Dürre Zeiten

1. Könige 16, 29 – 17,6

29 Im achtunddreißigsten Jahr Asas, des Königs von Juda, wurde Ahab, der Sohn Omris, König über Israel und regierte über Israel zu Samaria zweiundzwanzig Jahre 30 und tat, was dem HERRN missfiel, mehr als alle, die vor ihm gewesen waren.

Es ist der formelhafte Anfang, wie ihn die Königebücher lieben. In einem knappen Satz wird der Ertrag eines Königslebens zusammengefasst. Die Zeit des Regierungsantritts wird festgelegt durch den synchronistischen Vergleich. In Zeiten, in denen es noch keinen allgemeingültigen Kalender gibt, wird so die Zeit bestimmt: Es geschah in dem Jahr, in dem…. Es folgt die Dauer der Regierungszeit – hier zweiundzwanzig Jahre – und dann die Bewertung: er tat, was dem HERRN missfiel, mehr als alle, die vor ihm gewesen waren. Er übertrifft sie alle. Wenn es nicht nur eine Formel ist, dann gilt: Er übertrifft sogar noch seinen Vater Omri, der doch schon schlimmer war als alle seine Vorgänger.

31 Es war noch das Geringste, dass er wandelte in der Sünde Jerobeams, des Sohnes Nebats; er nahm Isebel, die Tochter Etbaals, des Königs der Sidonier, zur Frau und ging hin und diente Baal und betete ihn an 32 und richtete Baal einen Altar auf im Tempel Baals, den er ihm zu Samaria baute.

Dies, was das Missfallen Gottes erregt, wird jetzt aufgeschlüsselt. Er heiratet Isebel, eine Sidonierin. Das ist ein außenpolitisch kluger Schachzug, weil es ihm die Frieden im Norden sichern könnte. Aber dann wird es wie bei Salomo. Seine Frau Isebel verleitet ihn – zum Dienst an Baal. Das geht so weit, dass er dem Baal, dem Fruchtbarkeits- und Wettergott, in Samaria ein Tempel baut und einen Altar errichtet. „Salomo hatte ein Haus für Jahwe gebaut, Ahab baute ein Haus für Baal.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 455) Darin wird der Abfall überdeutlich.

33 Und Ahab machte eine Aschera, sodass Ahab mehr tat, den HERRN, den Gott Israels, zu erzürnen, als alle Könige von Israel, die vor ihm gewesen waren.

Damit nicht genug. Er richtet auch eine Aschera auf. „Das ist ein verbotener Kultgegenstand aus Holz, der in einem – nicht ganz eindeutigen Zusammenhang mit der kanaanäischen Göttin Aschera steht. Beides ist eine massive Verletzung des ersten Gebotes. In dieser Massivität ist sie neu.“ (F. Crüsemann / R. Micheel, Dunkles belichten, Ein Prophet geht seinen Weg: Elia, Texte zur Bibel 13, Neukirchen 1997, S. 14) Mehr Abfall vom Glauben der Väter, vom Gott der Väter ist kaum vorstellbar.

            Nur: Man muss sich vor Augen halten, dass die Beurteilung Ahabs im Textverlauf aus der Perspektive der Redaktion der Königebücher erfolgt – in weitem Abstand zur erzählten Zeit.  Aus dem Wissen, dass Samaria untergegangen ist, Jerusalem später auch gefallen ist. Aus der Deutung, dass beide Untergänge durch die Schuld der Könige, ihre Gottlosigkeit, ihren Abfall von Jahwe verursacht sind. Ob die Zeitgenossen des Ahab in Samaria ihren König so kritisch gesehen haben, das ist damit nicht gesagt. Es könnte sein, sie fanden es großartig, wie ihre Stadt zu neuem Glanz kommt. Sie fanden es in keiner Weise problematisch, dass da Tempel für Baal und ein Altar für die Aschera gebaut wurde. „Dies muss für seine Zeitgenossen etwas ganz Überraschendes gewesen sein, dass Elia hier ein Entweder-Oder sah. Keiner hat damals wie Elia die Unvereinbarkeit des Baalskultes mit den alten Jahwetraditionen Israels gesehen.“(G. v. Rad, Theologie des Alten Testamentes, Bd. 2, München 1965, S.26)f  

 34 Zur selben Zeit baute Hiël von Bethel Jericho wieder auf. Es kostete ihn seinen erstgeborenen Sohn Abiram, als er den Grund legte, und seinen jüngsten Sohn Segub, als er die Tore einsetzte, nach dem Wort des HERRN, das er geredet hatte durch Josua, den Sohn Nuns.

