Ein Haus des Gebetes

1. Könige 8, 22 – 40

22 Und Salomo trat vor den Altar des HERRN angesichts der ganzen Gemeinde Israel und breitete seine Hände aus gen Himmel 23 und sprach:

Ist für die vorigen Worte kein Ort klar benannt, so ist es hier anders. Salomo trat vor den Altar des HERRN. Von diesem Altar ist bislang noch nicht die Rede gewesen. Er ist einfach da. „Das Ausbreiten der Hände zum Himmel ist von alters her ein Gebetsgestus.“(E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,1, Göttingen 1977, S. 97) Es sind leere Hände, die vom Himmel her gefüllt werden sollen.

HERR, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich, der du hältst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von ganzem Herzen; 24 der du gehalten hast deinem Knecht, meinem Vater David, was du ihm zugesagt hast. Mit deinem Mund hast du es geredet, und mit deiner Hand hast du es erfüllt, wie es offenbar ist an diesem Tage.

Unvergleichlich ist Gott. Nichts entspricht ihm, nichts kann ihm Konkurrenz machen. Das zeigt sich vor allem in seiner Treue zum Bund und der Barmherzigkeit, die er allen zuteilt werden lässt, die sich von ihm leiten lassen. „Er ist der Gott der Geschichte, der seinen Gläubigen die Treue bewahrt, sofern sie gehorsam sind.“(E. Würthwein, ebda.) Was wie ein Bedingungssatz klingen könnte, ist doch in Wahrheit ein Erfahrungssatz: Die Gott die Treue halten, haben auch Augen dafür, wie er seine Versprechen erfüllt. Es ist offenbar – sichtbar für die, die nicht nur sehen, was vor Augen ist – da ist der König, da ist der Tempel, sondern die darin eben die Erfüllungen dessen sehen was sein Mund geredet hat.

25 Nun, HERR, Gott Israels, halt deinem Knecht, meinem Vater David, was du ihm zugesagt hast: Es soll dir nicht fehlen an einem Mann, der vor mir steht, der da sitzt auf dem Thron Israels, wenn nur deine Söhne auf ihren Weg achthaben, dass sie vor mir wandeln, wie du vor mir gewandelt bist. 26 Nun, Gott Israels, lass dein Wort wahr werden, das du deinem Knecht, meinem Vater David, zugesagt hast.

Aus der erfahrenen Erfüllung erwächst die Bitte: Immer soll ein Nachkomme Davids auf dem Thron sitzen. Immer einer, der daran hängt, auf den eigenen Weg zu achten, damit er den Wegen Gottes entspricht. Man kann diese Worte gewiss so hören: Es geht um die Bestätigung der Dynastie. Man könnte aber auch hören: Es geht darum, dass, wer auch immer auf dem Thron sitzen wird, er einer sein möge, der sich von Gottes Willen leiten lässt. Dann zielen diese Worte nicht auf den dynastischen Fortbestand, sondern auf die bleibende Ausrichtung an Wort und Weisung Gottes. So zu denken entspricht einer Frömmigkeit, die den Weg des Gebotes als einen guten Weg Gottes versteht.

27 Denn sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?

Ein Einschnitt, eine Unterbrechung. Es kann der Gedanke kommen, dem König wird als Frage bewusst: Was machen wir hier eigentlich? Was für ein Unternehmen – dem ein Haus zu bauen, der größer ist als alle Himmel? Was machen wir hier eigentlich, zu dem zu beten, den wir nie begreifen können? Was machen wir hier eigentlich, den zu bitten, der über alles Bitten und Verstehen hinaus doch längst weiß, was uns gut ist?

8 Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, HERR, mein Gott, auf dass du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir: 29 Lass deine Augen offen stehen über diesem Hause Nacht und Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast: Da soll mein Name sein. Du wollest hören das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte betet, 30 und wollest erhören das Flehen deines Knechts und deines Volkes Israel, wenn sie hier bitten werden an dieser Stätte; und wenn du es hörst in deiner Wohnung, im Himmel, wollest du gnädig sein.

