Gnädiges Dunkel

1. Könige 8, 1 – 14

1 Da versammelte der König Salomo zu sich die Ältesten in Israel, alle Häupter der Stämme und Obersten der Sippen in Israel nach Jerusalem, um die Lade des Bundes des HERRN heraufzubringen aus der Stadt Davids, das ist Zion. 2 Und es versammelten sich beim König Salomo alle Männer Israels am Fest im Monat Etanim, das ist der siebente Monat.

Es ist Zeit. Endlich soll die Lade des Bundes des HERRN einen ihr entsprechenden Platz finden. Sie hat lange genug irgendwie in einem Zelt in der Stadt Davids, das ist Zion, herumgestanden. Es wird ein Transport quer durch die Stadt Jerusalem werden. Dazu wird die ganze Führungselite aus dem Land, die Ältesten in Israel, alle Häupter der Stämme und Obersten der Sippen, zusammengerufen. „Die ausführliche Nennung von drei Gruppen ist Hinweis auf die Bedeutung des Ereignissens.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 218) Sie repräsentieren das Gottesvolk.

Alles findet am Fest im Monat Etanim, das ist der siebente Monat statt. Diese Zeitangabe beißt sich ein wenig mit der Angabe über die Fertigstellung der Baumaßnahmen im Monat Bul, das ist der achte Monat. (6,38) Versucht man einen Ausgleich der beiden Angaben, so ist die Einweihung entweder vor der Fertigstellung zu denken, was schwer vorstellbar ist oder aber fast ein Jahr später. Dann hätte der Tempel ein Jahr lang „geruht“. Welches Fest hier mit der Einweihung verbunden ist, muss offenbleiben.

3 Und als alle Ältesten Israels kamen, hoben die Priester die Lade des HERRN auf 4 und brachten sie hinauf, dazu die Stiftshütte und alles Gerät des Heiligtums, das in der Stiftshütte war. Das taten die Priester und Leviten. 5 Und der König Salomo und die ganze Gemeinde Israel, die sich bei ihm versammelt hatte, ging mit ihm vor der Lade her und opferte Schafe und Rinder, so viel, dass man sie wegen ihrer Menge nicht zählen noch berechnen konnte.

Es ist eine große Prozession, die sich da in Gang setzt – vom Zion hin zum Tempelberg. Die Lade, die Stiftshütte. Alles wird zum Tempel gebracht. Priester und Leviten walten ihres Amtes. Sie sind ja die, die für die Lade verantwortlich sind. Darum sind sie hier auch zuerst genannt. Vorneweg allerdings zieht der König und die ganze Gemeinde Israel. „kål edat jiśrael ist Terminus und bezeichnet Volksgemeinde, Rechtsgemeinde, Kultgemeinde.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,1, Göttingen 1977, S. 86) Im Vordergrund zielt sie hier auf das Gottesvolk, nicht auf die staatliche Gemeinschaft, nicht auf das Staatsvolk. Es ist der Tag Gottes, nicht der Tag der staatlichen Macht.

Unterwegs Opfer ohne Ende. Wie man sich das praktisch vorstellen soll, entzieht sich meiner Fantasie. Immer wieder stockt der Zug, damit Schafe und Rinder geopfert werden können. Es wird wohl vorbereitete Altäre auf dem Prozessionsweg durch die Stadt gegeben haben. Jedenfalls ist diese Prozession keine leise Veranstaltung.

6 So brachten die Priester die Lade des Bundes des HERRN an ihren Platz in den innersten Raum des Hauses, in das Allerheiligste, unter die Flügel der Cherubim. 7 Denn die Cherubim breiteten die Flügel aus an dem Ort, wo die Lade stand, und bedeckten die Lade und ihre Stangen von oben her. 8 Und die Stangen waren so lang, dass ihre Enden gesehen wurden im Heiligtum vor dem Allerheiligsten; aber von außen sah man sie nicht. Und dort sind sie bis auf diesen Tag. 9 Und es war nichts in der Lade als nur die zwei steinernen Tafeln, die Mose hineingelegt hatte am Horeb, als der HERR mit den Israeliten einen Bund schloss, nachdem sie aus Ägyptenland gezogen waren.

Schließlich erreicht die Lade ihr Ziel – ihren Platz in dem innersten Raum des Hauses, im Allerheiligsten, unter die Flügel der Cherubim. „Sehr wahrscheinlich trugen die Priester selbst die Lade ins Allerheiligste, das wohl von Anfang an nur sie betreten durften.(H. Schmid, aaO. s. 222) Dort wird sie bleiben, solange der Tempel Salomos steht. Ein Kasten, in dem nichts ist als nur die zwei steinernen Tafeln des Bundes vom Sinai. In der Mitte des Heiligtums – das Gebot Gottes, gute Wegweisung für den Weg durch das Leben. wie die Lade dort platziert ist unter den Flügeln der Cherubim, lässt sich aus dem Text nicht entnehmen. Sie ist von außen nicht mehr sichtbar.

10 Als aber die Priester aus dem Heiligtum gingen, erfüllte die Wolke das Haus des HERRN, 11 sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus des HERRN.