Das ist ein Einschub, der sich nicht aus dem fortlaufenden Text erklärt. Ein Versuch zu verstehen ist, dass dieser Wiederaufbau Jerichos auf Anweisung des Ahab erfolgt. Damit wäre sein Widerstand gegen Jahwe angedeutet – er lässt die Stadt aufbauen, die durch Josua im Auftrag Gottes zerstört worden ist. Deren Mauern niedergefallen sind durch die Trompeten Israels, geblasen nach dem Befehl Jahwes.

Dieser Widerspruch zum alten Gottes-Urteil könnte dann auch den Tod der beiden Söhne des Bauleiters Hiël von Bethel erklären. Ob es sich in ihrem Tod um diese unheimliche Praxis der „Bauopfer“ handelt oder um einen Tod, der die Kinder trifft, während der Vater baut, lässt sich aus dem Text nicht erschließen. Archäologische Hinweise auf solche Bauopfer gibt es in Palästina nicht. Die Deutung des Textes: Hier vollzieht sich ein uralter Fluch. „Zu der Zeit ließ Josua schwören: Verflucht sei vor dem HERRN, wer sich aufmacht und diese Stadt Jericho wieder aufbaut! Wenn er ihren Grund legt, das koste ihn seinen erstgeborenen Sohn, und wenn er ihre Tore setzt, das koste ihn seinen jüngsten Sohn!“ (Josua 6,26)

17, 1 Und es sprach Elia, der Tischbiter, aus Tischbe in Gilead zu Ahab: So wahr der HERR, der Gott Israels, lebt, vor dem ich stehe: Es soll diese Jahre weder Tau noch Regen kommen, ich sage es denn.

Es ist der Auftakt zu einem Erzählungs-Zyklus, in dem sich zwei Figuren gegenüberstehen. Auf der einen Seite Ahab, der König des Nordreiches, auf der anderen Elia. Hier erfährt man zuerst nur, dass er aus Tischbe in Gilead stammt. Diese Herkunft könnte betont sein, weil sich dort, im Ostjordanland „der Jahwe-Glaube in seiner Ausschließlichkeit reiner erhalten haben wird als im Westen, wo sich Israel immer unbefangener der Baalsreligion öffnete.“ (G. v. Rad, Theologie des AT, Bd. 2, München 1960, S. 24) Elias Name ist Programm: „Mein Gott ist Jahwe.“

Dieser Elia beruft sich auf Jahwe, vor dem er steht. Heißt doch: zu dem er gehört. Die Wendung „wird in der Regel von Untergebenen verwendet, die ihren Herren dienen.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 461) Es ist ein selbstbewusster Untergebener, mit einer weitreichenden Macht. Sein Wort wird den Himmel verschließen – weder Tau noch Regen. Das ist die Ankündigung einer Dürre-Katastrophe. Wie viel Macht wird hier dem Wort eines Menschen zugetraut! Zugleich steht damit auf dem Plan, eine Antwort zu finden: Ist es die Macht des Elia oder steht ein Anderer, Größerer hinter ihm? „Schon hier geht es um die Frage: Wer hat die Macht über den Regen, der Gott Baal oder der Gott des Elija?“ (F. Crüsemann / R. Micheel, aaO. s. 22)

2 Da kam das Wort des HERRN zu ihm: 3 Geh weg von hier und wende dich nach Osten und verbirg dich am Bach Krit, der zum Jordan fließt. 4 Und du sollst aus dem Bach trinken, und ich habe den Raben geboten, dass sie dich dort versorgen sollen.

Elia ist aber nicht einfach nur ein seltsam mächtiger, unheimlicher Mann, er ist ein Mensch unter Befehl. Das Wort des HERRN leitet ihn. Es ist Gott, der ihn an den Bach Krit schickt. „Dort lebt er, als eine Art Eremit, ein heiliger Mann in der Einsamkeit. Aber fern von den Menschen braucht er nicht zu hungern: aus dem Bach konnte er trinken und die Raben versorgten ihn mit Brot und Fleisch.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,2, Göttingen 1984, S. 212) Es liegt der Erzählung daran – dieses Dasein als Eremit ist nicht die eigene Wahl des Elia, sondern er folgt der Wegweisung Gottes.

5 Er aber ging hin und tat nach dem Wort des HERRN und setzte sich nieder am Bach Krit, der zum Jordan fließt. 6 Und die Raben brachten ihm Brot und Fleisch des Morgens und des Abends, und er trank aus dem Bach.

