Weit offen -Fremdenfreundlich!

1. Könige 8, 41 – 53

41 Auch wenn ein Fremder, der nicht von deinem Volk Israel ist, aus fernem Lande kommt um deines Namens willen – 42 denn sie werden hören von deinem großen Namen und von deiner mächtigen Hand und von deinem ausgereckten Arm –, wenn er kommt, um zu diesem Hause hin zu beten, 43 so wollest du hören im Himmel, an dem Ort, wo du wohnst, und alles tun, worum der Fremde dich anruft, auf dass alle Völker auf Erden deinen Namen erkennen, damit auch sie dich fürchten wie dein Volk Israel, und dass sie innewerden, dass dein Name über diesem Hause genannt ist, das ich gebaut habe.

Es ist ein Fall, der wie eine frühe Prophetie wirken könnte. Da kommt einer aus fremden Land. Von fern her. Ein Fremdernåkri. Kein Schutzbürger – ger, für den es im Gesetz Israels so reichlich Bestimmungen gibt. Angelockt durch das, was er von dem großen Namen gehört hat. Einer, der die Völkerwallfahrt, von der die Propheten zu reden wissen – Micha und Jesaja, aber nicht nur sie – individuell vorwegnimmt. „Es ist vorausgesetzt, dass ein Ausländer nur um Jahwes willen und um zu ihm zu beten in das Land kommt.“(E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,1, Göttingen 1977 S. 99) Keine Geschäftsreise, kein touristisches Besuchsprogramm. Einer, der Gott sucht.

Für diesen Fremden tritt Salomo in seiner Fürbitte ein. Ihn soll der Gott, der seinen Namen im Tempel wohnen lässt, hören. Seine Bitten hören, seine Hoffnungen nicht ins Leere laufen lassen. Wenn Jahwe das tut, dann wird das ein Zeugnis sein für alle Völker auf Erden. Und die Völker werden daraus vertrauen lernen wir Israel.

Diese Worte sind Zeugnis einer Offenheit, die geradezu bestürzend ist. Die auch geeignet ist, das enge Bild von der angeblich partikularistischen Denkweise Israels von Grund auf zu korrigieren. Hier gibt es keine Zugangsbeschränkung. Kein Fragen danach, ob der Fremde denn auch den richtigen Glauben mitbringt. Wenn er im Tempel anbetet, dann ist er am richtigen Ort!

Es ist wohl kaum weit hergeholt – hier ist die wunderbare Erzählung vom Kämmerer aus dem Morgenland, von dem äthiopischen Mann, „der nach Jerusalem fährt, um dort anzubeten“(Apostelgeschichte 8,27), vorgeformt.

44 Wenn dein Volk auszieht in den Krieg gegen seine Feinde auf dem Weg, den du sie senden wirst, und sie beten werden zum HERRN nach der Stadt hin, die du erwählt hast, und nach dem Hause hin, das ich deinem Namen gebaut habe, 45 so wollest du ihr Gebet und Flehen hören im Himmel und ihnen Recht schaffen.

Der Fall wechselt. Nicht mehr ein Einzelner, schon gar nicht ein Fremder – dein Volk ist im Blick. Vor einem möglichen Kriegszug suchen sie im Tempel Klarheit. Eine Orakelbefragung ist angesagt. Sie wollen tun, was Gott will, sonst wird kein Segen auf ihrem Tun liegen. „Die Übereinstimmung mit Gottes Willen, auch bezüglich des zuziehenden Weges, wird durch die Befragung Jahwes erreicht.“(H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 254) So hat es Saul zu halten versucht, so hat es David gehalten – vor Kriegen gilt es, sich der Hilfe Gottes zu vergewissern. Das Vertrauen auf die eigene militärische Stärke ist das eine. Dieses Vertrauen kann täuschen. Davon weiß die Geschichte Israels zu erzählen.

Es ist von weit her eine mögliche Assoziation zu Worten Jesu. „Welcher König zieht aus, um mit einem andern König Krieg zu führen, und setzt sich nicht zuvor hin und hält Rat, ob er mit zehntausend dem begegnen kann, der über ihn kommt mit zwanzigtausend? Wenn nicht, so schickt er eine Gesandtschaft, solange jener noch fern ist, und bittet um Frieden.“(Lukas 14, 31-32) Nur wer weiß, dass er unter der Obhut Gottes auf dem Weg ist, kann sich ins Getümmel werfen.

