Ein hörendes Herz

1. Könige 3, 1 – 15

1 Und Salomo verschwägerte sich mit dem Pharao, dem König von Ägypten, und nahm eine Tochter des Pharao zur Frau und brachte sie in die Stadt Davids, bis er sein Haus und des HERRN Haus und die Mauer um Jerusalem gebaut hatte.

Nur eine Privat-Sache, diese Heirat einer Pharaonen-Tochter? Ein erstes Signal für die Weite und Weitsicht dieses Königs? „Politisch betrachtet war diese Heirat gewiss ein Erfolg und zeigt das Ansehen Israels in der davidisch-salomonischen Zeit.“(H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 110) Salomo gewinnt so internationalen Rang. Es ist eine Ehe in den Anfangsjahren, den Jahren der großen Bauprojekte. Ein Haus für den König und der salomonische Tempel.

2 Aber das Volk opferte noch auf den Höhen; denn es war noch kein Haus gebaut dem Namen des HERRN bis auf diese Zeit.

Es klingt fast, als seien die Opfer auf den Höhen nur ein im Grunde unproblematischer Notbehelf, weil der Tempel noch nicht errichtet ist. Die Opfer als solche sind nicht problematisch, weil sie doch dem Namen des HERRN gelten. „Die Höhen gehörten bis zu ihrer endgültigen Abschaffung wohl in exilisch/nachexilischer Zeit – zu jeder Ansiedlung. Es waren Kultstätten, die meist außerhalb der Städte und Ortschaften, vielfach auf einer Anhöhe lagen, zu der man hinaufstieg.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,1, Göttingen 1977, S. 29) Nur, irgendwie schimmert durch die Formulierung doch eine leichte Skepsis durch, weil die Höhen wenigsten zum Teil Übernahmen aus der kanaanäischen Zeit waren. Die Gefahr, dass es hier Vermischungen geben könnte, ist kaum von der Hand zu weisen.

3 Salomo aber hatte den HERRN lieb und wandelte nach den Satzungen seines Vaters David, nur dass er auf den Höhen opferte und räucherte. 4 Und der König ging hin nach Gibeon, um dort zu opfern; denn das war die bedeutendste Höhe. Und Salomo opferte dort tausend Brandopfer auf dem Altar.

Es ist eine durch und durch positive Notiz über Salomo: Salomo aber hatte den HERRN lieb und wandelte nach den Satzungen seines Vaters David. „Die Liebe zu Gott und Gottes Liebe zum Menschen ist die höchste Aussage über die Gemeinschaft von Gott und Mensch… Von der Liebe eines einzelnen Menschen zu Gott wird im AT ganz selten geredet.“ (H. Schmid, aaO. S. 111) Ein Lob, eine Anerkennung mit einer winzigen Einschränkung: Seine Opferpraxis auf den Höhen. Es fehlt ihm an Distanz zu den Höhen. Weil es ihm an Tiefgang in Sachen Glauben fehlt, an Unterscheidungsvermögen?

Aber er ist willens, sich als frommer König zu betätigen. So geht er nach Gibeon, das einen besonders wichtigen Kultplatz darstellte. „Gibeon wird meist mit el dschib, neun km nordwestlich von Jerusalem identifiziert.“ (E. Würthwein, aaO. S. 30) Es sind gewaltige Opfermengen, die er dort dem Feuer übergibt.

5 Und der HERR erschien Salomo zu Gibeon im Traum des Nachts, und Gott sprach: Bitte, was ich dir geben soll!

Das Opfer ist vorüber. Es ist Nacht geworden. Da kommt es dazu, dass der HERR Salomo erschien. „Es geht um eine wirkliche Begegnung mit Gott, die von Gott ausgeht.“ (H. Schmid, aaO. s. 114) Sie ist nicht Gottes Antwort auf das riesenhafte Opfer des Tages. Das wird ja mit keinem Wort erwähnt. Sie ist Gottes Erlaubnis an den König, ihn zu bitten. Um was auch immer. Bitte, was ich dir geben soll! Es wirkt fast wie ein Märchenmotiv: du hast drei Wünsche frei.

Es fällt auf, dass in diesem kurzen Satz ein Wechsel in den Gottesbenennungen stattfindet: jhwh, der HERR, erscheint. Aber Gott, ᾽ælohīm, gewährt die Bitte. Das kann dem Umstand zu zuschreiben sein, dass hier unterschiedlich Erzähltraditionen zusammengefasst sind. Das kann aber auch auf das religiös unklare, schwankende Gottesverhältnis des Salomo hinweisen.

