Kurzsichtige Brutalität

1. Könige 12, 1 – 19

1 Und Rehabeam zog nach Sichem, denn ganz Israel war nach Sichem gekommen, um ihn zum König zu machen.

Es genügt nicht, dass Rehabeam in Jerusalem als König installiert ist. Wenn er für ganz Israel König sein will, muss er sich darum mühen, dass ihn alle Stämme als König anerkennen. Darum der Weg nach Sichem, „das als Zentrum der Stämme Schauplatz wichtiger Entscheidungen war.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,1, Göttingen 1977, S. 153) In Sichem hatte Josua dem Volk Fluch und Segen vorgelegt: „Josua versammelte alle Stämme Israels nach Sichem und berief die Ältesten von Israel, seine Obersten, Richter und Amtleute.“ (Josua 24,1)

2 Und Jerobeam, der Sohn Nebats, hörte das, als er noch in Ägypten war, wohin er vor dem König Salomo geflohen war, und kehrte aus Ägypten zurück. 3 Und sie sandten hin und ließen ihn rufen. Und Jerobeam und die ganze Gemeinde Israel kamen und redeten mit Rehabeam und sprachen: 4 Dein Vater hat unser Joch zu hart gemacht. Mache du nun den harten Dienst und das schwere Joch leichter, das er uns aufgelegt hat, so wollen wir dir untertan sein.

Jetzt betritt mit Jerobeam ein neuer Mann die Bühne. Nach seiner Rückkehr aus Ägypten wird er gerufen – aber von wem? Und mit welcher Absicht? Es scheint so, dass er der Sprecher der versammelten ganzen Gemeinde Israel wird. Oder ist er nur einer in einer Delegation, die die Anliegen der Gemeinde- qahal – vorbringt? Es ist ein klares Statement an den potentiellen König: Wir werden dich nur dann akzeptieren, wenn es nicht so weitergeht wie unter deinem Vater Salomo. Unser Joch war zu hart. So kann es nicht weitergehen. So fällt im Nachhinein noch tiefer Schatten auf den Glanz Salomos. Es war eine Zeit unter dem Joch, unter Zwang. Immerhin – sie hoffen bei dem Sohn auf Milde, auf bessere Zeiten.

5 Er aber sprach zu ihnen: Geht hin bis zum dritten Tag, dann kommt wieder zu mir. Und das Volk ging hin. 6 Und der König Rehabeam hielt einen Rat mit den Ältesten, die vor seinem Vater Salomo gestanden hatten, als er noch lebte, und sprach: Wie ratet ihr, dass wir diesem Volk Antwort geben? 7 Sie sprachen zu ihm: Wirst du heute diesem Volk einen Dienst tun und ihnen zu Willen sein und sie erhören und ihnen gute Worte geben, so werden sie dir untertan sein dein Leben lang.

Rehabeam hört – und spielt auf Zeit. Er sucht zunächst einen Rat bei bewährten Leuten, Ältesten, die schon im Dienst Salomos gestanden hatten. „Diese Alten hatten die Entwicklung unter Salomo persönlich miterlebt. Sie dürften über den wachsenden Unmut in der Bevölkerung, vor allem des Nordens, informiert gewesen sein.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 354) Darum raten sie zu moderatem Verhalten. Zu Erleichterungen und zu Entgegenkommen. Entgegenkommen, so ihre Überzeugung, wird sich für Rehabeam auszahlen – er wird das Volk für sich gewinnen. Ein Leben lang. Es würde sich lohnen. Sie raten so, weil sie wissen: Rehabeams Verhalten wird das Verhalten des Volkes bestimmen.

