Die Liebe ist ein seltsames Spiel

  1. Könige 11, 1 – 13

1 Aber der König Salomo liebte viele ausländische Frauen: die Tochter des Pharao und moabitische, ammonitische, edomitische, sidonische und hetitische – 2 aus solchen Völkern, von denen der HERR den Israeliten gesagt hatte: Geht nicht zu ihnen und lasst sie nicht zu euch kommen; sie werden gewiss eure Herzen ihren Göttern zuneigen. An diesen hing Salomo mit Liebe. 3 Und er hatte siebenhundert Hauptfrauen und dreihundert Nebenfrauen; und seine Frauen verleiteten sein Herz.

Wie ist dieses Aber zu lesen? Wird jetzt ein Gegensatz sichtbar gemacht? Eben die Schilderung des Glanzes und jetzt der Beginn des Elends? Im griechischen Text steht kein aber – nur ein und κα. Im Hebräischen nur ein winziger Buchstabe – ו. Mehr nicht. Ein Satzanfang. Es ist die deutsche Übersetzung, die schon weiß, worauf der folgende Text hinauslaufen wird. Glanz und Elend des Hauses Salomo.

Dem König, der so weise und gerecht ist, so an Gott hängt, wird mit einem dürren Satz der Verstoß gegen die Regeln Gottes angelastet. Seine zahlreichen Frauen kommen aus solchen Völkern, von denen der HERR den Israeliten gesagt hatte: Geht nicht zu ihnen und lasst sie nicht zu euch kommen. Es ist ein sehr eindringliches Verbot – im Blick auf die Völker, die sie im Land vorfinden werden: „Hetiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter … Du sollst dich mit ihnen nicht verschwägern; eure Töchter sollt ihr nicht geben ihren Söhnen und ihre Töchter sollt ihr nicht nehmen für eure Söhne. (5. Mose 7, 2-3) Salomo setzt sich über diese Regeln hinweg, obwohl er in seiner von Gott geschenkten und erfüllten Weisheit doch wissen könnte, wie wankelmütig das Herz des Menschen ist, auch das eigene Herz eines Königs. Und deshalb die Gefahren meiden.

Er wird Opfer seines Ungehorsams. Das wird ein bisschen zugekleistert durch die Formulierung, in der die Frauen zu den eigentlich Schuldigen gemacht werden: seine Frauen verleiteten sein Herz. Es ist der bis heute gängige und übliche und üble Männertrick – wir sind die Opfer, die Frauen sind die Verführerinnen. In Wahrheit aber wird Salomo ein Opfer der eigenen Begierden.

4 Und als er nun alt war, neigten seine Frauen sein Herz fremden Göttern zu, sodass sein Herz nicht ungeteilt bei dem HERRN, seinem Gott, war wie das Herz seines Vaters David. 5 So diente Salomo der Astarte, der Göttin der Sidonier, und dem Milkom, dem gräulichen Götzen der Ammoniter.

Alters-Schwäche? Alters-Torheit? Der Anfang der Demenz? Es scheint, diese Verschiebung ins Alter dient dem einen Zweck, keinen Schatten auf die „Salomonische Zeit als eine Blütezeit“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,1, Göttingen 1977, S. 133) fallen zu lassen. Wer wird dafür kein Verständnis haben, dass es nach einer langen Regierungszeit, die voll guter Erfahrungen und Ergebnisse ist, zu Erschlaffungen kommt? Obendrein auch noch angestoßen durch die, die man liebhat: „Der Versuchung, die der engsten persönlichen Beziehung entspringt, ist am schwersten zu widerstehen.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 320) Der verständnisvolle Ausleger übersieht: Es sind rund tausend Frauen – was ist da die „engste persönliche Beziehung“? Der Text jedenfalls ist so verständnisvoll nicht, wie der nachfolgende Satz zeigen wird.

6 Und Salomo tat, was dem HERRN missfiel, und folgte nicht völlig dem HERRN wie sein Vater David.

Salomo verliert seine Spur. Er lässt sich verleiten. Er irrt ab. Er ist nicht völlig, ungeteilt in seiner Nachfolge. Kein zweiter David. Wobei der Schreiber dieser Worte durchaus wissen wird: Auch David war nicht frei von Irrungen und Wirrungen. Aber die Anklage an Salomo ist klar, wenn auch behutsam ausgedrückt: Er folgte nicht völlig dem HERRN. Es geht um Götzendienst, um Dienst an fremden Göttern Nicht um sexuelle Übergriffe.

7 Damals baute Salomo eine Höhe dem Kemosch, dem gräulichen Götzen der Moabiter, auf dem Berge, der vor Jerusalem liegt, und dem Milkom, dem gräulichen Götzen der Ammoniter. 8 Ebenso tat Salomo für alle seine ausländischen Frauen, die ihren Göttern räucherten und opferten.