Das ist die Mitte der Bitten Salomos: Der Tempel soll ein Ort sein, auf den Gott sieht und an dem Gott hört. Ein Ort des Gebetes für das Volk. „Das hebräische Wort für Gebet, tefilla, meint das Gebet im Kult, in der Gemeinde. Es kann sowohl Lob und Dank als auch Klage und Bitte meinen.“(H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 241)

Es ist eine Reflexion, die die Weite des Gebetes beschreibt. Gebetet wird im Tempel – aber es kommt alles darauf an, dass das Gebet weiter reicht als bis zur Decke des Tempels. Dass Gott, der seinen Namen im Tempel wohnen und anrufen lässt, hört in seiner Wohnung, im Himmel. Das ist alles andere als naiv gedacht – es trägt dem Abstand zwischen dem Haus in der Zeit und dem Himmel Rechnung.

Es folgen „Gebetsanliegen“ – sieben an der Zahl. Solche, die den/die Einzelnen angehen und solche, die es mit dem Volk als Ganzem zu tun haben. So ist also der Tempel ein Ort der Fürbitte, des Gebetes, für die Einzelnen und für das Volk.

31 Wenn jemand an seinem Nächsten sündigt und dieser ihm einen Fluch auferlegt, sich selbst zu verfluchen, und er kommt und spricht den Fluch aus vor deinem Altar in diesem Hause, 32 so wollest du hören im Himmel und Recht schaffen deinen Knechten, dass du den Frevler als Frevler erkennen und sein Tun auf sein Haupt kommen lässt, den aber, der im Recht ist, gerecht sprichst und ihm gibst nach seiner Gerechtigkeit.

Ein Rechtsfall. Einer, der nicht zu entscheiden ist, weil es nur die zwei Betroffenen, aber keine Zeugen gibt. Da soll es zu einer Selbstverfluchung des Beschuldigten kommen – das wirkt wie eine Art Reinigungseid. Der Fluch soll vor dem Altar ausgesprochen werden und Gott soll entscheiden. Gottes-Urteil, indem er den Frevler als Frevler erkennen und sein Tun auf sein Haupt kommen lässt. Mit dieser Bitte um ein Gottes-Urteil „wird die Grenze menschlicher Rechtsprechung, die zweifelsohne Aufgabe der Gemeinschaft und im AT besonders des Königs ist, zugegeben.“ (H. Schmid, aaO. S. 247) Das ist wohl bis heute so: Es gibt Klagefälle, da entzieht sich das Finden des gerechten Urteil dem richtenden Vermögen. Justitia ist nicht von ungefähr eine Statue mit Binden vor den Augen.

33 Wenn dein Volk Israel vor dem Feind geschlagen wird, weil sie an dir gesündigt haben, und sie bekehren sich dann zu dir und bekennen deinen Namen und beten und flehen zu dir in diesem Hause, 34 so wollest du hören im Himmel und die Sünde deines Volkes Israel vergeben und sie zurückbringen in das Land, das du ihren Vätern gegeben hast.

Jetzt geht es um das Volk. Um die Niederlage gegen die Feinde von außen, weil sie an dir gesündigt haben. Das ist ja in den Richterbüchern immer wieder beschrieben: Die Untreue des Volkes schwächt es im Kampf gegen die Feinde. Der Weg zur Umkehr wird mit vier Wendungen einprägsam und hervorgehoben beschrieben. Wenn es dann zur Reue kommt, zur Umkehr – šūb – dann soll Gott im Himmel hören und vergeben.

Was steckt hinter den Worten: sie zurückbringen in das Land, das du ihren Vätern gegeben hast. Es könnte sein, hier ist eine Exils-Situation vorgestellt. Dann wäre der Satz womöglich erst später, nach 722 oder gar nach 587 in den Text eingefügt worden. Es kann aber auch sein, es geht „nur“ um „im Kampf verloren gegangene Gebiete.“(E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,1, Göttingen 1977, S. 98) Aber von solchen Gebietsverlusten unter Salomo wissen wir nichts. Das müsste sich auf Zeiten vor den Königen unter der Philister-Herrschaft beziehen. Vielleicht allerdings geht es ja um noch einmal ganz Anderes, „um Wiederherstellung des heilvollen Zustandes.“(H. Schmid, aaO. S. 248) Eine Art Nostalgie.

35 Wenn der Himmel verschlossen wird, dass es nicht regnet, weil sie an dir gesündigt haben, und sie beten dann zu dieser Stätte hin und bekennen deinen Namen und bekehren sich von ihren Sünden, weil du sie demütigst, 36 so wollest du hören im Himmel und vergeben die Sünde deiner Knechte und deines Volkes Israel, dass du ihnen den guten Weg weist, auf dem sie wandeln sollen, und regnen lässt auf das Land, das du deinem Volk zum Erbe gegeben hast.