8 Aber er verwarf den Rat der Ältesten, den sie ihm gegeben hatten, und hielt einen Rat mit den Jüngeren, die mit ihm aufgewachsen waren und vor ihm standen. 9 Und er sprach zu ihnen: Was ratet ihr, dass wir antworten diesem Volk, das zu mir gesagt hat: Mache das Joch leichter, das dein Vater auf uns gelegt hat? 10 Und die Jüngeren, die mit ihm aufgewachsen waren, sprachen zu ihm: Du sollst zu dem Volk, das zu dir sagt: »Dein Vater hat unser Joch zu schwer gemacht; mache du es uns leichter«, so sagen: Mein kleiner Finger ist dicker als meines Vaters Lenden. 11 Nun, mein Vater hat auf euch ein schweres Joch gelegt, ich aber will’s euch noch schwerer machen. Mein Vater hat euch mit Peitschen gezüchtigt, ich will euch mit Skorpionen züchtigen.

Der Rat der Alten findet bei Rehabeam keine Gegenliebe. Er verwirft ihn, ohne schon eine Alternative zu haben. Die erhält durch andere Berater – die Jüngeren, die mit ihm aufgewachsen waren. Ihnen trägt er die Forderung des Volkes vor und sagt: Was würdet ihr mir raten? Ist es Leichtsinn, Übermut, Instinktlosigkeit? Sie raten zu Härte. Zur Steigerung der Lasten. „Statt den Verhandlungspartnern Erleichterung zu verschaffen, soll man ihr Joch erschweren und statt mit Peitschen soll man sie mit Geißeln zur Arbeit treiben, d. h. mit Stacheln, Dornen u ä. versehene Züchtigungswerkzeuge gegen sie gebrauchen.“ (E. Würthwein, aaO. S. 155) Dieser Rat ist weit weg von Einfühlung, auch vom Respekt vor dem freien Volk der Gemeinde Israel.

12 Als nun Jerobeam und das ganze Volk zu Rehabeam kamen am dritten Tage, wie der König gesagt hatte: Kommt wieder zu mir am dritten Tage, 13 da gab der König dem Volk eine harte Antwort und verwarf den Rat, den ihm die Ältesten gegeben hatten, 14 und redete mit ihnen nach dem Rat der Jüngeren und sprach: Mein Vater hat euer Joch schwer gemacht, ich aber will’s euch noch schwerer machen. Mein Vater hat euch mit Peitschen gezüchtigt, ich aber will euch mit Skorpionen züchtigen.

Nach drei Tagen ist es so weit. Rehabeam antwortet dem Volk. Er lehnt jedes Entgegenkommen ab. Stattdessen kündigt er härtere Maßnahmen an – statt Peitschen Skorpione. Es klingt wie Ironie: Sie werden sich noch nach den guten alten Zeiten sehnen.

15 So hörte der König nicht auf das Volk; denn so war es bestimmt von dem HERRN, auf dass er sein Wort wahr machte, das er durch Ahija von Silo geredet hatte zu Jerobeam, dem Sohn Nebats.

Das Volk hört die Botschaft. Der König hatte nicht auf sein Volk gehört. Er hat nicht verstanden, dass ein König ohne die Zustimmung seines Volkes scheitern wird. „Diese schroffe Ablehnung, mit der Rehabeam die Nordstämme brüskiert und in die Separation treiben muss, erscheint als so verblendet, dass ein jüngerer Zusatz sie begreiflich zu machen sucht als eine höhere „Fügung“ (=sibbah).“ (E. Würthwein, ebda.) Es ist, ob an dieser Stelle nur jüngerer, späterer Zusatz oder Originaltext, die durchgängige Sicht in den Schriften: Der HERR macht sein Wort wahr. Gott macht keine leeren Worte.

16 Als aber ganz Israel sah, dass der König sie nicht hören wollte, gab das Volk dem König Antwort und sprach: Was haben wir für Teil an David oder Erbe am Sohn Isais? Auf zu deinen Zelten, Israel! So sorge nun du für dein Haus, David! –

Es ist vorhersehbar. Diese Antwort ist das Ende der staatlichen Einheit. Die Nordstämme, immer schon unsicherer Bestandteil der Reichseinheit, trennen sich. Wobei es auffällt, dass ihr Trennungswort nicht auf Rehabeam und seine Torheit begründet wird, sondern weit zurückgreift: Was haben wir für Teil an David oder Erbe am Sohn Isais? Dieser Satz spricht dafür, dass die Zusammengehörigkeit auch unter David schon bedroht war. Das Reich war so einig nicht. Die Erfahrung, dass die Königskrone in Jerusalem immer wie automatisch an einen Nachfolger Davids fallen sollte, mag ein Übriges getan haben. Erst recht nach den angekündigten Maßnahmen Rehabeams, die harte Unterdrückung verheißen.

