Segen über allem Volk

1. Könige 8, 54 – 66

54 Und als Salomo dies Gebet und Flehen vor dem HERRN vollendet hatte, stand er auf von dem Altar des HERRN und hörte auf zu knien und die Hände zum Himmel auszubreiten 55 und trat hin und segnete die ganze Gemeinde Israel mit lauter Stimme und sprach:

Hier heißt es, dass Salomo aufsteht von dem Altar des HERRN. Nach dem Beten. Demnach hätte er zuvor gekniet. Der Anfangssatz vor dem Weihegebet weiß davon nichts. Da steht Salomo mit ausgebreiteten Armen. Es kann sein, es hängt damit zusammen, dass unterschiedliche Überlieferungen zusammengewachsen sind. Es kann auch sein: „Die Bemerkung ist mit Rücksicht auf den jüngeren Brauch, während des Gebetes zu knien, eingefügt worden.“(E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,1, Göttingen 1977, S. 100)

Es ist durch die Wortstellung stark betont: Das Gebet ist vollendet. Damit auch die Weihe des Tempels. „Dasselbe Wort begegnet in 6,9. 14. 38; 7,14.40 von der Vollendung des Tempels bzw. 7,1 des Palastes, jeweils mit vollenden übersetzt.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 259) So also wird der Bau zum Abschluss gebracht durch das Gebet.

Was folgt ist ein Segnen des Volkes. Erst das Haus, dann das Volk.

56 Gelobet sei der HERR, der seinem Volk Israel Ruhe gegeben hat, wie er es zugesagt hat. Es ist nicht eins dahingefallen von allen seinen guten Worten, die er geredet hat durch seinen Knecht Mose.

Streng genommen ist dieser Satz allerdings kein Segenswort über das Volk, sondern ein Lobpreis Gottes. Er hat sein Heilshandeln weiter getrieben, sein Volk zur Ruhe gebracht. Die Sehnsucht, von der das Richter-Buches so oft zu reden weiß, ist erfüllt. Israel kann sicher wohnen. Ganz so, wie es Gott versprochen hat: „Darum tut nach meinen Satzungen und haltet meine Rechte, dass ihr danach tut, auf dass ihr im Lande sicher wohnen könnt.“(3. Mose 25,16) Gott hält Wort. Sie fallen nicht kraftlos aus. Sie gehen nicht unerfüllt verloren.

57 Der HERR, unser Gott, sei mit uns, wie er mit unsern Vätern gewesen ist. Er verlasse uns nicht und ziehe die Hand nicht ab von uns. 58 Er neige unser Herz zu ihm, dass wir wandeln in allen seinen Wegen und halten seine Gebote, Satzungen und Rechte, die er unsern Vätern geboten hat.

Es ist eine eindringliche Bitte, nicht eigentlich ein Segen. Gott möge sich auch in Zukunft als der Gott erweisen, der mitgeht. Und es ist Gottes Sache, die Herzen des Volkes sich zuzuneigen. Es ist das Wissen um die Wankelmütigkeit der Herzen, die hinter solchem bitten steht. Es versteht sich nicht wie von selbst, dass Menschen bei Gott bleiben, sich an ihn hängen. Salomo weiß: Wir sind nicht von Natur aus religiös. Es braucht das Ziehen, das Festhalten Gottes, dass wir an ihm bleiben.

Es gibt die These bei Auslegern, dass die Endfassung dieser Bücher in die Zeit des Exils fällt. Das Erzähl-Material ist viel älter, aber die Verschriftlichung ist spät. Umso gewichtiger „die Bitten, die man erst richtig versteht, wenn man sich vergegenwärtigt, dass sie zwar Salomo in den Mund gelegt werden, aber aus der Not des Verfassers nach 587 formuliert sind.“(E. Würthwein, aaO. s. 101) Es hilft zur Aneignung solcher Worte, wenn man sich klar macht, dass es nicht Worte im sicheren Hafen, sondern aus tiefer Not geschrieben sind.

59 Mögen diese Worte, die ich vor dem HERRN gefleht habe, nahe sein dem HERRN, unserm Gott, Tag und Nacht, dass er Recht schaffe seinem Knecht und seinem Volk Israel, wie es jeder Tag erfordert, 60 auf dass alle Völker auf Erden erkennen, dass der HERR Gott ist und sonst keiner mehr! 61 Und euer Herz sei ungeteilt bei dem HERRN, unserm Gott, dass ihr wandelt in seinen Satzungen und haltet seine Gebote, wie es heute geschieht.

Das ist Grund aller Hoffnung im Beten, dass Gott nahe ist, dass er die Worte der Beter an sich heranlässt. Dass er nicht zumacht. Dass er sich diese Worte gefallen lässt. Es ist Die Hoffnung in diesem Gebet, dass Gott Tag um Tag auf das Recht Israels achtet, es in seinem Recht führt und ihm so auch Recht schafft.