Der Tempelbauer lässt das Bauen von Heiligtümer und Opferstätten nicht. Es ist sicher nicht nur die eine Höhe – bamah. Zwei werden gesondert genannt – eine für den Moabiter-Gott Kemosch, eine für dem Ammoniter-Gott Milkom. Beide werden mit Abscheu kommentiert. Es sind aber nicht nur diese zwei, sondern viele – ungezählt dem Text zu Folge. Ebenso tat Salomo für alle seine ausländischen Frauen, die ihren Göttern räucherten und opferten. Es ist wie ein Rückfall in die Zeiten vor dem Tempelbau. Die Höhen werden zu den gängigen Opferorten. Vermutlich nicht nur für die ausländischen Frauen Salomos.

9 Der HERR aber wurde zornig über Salomo, dass er sein Herz von dem HERRN, dem Gott Israels, abgewandt hatte, der ihm zweimal erschienen war 10 und ihm geboten hatte, dass er nicht andern Göttern nachwandelte. Er aber hatte nicht gehalten, was ihm der HERR geboten hatte.

Das alles erregt den Zorn Gottes. Es ist ja nicht nur ins äußerliche Abwendung – er hat sein Herz von dem HERRN, dem Gott Israels, abgewandt. Es ist vor allem eine innere Abwendung. Umso mehr ist der Zorn Gottes begründet, als er Salomo doch gewürdigt hatte, dadurch, dass er ihm zweimal erschienen war. Ihn ausgezeichnet hatte durch Reichtum und Weisheit. Fast könnte Gott fragen: „Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?“ (Jesaja 5, 4) Es ist eine Missachtung Gottes und durchaus nicht nur verzeihliche Altersschwäche, die sich im Verhalten Salomos zeigt. Gott ist nicht gewillt, hier nachsichtig zu sein.

11 Darum sprach der HERR zu Salomo: Weil das bei dir geschehen ist und du meinen Bund und meine Gebote nicht gehalten hast, die ich dir geboten habe, so will ich das Königtum von dir reißen und einem deiner Großen geben.

Das ist Gottes Urteil, sein Gerichtswort: Weil Salomo den Bundberit – nicht gehalten hat, ist Gott nicht mehr verpflichtet, sein Königtum zu bestätigen. Es ist fast gebetsmühlenartig in den ersten Kapiteln des Buches betont worden: Das Königtum wird bestehen, wenn der König Gehorsam gegen den Willen Gottes übt, wenn er treu bleibt und recht in seinem Tun. Weil Salomo diese Spur verloren hat, verlassen hat, wird es nicht weitergehen mit Salomos Nachkommen. Das Königtum von dir reißen meint das Ende der Dynastie.

12 Doch zu deiner Zeit will ich das noch nicht tun um deines Vaters David willen, sondern aus der Hand deines Sohnes will ich’s reißen. 13 Doch will ich nicht das ganze Reich losreißen; einen Stamm will ich deinem Sohn lassen um Davids willen, meines Knechts, und um Jerusalems willen, das ich erwählt habe.

Immerhin: Salomo wird das nicht mehr erleben. Aber nach ihm wird es zur Reichsteilung kommen. Nur ein Stamm wird bei der Sippe bleiben. Nicht um Salomos willen, sondern um Davids willen, meines Knechts, und um Jerusalems willen, das ich erwählt habe. Zum vierten Mal: David. Er ist wie eine Schutzmauer gegen den Zorn Gottes. So steckt in diesem Urteil immer noch Verschonung. „Das Gericht gegenüber Salomo wird nicht so radikal sein wie gegenüber dem Hause Sauls.“ (H. Schmid, aaO. S. 325) Es ist immer noch Davids Erwählung und Davids Stadt, die das Letzte verhindern. Salomo hätte es anders verdient.

Zum Weiterdenken

Es ist Gottes Art, treu zu sein. Nicht wankelmütig. Nicht heute so und morgen so. Aber diese Treue Gottes sucht ihre Entsprechung in der Treue der Menschen. Sie sucht das Echo, den Gehorsam, das Bleiben in der Spur des Glaubens. Wer diese Spur verlässt, der gefährdet die Treue Gottes ihm gegenüber.

 

Heiliger Gott, es ist einfach, sich über den fremden Götzendienst zu erregen, sich zu überheben: So bin ich nicht unterwegs. Aber die Wahrheit ist schmerzlich. Es ist nur ein winziger Schritt, nur eine Herzwendung und die Gaben sind uns wichtiger als der Geber. Man muss keine Götzenbilder errichten, um fremde Götter anzubeten. Die Werke der eigenen Hände tun es auch.

Heiliger, barmherziger Gott, bewahre mein Herz vor den Abwegen, vor der Anbetung, die Dich über den Gaben verliert. Amen