Da ging Israel zu seinen Zelten, 17 sodass Rehabeam nur über die Israeliten regierte, die in den Städten Judas wohnten. 18 Und als der König Rehabeam den Fronvogt Adoniram hinsandte, warf ihn ganz Israel mit Steinen zu Tode. Aber der König Rehabeam stieg eilends auf einen Wagen und floh nach Jerusalem.

Die Stämme des Nordens gehen. Rehabeam bleibt nur, was in den Städten Judas wohnt. Als er dennoch versucht, seine Maßnahmen im Norden durchzusetzen – er sendet den Fronvogt Adoniram, kommt es zu Mord und Totschlag. Zur Steinigung. „Vielleicht sollte ein neues Verhandlungsangebot unterbreitet werden, uns der für die auferlegten Lasten mitverantwortliche Minister wurde dazu entsandt.“(H. Schmid, aaO. S. 360) Vorsichtig gesagt: Es ist eine wohlwollende Unterstellung, dass dieser Fronvogt neue Verhandlungen mit milderen Bedingungen anbieten sollte. Dass seine Steinigung also auf ein Missverständnis der Nordstämme zurückzuführen sein könnte. Nichts davon steht im Text.

Rehabeam sieht sein Vorhaben gescheitert. Er wird nicht König über ganz Israel werden. Ihm bleibt nur der Rückzug, die Flucht nach Jerusalem.

19 Also fiel Israel ab vom Hause David bis auf diesen Tag.

Das ist das Resümee: Reichspaltung. Israel, das Nordreich, hat sich abgewandt vom Königshaus, von den Nachfolgern Davids. Die Einheit der Stämme unter David und Salomo ist nur eine kurze Episode. Es ist menschliche Unvernunft, jugendliche Unreife, Machtgier, die dieses Ende herbeiführt. Und doch entgleitet das Geschehen nicht der Regie Gottes.

Zum Weiterdenken

            Steigerung statt Umkehr. Das ist kurzgefasst das Programm Rehabeams, das krachend scheitert. Mir kommt das vor wie eine Warnung auch an uns heute. Seht genau hin. Es gibt eine Alternative zu dem „Weiter, immer weiter“. Zur Steigerung. Sie heißt Umkehr. Ich habe die Sorge und Angst, dass zu viele in der Führungsschichte auch heute zum Rehabeam-Programm neigen. Weiter, immer weiter klingt besser als zurück, Umkehr.

Härte, Durchsetzungsvermögen stehen hoch im kurz. Nicht nur damals. Auch heute. Man gewinnt durch solche „Tugenden“ Gefolgschaft. Darauf setzen Autokraten. Darauf setzen auch demokratisch gewählte Präsidenten. Aber man verliert durch solche Tugenden auch Zuspruch, weil in dieser Härte oft genug bloß selbstsüchtige Brutalität geahnt und gespürt wird. Die Frage ist erlaubt, ob es wirklich eine Führungsqualität ist, sich über die Mahnung zur Vorsicht, um Ausgleich, zur Verständigung hinwegzusetzen unter dem Motto: Ein Mann geht seinen Weg.

Mein Gott, es geht so vieles in der Welt drunter und drüber. Ist es ein Trost, dass Du auch solche Konfusionen, solche irren Zeiten irgendwie in Deine Hände nimmst, aus ihnen Wege werden lässt, die durch Tiefen gehen, aber doch Deinem Ziel folgen müssen.

Es erschreckt mich, wenn ich sehe – heute – wie Mächtige ihren Weg gehen, ohne danach zu fragen, ob er gut ist für die Menschen, die von ihnen abhängig sind.

Ich will mich trösten, dass es nicht unsere richtigen Pläne sind, sondern Dein guter Plan, der über unserer Welt das letzte Wort behalten wird. Amen