Elia geht und wird am Bach Krit, dem Zufluss zum Jordan, wunderbar erhalten. Reich versorgt. „Er kann besser leben als jeder Bauer jener Zeit, für den Fleischgenuss etwas Seltenes war.“ (E. Würthwein, ebda.) Aber daran, dieses Luxus-Resort anzuzeigen, liegt dem Erzähler nicht. Es wird vielmehr so sein – hier ist eine Parallele zu der Wüstenwanderung des Volkes Gottes im Blick. Vielleicht sogar ist das von den alten Erzählern ja so gewollt:

Brot der Engel aßen sie alle, er sandte ihnen Speise in Fülle.                                      Er ließ wehen den Ostwind unter dem Himmel                                                             und erregte durch seine Stärke den Südwind                                                                  und ließ Fleisch auf sie regnen wie Staub                                                                         und Vögel wie Sand am Meer;                                                                                         mitten in sein Lager ließ er sie fallen,                                                                                  rings um seine Wohnung her.                                                                                                Da aßen sie und wurden sehr satt;                                                                                     und was sie verlangten, gewährte er ihnen.“ Psalm 78, 25 – 29

Es ist der Gott der Väter, der alte mitwandernde Gott der Wüste, der hier Elia versorgt. Auf diesen Gott darf Elia bauen. Er ist es, der ihn sendet. Er wird ihn nicht allein lassen. „Gott kann sein Volk auf wunderbare Weise in der Wüste erhalten. Diese Erfahrung wird Elia persönlich machen.“ (H. Schmid, aaO. S. 463)

Zum Weiterdenken:

Es wird stimmen – wir haben in den Könige-Büchern keine neutrale Schrift vor uns. Sie sind Partei. Sie beurteilen Könige danach, ob sie den Wegen Gottes folgen, ob sie treu sind gegen Jahwe und sein Gebot. Ob allerdings die Darstellung eines Ahab vom Hass gegen das Nordreich und die Omri-Dynastie geleitet und verleitet ist, weiß ich nicht. Auch nicht, ob das wirklich zu seinen Gunsten anzuführen ist: „Seinen Kindern gab er mit Jahwe zusammen gesetzte Namen: Ahasja (=Jahwe ergreift) Joram (=Jahwe ist erhaben) Atalja (=Jahwe hat seine Erhabenheit bekundet.“ Diese Jahwe preisenden Namen sprechen deutlich für die Jahweverehrung Ahabs.“ (E. Würthwein, aaO. S. 202) Wenn das Argument ziehen sollte, dann würden heute Namen wie Gottlieb, Theodor, Dorothea, Kristina für den Glauben der Eltern sprechen. Ich erlaube mir da eine gewisse Skepsis.

Mich beschäftigt die Frage nach dem friedlichen Nebeneinander von Baal und Jahwe, wie es damals wohl an der Tagesordnung war. Weil es mich auf das friedliche Nebeneinander der Religionen heute schauen lässt. Ist das ein Nebeneinander, das jeden bei seiner Weise bleiben lässt? Oder ist es ein Nebeneinander, bei dem die Eigenart des eigenen Glaubens gefährdet ist? So sieht es damals wohl Elia – aus Jahwe wird unter der Hand ein Baal.

  Was wird aus unserem Glauben an den einen Erlöser, an den eingeborenen Sohn Gottes? Es könnte sein, manchmal empfinde ich es so, dass wir in einer Situation sind, in der die Klarheit des eigenen Glaubens verloren zu gehen scheint und in der es ein Rückgewinnen von Klarheit braucht. Ein Zurückgewinn des eigenen Zentrums des Glaubens. Vielleicht haben wir das an Elia zu lernen, dass die neue Zeit voll Herausforderung ist, sich über den Kern des eigenen Glaubens Rechenschaft zu geben. Dazu, so scheint es, braucht es den Rückzug, heraus aus der Tagesordnung der Zeit an einen Bach Krit.

Mein Gott, gibt es nur schwarz oder weiß, Elia oder Ahab? Gibt es nur Glauben oder Unglauben, Gehorsam oder Ungehorsam? Ich erschrecke an diesem Gegenüber, weil ich mich selbst so eindeutig nicht erfahre. Weil ich manchmal an meinem Glauben zweifele, manchmal auch an ihm verzweifele, weil er nicht zu halten scheint, was er verspricht.

Du bist treu. Du versorgst Deine Leute, auch in der Wüste, in dürren Zeiten. Auch in den Zeiten, in denen unsere Seele nach Dir dürstet wie in dürrem, vertrocknetem Land. Dafür danke ich Dir, ich mit meinen Zweifeln und Verzweiflungen. Amen

2 Gedanken zu „Dürre Zeiten“

    1. Mir scheint: Nein. Es ist nicht die Bezeichnung, die den Propheten – nabi – zum Propheten macht. Es ist sein Tun. Sein aufdecken der Wirklichkeit, sein Eintreten für die Wahrheit Gottes. Aners herum:Dass das Wort des Herrrn zu ihm kommt – das allein macht ihn zum Propheten.

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