Ein salomonisches Urteil

1. Könige 3, 16 – 28

Es folgt die Erzählung, die wie eine Bestätigung der Weisheit Salomos wirkt. Es gibt spätere Parallelen zu dieser Erzählung aus Indien und Ostasien. So erscheint sie der kritischen Forschung wie eine Wandererzählung, die hier aber auf den König Israels bezogen wird.

16 Zu der Zeit kamen zwei Huren zum König und traten vor ihn.

Zwei Frauen kommen zum König – man liest wie von selbst zum König Salomo. Sie haben „selbstverständlich und ungehindert“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 120) Zugang zu ihm. Dass sie Huren sind, spielt im Verlauf der Erzählung keine Rolle. Es wird auch nicht irgendwie moralisch gewertet.

17 Und die eine Frau sprach: Ach, mein Herr, ich und diese Frau wohnten im selben Hause, und ich gebar bei ihr im Hause. 18 Und drei Tage nachdem ich geboren hatte, gebar auch sie. Und wir waren beieinander, und kein Fremder war mit uns im Hause, nur wir beide. 19 Und der Sohn dieser Frau starb in der Nacht; denn sie hatte ihn im Schlaf erdrückt. 20 Und sie stand in der Nacht auf und nahm meinen Sohn von meiner Seite, als deine Magd schlief, und legte ihn in ihren Arm, und ihren toten Sohn legte sie in meinen Arm. 21 Und als ich des Morgens aufstand, um meinen Sohn zu stillen, siehe, da war er tot. Aber am Morgen sah ich ihn genau an, und siehe, es war nicht mein Sohn, den ich geboren hatte.

Wortreich schildert die eine Frau das Problem. Es geht um einen plötzlichen Kindstod, ausgelöst durch eine ungeschickte Bewegung im Schlaf und um die Vertauschung des toten Kindes mit dem lebenden. Die Klägerin erklärt: Ihr ist das tote Kind untergeschoben worden. Ihr eigenes Kind, das lebt, hat die andere Frau an sich genommen. Es war für sie ein Schock – in der Frühe des Morgens, als sie ihr Kind stillen wollte, war es tot. Und dann, immer noch am Morgen hat sie gemerkt, als sie das Kind in ihrem Arm angesehen hat: es war nicht mein Sohn, den ich geboren hatte. Zeugen für den ganzen Vorgang gibt es nicht – kein Fremder war mit uns im Hause.

22 Die andere Frau sprach: Nein, mein Sohn lebt, doch dein Sohn ist tot. Jene aber sprach: Nein, dein Sohn ist tot, doch mein Sohn lebt. Und so redeten sie vor dem König.

Es kommt sofort zur Gegendarstellung durch die andere Frau. Nichts ist wahr, es hat keine Vertauschung gegeben. Nein, mein Sohn lebt, doch dein Sohn ist tot. Das löst wieder die gegenteilige Antwort der ersten aus – es geht hin und her. Man sieht die ieden Frauen förmlich aufeinander einreden.

23 Und der König sprach: Diese spricht: Mein Sohn lebt, doch dein Sohn ist tot. Jene spricht: Nein, dein Sohn ist tot, doch mein Sohn lebt.

Es ist nur zu verständlich – dem König schwirrt der Kopf. Er wiederholt noch einmal die wechselseitigen Darstellungen. Er nimmt beider Worte auf. So legt sich der König noch einmal, bevor er selbst aktiv wird, den Fall zurecht. Es ist eine Übung, die bis heute hilfreich ist – zu wiederholen, was gesagt worden ist, um sich so die Lage noch einmal selbst zu vergegenwärtigen. Nach dem Motto: Ich habe doch richtig verstanden? Zugleich: „Damit wird noch einmal die Schwierigkeit des Falles vergegenwärtigt: Aussage steht gegen Aussage, ein Zeuge ist nicht vorhanden.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,1 , Göttingen 1977, S. 37)

24 Und der König sprach: Holt mir ein Schwert! Und als das Schwert vor den König gebracht wurde, 25 sprach der König: Teilt das lebendige Kind in zwei Teile und gebt dieser die Hälfte und jener die Hälfte.

