Der weite Raum: Die Verheißung Gottes

1. Könige 9, 1 – 9

1 Und als Salomo das Haus des HERRN gebaut hatte und das Haus des Königs und alles, was er zu machen gewünscht hatte, 2 erschien ihm der HERR zum zweiten Mal, wie er ihm erschienen war in Gibeon.

Das Haus Gottes und das Haus des Königs sind fertig. Die Bauphase in der Regentschaft Salomos ist abgeschlossen. Auch alle anderen Hoffnungen Salomos sind erfüllt. Man muss sich Salomo als einen glücklichen Menschen denken. alles ist so, wie er es sich vorgenommen und erhofft hatte.

Da hinein, in diese Ruhe, Saturiertheit, eine zweite Erscheinung Gottes, in Jerusalem. – wie in Gibeon. Das könnte bedeuten: auch diesmal ist es wieder in Traum. Ausdrücklich gesagt wird das nicht. Aber wie auch immer, es geht um eine direkte Erfahrung, nicht um eine vermittelte. Auch wenn es „üblich war, dass bei kultischen Veranstaltungen Gottesworte durch Kultpersonen ergingen (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,1, Göttingen 1977, S. 105) – hier ist davon nicht die Rede. Nicht von einer Kultfeier, nicht von einem Propheten. Nur Salomo und der HERR. Keiner dazwischen.

3 Und der HERR sprach zu ihm: Ich habe dein Gebet und Flehen gehört, das du vor mich gebracht hast, und habe dies Haus geheiligt, das du gebaut hast, dass ich meinen Namen dort wohnen lasse ewiglich, und meine Augen und mein Herz sollen da sein allezeit.

Es ist nur noch Jahwe, der spricht. Sein Reden ist Antwort auf das vorausgegangene Weihegebet Salomos. Dieses Gebet ist angekommen. Und die Antwort zielt darauf, dass sein Bitten erfüllt werden wird, dass ich meinen Namen dort wohnen lasse ewiglich, und meine Augen und mein Herz sollen da sein allezeit. Gott will im Tempel zu finden sein – nicht irgendwie von weitem und widerwillig – sein Herz lēb(āb) und seine Augen sollen dasein. Zeichen der „Anteilnahme und des Wohlwollens Gottes, also seine innerste völlige Zuneigung.“ (H. W. Wolff, Anthropologie des AT, München 1974, S. 94) Mehr Nähe geht nicht.

4 Und du, wenn du vor mir wandelst, wie dein Vater David gewandelt ist, mit rechtschaffenem Herzen und aufrichtig, dass du alles tust, was ich dir geboten habe, und meine Gebote und meine Rechte hältst, 5 so will ich bestätigen den Thron deines Königtums über Israel ewiglich, wie ich deinem Vater David zugesagt habe: Es soll dir nicht fehlen an einem Mann auf dem Thron Israels.

Aus dieser Nähe, aus dieser Zuwendung Gottes ergibt sich die Aufforderung: Salomo soll die Nähe und Zuwendung zu Gott seinerseits suchen und leben, Er soll sich am Willen Gottes festmachen mit rechtschaffenem Herzen und aufrichtig. Er soll sich seinen Willen in den Geboten und Rechten zu eigen machen. „Wer ungeteilt bei Gott ist, ist in seiner Lebensführung geradlinig und aufrichtig ausgerichtet.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 272) Es ist die Verantwortung des Königs für sein Volk, dass er sich an Gott bindet. Nur so wird seine Dynastie Bestand haben.

6 Werdet ihr euch aber von mir abwenden, ihr und eure Kinder, und nicht halten meine Gebote und Rechte, die ich euch vorgelegt habe, und hingehen und andern Göttern dienen und sie anbeten, 7 so werde ich Israel ausrotten aus dem Lande, das ich ihnen gegeben habe, und das Haus, das ich meinem Namen geheiligt habe, will ich verwerfen von meinem Angesicht; und Israel wird ein Spott und Hohn sein unter allen Völkern.

Es folgt ein Drohwort oder besser gesagt, eine Warnung. Gott ist nicht blauäugig. Er weiß, dass ein König, dass eine Dynastie nicht aus der Welt ist, dass sie fremden Einflüssen ausgesetzt ist und ihnen folgen kann. Die Sätze hier haben ihre Parallele im Mose-Buch: „Siehe, ich lege dir heute das Leben und das Gute vor, den Tod und das Böse. Dies ist’s, was ich dir heute gebiete: dass du den HERRN, deinen Gott, liebst und wandelst in seinen Wegen und seine Gebote, Gesetze und Rechte hältst, so wirst du leben und dich mehren, und der HERR, dein Gott, wird dich segnen in dem Lande, in das du ziehst, es einzunehmen. Wendet sich aber dein Herz und du gehorchst nicht, sondern lässt dich verführen, dass du andere Götter anbetest und ihnen dienst, so verkünde ich euch heute, dass ihr umkommen und nicht lange in dem Lande bleiben werdet, in das du über den Jordan ziehst, es einzunehmen.“ (5. Mose 30, 15-18)

