Zu sicher?

1. Könige 14, 1 – 20

1 Zu der Zeit war Abija, der Sohn Jerobeams, krank. 2 Und Jerobeam sprach zu seiner Frau: Mache dich auf und verkleide dich, damit niemand merkt, dass du Jerobeams Frau bist, und geh hin nach Silo. Siehe, dort ist der Prophet Ahija, der mir zugesagt hat, dass ich König sein sollte über dies Volk. 3 Und nimm mit dir zehn Brote, Kuchen und einen Krug mit Honig und geh zu ihm, dass er dir sage, wie es dem Knaben ergehen wird.

Es ist ein schwebender Anschluss an die vorangegangene Erzählung: Zu der Zeit. Wie viel Zeit dazwischen liegt, spielt keine Rolle. Abija, der Sohn Jerobeams, war krank. Ob es der Älteste, ein möglicher Thronfolger ist, wird nicht gesagt. Es ist die Sorge des Vaters, die ihn die Frau um Hilfe senden lässt. Zu dem Propheten, der ihm das Königtum zugesagt hatte – im Auftrag Gottes. Unerkannt soll sie bleiben, warum auch immer. Vielleicht ist es die Hoffnung Jerobeams, „dass ein durch den Propheten erteilter positiver Gottesbescheid die Heilung in Gang setzt.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,1, Göttingen 1977, S. 175) Vielleicht auch will er kein Gefälligkeitswort, nur weil er der König ist?

4 Und Jerobeams Frau tat so und machte sich auf und ging hin nach Silo und kam ins Haus Ahijas. Ahija aber konnte nicht sehen, denn seine Augen standen starr vor Alter. 5 Aber der HERR sprach zu Ahija: Siehe, Jerobeams Frau kommt, um dich wegen ihres Sohnes zu befragen; denn er ist krank. So rede nun mit ihr so und so. Als sie nun hineinkam, stellte sie sich fremd. 6 Als aber Ahija das Geräusch ihrer Tritte hörte, wie sie zur Tür hereinkam, sprach er: Komm herein, du Frau Jerobeams! Warum stellst du dich so fremd? Ich bin zu dir gesandt als ein harter Bote.

Es kommt anders. Nicht, weil Jerobeams Frau sich nicht verkleidet hätte. Sie folgt der Anweisung ihres Mannes. Auch nicht, weil Ahija sie dennoch erkennt. Der ist altersbedingt blind. Aber der HERR hatte seinen Propheten vorinformiert. Vorgewarnt. Und ihn beauftragt – So rede nun mit ihr so und so. „Der Prophet ist nichts als Mund Jahwes… Wenn der Prophet groß ist, dann eben als bloßes Werkzeug Gottes.“ (E. Würthwein, aaO. S. 176)

Die Begrüßung durch Ahija macht allem Versteck-Spielen ein jähes Ende. Und zugleich ist sie unheilvoll – Ahija lässt keinen Zweifel: es sind keine guten Nachrichten, die er zu überbringen hat. Es ist seine Aufgabe, von Gott her, ein harter Bote zu sein. Es ist die Last des Propheten: er muss sagen, was ihm aufgetragen ist, auch wenn es wehtun wird.

7 Geh hin und sage Jerobeam: So spricht der HERR, der Gott Israels: Ich habe dich erhoben aus dem Volk und zum Fürsten über mein Volk Israel gesetzt 8 und habe das Königtum von Davids Hause gerissen und dir gegeben. Du aber bist nicht gewesen wie mein Knecht David, der meine Gebote hielt und mir von ganzem Herzen nachwandelte, dass er nur tat, was mir wohlgefiel. 9 Du hast mehr Böses getan als alle, die vor dir gewesen sind, bist hingegangen und hast dir andre Götter gemacht und gegossene Bilder, um mich zum Zorn zu reizen, und hast mir den Rücken gekehrt.

