Lüge, die in die Irre führt

1. Könige 13, 11 – 34

11 Es wohnte aber ein alter Prophet in Bethel; zu dem kamen seine Söhne und erzählten ihm alles, was der Mann Gottes getan hatte an diesem Tag in Bethel, und die Worte, die er zum König geredet hatte.

Was hier im Folgenden erzählt wird, ist eine Nebenerzählung. Sie geht dem Schicksal des Gottesmannes nach, der Jerobeam so gewarnt hat. Da gibt es einen alten Prophet in Bethel. Einen nabbij᾽. Es scheint, er hat von allen diesen Vorgängen am Heiligtum nichts mitbekommen, weil er alt ist und nicht mehr zu jedem Fest hinrennt. Seine Söhne aber erzählen ihm, was geschehen ist.

12 Und ihr Vater sprach zu ihnen: Wo ist der Weg, den er gezogen ist? Und seine Söhne zeigten ihm den Weg, den der Mann Gottes gezogen war, der von Juda gekommen war. 13 Er aber sprach zu seinen Söhnen: Sattelt mir den Esel! Und als sie ihm den Esel gesattelt hatten, ritt er auf ihm 14 und zog dem Mann Gottes nach und fand ihn unter einer Eiche sitzen und sprach zu ihm: Bist du der Mann Gottes, der von Juda gekommen ist? Er sprach: Ja.

Ist es Neugier, die bei ihm geweckt wird? Oder Betroffenheit, weil dieser Mann Gottes aus Juda gesagt hat, was er womöglich hätte sagen sollen oder sagen wollen? Jedenfalls, er eilt ihm nach und findet ihn unter einer Eiche, einer Terebinthe. Dort kommt es zur Begegnung, nachdem der Gottesmann aus Juda bestätigt hat – ja ich bin der, nach dem du fragst, den du suchst, der Mann Gottes.

15 Er sprach zu ihm: Komm mit mir heim und iss Brot! 16 Er aber sprach: Ich kann nicht mit dir umkehren und mit dir kommen; ich will auch nicht Brot essen noch Wasser trinken mit dir an diesem Ort. 17 Denn es ist zu mir geredet worden durch das Wort des HERRN: Du sollst dort weder Brot essen noch Wasser trinken; du sollst nicht den Weg zurückgehen, den du gekommen bist.

Nun lädt ihn der alte Prophet ein, mit ihm nach Bethel zurückzukehren. Sein Gast zu sein. Aber er stößt auf Ablehnung. Aus dem einen Grund: Es ist die Anweisung Gottes, der erfolgt: In Bethel keine Tischgemeinschaft. Es ist so – dieser Mann Gottes wiederholt hier nur, was er zuvor schon dem König gesagt hatte. Es geht nicht. Mit dieser Antwort wird auf subtile Weise deutlich: Es ging nicht nur um Jerobeam und sein Fehlverhalten, es ging auch um den Ort Bethel: Keine Gemeinschaft mit Bethel. Mit diesem heiligen Ort, an dem doch Gott dem Vater Jakob erschienen war.

18 Er sprach zu ihm: Ich bin auch ein Prophet wie du, und ein Engel hat zu mir geredet auf das Wort des HERRN hin: Führe ihn wieder mit dir heim, dass er Brot esse und Wasser trinke. Er belog ihn aber. 19 Und er führte ihn wieder zurück, dass er Brot aß und Wasser trank in seinem Hause.

Der Prophet aus Bethel beruft sich auf eine Anweisung Gottes durch einen Engel – mit genau der gegenteiligen Beauftragung. Er soll den aus Juda zu Gast holen und bewirten. Lapidar stellt der Text fest: Er belog ihn aber. Es gibt keinen Grund für diese Lüge. Es wird auch im Lauf der Erzählung keiner erkennbar. Es ist pure Spekulation: „Vielleicht fühlte sich der Prophet auch von Gott zurückgesetzt, weil er nicht beauftragt worden war, sondern extra jemand aus Juda kommen musste.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 385)Vielleicht ist es auch anders und aus der judäischen Perspektive zu erklären: Die Rückkehr nach Bethel und das ganze folgende Unheil basiert auf einer Lüge.

Es ist nüchtern, knapp: Und er führte ihn wieder zurück, dass er Brot aß und Wasser trank in seinem Hause. Der Mann aus Juda, der bis dahin dem Wort Gotte treu war, verlässt seinen geraden Weg. Überredet.

20 Und als sie zu Tisch saßen, kam das Wort des HERRN zum Propheten, der ihn zurückgeführt hatte. 21 Und er rief dem Mann Gottes zu, der von Juda gekommen war: So spricht der HERR: Weil du dem Mund des HERRN ungehorsam gewesen bist und nicht gehalten hast das Gebot, das dir der HERR, dein Gott, geboten hat, 22 und bist umgekehrt, hast Brot gegessen und Wasser getrunken an dem Ort, von dem er dir sagte: Du sollst weder Brot essen noch Wasser trinken –, so soll dein Leichnam nicht in deiner Väter Grab kommen. 23 Und nachdem er Brot gegessen und getrunken hatte, sattelte man für ihn den Esel des Propheten, der ihn zurückgeführt hatte.

