Ein Eklat am Altar

1. Könige 12, 33 – 13,10

33 Und er opferte auf dem Altar, den er gemacht hatte in Bethel, am fünfzehnten Tage im achten Monat, den er sich in seinem Herzen ausgedacht hatte, und machte den Israeliten ein Fest und stieg auf den Altar, um zu opfern.

Es muss für die in Jerusalem wie eine Parodie wirken – Jerobeam feiert in Bethel ein Parallel-Fest zum Laubhüttenfest in Jerusalem Er hat es sich so in seinem Herzen ausgedacht. Die Verschiebung um einen Monat erklärt sich aus der späteren Erntezeit im Norden. Er nimmt das alte Königsrecht für sich in Anspruch, kultisch zu handeln, Opfer zu vollziehen. So hatte es Saul getan, so auch Salomo ja noch anlässlich der Tempelweihe gehalten: „Und der König und ganz Israel opferten vor dem HERRN Opfer. Und Salomo opferte Dankopfer, die er dem HERRN opferte, zweiundzwanzigtausend Rinder und hundertzwanzigtausend Schafe. So weihten sie das Haus des HERRN ein, der König und ganz Israel. An demselben Tage weihte der König die Mitte des Vorhofes, der vor dem Hause des HERRN war, dadurch, dass er Brandopfer, Speisopfer und das Fett der Dankopfer dort darbrachte.“ (8, 62-64) Die Tradition wird also vom König in Bethel reichlich in Anspruch genommen.

13,1 Und siehe, ein Mann Gottes kam von Juda auf das Wort des HERRN hin nach Bethel, während Jerobeam noch auf dem Altar stand, um zu räuchern.

Die Grenzen zwischen Norden und Süden sind nicht so dicht. Da ist keine Mauer, keine feste Grenze mit Wachsoldaten. So kommt also ein Mann Gottes von Juda nach Bethel und trifft just in dem Augenblick ein, als Jerobeam noch mit Opfer auf dem Altar befasst ist. Er kommt, weil er geschickt ist, im Auftrag. So wie Ahija von Silo auf Betreiben Gottes Jerobeam als König designiert hatte, so wird nun dieser Mann Gottes, dessen Name nichts zur Sache tut, auf das Betreiben Gottes hin aktiv. Auf das Wort des HERRN hin – „Die Wendung bidebar begegnet selten, allerdings allein im Kapitel 13 siebenmal.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 375) Das mag Hinweis sein – hier ist ständig Gott im Spiel, am Werk.

2 Und er rief gegen den Altar auf das Wort des HERRN hin und sprach: Altar, Altar! So spricht der HERR: Siehe, es wird ein Sohn dem Hause David geboren werden mit Namen Josia; der wird auf dir schlachten die Priester der Höhen, die auf dir räuchern, und wird Menschengebein auf dir verbrennen.

Es kommt zum Eklat. Zu einem Prophetenspruch, der die ganze schöne Feierlichkeit stört. Ein Sohn dem Hause David, Josia – der wird auf diesem Altar andere Opfer bringen. Menschenopfer, weil er die Priester der Höhen hinrichten wird. Das wird diesen Altar kultisch verunreinigen. Er wird unbrauchbar gemacht für immer. Das erklärt den Umstand, dass der Mann Gottes sein Wort nicht an den König richtet, sondern gegen den Altar.

Das Königbuch, das diese Ansage überliefert, überliefert such ihre Erfüllung:  Auch den Altar in Bethel, die Höhe, die Jerobeam gemacht hatte, der Sohn Nebats, der Israel sündigen machte, diesen Altar brach er ab, zerschlug seine Steine und machte sie zu Staub und verbrannte das Bild der Aschera. Und Josia wandte sich um und sah die Gräber, die dort auf dem Berge waren, und sandte hin und ließ die Knochen aus den Gräbern holen und verbrannte sie auf dem Altar und machte ihn unrein nach dem Wort des HERRN, das der Mann Gottes ausgerufen hatte, der dies verkündete.“(2. Könige 23, 15-16)Die Worte Gottes haben langen Atem und sie verfallen nicht.

3 Und er gab an dem Tag ein Wunderzeichen und sprach: Das ist das Zeichen dafür, dass der HERR geredet hat: Siehe, der Altar wird bersten und die Asche verschüttet werden, die darauf ist.

Sein Wort unterstreicht er durch ein Zeichen, das er ansagt, hier und heute: Der Altar wird bersten. Jetzt. Es ist vorbei mit dem Fest. Das ist das Urteil zur Sache: Jerobeam hat nur „einen nationalen Pseudokult eingerichtet, den er zu eröffnen im Begriff war.“ (K. Barth, Kirchliche Dogmatik II/2, Zürich 1959, S. 435)

4 Als aber der König das Wort von dem Mann Gottes hörte, der gegen den Altar in Bethel rief, streckte er seine Hand aus auf dem Altar und sprach: Greift ihn! Und seine Hand verdorrte, die er gegen ihn ausgestreckt hatte, und er konnte sie nicht wieder an sich ziehen.

5 Und der Altar barst und die Asche wurde verschüttet vom Altar nach dem Wunderzeichen, das der Mann Gottes gegeben hatte auf das Wort des HERRN hin.