6 Salomo sprach: Du hast an meinem Vater David, deinem Knecht, große Barmherzigkeit getan, wie er denn vor dir gewandelt ist in Wahrheit und Gerechtigkeit und mit aufrichtigem Herzen vor dir, und hast ihm auch die große Barmherzigkeit erwiesen und ihm einen Sohn gegeben, der auf seinem Thron sitzen sollte, wie es denn jetzt ist. 7 Nun, HERR, mein Gott, du hast deinen Knecht zum König gemacht an meines Vaters David statt. Ich aber bin noch jung, weiß weder aus noch ein. 8 Und dein Knecht steht mitten in deinem Volk, das du erwählt hast, einem Volk, so groß, dass es wegen seiner Menge niemand zählen noch berechnen kann. 9 So wollest du deinem Knecht ein gehorsames Herz geben, dass er dein Volk richten könne und verstehen, was gut und böse ist. Denn wer vermag dies dein mächtiges Volk zu richten?

Salomo ergreift das Wort und erinnert Gott: Du hast an David Barmherzigkeit geübt. Seine Antwort war sein Wandel in Wahrheit und Gerechtigkeit und mit aufrichtigem Herzen. Weiter geht die Erinnerung: Du hast mich zum König gemacht. Ist Gott damit nicht auch ein wenig verantwortlich dafür, dass Salomo für diese Aufgabe ordentlich vorbereitet und ausgestattet ist? Denn Gott hat ihm doch dieses Volk, das so unübersichtlich groß ist, übergeben. Ist es da ein Wunder, dass Salomo sich überfordert sieht? Ich aber bin noch jung, weiß weder aus noch ein. Was für ein Kontrast – ein so großes Volk und ein so junger, unerfahrener König.

Das alles erklärt, wie es zu der Bitte Salomos kommt. So wollest du deinem Knecht ein gehorsames Herz geben, dass er dein Volk richten könne und verstehen, was gut und böse ist. Sie ist aus der Wahrnehmung der eigenen Situation erwachsen und völlig angemessen. sie ist demütig und sachbezogen zugleich. Ein hörendes Herz, offen für Gottes Wegweisung und offen für die Menschen. Wach und wachsam. Verstehen, was gut und böse ist – urteilsfähig – so das Wort šapāt. Nicht nur in Rechtsangelegenheiten, urteilsfähig in allem, was das Handeln als König ausmacht. „Eine solche Fähigkeit besitzt der Mensch – und der israelitische König ist Mensch, nicht göttliches Wesen – nicht von sich aus, so lässt der Erzähler Salomo darum bitten.“ (E. Würthwein, aaO. S. 34) Salomo weiß – zumindest hier, wo er Gott gegenüber steht: Er ist angewiesen auf ihn.

Es ist eine offene Frage: Steckt hinter diesen Bitten – in der Traumbegegnung – die Einsicht und das Eingeständnis: so wie vorher geht es nicht, Eine Herrschaft, die nur auf Blut und Angst gegründet ist, wird keinen Bestand haben. Dann könnte dieses Bitten Salomos eine Bereitschaft zur Revision seines seitherigen Handelns einschließen, Signal für eine Kurskorrektur sein – nicht mehr Gewalt, sondern Recht.

10 Das gefiel dem Herrn, dass Salomo darum bat. 11 Und Gott sprach zu ihm: Weil du darum bittest und bittest weder um langes Leben noch um Reichtum noch um deiner Feinde Tod, sondern um Verstand, auf das Recht zu hören, 12 siehe, so tue ich nach deinen Worten

Dieser König gefällt Gott. Weil er vernünftig bittet. Weil er sich nicht um Äußerlichkeiten schert, sondern sieht, was er nötig haben wird, Verstand, auf das Recht zu hören, um ein König nach dem Herzen Gottes sein zu können. „Gott tut nach Salomos Worten, weil Salomo eben das erbittet, was Gott tun möchte.“ (H. Schmid, aaO. S. 117) Wenn man so will: Salomo hat im richtigen Augenblick die richtigen Worte gefunden!

. Siehe, ich gebe dir ein weises und verständiges Herz, sodass deinesgleichen vor dir nicht gewesen ist und nach dir nicht aufkommen wird. 13 Und dazu gebe ich dir, worum du nicht gebeten hast, nämlich Reichtum und Ehre, sodass deinesgleichen keiner unter den Königen ist zu deinen Zeiten. 14 Und wenn du in meinen Wegen wandeln wirst, dass du hältst meine Satzungen und Gebote, wie dein Vater David gewandelt ist, so will ich dir ein langes Leben geben.