Es geht gegen Jerobeam – er ist der Adressat des harten Boten. Zuerst die Anklagepunkte: Jerobeam hat die Verheißung vertan. Er ist keiner wie David geworden, eher ein zweiter Saul – „Saul redidivus“ (K. Barth, Kirchliche Dogmatik II/2, Zürich 1959, S. 442) Er ist nicht den Geboten gefolgt, er ist nicht mit ungeteilten Herzen Gottes Spur nachgewandelt. Er hat Böses getan – und hier werden ausdrücklich die gegossenen Bilder – die Stierbilder in Dan und Bethel – angeführt. Das ist die Abkehr von Gott. „Gottes Gericht hat nicht nur die unerfüllte Forderung zur Voraussetzung, sondern zuerst seine Gabe.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 399) Die Gabe aber hat Jerobeam in seinem Eigensinn missachtet. Es ist die Anklage gegen die Missbrauch der Gottesverehrung für die eigenen Zwecke, die hier laut wird. Dieser Missbrauch bringt Gott gegen Jerobeam auf und sie bringt er als Anklage vor.

10 Darum siehe, ich will Unheil über das Haus Jerobeam bringen und ausrotten von Jerobeam alles, was an die Wand pisst, bis auf den letzten Mann in Israel und will die Nachkommen des Hauses Jerobeam ausfegen, wie man Kot ausfegt, bis es ganz mit ihm aus ist. 11 Wer von Jerobeam stirbt in der Stadt, den sollen die Hunde fressen; wer aber auf dem Felde stirbt, den sollen die Vögel des Himmels fressen; denn der HERR hat’s geredet.

Das hat das Urteil zur Folge: die völlige Ausrottung des Hauses Jerobeams. Keiner wird übrig bleiben. Keiner wird friedlich sterben. Keiner Ruhe im Grab finden. Die „Bestattung“ übernehmen Hunde und Aasgeier. „Um die Schwere der Strafe zu verstehen muss man sich vergegenwärtigen, dass es für den alttestamentlichen Menschen einen besonderen Schimpf bedeutet, wenn er nicht ordnungsgemäß beigesetzt und in einem Familiengrab mit seinen Vorfahren versammelt wird.“ (E. Würthwein, aaO. S. 177) Es bleibt keine Spur vom Haus Jerobeams. Es wird sein, als hätte es dieses Haus nie gegeben.

12 So mache dich nun auf und geh heim; und wenn dein Fuß die Stadt betritt, wird das Kind sterben. 13 Und es wird ihm ganz Israel die Totenklage halten, und sie werden ihn begraben; denn dieser allein von Jerobeam wird zu Grabe kommen, weil der HERR, der Gott Israels, etwas Gutes an ihm gefunden hat im Hause Jerobeam. 14 Der HERR aber wird sich einen König über Israel erwecken, der wird das Haus Jerobeam ausrotten. – Und wie ist es heute? –

Mit dieser Botschaft soll sich Jerobeams Frau auf den Heimweg machen. Sie wird eine Unglücksbotin sein, nicht nur mit ihren Worten. „Die Mutter wird zur Botin des Todes.“(H. Schmid, aaO. S. 401) Was für eine Härte steckt in diesen Worten. Immerhin – dieser Sohn ist das einzigen Mitglied der Jerobeam-Sippe, er ein Grab finden wird. Auch der Einzige, der beweint werden wird. Worin das Gute besteht, das für Abija spricht, wird nicht erkennbar. Deshalb ist es pure Spekulation: „Der junge Abija hatte selbst im Haus Jerobeams ein gutes Verhältnis zu Jahwe, dem Gott Israels gefunden.“ (H. Schmid, ebda.) Wir wissen es nicht, so wie wir auch nicht wissen, ob sein Grabmal und die Totenklage von ganz Israel durch diese Worte gewissermaßen gerechtfertigt werden soll.

15 Und der HERR wird Israel schlagen, dass es schwankt, wie das Rohr im Wasser bewegt wird, und wird Israel ausreißen aus diesem guten Lande, das er ihren Vätern gegeben hat, und wird sie zerstreuen jenseits des Euphrat, weil sie sich Ascheren gemacht haben, den HERRN zu erzürnen. 16 Und er wird Israel dahingeben um der Sünden Jerobeams willen, der da gesündigt hat und Israel sündigen gemacht hat.

