Königs-Test

1. Könige 10, 1 – 13

1 Und als die Königin von Saba die Kunde von Salomo vernahm, kam sie, um Salomo mit Rätselfragen zu prüfen.

Es hat sich herumgesprochen. Weit über die Grenzen Israels hinaus. „Das hebräische schema‛ wird sehr unterschiedlich übersetzt: Kunde, Ruf, Gerücht.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 293) Man redet über diesen König, man staunt über ihn. Bis nach Saba dringt sein Ruf. „Bei Saba denkt man gewöhnlich an das südarabische Reich, dieses Namens, das an einer alten und sehr wichtigen Handelsstraße, der sogenannten Weihrauchstraße, lag und das durch seine Handelsbeziehungen zu Ostafrika und Indien einerseits und dem Mittelmeerraum andererseits zu Reichtum und Berühmtheit gelangt war.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,1, Göttingen 1977, S. 120) Ob es dort Königinnen gab, ist unsicher.

Es gibt allerdings auch Beduinenstämme im nordarabischen Bereich, von denen es im Buch Hiob heißt: „Es kam ein Bote zu Hiob und sprach: Die Rinder pflügten und die Eselinnen gingen neben ihnen auf der Weide, da fielen die aus Saba ein und nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit der Schärfe des Schwerts, und ich allein bin entronnen, dass ich dir’s ansagte.“ (Hiob 1, 14-15) Bei diesen Stämmen sind auch Königinnen bezeugt. Vielleicht sind die Informationen aus beiden Richtungen verknüpft worden – hier der sagenhafte Reichtum, dort die Königinnen. Wir wissen es nicht sicher.

2 Und sie kam nach Jerusalem mit sehr großem Gefolge, mit Kamelen, die Spezerei trugen und viel Gold und Edelsteine. Und als sie zum König Salomo kam, redete sie mit ihm alles, was sie sich vorgenommen hatte. 3 Und Salomo gab ihr Antwort auf alles, und es war dem König nichts verborgen, was er ihr nicht hätte sagen können.

Sicher ist nur, dass der Text von einer prächtigen Delegation mit reichlichen Gastgeschenken erzählt. Von einem sagenhaften Reichtum. Von einer Begegnung auf Augenhöhe. Die Königin testet Salomo mit allem, was sie sich vorgenommen hatte. Und er, der Mann auf dem Thron Davids bleibt ihr keine Antwort schuldig. Was da verhandelt worden ist an Rätselfragen, muss offen bleiben. Spruchweisheiten, juristische Fragen oder geht es doch mehr in Richtung „Scharfsinn, wie man ihn in Gesellschaftsspielen des Orients mit Rätseln zum Beweis der Ebenbürtigkeit gern erprobte.“ (E. Würthwein, aaO. S. 121)Wie auch immer: es ist ein Test und Salomo besteht ihn glänzend.

Aus heutiger Leser-Perspektive: Man wüsste gerne, wie Donald Trump, Viktor Orban, Matteo Salvini und Boris Johnson solch einen Test überstehen würden.

4 Da aber die Königin von Saba alle Weisheit Salomos sah und das Haus, das er gebaut hatte, 5 und die Speisen für seinen Tisch und die Sitzordnung seiner Großen und das Aufwarten seiner Diener und ihre Kleider und seine Mundschenken und seine Brandopfer, die er in dem Hause des HERRN opferte, stockte ihr der Atem, 6 und sie sprach zum König:

Salomo hat nicht nur durch sein Wissen geglänzt. Er hat auch seine Pracht, seinen Hofstaat vorgeführt. Ein Bankett vom Feinsten, eine Besichtigung der neuen Hauptstadt Jerusalem, die ganze Pracht eines Hofes. Die Königin ist beeindruckt, so sehr, dass ihr der Atem stockte. Kein Schwächeanfall. Sie gerät nicht ins Zittern, sie ist einfach nur überwältigt. Das ist ja der Sinn von Empfängen bei Staatsbesuchen: Sie sollen Eindruck machen.