Der dritte Fall: eine Dürre-Katastrophe – als Folge menschlicher Schuld. Eine frühe Klima-Veränderung aus menschlichem Versagen. „Der Zusammenhang zwischen Dürre und Sünde wird häufig hergestellt.“(H. Schmid, ebda.) Das Könige-Buch wird später vom für den Regen verschlossenen Himmel zu erzählen haben. „So wahr der HERR, der Gott Israels, lebt, vor dem ich stehe: Es soll diese Jahre weder Tau noch Regen kommen, ich sage es denn.“(17,1) Dürre-Zeit ist Zeit zu beten, Zeit zum Überdenken der eigenen Irrwege, Zeit zur Umkehr. Kaum zu glauben, welche Aktualität solche Worte über die Jahrtausende hinweg bewahren und gewinnen können.

37 Wenn eine Hungersnot oder Pest oder Dürre oder Getreidebrand oder Heuschrecken oder Raupen im Lande sein werden oder sein Feind im Lande seine Städte belagert oder irgendeine Plage oder Krankheit da ist – 38 wer dann bittet und fleht, es sei jeder Mensch oder dein ganzes Volk Israel, die da ihre Plage spüren, jeder in seinem Herzen, und breiten ihre Hände aus zu diesem Hause, 39 so wollest du hören im Himmel, an dem Ort, wo du wohnst, und gnädig sein und schaffen, dass du jedem gibst, wie er gewandelt ist, wie du sein Herz erkennst – denn du allein kennst das Herz aller Menschenkinder –, 40 auf dass sie dich fürchten allezeit, solange sie in dem Lande leben, das du unsern Vätern gegeben hast.

Das ist jetzt eine deutliche Erweiterung – hier ist nicht mehr nur ein Fall vor Augen, ein Problem. Jetzt geht es um „Nöte, die sich entweder im ganzen Land ausbreiten oder einen einzelnen betreffen können.“ Immer geht es um Geschehen, um Chaos, in das der Einzelne hineingerissen wird, das Schuldige und Unschuldige trifft, Gerechte und Ungerechte. Der Krieg macht keinen Unterschied, die Pest auch nicht. „Wen es trifft, den trifft es.“ sagt der Volksmund.

Damit will sich der betende König nicht abfinden. Er hofft auf Einsicht bei denen, die Not erfahren, die ihre Plage spüren. „Das Volk kann nur vor in rechter Weise vor Gott treten, wenn der Einzelne sich und seine Situation vor Gott erkannt hat“(H. Schmid, aaO. S. 251) – anerkannt hat. Dann hofft der Könige auch auf unterschiedliche Schicksale – dass du jedem gibst, wie er gewandelt ist, wie du sein Herz erkennst. „Die Bitte zielt darauf, dass Gott gerecht handelt und dass er so gibt, dass es für jeden Einzelnen recht ist.“(H. Schmid, aaO. S. 252) Es scheint, hier steht unausgesprochen die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes im Hintergrund: Ist es denn recht, dass es alle trifft, Gute und Böse, Gerechte und Ungerechte, Sünder und Heilige?

Wenn Gott so seine Gerechtigkeit bewährt, in der Unterschiedlichkeit seines Urteilens, dann wird das der Gottesfurcht den Boden bereiten. So hofft der König.

Zum Weiterdenken

Es ist der Vorbehalt, der über aller Theologie stehen muss – dass sie weiß und sich selbst eingesteht, dass alle ihre Worte unangemessen sind, nur Gestammel. Worte, die nie hinreichen, um Gott zu fassen. „Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser- Nichtkönnen, wissen und eben damit Gott die Ehre geben. Alles andere ist daneben Kinderspiel.“(K. Barth, Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie, Elgersburg 1922, zit. nach J. Moltmann, Anfänge der dialektischen Theologie, Teil I, München 1985. Zit. 199) Eine Einweisung in Demut, wie sie Salomo offenkundig – manchmal – widerfährt.

Du, mein Gott, lässt Dich suchen. Du lässt Dich rufen. Du willst hören. Darauf traue ich. Keine Not, keine Klage, die nicht vor dich kommen dürfte, auch keine Not, die aus eigener Schuld erwachsen ist.

Ich danke Dir, dass Dein Haus ein Ort des Gebetes ist, für Schuldige und Unschuldige, für Geschlagene und Geplagte, für Hoffnungsvolle, für Hoffnungslose und solche, deren Hoffnung angefochten ist. Darum ist es mir lieb. Amen