Jetzt wird es dramatisch. Von Prophet zu Prophet. Der „Lügner“ wird zum Ankläger. Er muss – denn es kam das Wort des HERRN zum Propheten – seinem Gast den Spruch Gottes verkündigen: Weil er zurückgekehrt ist, weil er Brot gegessen und Wasser getrunken an dem Ort, der ihm verboten war, hat er die Weisung Gottes missachtet. Das wird ihn das Leben kosten, mehr noch: er wird irgendwo verscharrt werden, nicht im Grab der Väter.

„Die Rollen werden vertauscht: Der vorher die Wahrheit geredet hatte, muss jetzt aus dem Munde des Lügners das Wort des Herrn hören: dass er dem Befehl des Herrn ungehorsam gewesen und darum seiner Strafe verfallen ist, dass Alles, was er gegen Jerobeam und seinen Altar geweissagt hat von Gottes Gericht, in Kraft stand und sich nun gegen ihn selbst wendete, dass der nächste Schlag des göttlichen Zornes gerade ihn, den bisher treuen nun aber ungetreuen Boten Gottes treffen werde.“ (K. Barth, Kirchliche Dogmatik II/2, Zürich 1959, S. 438) Es ist schwierig: Eine Lüge lässt den Mann aus Juda umkehren. Diese Propheten-Lüge wird ihm zur tödlichen Falle. Ist er demnach schuldig? Allein schuldig? Oder ist es nicht so – da sind zwei Männer Gottes, beide Propheten, die beide schuldig werden? Der eine durch seine Lüge, der andere, weil er sich so verleiten lässt, den Gehorsam gegen sein besseres Wissen aufzugeben.

24 Und als er seines Weges zog, fand ihn ein Löwe auf dem Wege und tötete ihn. Und sein Leichnam lag hingestreckt am Wege, und der Esel stand neben ihm, und der Löwe stand neben dem Leichnam. 25 Und als Leute vorübergingen, sahen sie den Leichnam am Wege liegen und den Löwen bei dem Leichnam stehen und kamen und sagten es in der Stadt, in der der alte Prophet wohnte.

Der Mann aus Juda geht und wird das Opfer eines Löwen. Der tötet ihn. Aber er frisst ihn nicht. Leichnam, Esel, Löwe – wie aufgereiht nebeneinander. Ein Bild des Schreckens, zum Erschrecken. Verstörend. Für jeden, der es sieht.

26 Als das der Prophet hörte, der ihn zurückgeführt hatte, sprach er: Es ist der Mann Gottes, der dem Mund des HERRN ungehorsam gewesen ist. Darum hat ihn der HERR dem Löwen gegeben; der hat ihn zerrissen und getötet nach dem Wort, das ihm der HERR gesagt hat. 27 Und er sprach zu seinen Söhnen: Sattelt mir den Esel! Und als sie ihn gesattelt hatten, 28 zog er hin und fand den Leichnam am Wege liegen und den Esel und den Löwen neben dem Leichnam stehen. Der Löwe hatte nichts gefressen vom Leichnam und den Esel nicht zerrissen.

Der Prophet in der Stadt hört von diesem Fund und weiß sofort Bescheid. Der Tote ist ein Opfer seines Ungehorsams geworden. Setzt er im Stillen hinzu: Hoffentlichg nicht Opfer meiner Lüge? Er eilt zur Fundstelle und sieht, was geschehen ist. Vor allem sieht er: Der Löwe hat seine Beute nicht gefressen, auch dem Esel nichts angetan. „Selbst das Raubtier respektiert den Gottesmann.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,1, Göttingen 1977, S. 170) Damit ist klar: Dieser Löwe ist das Gerichtswerkzeug Gottes. Der hat ihn dem Löwen gegeben. Das Wort Gottes hat sich an ihm erfüllt.

29 Da hob der Prophet den Leichnam des Mannes Gottes auf und legte ihn auf den Esel und brachte ihn zurück und kam in seine Stadt, um die Totenklage zu halten und ihn zu begraben. 30 Und er legte den Leichnam in sein eigenes Grab, und sie hielten ihm die Totenklage: Ach, Bruder! 31 Und als sie ihn begraben hatten, sprach er zu seinen Söhnen: Wenn ich sterbe, so begrabt mich in dem Grabe, in dem der Mann Gottes begraben ist, und legt mein Gebein neben sein Gebein. 32 Denn es wird sich erfüllen, was er gerufen hat gegen den Altar in Bethel auf das Wort des HERRN hin und gegen alle Heiligtümer auf den Höhen, die in den Städten Samariens sind.