Es ist wahr, was ich in meinem Lande gehört habe von deinen Taten und von deiner Weisheit. 7 Und ich hab’s nicht glauben wollen, bis ich gekommen bin und es mit eigenen Augen gesehen habe. Und siehe, nicht die Hälfte hat man mir gesagt. Du hast mehr Weisheit und Güter, als die Kunde sagte, die ich vernommen habe. 8 Glücklich sind deine Männer und deine Großen, die allezeit vor dir stehen und deine Weisheit hören.

Es ist ein Augenblick undiplomatischer Wahrheit, die sie – überwältigt von dem, was sie gehört und gesehen hat – ausspricht. Sie hat das, was man ihr berichtet hat, für Übertreibungen gehalten. „Sie muss gestehen, dass ihre Skepsis gegenüber dem über Salomo Gehörten unberechtigt war.“ (E. Würthwein, aaO. S. 122) Mehr noch: es war alles eher untertrieben als übertrieben, was man erzählte.

Darum: was für ein Glück, unter diesem König dienen zu dürfen. Was für ein Glück, immer in seiner Nähe sein zu dürfen, so dass man Anteil an seiner Weisheit gewinnen kann. Glücklich aschrej – ein Wort, das fast immer im Zusammenhang der Gottes-Nähe gebraucht wird. Hier ist es anders „Der Glückwunsch der Königin ist eine Ausnahme, weil es nicht um den Glauben, sondern um die Nähe zu Salomo geht.“ (H. Schmid, aaO. S. 300) Nur diplomatischer Überschwang? Es ist das vierte Mal in diesem Bericht, das dritte Mal in ihren Worten, dass Salomos Weisheit ausdrücklich benannt wird.

Nur nebenbei: In der Septuaginta ist der Glückwunsch nicht an die Männer gerichtet, sondern an die Frauen Salomos – αἱ γυναῖκές σου! Und für die Großen könnte man mit μακάριοι οἱ παῖδές auch lesen: Glücklich deine Kinder, Deine Knechte.

9 Gelobt sei der HERR, dein Gott, der an dir Wohlgefallen hat, sodass er dich auf den Thron Israels gesetzt hat! Weil der HERR Israel lieb hat ewiglich, hat er dich zum König gesetzt, dass du Recht und Gerechtigkeit übst.

Nach dem Lob des Königs und dem Glückwunsch an seinen Hofstaat folgt der Lobpreis Gottes. Gott hat alles richtig gemacht: Er hat es gut gemacht, dass er Salomo zum König gemacht hat. Und: es ist ein Zeichen der Liebe Gottes zu seinem Volk, dass Salomo so Recht und Gerechtigkeit übt.

Die Anerkennung des Gottes Israels durch den fremden König zieht sich durch die biblischen Texte. Sie ist beispielhaft fast so etwas wie ein roter Faden im Daniel-Buch. „Wahrhaftig, euer Gott ist ein Gott über alle Götter und ein Herr über alle Könige, der Geheimnisse offenbaren kann, wie du dies Geheimnis hast offenbaren können.“ (Daniel 2, 47) Und: „Das ist mein Befehl, dass man überall in meinem ganzen Königreich den Gott Daniels fürchten und scheuen soll. Denn er ist ein lebendiger Gott, der ewig bleibt, und sein Reich ist unvergänglich, und seine Herrschaft hat kein Ende. Er ist ein Retter und Nothelfer, und er tut Zeichen und Wunder im Himmel und auf Erden.“ (Daniel 6,27-28) Sie ist auf jeden Fall eine Erwartung, die es in sich hat: Wenn die Könige Israels tun, was sie nach dem Willen Gottes tun sollen, dann sind sie darin Zeugen für die Macht Gottes, für seine Gerechtigkeit. Für seine Fürsorge.