Es ist nur zu verständlich, dass Jerobeam den Gottesdienst-Störer entfernt haben will. Aber es kommt nicht dazu. Der König wird von einer Lähmung der ausgestreckten Hand, die auf den Gottesdienst-Störer weist, erfasst und der Altar zerbricht. Mehr Gottes-Urteil geht nicht. „Gott schützt seinen Propheten.“ (H. Schmid. aaO. S. 378) Vor allem aber: er bewahrheitet sein Wort. Zurück bleibt buchstäblich ein Trümmerhaufen.

6 Und der König hob an und sprach zu dem Mann Gottes: Besänftige doch den HERRN, deinen Gott, und bitte für mich, dass ich meine Hand wieder an mich ziehen kann. Da besänftigte der Mann Gottes den HERRN, und der König konnte seine Hand wieder an sich ziehen, und sie wurde, wie sie zuvor war. 7 Und der König redete mit dem Mann Gottes: Komm mit mir heim und labe dich; ich will dir ein Geschenk geben.

Es ist eine seltsame, fast skurrile Situation. Der König muss den um Hilfe bitten, den er eben noch festnehmen lassen wollte, den, der ihm sein Fest vermasselt hat. Er bittet um seine Fürsprache, weil er ahnt oder weiß: Hinter diesem Mann steht der HERR. Wobei man spüren kann, wie unheimlich ihm das alles ist: Besänftige doch den HERRN, deinen Gott, und bitte für mich.  Jerobeam ahnt: ich habe zu diesem Gott keinen Zugang.

Es ist eine Formulierung, die heutige Leser*innen herausfordern wird: Da besänftigte der Mann Gottes den HERRN. Damit ist die Bitte des Königs aufgenommen, aber auch eine direkte Einwirkung des Mannes Gottes auf den HERRN behauptet, die zumindest Fragen aufwirft. Ist das wirklich so – wir können Gott so besänftigen, seinen Zorn durch unsere Fürbitte so aufhalten? Es ist der Versuch einer Erklärung, wie überzeugend auch immer er wirken mag: „Die Rücknahme der Lähmung ist möglich, weil sie nicht das eigentliche Ziel der Sendung des Mannes Gottes war und nur eingetroffen war, weil Jerobeam nicht hören wollte.“ (H. Schmid, aaO. S. 379) Jerobeam und seine Lähmung wären so betrachtet „nur“ ein Kollateral-Schaden, der zu beheben war.

Der König will, spontan geheilt, alles ungeschehen machen. So lädt er den Mann Gottes ein, zu bleiben, sich zu erfrischen, Er will ihn als Gast. So, als wäre das Geschehen nur ein Missverständnis. So, als wäre der Fluch nicht ernst gemeint.

8 Aber der Mann Gottes sprach zum König: Wenn du mir auch die Hälfte deines Hauses geben wolltest, so käme ich doch nicht mit dir; denn ich will an diesem Ort kein Brot essen noch Wasser trinken. 9 Denn so ist mir geboten durch des HERRN Wort: Du sollst kein Brot essen und kein Wasser trinken und nicht den Weg zurückgehen, den du gekommen bist. 10 Und er ging einen andern Weg und kehrte nicht auf dem Weg zurück, den er nach Bethel gekommen war.

Die Antwort ist ein unmissverständliches Nein. Nicht einmal für das halbe Königreich. Unter gar keinen Umständen, denn Gott hat es verboten. Keine Gemeinschaft mit diesem König an diesem Ort. Nicht Wasser und nicht Brot. Dahinter steht das Verständnis, dass miteinander essen auch miteinander verbindet. Er darf nicht und er will auch nicht. Dahinter steht auch die Verwerfung des Ortes Bethel als eines gemeinsamen Kultortes.

Es gibt keinen gemeinsamen Weg. Das dürfte auch hinter der Aufforderung stehen, auf einem anderen Weg zurück zu kehren aus auf dem, auf dem er nach Bethel gekommen war. Es ist nicht das einzige Mal in biblischen Erzählungen, dass so Hin- und Rückwege voneinander getrennt werden.

Zum Weiterdenken

            Manchmal erweckt gerade das die Fragen, was nicht erzählt wird. Wie ist es dem Mann Gottes ergangen auf dem Weg von Juda nach Bethel? Hat er sich innerlich gegen diesen Weg gewehrt? Oder hat er auf diesem Weg Klarheit gewonnen? War da eine Stimme vom Himmel, die ihm gesagt hat, was er sagen soll, der er sich nicht verweigern konnte? Oder war es eine Stimme in ihm? Der Text schweigt zu allen diesen Fragen, weil sie ihm nicht wichtig erscheinen. Das Wie des Entstehens der Worte Gottes ist in den biblischen Texten so gut wie nie ein Thema. Weil es nur darauf ankommt, dass der Mann Gottes am Ende seines Weges da steht und zu sagen wagt: Spruch des HERRN.

 

Mein Gott. Du bist heilig. Du verlangst unsere ungeteilte Hingabe. Du lässt es nicht mit Dir machen, dass wir Deine Aufträge ändern, nach Gefälligkeit, aus Harmonie-Bedürfnis. Du forderst von Deinen Boten nur dies eine, dass sie Deine Boten sind. Dass sie in ihren Worten und ihrem Tun nur Dir verpflichtet sind. Deinem Willen.

Gib Du uns, dass wir uns ganz an Dich halten, weil wir anders nicht wirklich ganz für die Menschen da sein können. Amen