Es geht weiter in dem Strafwort – jetzt allerdings nicht mehr an das Haus Jerobeams gerichtet, sondern an ganz Israel. An das Nordreich. Es wird unbeständig werden, ein schwankendes Rohr im Wasser. Das mag eine Anspielung auf die Wirren und Thronstreitereien der Zukunft sein. Statt einer stabilen Dynastie wird es eine wilde Folge von Thronanwärtern und Königen geben. Auch die Deportation in den Jahren 732 und 721 kann man hier schon angesagt finden. Das alles ist Antwort auf die Schuld, die Jerobeam angestoßen hat, die aber ganz Israel in seinem Verhalten übernommen hat. Es ist eben nicht so, dass das Volk zum unschuldigen Opfer der Sünden Jerobeams geworden wäre. Sie haben sich in den Götzendienst hineinziehen lassen mit ihren Ascheren – hölzernen Pfählen als Zeichen der Fruchtbarkeit. Die Anbetung der Gabe statt der Anbetung des Gebers. Beide, König und Volk haben Schuld auf sich geladen. Darum wird sie beide Das Gericht treffen.

17 Und Jerobeams Frau machte sich auf, ging heim und kam nach Tirza. Und als sie auf die Schwelle des Hauses kam, starb der Knabe. 18 Und sie begruben ihn, und ganz Israel hielt ihm die Totenklage nach dem Wort des HERRN, das er geredet hatte durch seinen Knecht Ahija, den Propheten.

Es kommt, wie es der Prophet gesagt hat. Jerobeams Frau kehrt heim, nach Tirza, nördlich von Sichem gelegen, und ihr Sohn stirbt. Auch darin erfüllt sich das Prophetenwort: ganz Israel trauert um den Jungen.

19 Was mehr von Jerobeam zu sagen ist, wie er Krieg geführt und regiert hat, siehe, das steht geschrieben in der Chronik der Könige von Israel. 20 Die Zeit aber, die Jerobeam regierte, sind zweiundzwanzig Jahre. Und er legte sich zu seinen Vätern, und sein Sohn Nadab wurde König an seiner statt.

Damit ist alles gesagt und erzählt, was von Jerobeam zu sagen und zu erzählen war. Mehr steht in der Chronik der Könige von Israel. Mit dieser Formel wird 33-mal der Schluss-Strich unter das Leben von Königen in den beiden Könige-Büchern gezogen. Nicht sonderlich originell. Angegeben ist noch die Regierungszeit, immerhin zweiundzwanzig Jahre. Wo und wie Jerobeam stirbt – Fehlanzeige. „Die Formel „er legte sich zu seinen Vätern“ weist auf ein friedliches Ende hin.“ (E. Würthwein, aaO. S. 180) Es ist nicht viel, was von Jerobeam bleibt. Sein Sohn Nadab – ein Kürzel für Nedabja: freigiebig hat sich Jahwe erzeigt – folgt ihm auf dem Thron.

Zum Weiterdenken

Mitleid mit Jerobeam? Mit seiner Frau? Ja, weil sie ihr Kind verlieren. Weil sie erfahren, wie alle Hoffnung auf Rettung dieses Sohnes zerbricht. Darin sind sie über alle Zeiten hinweg Leidensgenossen. Zu dem Mitleid kommt das Erschrecken. Darüber, dass Gott so hart sein kann. Dass er nicht einfach gut werden lässt, was wir erhoffen.

Man muss sich davor hüten, aus dieser Geschichte falsche Schlüsse zu ziehen. Nicht jeder frühe Kindstod ist Strafe. Es gibt dieses Sterben zur Unzeit, das tief verletzt, lebenslang kränkt und das nichts mit Fehlverhalten der Eltern zu tun hat. Auch nichts mit Strafe Gottes. Wir tun uns und unserem Glauben keinen Gefallen, wenn wir aus jeder biblischen Erzählung allgemein gültige Schlüsse ziehen wollen: so ist Gott. Es ist wahr und hart genug: So wird hier von Gott erzählt – aber das heißt nicht: So ist Gott immer.

Es ist erschreckend, Gott, dieses Gemisch aus Schuld und Unheil, dieser Anfang unter hohen Erwartungen und das Ende unter Deinem Gerichtswort. Es erschreckt mich, weil ich doch jeden Tag mit Deinem Wort umgehe, Deine Verheißungen höre und lese, mich in sie zu bergen suche.

Kann es denn sein, dass ich den Weg Deiner Verheißungen verliere, dass ich mich hinreißen lasse, dass ich das Vertrauen auf Deine Güte versäume, weil ich mir zu sicher bin? Kann es sein, dass ich gar nicht mehr Dich suche sondern nur mein Wohlergehen, für das Du zu sorgen hast?

Gib Du mir, dass ich an Dir bleibe um Deinetwillen, dass ich Dich suche um Deinetwillen, dass ich Dir treu in um Deinetwillen. Amen