Jetzt gibt Gott mit vollen Händen. Salomo wird ein im wahrsten Sinn des Wortes reich Begabter. Er bekommt die innere „Ausrüstung“, ein weises und verständiges Herz, und das äußerliche „Drumherum“ wird folgen. Er wird alles haben – unter der einen Voraussetzung: dass du hältst meine Satzungen und Gebote. So hat Salomo ja auch seinen Weg angefangen – so soll er beständig dabeibleiben. In allem zuerst die Satzungen und Gebote. Nicht der eigene Wille, nicht die eigene Macht und die eigene Größe. So hat es ihn David auf dem Sterbebett geheißen: „Bewahre den Dienst des HERRN, deines Gottes, dass du wandelst in seinen Wegen und hältst seine Satzungen, Gebote, Rechte und Ordnungen.“(2,3)So fordert es nun Gott von ihm. Diese Treue zu Gott wird ein langes Leben als Gabe Gottes zur Folge haben.

Man konnte zu Recht feststellen, dass auf den Anfang des Königtums Salomos Schatten fallen – er ist nicht vom Volk gesalbt, er hat seine Macht mit brutaler Gewalt gefestigt. Umso wichtiger ist dies, was hier geschieht: Es ist eine Art Inthronisation, ein göttliches Zeichen, dass er der Richtige auf dem Thron ist.

 Auffällig ist allerdings: die Verheißung, die Salomo empfängt, wenn er in den Wegen Gottes bleiben wird, gilt nur ihm. Kein Wort über Nachkommen. Keine Verheißung für die Dynastie. Das unterscheidet dieses Wort an die Verheißungen, die David zugesprochen worden sind.  Nur ein langes Leben – mehr nicht.

15 Und als Salomo erwachte, siehe, da war es ein Traum. Und er kam nach Jerusalem und trat vor die Lade des Bundes des Herrn und opferte Brandopfer und Dankopfer und machte ein großes Festmahl für alle seine Großen.

Salomo erwacht. Und siehe, ein Traum. Nicht nur ein Traum. Nicht nur, was er sich erträumt hat. „König Salomo, dessen Thronanspruch nicht ganz unangefochten war, erhält im Traum eine göttliche Bestätigung seiner Herrschaft, denn Gott schenkt ihm ein hörendes Herz.“ (B. Leicht, Traum. Gottes Reden in der Nacht, Welt und Umwelt der Bibel 3/2019, S. 17) Es ist eine Bestätigung der äußeren Macht, wenn man so will wie eine innere Berufung: „Gerade weil der Traum so ganz aus den Tiefen der Bewusstlosigkeit heraufsteigt, ist er besonders bedeutsam.“ (E. Würthwein, ebda.)

Es geht dann auch äußerlich prompt und sehr nüchtern weiter: Brandopfer und Dankopfer und ein Fest für alle wichtigen Leute. Ein Fest vor Gott šelamim. Salomo weiß, wem er verpflichtet ist – Gott und den Menschen. Jetzt ist Salomo als König göttlich legitimiert.

Zum Weiterdenken

            Liest man im Zusammenhang nach vorne, so ist bemerkenswert: Kein Wort über die Gewalt, die Salomo hat ausüben lassen, über seine Mordaufträge. Es ist, als wäre Salomo en völlig unbescholtener Mann. Gott antwortet auf die Bitten dieses Königs, als würden seine Schattenseiten nicht ins Gewicht fallen, nicht interessieren, nicht existieren. Über alle Blutschuld hinweg ermöglicht Gott Salomo einen neuen Anfang. Das ist Gnade, nicht als Gnade.

            Nachdem die „Aufräumarbeiten“ erledigt sind, kommt eine andere Zeit, eine Zeit wie im Traum. Ein Zeit, in der Salomo eine neu Ausrichtung erfährt. So möchte man verstehen, soll man wohl auch verstehen. Dieser Traum des Salomo ist eine Weise der Bestätigung, die das Vertrauen herausfordert. Es ist eine Frage, die sich an die heutigen Lesenden ergibt: Wie weit trauen wir unseren Träumen, dass sie mehr sind als Zufall, als Echo auf erlebtes, als Wunschbilder? Könnte Gott auch zu uns reden – in unseren Träumen? Und würden wir verstehen und dem trauen, was er sagt?

Du heiliger Gott, Du bist großzügig, freigiebig und weitherzig. Du gibst gerne, was wir von Dir erbitten, wenn es dem Leben dient, unseren Mitmenschen zugute kommt. Du lässt uns nicht ins Leere rufen, wenn wir bei Dir suchen, was wir für unsere Aufgaben nötig haben. Du lässt uns nicht ohne Antwort, wenn wir unsicher sind, ob wir unseren Aufgaben gewachsen sein werden.

Du willst uns geben, was wir nötig haben. Gib Du mir, gib Du uns ein hörendes Herz, einen wachen Verstand, ein gutes Urteilsvermögen, damit wir nicht verführbar sind, damit wir den Weg Deiner Gebote gehen, so dass wir in Deiner Spur bleiben. Amen