Bauen – für wen?

1. Könige 6, 1 – 14

1 Im vierhundertachtzigsten Jahr nach dem Auszug Israels aus Ägyptenland, im vierten Jahr der Herrschaft Salomos über Israel, im Monat Siw, das ist der zweite Monat, wurde das Haus dem HERRN gebaut.

Jetzt wird es sorgfältig, genau. Nach der Zählweise der Antike wird ein Ereignis durch die Zuordnung zu anderen Ereignissen bestimmt. Hier also der Tempelbau in der Zuordnung zum Auszug. Das sagt nicht nur etwas über den Abstand zum Auszug, über die lange die Zeit seitdem, immerhin vierhundertachtzig Jahre, es sagt vor allem etwas über die Bedeutung dieses Tempelbaus. „Der Tempelbau wird mit dem wichtigsten heilsgeschichtlichen Geschehen in Israels Geschichte verbunden.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 158) Es ist nach der langen Zeit mit ihrem Auf und Ab wie das Erreichen eines Zielpunktes.

2 Das Haus aber, das der König Salomo dem HERRN baute, war sechzig Ellen lang, zwanzig Ellen breit und dreißig Ellen hoch. 3 Und er baute eine Vorhalle vor der Tempelhalle des Hauses, zwanzig Ellen lang nach der Breite des Hauses und zehn Ellen breit vor dem Hause her. 4 Und er machte am Hause Fenster mit festen Stäben davor. 5 Und er baute einen Umgang an der Wand des Hauses ringsumher, sodass er um die Tempelhalle und um das Allerheiligste herging, und machte Seitengemächer ringsumher. 6 Der untere Gang war fünf Ellen weit und der mittlere sechs Ellen weit und der dritte sieben Ellen weit; denn er machte Absätze außen am Hause ringsumher, sodass die Balken nicht in die Wände des Hauses eingriffen.

Das Haus – băjitwird sorgfältig errichtet und die Errichtung wird sorgsam dokumentiert. Maßeinheit folgt auf Maßeinheit. Vorhalle, Tempelhalle, Wandelgang – alles wird sorgfältig festgehalten. Es geht um Ordnung, um Regelmäßigkeit, um Ästhetik. In diesen Maßen spiegelt sich die Weisheit des Bauherrn, von dem es heißt: er baute. In Wahrheit müsste man ja sagen: Er ließ bauen. Aber so ist es seitdem bei allen großen Bauten – sie werden dem Bauherren zugeschrieben, nicht den Arbeitern am Bau.

7 Und als das Haus gebaut wurde, waren die Steine bereits ganz zugerichtet, sodass weder Hammer noch Beil noch irgendein eisernes Werkzeug beim Bau des Hauses zu hören war. 8 Die Tür zum unteren Seitengemach war auf der rechten Seite des Hauses; über eine Wendeltreppe ging man hinauf auf den Mittelgang und vom Mittelgang auf den dritten. 9 So baute er das Haus und vollendete es. Und er deckte das Haus mit Balken und Tafelwerk von Zedern. 10 Und er baute Gänge um das ganze Haus herum, je fünf Ellen hoch, und verband sie mit dem Hause durch Balken von Zedernholz.

Ein Bau, der sorgfältig vorbereitet ist. Material, das bis zur Baureife vorbereitet ist. Hier ist nichts dem Zufall überlassen, nichts der Spontaneität irgendeines subalternen Amtmannes. Alles folgt dem Plan Salomos.

11 Und es geschah des HERRN Wort zu Salomo: 12 So sei es mit dem Hause, das du baust: Wirst du in meinen Satzungen wandeln und nach meinen Rechten tun und alle meine Gebote halten und in ihnen wandeln, so will ich mein Wort an dir wahr machen, das ich deinem Vater David gegeben habe, 13 und will wohnen unter Israel und will mein Volk Israel nicht verlassen. 14 Und Salomo baute das Haus und vollendete es.

Es ist wie eine Unterbrechung. Damit man vor lauter bautechnischen Einzelheiten nicht den Zweck des Gebäudes aus dem Gedächtnis verliert. Und es geschah des HERRN Wort zu Salomo. Das nennen die Ausleger „Wortereignisformel“. Empfänger ist im Normalfall ein Prophet. Umso bemerkenswerter hier – es ist der König selbst, der dieses Wort empfängt. In Gibeon (3, 5-14) war es ein Traumgesicht. Hier ist es ein Wort des HERRN. Ganz ohne Vermittler. „Ab der Einführung des Königtums empfängt in der Regel nicht mehr der König als Führer des Volkes Gottes Wort direkt, sondern der Prophet, der es dem König ausrichtet.“ (H. Schmid, aaO. S. 162) Die Abweichung vom Regelweg gibt dem Geschehen besonderes Gewicht.

Darauf läuft es am Ende hinaus: Der Bau mag noch so vollendet sein – es hängt alles an dem, was er auslöst. Es hängt alles an dem, ob Salomo nur ein Bauwerk geschaffen hat oder ob er sein Lebenshaus, seine Königsmacht an den Satzungen, Rechten und Geboten des HERRN orientiert. „Die Gegenwart Gottes ist an den Gehorsam, an das Halten des Bundes geknüpft.“ (H. Schmid, aaO. S. 164)

Es ist schon in den Könige-Büchern mit Händen zu greifen, dass es in Israel nie um äußere Frömmigkeit geht, – was sollte Gott mit einem Haus, das man ihm zuweist als Wohnsitz – immer geht es um die Hingabe der Herzen, um den Gehorsam gegen die Weisungen, um das Gottvertrauen, das Gott an die erste Stelle setzt.

Das Haus ist gebaut. „Der Innenausbau ist die bauliche Umsetzung: Gott wohnt in der Mitte seines Volkes.“ (H. Schmid, aaO. S. 165) Das Wort Gottes gilt. Jetzt wird es sich zeigen müssen im Leben, ob sich die Verheißungen erfüllen können, die der HERR David gegeben hat. Nichts will Gott ja lieber, als unter seinem Volk wohnen.

Zum Weiterdenken

Gebaut ist rasch. Selbst heutzutage noch – trotz langer Genehmigungsverfahren und Rücksichtnahme auf Naturverträglichkeit. Worauf es ankommt, ist, dass der Bau mit Leben gefüllt wird, dass er nicht nur ein Prachtbau ist, sondern ein Lebensort wird. Und im Fall des Tempels: ein Ort des Glaubens.

Es ist ein Wendung, die christliche Bibelleser*innen wie einen Vorgriff auf die Heilszusage für die Ewigkeit hören werden: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.“(Offenbarung 21,3) Es ist ein langer Vorlauf bis dorthin – für immer verbunden mit dem Tempel in Jerusalem.

Du Heiliger, Du Barmherziger, Du Ewiger, Du willst unter uns wohnen. Du willst für uns nahe sein, so dass wir uns Dir anvertrauen können, Deinen Willen suchen, Deiner Weisung folgen können.

Danke für die Häuser, die uns daran erinnern: Gott ist in der Welt. Der im Himmel wohnt will sich auf Erden finden lassen. Das ist Deine Freude, dass wir Dich und Deinen Willen suchen, dass Du Dich finden lässt. Amen