Es ist nicht so, dass die Gegenwart Gottes, die Zuneigung Gottes, die er schenkt, die eigene Entscheidung überflüssig machen würde. Sie macht sie vielmehr überhaupt erst möglich: Weil es so ist, dass Gott den Segen vorlegt, damit der Mensch nicht den Fluch wählen muss, damit er sich dem Segen anvertrauen kann. Auch Salomo und seine Nachkommen nicht. Es ist Gottes Wille, dass der Tempel Bestand hat – das darf man über diesen Warnungen nicht vergessen.

8 Und dies Haus wird eingerissen werden, sodass alle, die vorübergehen, sich entsetzen werden und zischen und sagen: Warum hat der HERR diesem Lande und diesem Hause das angetan? 9 Dann wird man antworten: Weil sie den HERRN, ihren Gott, verlassen haben, der ihre Väter aus Ägyptenland führte, und andere Götter angenommen und sie angebetet und ihnen gedient haben – darum hat der HERR all dies Unheil über sie gebracht.

„Die Bedeutsamkeit des Tempels hängt von Gott ab, nicht Gott vom Tempel.“ (E. Würthwein, aaO. S. 105) Wenn Salomo, wenn Israel seinen Gott aus den Augen verliert, er ihm aus dem Sinn kommt, dann wird das die Zerstörung des Tempels nach sich ziehen. Es wird ein Zeichen für alle Völker sein – nicht ein Zeichen der Schwäche Gottes – nach dem Motto: er hat keine Kraft, sein Haus zu schützen. Sondern ein Zeichen seines heiligen Ernstes.

Die Antwort auf den Abfall des Volkes, auf ihre Abkehr ist das Unheil, das über das Land, die Stadt, den Tempel kommt. Der Tempel wird dann zum Trümmerhaufen werden, weil das Vertrauen auf seinen Gott in Israel in Trümmer zerfallen ist. Sie haben sich abgewandt von ihm – hier steht das Wort šub. „In der prophetischen Verkündigung ist der Ruf zur Umkehr ein Ruf zur Rückkehr zu Gott, von dem sich Israel abgekehrt hat.“ (H. Schmid, aaO. S. 273)Einen neuen Anfang wird es nur so geben können, wenn sie sich ihm in Demut neu zuwenden. Auch dafür steht das Wort šub.

So steht – und das ist wohl dem Charakter der Prophetie geschuldet – mitten in der glanzvollen Gegenwart Salomos schon vor Augen, was im Jahr 587 bittere Wirklichkeit in Israel und mit Jerusalem und dem Tempel werden wird.

Zum Weiterdenken

Alte Menschen in unserem Volk haben noch die Bilder zerstörter Kirchen vor Augen – in Dresden, Frankfurt, Würzburg und anderswo. Die Jüngeren kennen diese Bilder nur aus den Geschichtsbüchern. Heutzutage sind Kirchen in Deutschland keine Ruinen. Wie aber steht es um die Kirche, die sich aus dem Glauben baut? Die sich aus Menschen baut, die dem Weg und Willen Gottes folgen? Die sich an seiner Nähe wärmen, in seiner Nähe Halt suchen. Leben wir in einer Zeit, in der die äußere Gestalt der Kirchen immer weniger der inneren Gestalt entspricht, weil sich im Inneren eine große Leere ausbreitet?

Die Gefahr der Zerstörung der Kirchengebäude durch feindliche Eingriffe von außen ist in unserem Land eher gering einzuschätzen. Die eigentliche Gefährdung ist eine Zerstörung der Kirche von innen. Dieser Herausforderung gilt es sich zu stellen, für jede und jeden, dem/der an Kirche und Glauben liegt.

Du Heiliger, Du Erbarmer, Du gnädiger Schöpfer des Himmels und der Erde. Du legst Deinen Segen auf uns, damit wir in ihm die Richtung unseres Lebens gewinnen. Du sagst uns Deine Verheißungen, Tag um Tag, damit wir uns Dir anvertrauen. Du verschweigst es nicht: Wenn wir uns Dir verweigern, werden wir allein sein, zurückgeworfen auf uns selbst,  ausgeliefert an das, was kommt – ohne Deine Nähe und Gegenwart.

Gib Du, dass ich mich berge in Deine Güte, dass ich mir genügen lassen an Dir, an Deiner Gnade. Amen

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