Religion als Machtinstrument

1. Könige 12, 20 – 32

20 Als nun ganz Israel hörte, dass Jerobeam zurückgekommen war, sandten sie hin und ließen ihn rufen zu der Gemeinde und machten ihn zum König über ganz Israel; niemand folgte dem Hause David als der Stamm Juda allein.

Es ist ein bisschen umständlich, vielleicht dem Zusammenwachsen verschiedener Textblöcke geschuldet. Als nun ganz Israel hörte, dass Jerobeam zurückgekommen war Vielleicht ist es auch nur eine überflüssige Wiederholung. Es hat sich herumgesprochen – und so wird Jerobeam in den Norden gerufen und dort zum König über ganz Israel gemacht. Wichtig ist dem Text: damit steht das Haus David bzw. der Stamm Juda allein.

21 Und als Rehabeam nach Jerusalem kam, sammelte er das ganze Haus Juda und den Stamm Benjamin, hundertachtzigtausend streitbare Männer, um gegen das Haus Israel zu kämpfen und das Königtum an Rehabeam, den Sohn Salomos, zurückzubringen.

Rehabeam, in Jerusalem in Sicherheit, sammelt Truppen – aus dem Haus Juda und dem Stamm Benjamin. Mit hundertachtzigtausend streitbaren Männern eine unglaublich große Streitmacht. Sie „scheint vielen Auslegern unrealistisch hoch.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 363) Es wird wohl so sein, dass Rehabeam alles zum Kampf ruft, was nur irgendwie waffenfähig ist.

22 Es kam aber Gottes Wort zu Schemaja, dem Mann Gottes: 23 Sage Rehabeam, dem Sohn Salomos, dem König von Juda, und dem ganzen Hause Juda und Benjamin und dem übrigen Volk und sprich: 24 So spricht der HERR: Ihr sollt nicht hinaufziehen und gegen eure Brüder, die Israeliten, kämpfen. Jedermann gehe wieder heim, denn das alles ist von mir geschehen.

Das Geschehen wird aufgehalten. Unterbrochen durch ein Gottes Wort, das an Schemaja gerichtet wird. Einen Gottesmann. Einen Propheten, einen Seher. „Der Titel „Mann Gottes bringt eine besondere Beziehung des so Bezeichneten zu Gott zum Ausdruck.“ (H. Schmid, ebda.) Mose, Samuel, David, auch viele namentlich unbekannte Propheten sind so bezeichnet worden. Er stellt sich im Auftrag Gottes dem geplanten Heerzug, dem Bruderkrieg in den Weg. Mit der einen Begründung: was da geschehen ist, sagt Gott, das alles ist von mir geschehen. Damit würde ein Kriegszug gegen die Nordstämme zum Kriegszug gegen den Willen Gottes!

Und sie gehorchten dem Wort des HERRN, kehrten um und gingen heim, wie der HERR gesagt hatte. 25 Jerobeam aber baute Sichem auf dem Gebirge Ephraim aus und wohnte darin und zog von da fort und baute Pnuël aus.

Der Krieg wird abgesagt. Im Süden gehorchen sie dem Wort des HERRN. Vielleicht erleichtert. Jedermann geht heim. Im Norden hat Jerobeam Zeit gewonnen und richtet seine Herrschaft ein. Er baut Sichem aus und baut Pnuël aus. Beides Orte mit langer Tradition und Bedeutung für Israel. „Pnuël hat in der Geschichte Israel schon eine entscheidende Rolle gespielt. Jakob rang dort mit dem Engel, Gideon zerstörte die Befestigung der Stadt und David suchte in Mahanajim bei Pnuël Zuflucht vor Absalom.“ (H. Schmid, aaO. S. 366) Es liegt nahe – die Wahl dieser Städte ist auch von dem Interesse geleitet, an die Traditionen, die im Volk lebendig sind, anzuknüpfen.

26 Und Jerobeam dachte in seinem Herzen: Das Königtum wird nun wieder an das Haus David fallen. 27 Wenn dies Volk hinaufgeht, um Opfer darzubringen im Hause des HERRN zu Jerusalem, so wird sich das Herz dieses Volks wenden zu ihrem Herrn Rehabeam, dem König von Juda, und sie werden mich umbringen und wieder Rehabeam, dem König von Juda, zufallen.

Woher weiß der Schreiber, was Jerobeam in seinem Herzen dachte? Es ist ein Motiv, das dem König des Nordens unterstellt wird, das mit seiner Unsicherheit kalkuliert. Ein Motiv allerdings, das aus der Sicht des Südens gefunden sein dürfte: „Jerusalem ist das einzige legitime Heiligtum und war es auch für die Nordstämme bis zu ihrer Trennung von der davidischen Dynastie.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,1, Göttingen 1977, S. 162) Es geht um den Tempel, um das Haus des Herrn. Vor wenigen Jahren erst erbaut ist er der kultische Mittelpunkt Israels geworden und damit auch der emotionale Bezugspunkt, auch für die Nordstämme.

Trifft das zu, dann ist die Überlegung Jerobeams nachvollziehbar. Die mehrfache jährliche Wallfahrt nach Jerusalem ist geeignet, ihm seine Leute zu entfremden. „Durch die gemeinsamen Feste am Tempel war ihm die Gefahr zu groß, dass auch die politische Gemeinsamkeit wieder gesucht würde.“ (H. Schmid, aaO. S. 367) Dann würde er als König überflüssig werden und so sieht er sein Leben bedroht.