Zum zweiten Mal bringt der Prophet den Mann Gottes zurück. Beim ersten Mal war es eine Lüge, die diesen das Leben kosten wird, diesmal ist es der Leichnam. Es ist eine Tat der Ehrfurcht, vielleicht gar der Reue? Er legte den Leichnam in sein eigenes Grab. Er hält über diesem Toten eine Totenklage. Es ist ein Zeichen der eigenen Betroffenheit, der gespürten Nähe. „Zur Totenklage gehörten Elemente wie weinen, fasten, die Kleider zerreißen, sich auf die Brust schlagen.“ (H. Schmid, aaO. S. 389)

Und dann trifft er noch eine Anordnung – über den eigenen Tod hinaus: Er will bei diesem Mann begraben sein. Mit ihm. Zeichen dafür, dass es für ihn außer Frage steht: Dieser Tote war ein Mann Gottes. Begründet auch damit: Was er gesagt hat, wird eintreffen. Gott wird seine Worte bestätigen. „Vielleicht schwingt darin auch das Eingeständnis der Schuld gegenüber dem Mann Gottes mit.“ (H. Schmid, aaO. S. 390)

Es mag sein, hinter der ganzen Erzählung steht eine ortsgebundene Überlieferung, die besagt, dass es in Bethel ein Grabmal gibt, in dem ein Prophet aus dem Norden und ein Prophet aus dem Süden beieinander liegen. „Symbol der Gemeinschaft zwischen den Propheten Israels und Judas.“ (E. Würthwein, ebda.)Sie reden alle im Namen des HERRN.

33 Auch nach dieser Geschichte kehrte Jerobeam nicht um von seinem bösen Wege, sondern bestellte wieder Priester für die Höhen aus allem Volk. Wer da wollte, dessen Hand füllte er und der wurde Priester für die Höhen. 34 Und dies geriet zur Sünde dem Hause Jerobeams, sodass es zugrunde gerichtet und von der Erde vertilgt wurde.

Kann man in diesem Geschehen so etwas wie Nachdenklichkeit spüren – bei Jerobeam stellt sie sich nicht ein. Er kehrt nicht um, sondern macht einfach weiter. Es ist, als hätte er kein Gerichtswort gehört. Er bestellt weiter Priester, er führt sie als Priester ein, die von ihrem Dienst profitieren werden. So aber wird die Chance zur Umkehr – šub – vertan und das Unheil am Haus Jerobeams wird seinen Lauf nehmen. „Seinem Haus wird die Vernichtung angekündigt.“ (H. Schmid, aaO. S. 392) Es ist ein Unheil, das der König mit seiner Sünde selbst heraufbeschworen hat. Wie anders hätte es kommen können, wenn er dem Wort Gottes, seiner Verheißung gefolgt wäre?

Zum Weiterdenken

Was für eine rätselhafte Geschichte von Lüge und Wahrheit, Ungehorsam und Gehorsam, von Verführung und Erschrecken. Auch: Was für eine rätselhafte Geschichte von Gott, der in diesem Geflecht menschlicher Unzulänglichkeiten irgendwie selbst verschwindet.

Warum aber wird diese Geschichte überhaupt erzählt? Es überzeugt mich nicht: um zu erklären, dass es bei Bethel ein Grab gibt mit zwei Leichen, einer aus dem Norden, einer aus dem Süden. Es ist so: Der Mann Gottes wird ein Opfer – nicht seiner Leichtgläubigkeit – wohl aber des Umstandes, dass er nicht denken kann, dass sich jemand auf eine Engelbotschaft beruft und es ist eine Lüge. So will diese Erzählung warnen vor dem zu raschen Vertrauen. Vor falschem Vertrauen. Sie will den einfältigen Gehorsam einschärfen, auch gegenüber dem,  wenn einer sich auf Stimmen aus dem Himmel beruft.

Der auf den ersten Blick so fromme Satz: „Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade“ wird hier ab absurdum geführt. Man kann nur hoffen, dass Gott in dieser ganzen Geschichte nur leidend beteiligt ist, voller Schmerz darüber, wie seine Leute sich verhalten können. Es ist, wie nebenbei auch eine Geschichte, die zur kritischen Prüfung auffordert, was denn wohl in Wahrheit Weisung Gottes ist. Gott fährt doch keinen Zick-Zack-Kurs.

 

Üb immer Treu und Redlichkeit und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab. Mein Gott, das singt sich schön. Das ist ein guter Vorsatz. So möchte ich leben. Gerade deshalb packt mich die Angst. Was, wenn ich nicht mehr weiß, was Dein Weg ist? Was, wenn mir andere sagen: So will Gott es von Dir und mich verleiten? Was, wenn ich mich verlaufe?

Gib Du mir, dass ich auf Deinen Wegen bleibe, Dir gehorche und gib mir  Raum zur Umkehr, wenn ich den Gehorsam versäumt habe, mich verlaufen habe. Amen

Ein Gedanke zu „Lüge, die in die Irre führt“

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