10 Und sie gab dem König hundertzwanzig Zentner Gold und sehr viel Spezerei und Edelsteine. Es kam nie mehr so viel Spezerei ins Land, wie die Königin von Saba dem König Salomo gab. 11 Auch brachten die Schiffe Hirams, die Gold aus Ofir einführten, sehr viel Sandelholz und Edelsteine. 12 Und der König ließ Schnitzarbeiten machen aus dem Sandelholz im Hause des HERRN und im Hause des Königs und Harfen und Zithern für die Sänger. Es kam nie mehr so viel Sandelholz ins Land, wurde auch nicht gesehen bis auf diesen Tag. 13 Und der König Salomo gab der Königin von Saba alles, was ihr gefiel und was sie erbat, außer dem, was er ihr von sich aus gab. Und sie wandte sich und zog in ihr Land mit ihrem Gefolge.

Es ist ein etwas verwirrender Abschluss für den Bericht über der Besuch aus Saba. Verwirrend durch den Einschub, der von dem Import durch die Flotte Hirams berichtet. Die hatte nicht nur Gold aus Ofir, sondern auch edle Hölzer mit eingeführt. Material für die Ausschmückung des Tempels, des Palastes und für den Instrumentenbau. Ungesehene Mengen und ungesehene Materialien. Alles ist großartig an Salomo und seiner Pracht.Einzigartig.

Eingerahmt wird diese Notiz durch die anderen Feststellungen. Die Königin war nicht mit leeren Händen gekommen: hundertzwanzig Zentner Gold und sehr viel Spezerei und Edelsteine. Balsam ohne Ende. Es mag Zufall sein – es ist die gleiche Goldmenge, die auch Hiram an Salomo geliefert hatte: „Und Hiram hatte dem König hundertzwanzig Zentner Gold gesandt.“ (9,14) Wollte die Königin von Saba in ihrer Großzügigkeit nicht hinter dem König von Tyrus zurückstehen? Insgesamt wird deutlich: Es ist ein für beide Seiten lohnender diplomatischer Besuch gewesen. Weder der König noch die Königin stehen mit leeren Händen da.

Zum Weiterdenken

Staatsbesuche sind keine Privat-Angelegenheit. Sie dienen mit ihrem Zeremoniell der Repräsentation des Staates. Sie sollen helfen, Brücken zu schlagen. Sie sollen helfen, das eigene Land in ein gutes Licht zur rücken. Sie sollen helfen, die Interessen des eigenen Landes zu sichern. Kirchen machen – mit Ausnahme des Vatikans – keine Staatsbesuche. Und doch, wenn Kirchenvertreter – ob Bischöfe oder Kirchenpräsidenten – öffentlich auftreten, müssen sie bedacht sein, der eigenen Kirche in der Art ihres Auftretens zu dienen. Das mag, auch wenn es schwer zu verstehen ist, auch einmal dazu führen, auf demonstratives Tragen des Kreuzes zu verzichten. Jesu Ruf zum Tragen des eigenen Kreuzes ist nicht auf Bischofskreuze gemünzt.

Lieber Gott, die Pracht dieser Welt ist mir fremd. Ich kenne mich nicht aus mit Staatsbesuchen, Gastgeschenken, mit dem diplomatischen Parkett und seinen Tücken.

Ich bin froh, dass ich nicht auftrumpfen muss mit dem, was ich besitze, keinen beeindrucken muss mit Reichtum, Scharfsinn, Weisheit. Ich bin froh, dass Du mich kennst und nimmst, wie ich bin. Das macht mich frei, Ansprüchen gegenüber, Menschen gegenüber. Amen

2 Gedanken zu „Königs-Test“

    1. Weil er geholfen hat, überflüssigen Zirkus zu vermeiden. Der Tempelberg ist nicht der Ort, wo ich Demonstrationen abhalten muss. Im Übrigen: Ich bin ohnehin kein Freund der Kreuze, die Bischöfe auf der Brust tragen. Oder Frauen als Halskette. Das war nicht mit den Worten Jesu gemeint: Wer mir nachfolgen will….

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