46 Wenn sie an dir sündigen werden – denn es gibt keinen Menschen, der nicht sündigt – und du zürnst ihnen und gibst sie dahin vor ihren Feinden, dass sie sie gefangen führen in das Land der Feinde, fern oder nahe, 47 und sie nehmen sich’s zu Herzen im Lande, in dem sie gefangen sind, und bekehren sich und flehen zu dir im Lande ihrer Gefangenschaft und sprechen: Wir haben gesündigt und übel getan und sind gottlos gewesen, 48 und bekehren sich zu dir von ganzem Herzen und von ganzer Seele im Lande ihrer Feinde, die sie weggeführt haben, und beten zu dir nach ihrem Lande hin, das du ihren Vätern gegeben hast, nach der Stadt hin, die du erwählt hast, und nach dem Hause hin, das ich deinem Namen gebaut habe: 49 so wollest du ihr Gebet und Flehen hören im Himmel, an dem Ort, wo du wohnst, und ihnen Recht schaffen 50 und wollest vergeben deinem Volk, das an dir gesündigt hat, alle ihre Übertretungen, mit denen sie gegen dich gesündigt haben, und wollest sie Erbarmen finden lassen bei denen, die sie gefangen halten, sodass sie sich ihrer erbarmen.

Was hier in der Form der Fürbitte als zukünftige Möglichkeit beschrieben wird, das haben die Erzählungen des Richterbuches als die Wirklichkeit Israels vor der Königszeit erzählt. Da ist die Rede von der Treulosigkeit Israels, vom Abfall von Gott und als Folge davon die schwäche gegenüber den Feinden, die sie überwältigen, weil Gott sie an sie preisgibt. Es ist die Lehre des Richterbuches: Gott hält da die treue, wo Israel ihm treu ist. wo Israel treulos wird, wird es zum Spielball der Feinde.

Es ist das Wesen liturgischer Fürbitten, dass sie benennen, was in der Welt ist. Dass sie in einer allgemeinen Sprache sagen, was am einzelnen Tag konkret werden kann, weil es zuvor schon einmal konkret geworden ist. Fürbitte ist ein geistlicher Lernprozess – aus Erfahrungen der Vergangenheit vorsorglich Bitten in die Zukunft hinein zu suchen.

Es ist eine regelrechte Bußlitanei, die hier vorgeführt wird. Man kann die Sätze mühelos umwandeln in Schuldbekenntnis und Gnadenzuspruch. Es geht um wirkliche Reue, um das Eingeständnis der Verfehlung – sie nehmen sich’s zu Herzen -, um die Absicht, einen neuen Weg unter dem guten Gebot Gottes zu gehen. Es sind Worte, die anknüpfen an das Denken, wie es vorgeformt ist: „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“(5. Mose 6, 4 – 5)

Es sind die gleichen Stichworte: sie bekehren sich zu dir von ganzem Herzen und von ganzer Seele. Darum ist es nicht erstaunlich, dass die Ausleger darauf kommen, hier eine gemeinsame Denkschule zu finden, die sie gerne deuteronomistisch nennen. Die Königs-Bücher sind in der Art, wie sie über die Grundlagen Israels denken, ganz stark mit dem 5. Buch Mose verknüpft.

51 Denn sie sind dein Volk und dein Erbe, die du aus Ägypten, aus dem Schmelzofen, geführt hast. 52 Lass deine Augen offen sein für das Flehen deines Knechts und deines Volkes Israel, dass du sie hörst, sooft sie dich anrufen; 53 denn du hast sie dir ausgesondert zum Erbe aus allen Völkern auf Erden, wie du geredet hast durch deinen Knecht Mose, als du unsere Väter aus Ägypten führtest, Herr HERR!

Überblickt man diese sieben Fürbitten, so fällt auf: es geht nicht nur um Sünde und Vergebung. Es ist nicht so, dass die Fürbitte immer für die eingelegt wird, die sich verrannt haben. Es geht auch um Schicksalsschläge, für die es keine Schuldverhaftung gibt. Das ganze Leben ist hier abgebildet – Schuld, Sünde, unschuldiges Leiden, Ratlosigkeit, Hilflosigkeit, Schmerz, Angst. Alles hat seinen Platz vor dem Altar im Tempel Gottes.

Zum Weiterdenken

Es ist mit dem Haus Gottes nicht zu machen, dass man Eintrittsbedingungen erfüllen muss – so sein, wie alle sind. Das man ein Einheimischer sein muss. Das Haus Gottes steht allen offen – Heid*innen und Christ*innen, Muslim*innen und Andersgläubigen. Gott will alle.

Dein Haus ist offen, weit offen, für jeden, der kommt. Wie gut, dass wir nicht zum frommen Volk gehören müssen, nicht unserer Erwählung sicher, nicht unserer Frömmigkeit bewusst. Wir dürfen kommen wie wir sind, vom Schicksal gezeichnet, von Schuld belastet, von Schmerz und Angst geplagt. Dein Haus ist offen. Du willst uns hören. Du willst uns sehen. Du willst Dich finden lassen. Amen

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