Manche Probleme lassen sich erst und nur so lösen, dass man sie entgrenzt, ihren Rand überschreitet. Der König sieht keine Möglichkeit, die Wahrheit herauszufinden. Er lässt ein Schwert holen, um durch das Schwert das Kind zu teilen. So wird jede eine Hälfte erhalten und muss zufrieden sein. Das Kind wird diese Teilung nicht überleben, so wie ja auch das andere Kind die Nacht nicht überlebt hat.

26 Da sagte die Frau, deren Sohn lebte, zum König – denn ihr mütterliches Herz entbrannte in Liebe für ihren Sohn – und sprach: Ach, mein Herr, gebt ihr das Kind lebendig und tötet es nicht! Jene aber sprach: Es sei weder mein noch dein; lasst es teilen!

Das ist der Moment der Wahrheit. „Das gewagte Verfahren führt zum Ziel.“ (E. Würthwein, ebda.)Die eine sagt: Das Leben des Kindes ist wichtiger als mein Recht. Es sind zwei Signalworte, die hier eine Rolle spielen. „Das Wort „entbrannte“ hebr. kamar begegnet uns im AT viermal. Das Wort bringt eine tiefe innere Ergriffenheit zum Ausdruck, die im Erbarmen ihre Wurzel hat. Das mit Erbarmen übersetzte hebr. Wort ræchæm bedeutet im Singular Mutterleib.“ (H. Schmid, aaO. S. 122) Man könnte also fast sagen: Ihr Leib schreit auf und lässt sie reden.

Die andere dagegen ist ungerührt: Teilt es – so hat keine von uns etwas davon. Es liegt ihr nichts am Leben des Kindes.

27 Da antwortete der König und sprach: Gebt dieser das Kind lebendig und tötet’s nicht; die ist seine Mutter.

Der König hat gehört und spricht nun sein Urteil. Er spricht Recht – mischpat. Er hat durch seine Maßnahme die richtige Mutter gefunden. Was mit der anderen Frau wird, ist nicht mehr von Belang. Ist sie eine Schuldige? Wird sie verurteilt? Kein Wort darüber.

28 Und ganz Israel hörte von dem Urteil, das der König gefällt hatte, und sie fürchteten den König; denn sie sahen, dass die Weisheit Gottes in ihm war, Gericht zu halten.

Ganz Israel hört, was vor dem König geschehen ist. Es spricht sich in Windeseile herum. Es ist dies ein Baustein für die Anerkennung des Königs: Er weiß Recht zu sprechen. Er ist wirklich einer, der urteilsfähig ist, weil er ein hörendes Herz hat und einen wachen Geist. Das, was Salomo im Traum in Gibeon erfahren und empfangen hat, „ein weises und verständiges Herz“ (3,12), das bestätigt sich hier am hellen Tage.

Zum Weiterdenken

Es ist kein Wunder, dass diese Erzählung die Fantasie von Schriftstellern angeregt hat. Die Gerichtszene mit Salomo ist unter anderem eine Vorlage für Bert Brechts Drama „Der kaukasische Kreidekreis.“ Das Thema des gerechten Richters, der dem Leben dient, ist ein Thema, das bis heute nicht loslässt. Das ist auch heute die zentrale Erwartung an Richter: Ihre Rechtsprechung fördert das Leben. Nicht auf die formale Treue gegenüber dem Gesetz, sondern auf die reale Treue gegen das Leben – darauf hoffen Menschen.

Auch das wird man sagen dürfen: Dieser weise Richter Salomo ist wie das Versprechen: Einmal wird einer Richter sein, der gerecht spricht, der zurechtbringt, der das Leben schützt. Christ*innen glauben diesen Richter in Jesus Christus.

Du heiliger Gott, Du kennst die Menschenherzen. Du siehst, was wir nicht sehen. Wir tasten nach Wahrheit, wir suchen nach Gerechtigkeit. Wir ahnen, dass unser Recht oft nicht gerecht ist, Menschen nicht gerecht wird.

Gib Du uns, dass wir nicht eilig richten. Gib Du uns das hörende Herz, das sich von Dir leiten lässt, erst recht da, wo wir mit unserer Weisheit am Ende sind. Amen