28 Und der König hielt einen Rat und machte zwei goldene Kälber und sprach zum Volk: Es ist zu viel für euch, dass ihr hinauf nach Jerusalem geht; siehe, da sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägyptenland geführt haben. 29 Und er stellte eins in Bethel auf, und das andere gab er nach Dan. 30 Und das geriet zur Sünde, denn das Volk ging vor dem einen her bis nach Dan.

Es ist die Argumentation eines fürsorglichen Herrschers. Er will seinen Stämmen Erleichterung verschaffen, ihnen umständliche, lange, vielleicht auch gefährliche Wallfahrten ersparen. Darum lässt er zwei goldene Kälber machen und richtet für sie Heiligtümer ein, eines in Bethel, das andere in Dan. Problematisch ist aus der Sicht der/des Buch-Autoren neben diesem Tun vor allem der Satz: Siehe, da sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägyptenland geführt haben. Dieser Satz steht wortgleich in der Erzählung vom Goldenen Kalb am Sinai: „Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägyptenland geführt haben!“ (2. Mose 32, 4) So wiederholt sich im Tun des Jerobeams die Sünde des Auszugs. Das ist Kritik, wie sie kaum schärfer geübt werden kann. Das Volk aber lässt es sich gefallen – die Heiligtümer sind kommod und finden Akzeptanz.

Historisch betrachtet stellen sich die Dinge vielleicht ein wenig komplizierter dar. Heiligtümer in Bethel und Dan sind nicht die Erfindung Jerobeams. „Es handelt sich vielmehr in beiden Fällen darum, dass schon bestehende Heiligtümer in den Rang von Reichsheiligtümern erhoben und der königlichen Fürsorge unterstellt werden.“ (E. Würthwein, aaO. S. 163) Die Sünde Jerobeams, wenn man denn so sprechen will, besteht darin, dass er die Heiligtümer instrumentalisiert für seine Zwecke. Es geht nicht um Gottesverehrung, sondern um Machtvermehrung. Religion wird verzweckt.

31 Er baute auch ein Höhenheiligtum und machte Priester aus allerlei Leuten, die nicht von den Söhnen Levi waren. 32 Und Jerobeam machte ein Fest am fünfzehnten Tag des achten Monats wie das Fest in Juda und opferte auf dem Altar. So tat er in Bethel, dass er den Kälbern opferte, die er gemacht hatte, und bestellte in Bethel Priester für die Höhen, die er gemacht hatte.

Man wird so lesen müssen: Einmal auf der Bahn der Religionsverwertung für die eigene Macht geht Jerobeam weiter, Schritt um Schritt. Er baut ein Höhenheiligtum, setzt Priester ein ohne Rücksicht auf den Stamm Levi, erfindet Feste. Die Notiz macht deutlich: Mit keiner dieser Maßnahmen geht es um Gott, um seine Verehrung, sondern nur um die Macht des Königs. Er zeigt sich in alledem als Macher – er machte, er machte….

Zum Weiterdenken

Religion als Machtinstrument. Als Mittel zur Einigung des Volkes. Dieser Gebrauch ist so alt wie die staatliche Macht. Es kümmert die Mächtigen nicht, dass das ein Missbrauch von Religion ist. Es kümmert oft genug auch die religiöse Führungsschicht nicht, dass Religion so missbraucht werden kann. Für die Führungsschichten ist da ein win-win-Situation. Es ist gut, dass wir in Zeiten leben, in denen diese Spielchen ausgespielt zu sein scheinen. Jedenfalls bei uns in Mitteleuropa. Anderorts ist Religion nach wie vor ein Macht-Instrument. Nicht nur in Teheran.

Die Frage rückt mir anderes auf die Pelle, wenn ich nicht auf die Mächtigen schaue, sondern auf mich. Wie steht es um meinen Umgang mit Glauben, Gottvertrauen? Es ist doch auch für den normalen Christenmenschen eine Gefahr, dass er aus dem Glauben ein Instrument macht – zur Sicherung der eigenen Interessen, Positionen, des eigenen Lebens. Ich bin nicht wie von selbst in der Spur Gottes mit meinem Machen und tun. Ich bin darauf angewiesen, diese spur jeden Tag neu zu suchen.

 

Mein Gott, wie gehen wir mit Dir um? Spannen wir Dich vor unseren Karren? Müssen Deine Feste unseren Zwecken dienen? Geht es in Wahrheit gar nicht um Dich, Deine Ehre, Deine Anbetung, sondern um uns? Feiern wir uns in den Festen, die angeblich Deine Taten feiern sollen?

Weihnachten darf nicht ausfallen, dafür sorgt schon der wirtschaftliche Druck. Ostern darf auch nicht ausfallen – es würden Ferien verschwinden. Nur der Bußtag ist irgendwie verzichtbar.

Bewahre uns davor, aus der Verehrung Deines Namens ein Geschäft zu machen. Bewahre uns davor, dass wir Die Werke unserer Hände anbeten, wenn wir meinen, Dich zu feiern. Öffne uns die Augen. Öffne uns die Ohren. Wandle unsere Herzen. Amen