. Micheel, ebda.) Er stellt Gott zur Rede. Wie kann Gott nur so wechselhaft, wankelmütig sein – erst retten und dann töten. Wie kann er nur das Gastrecht, das Elia erfährt so belasten? Es ist Gottes Tun, das Elia als einen todbringenden Gast dastehen lässt.

Der Prophet Gottes fordert Gott heraus! Es zerreißt ihn regelrecht, hat er doch Gott anders erfahren – als den, der ihn am Bach Krit versorgt, der ihn hierher führt, ihn hier eine Bleibe als Gast hat finden lassen. Und jetzt das. Plötzlich hat Elia eine andere Linie des Handelns Gottes vor Augen. Was ist das für ein Gott, der nicht aufhört, Übles zu tun, Böses, bis hin zum Töten eines „unschuldigen“ Kindes? Erst der ausbleibende Regen, dann die Hungersnot und jetzt todbringende Krankheit. Es mag für heutige Leser*innen erschreckend sein: „Für Elia ist es Jahwe, der hier Böses tut und den Sohn sterben lässt. (H. Schmid, aaO. S. 471) Der liebe und gute Gott unserer liturgischen Gebete – für Elia ist das eine bloße Wunschvorstellung.

21 Und er legte sich auf das Kind drei Mal und rief den HERRN an und sprach: HERR, mein Gott, lass das Leben in dies Kind zurückkehren! 22 Und der HERR erhörte die Stimme Elias, und das Leben kehrte in das Kind zurück, und es wurde wieder lebendig.

Es ist so: Elia solidarisiert sich mit dem Leid der Witwe. Er klagt Gott wegen des Todes des Sohnes an und fordert von ihm dessen Leben zurück. Nicht nur einmal und als nichts geschieht aufgeben. Drei Mal mit ganzem Einsatz auch mit Körpereinsatz. Man mag das so deuten: „Durch die körperliche Nähe wurde der erkaltete Körper erwärmt. Sehr gut vorstellbar ist dass der Verstorbene angeblasen wurde entsprechend der heutigen Mund-zu-Mund-Beatmung. Lebenskraft, Wärme und Atem sollten vom Gesunden auf den Kranken oder Toten übertragen werden!“ (H. Schmid, aaO. S. 472)Der Text hält sich mit solcher medizinischer Analyse zurück.

Er hat eine andere Deutung: der HERR erhörte die Stimme Elias Der gleiche Gott, der den Jungen hat sterben lassen, lässt jetzt das Leben in ihn zurückkehren. Es ist Elias Gebet, das Gott zum Einlenken und Umdenken bringt. Elia ist kein Wunderheiler. Er ist nur ein Beter. Einer, der nicht so rasch aufgibt. Einer, der Gott daran erinnert: Du bist doch kein Todesgott in der Art des kananäischen Totengottes Mot. Du bist der Gott des Lebens, der Leben schenkt und Leben will.

23 Und Elia nahm das Kind und brachte es hinab vom Obergemach ins Haus und gab es seiner Mutter und sprach: Siehe, dein Sohn lebt!

Was für ein Glücksmoment: Elia kann der Mutter den Sohn zurückgeben. Die ihm den toten Sohn überlassen hatte, die erhält von ihm nun den lebendigen Sohn zurück. Das mag ein Wechsel sein. Ein seliger Tausch. Es ist eine späte Parallele, die gleichwohl nicht ohne Bedeutung für die christlichen Leser*innen sein wird: „Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und Jesus gab ihn seiner Mutter.“ (Lukas 7,15) Auch da ist der einzige Sohn einer Witwe!

24 Und die Frau sprach zu Elia: Nun erkenne ich, dass du ein Mann Gottes bist, und des HERRN Wort in deinem Munde ist Wahrheit.

Das Geschehen hat die Frau überwältigt. Aber es ist gleichwohl keine neue Einsicht! Immer noch: du bist ein Mann Gottes. Allerdings – was ihr vorher Angst gemacht hat, das ist jetzt befreites Aufatmen. Was darüber hinaus weitergeht ist das Bekenntnis dieser phönizischen Frau: des HERRN Wort in deinem Munde ist Wahrheit. Sie anerkennt den Propheten und sie anerkennt die Wahrheit in seinem Mund. Es zieht sich wie ein roter Faden schon durch die Schriften Israels: Die Anerkennung des Gottes Israels und seiner Wahrheit ist nicht exklusiv auf Israel beschränkt. „Schade, dass wir den Namen dieser bedeutenden Protagonistin des Glaubens von Nicht-Israeliten an den Gott Israels nicht kennen.“ (F. Crüsemann / R. Micheel, aaO. S. 26)Sie teilt dieses Schicksal der Anonymität mit so vielen biblischen Gestalten.