Jeder Tag hat seine eigene Herausforderung. Und das Volk ist, auch wenn es zur Ruhe gelangt ist, auch wenn es den Tempel vor Augen hat, darauf angewiesen, dass Gott für es sorgt.

Wenn man weit über den Text der Könige-Bücher hinaushört, dann nimmt man die Bitte Jesu wahr, die er seinen Jüngern in den Mund legt: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“(Matthäus 6,11) Das Brot für diesen Tag. Und auch das mag man mithören: „Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage habe.“(Matthäus 6, 34) So gelesen bestätigt sich die prophetische Art dieses Buches, die ihr in Israel zugesprochen ist.

62 Und der König und ganz Israel opferten vor dem HERRN Opfer. 63 Und Salomo opferte Dankopfer, die er dem HERRN opferte, zweiundzwanzigtausend Rinder und hundertzwanzigtausend Schafe. So weihten sie das Haus des HERRN ein, der König und ganz Israel. 64 An demselben Tage weihte der König die Mitte des Vorhofes, der vor dem Hause des HERRN war, dadurch, dass er Brandopfer, Speisopfer und das Fett der Dankopfer dort darbrachte. Denn der bronzene Altar, der vor dem HERRN stand, war zu klein für die Brandopfer, Speisopfer und das Fett der Dankopfer.

Es ist ein gewaltiges Opfer. „Die Zahlen sind phantastisch hoch.“ Eine organisatorische Herausforderung. Wenn man kritisch ist, wird man sagen: diese Opferfülle macht aus dem Vorhof des Tempels ein regelrechtes Schlachthaus. Der bronzene Altar ist für diese Fülle zu klein. Damit stellt sich die unbeantwortete Frage, wie diese „Opfer-Orgie“ von statten gegangen sein könnte.

65 Und Salomo beging zu der Zeit das Fest und ganz Israel mit ihm – eine große Versammlung von dort, wo es nach Hamat geht, bis an den Bach Ägyptens – vor dem HERRN, unserm Gott, sieben Tage und noch sieben Tage, das waren vierzehn Tage. 66 Und er entließ das Volk am achten Tage. Und sie segneten den König und gingen zu ihren Zelten fröhlich und guten Mutes über all das Gute, das der HERR an David, seinem Knecht, und an seinem Volk Israel getan hatte.

Das Fest, darauf wird jetzt die Aufmerksamkeit gelenkt, dauert sieben Tage und noch einmal sieben Tage. Alle sind sie in Jerusalem zusammengekommen, so ist die Notiz zu lesen: eine große Versammlung von dort, wo es nach Hamat geht, bis an den Bach Ägyptens Aus dem Norden bis in den tiefen Süden. Es spricht viel dafür, hinter dem Fest das Laubhüttenfest zu sehen, „das bedeutendste der Wallfahrtsfeste, an dem man den Ertrag von Tenne und Kelter feierte.“(E. Würthwein, aaO. S. 102)An dessen sieben Tage knüpft die Tempelweihe an oder umgekehrt: An diesen Tage der Tempelweihe knüpfen die sieben Tage des Lauhüttenfestes an.

Auch ein so schönes Fest geht zu Ende. Aber nicht sang- und klanglos. Der König entlässt das Volk. Das Volk segnet den König. Große Reden sind nicht nötig. Sie alle gehen fröhlich und guten Mutes. Gott hat Gutes getan. Am Haus David, am Volk Israel. Wer so Gutes erfahren hat, kann sich getrost auf den Weg machen. „Er zog aber seine Straße fröhlich.“(Apostelgeschichte 8,39) Jeder an seinen Ort, zu seinem Zelt. Im Vertrauen auf den Gott, der mitgeht.

Zum Weiterdenken

Mit Jesus ist die Zeit der Opfer vorbei. Abgelöst durch seine Hingabe. Nicht vorbei ist aber, dass wir auf Segen angewiesen sind. Auf die guten Worte, düe über uns gesaagt werden, die uns zugesagt werden. Nicht vorbei ist das Warten Gottes auf uns.

Du heiliger Gott, Du willst, dass wir nach Dir rufen. Du willst, dass wir uns vor Dir versammeln. Du willst, dass wir uns freuen an Dir, Deiner Güte, Deiner Gegenwart.

Es ist gut, dass wir nicht durch Ströme von Blut waten müssen, um Dir zu gefallen. Du willst keine Opfer von uns, sondern unser Vertrauen, unsere Freude, auch unser Klagen und Rufen nach Dir. Gib Du, dass wir einander dazu ermutigen, in guten und in schweren Zeiten. Amen