Was für ein Omen: Die Priester gehen. Eine Wolke erfüllt das Haus. So, dass es für alle unzugänglich wird. Die Erinnerung stellt sich wie von selbst ein: „Da bedeckte die Wolke die Stiftshütte, und die Herrlichkeit des HERRN erfüllte die Wohnung. Und Mose konnte nicht in die Stiftshütte hineingehen, weil die Wolke darauf ruhte und die Herrlichkeit des HERRN die Wohnung erfüllte.“ (2. Mose 40, 34-35) Es ist, als würde sich das Geschehen an der Stiftshütte bei der Tempelweihe wiederholen. Man darf unterstellen, dass den Schreibern der Könige-Bücher an dieser Kontinuität gelegen ist. Am Tempel und im Tempel geschieht, was dem Gott der Väter entspricht. Er selbst stellt diese Verbindung in der Tempelweihe her. Sie wird gelten. Immer

Darauf läuft alles hinaus: Gott zieht in sein Haus ein. Er erfüllt es mit seiner Gegenwart, die hier die Herrlichkeit des HERRN genannt wird. Wo Gott gegenwärtig ist, da muss alles andere weichen. Da ist nur noch Raum für seine Herrlichkeit.

12 Da sprach Salomo: Die Sonne hat der HERR an den Himmel gestellt. Er hat aber gesagt, er wolle im Dunkel wohnen. 13 So habe ich nun ein erhabenes Haus gebaut dir zur Wohnung, eine Stätte, dass du ewiglich da wohnest.

Salomo ist nicht sprachlos geworden. Er findet Worte. Worte, die der überwältigenden Erfahrungen irgendwie zu entsprechen suchen. Gott, der die Sonne an den Himmel gesetzt hat, der hält Einkehr in das Dunkel der Welt. Es ist eine wie nebenher ausgesprochene Kritik an allen Sonnenkulten: „Nicht in der Sonne ist Jahwe sichtbar – sie ist nur sein Gebilde-, aber im Wolkendunkel, das über den Himmel zieht, ist er unsichtbar gegenwärtig.“ (E. Würthwein, aaO. S. 88) Das hebräische Wort erapæl meint ausdrücklich „Wolkendunkel“, nicht jedes Dunkel, jede Finsternis. Selbst der prächtige Bau des Tempels, so erhaben er auch sein mag, ist für seine Gegenwart nur Dunkel. Gewiss ein erhabenes Haus, aber für Gott doch nur eine dunkle Hütte. Damit der Tempel nicht im Lichtglanz Gottes zerschmilzt und verbrennt, verhüllt Gott seine Gegenwart in die Wolke.

14 Und der König wandte sein Angesicht und segnete die ganze Gemeinde Israel, und die ganze Gemeinde Israel stand.

Der König hat seinen Weihespruch wohl zum Tempel hin gesprochen. Jetzt steht er zwischen dem Allerheiligsten und dem Volk. Es folgt die Hinkehr zum Volk. Er lässt sein Angesicht über ihnen leuchten, könnte man fast formulieren. Er grüßt das Volk mit einer Segensformel – das alles steckt im Hebräischen „segnen“ drin. Er preist das Volk, die ganze Gemeinde Israel, diese Versammlung vor Gott, spricht ihr die Gegenwart zu, die in der Wolke verhüllt ist.

Zum Weiterdenken

Es ist auch ein Akt der Barmherzigkeit, dass Gott so verhüllt erscheint. „Die Verborgenheit schützt den ihm begegnenden Menschen vor dem Vergehen.“ (H. Schmid, aaO. S. 231) Gott pur kann kein Mensch aushalten. „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“ (2. Mose 33,21) Es sind diese Worte Salomos, die Jochen Klepper zu seinen Versen inspiriert haben;

Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt!                                                      Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt!
Der sich den Erdkreis baute, der läsṣt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht!                                                                                 
J. Klepper 1938, EG 16

Es ist ein gnädige Verhüllung, weil wir das ungebrochene Licht der Herrlichkeit Gottes nicht aushalten könnten. Es kann und muss auch heute noch nachdenklich machen: Wir fordern zwar gerne, dass Gott sich doch zeigen müsste, damit wir ihm glauben, seine Existenz für wirklich halten. Nur, es ist ein Fingerzeig bis heute: Gott gibt sich nicht andere zu erkennen als in der gnädigen Verhüllung. Auch und gerade in der Gestalt des Menschensohnes. Da, im Gekreuzigten, zeigt Gott seine Liebe und verhüllt er in ihm seinen Zorn. Kein Rätselspiel, ein Akt des Erbarmens. Gott pur, unverhüllt – das wäre unser Ende.

 

Mein Gott, es erfüllt mich mit Staunen. Dir gehört der Lichtglanz der Ewigkeit. Aber Du bleibst nicht droben, nicht im Licht, nicht auf Distanz. Du kommst in die Tiefe, in das Dunkel der Welt, damit wir nicht für immer allein sind. Im Dunkeln tappen. Du wirst in Jesus einer wie wir. In der Niedrigkeit des Lebens.

Du bist das Licht der Welt, barmherzig verhüllt, damit wir es aushalten können, dass Du da bist, nah bist. Amen

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