Zum Weiterdenken

Es ist die bleibende Herausforderung an den Glauben: Gott, der das Leben schenkt und das Leben will, der ein Liebhaber des Lebens ist, ist auch der, der das Leben nimmt. Der Gott des Lebens ist auch der Gott, dem wir im Tod gegenüber treten. Die Alternative heißt den Tod neben Gott als die letzte Macht einsetzen und dann ist alles Sein nur Sein zum Tode. Dann ist Gott entmächtigt. Nur wer es wagt wie Elia, Gott als den zu sehen, der das Leben nimmt, kann auch daran festhalten, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.

Mit solchem Denken fallen freilich zugleich dunkle Schatten auf Gott. Er wird auch unheimlich, unverständlich. Man muss es aushalten, dass man sich gegen dieses Tun Gottes, Leben auch zu nehmen, nicht wehren, wohl aber auflehnen kann. Es ist ein weiter und keineswegs selbstverständlicher Weg, zur Einsicht Hiobs zu gelangen: „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“ (Hiob 2,10) Der gleiche Hiob aber wagt es, wie Elia, mit Gott über diesen Weg und diese Einsicht zu streiten, zu klagen, auch anzuklagen. Nur wer so klagt und anklagt, der darf irgendwann auch mit Hiob einverstanden werden.

Das folgende Zitat Luthers verdanke ich Ulrich Bach, einem Theologen mit lebenslanger Behinderung durch eine Kinderlähmung. Er unterscheidet zwischen „Tribüne“ – Zuschauer – und „Arena“ – Akteur, Betroffener. Es macht einen Unterschied, ob ich aus der Zuschauer-Perspektive urteile oder mit in der Arena bin. „Siehe, Gott regiert diese körperliche Welt in den äußeren Dingen so, dass man, wenn man auf das Urteil der menschlichen Vernunft schaut und ihm folgt, zu sagen genötigt wird, dass entweder es keinen Gott gebe oder dass Gott ungerecht sei.“(M. Luther, M.Cl III, 290,7ff, zit. nach U. Bach, Ohne die schwächsten ist die Theologie nicht ganz, Bausteine einer Theologie nah Hadamar, Neukirchen 2006, S. 147) Es gibt Fragen, denen wir nicht ausweichen können, die uns ins Leiden stürzen – um Gottes und um unserer selbst willen.

            Es geht mir nach: ich reagiere auf manche Sätze über den „guten Gott“ so schroff, weil ich getroffen bin von anderen Erfahrungen. Erfahrungen, die mich schmerzen, belasten, die ich nicht wirklich begreife. Berührt vom Schmerz über viel Bruch im Leben, hautnah in der eigenen Familie. Weil ich Gott den Abschied geben müsste, wenn er nicht auch in den Zumutungen am Werk wäre. Ich teile den Schmerz des Elia, der so vor Gott steht und an ihm anklagend und fragend festhält. Anders kann ich auch nicht mehr an Gott glauben.

Manchmal, mein Gott, drohe ich an Dir irre zu werden. Ich verstehe Deine Wege nicht. Ich stehe an Gräbern und in mir weint es. Ich sehe Leben zerbrechen und komme damit nicht zurecht. Ich glaube es ja, dass Du der Liebhaber des Lebens bist, aber um mich herum ist so viel Tod.

Hilf mir, dass ich mich nicht klaglos abfinde, wenn das Leben zerbricht, dass ich nach Dir schreie, dass ich Dich anklage, damit Du endlich handelst. Gib Du mir diesen Mut,dass ich mich gegen das sinnlose Sterben stelle, wenn das Leben noch nicht zu Ende gelebt ist, vorzeitig, unerfüllt in den kurzen Jahren. Hilf mir beten wie Elia, Du Gott des Lebens. Amen