Noch auf dem Sterbebett: zerrissen

1. Könige 2, 1 – 12

1 Als nun die Zeit herbeikam, dass David sterben sollte, gebot er seinem Sohn Salomo und sprach:

Davids Sterben naht. Er ahnt es, spürt es. Er ist nicht dement. Er hat seinem Sohn, den er zum König gemacht hat, noch etwas zu sagen. Zu befehlen. „Die Befehle Davids verdeutlichen auch, dass sein Nachfolger nicht am Nullpunkt beginnt, sondern eine bereits begonnene Linie fortsetzen soll.“ (H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 82) Seine nachfolgenden Worte sind also nicht als „goldene Worte“ gedacht, sondern als konkrete Wegweisung.

2 Ich gehe hin den Weg aller Welt. So sei getrost und sei ein Mann 3 und bewahre den Dienst des HERRN, deines Gottes, dass du wandelst in seinen Wegen und hältst seine Satzungen, Gebote, Rechte und Ordnungen, wie geschrieben steht im Gesetz des Mose, damit dir alles gelinge, was du tust und wohin du dich wendest; 4 damit der HERR sein Wort erfülle, das er über mich geredet hat: Werden deine Söhne auf ihre Wege achten, dass sie vor mir in Treue und von ganzem Herzen und von ganzer Seele wandeln, so soll dir’s niemals fehlen an einem Mann auf dem Thron Israels.

Es beginnt mit Trost. Fast mit einem weisheitlichen Anklang. Ich gehe hin den Weg aller Welt. David ist keine Ausnahme – alle müssen sterben, auch Könige. Verblüfft lese ich: „Aber es gibt den Trost des Glaubens, im Sterben nicht verlassen zu sein, und die Hoffnung der Auferstehung.“ (H. Schmid, ebda.) Das ist gewiss wahr, auch wenn diese Hoffnung in der Hebräischen Bibel erst sehr spät, nach dem Exil wirklich starke Worte findet – aber hier wird nichts von dieser Erwartung auch nur leise angedeutet. Hier ist nur die Mahnung zur Tapferkeit – sei stark und sei ein Mann.

Die Fortsetzung der Worte Davids hat ihre Parallele in den Worten des HERRN an Josua: „Sei nur getrost und ganz unverzagt, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, auf dass du es recht ausrichten kannst, wohin du auch gehst. Und lass das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem, was darin geschrieben steht. Dann wird es dir auf deinen Wegen gelingen, und du wirst es recht ausrichten.“(Josua 1, 7 – 8) Das ist gewiss nicht Zufall – Salomo wird in seine Rolle als ein neuer Josua eingewiesen.

Auch das ist zu spüren – die Worte Davids knüpfen auch an die Verheißung an, die er seinerzeit empfangen hat: „Wenn nun deine Zeit um ist und du dich zu deinen Vätern legst, will ich dir einen Nachkommen erwecken, der von deinem Leibe kommen wird; dem will ich sein Königtum bestätigen. Der soll meinem Namen ein Haus bauen, und ich will seinen Königsthron bestätigen ewiglich.“(2. Samuel 7, 12 – 13) Der Unterschied: die Verheißung Gottes war unbedingt und bedingungslos – die Worte Davids dagegen verknüpfen eine gute Zukunft mit dem Achten der Satzungen, Gebote, Rechte und Ordnungen, wie geschrieben steht im Gesetz des Mose. Dieses Bedingte könnte der nüchternen Erfahrung geschuldet sein oder der Einsicht der Schreiber, die ja den ganzen Weg der Könige, auch nach Salomo, überblicken. Es ist die Überzeugung, die die Königebücher prägen wird: Die spätere Katastrophe in den Jahren 722 und 586 hat ihren Ursprung in der Missachtung der Ordnungen, Gebote, Satzungen des HERRN.

5 Auch weißt du sehr wohl, was mir getan hat Joab, der Sohn der Zeruja, was er tat den zwei Feldhauptleuten Israels, Abner, dem Sohn Ners, und Amasa, dem Sohn Jeters, wie er sie ermordet hat. Und so hat er den Frieden belastet mit Blut, das im Krieg vergossen wurde, und solches Blut an den Gürtel seiner Lenden und an die Schuhe seiner Füße gebracht. 6 Tu nach deiner Weisheit, dass du seine grauen Haare nicht in Frieden ins Totenreich bringst.

Der Ton ändert sich. Aus der geistlichen Höhe in die Tiefen der Real-Politik. Auch in die Untiefen der unbeglichenen Rechnungen. Joab, der Sohn der Zeruja war David immer schon unheimlich. Aber auch ein willkommenes Werkzeug der eigenen Macht. Nur: so jemand ist eine „Altlast“ – er hat den Frieden belastet mit Blut. Man wird denken dürfen: Joab ist wie ein Schatten auf dem Selbstbild des David. Diese Personalie zu „klären“ überlässt David als erste Aufgabe dem Sohn. „Salomo muss mit staatsmännischer Klugheit die richtige Entscheidung treffen.“ (H. Schmid, aaO. S. 87) Die verhaltene Formulierung ändert nichts daran: Es ist ein Mordauftrag, wie ihn ein Mafiaboss nicht schöner formulieren könnte!

7 Aber den Söhnen Barsillais, des Gileaditers, sollst du Barmherzigkeit erweisen, dass sie an deinem Tisch essen. Denn so sind auch sie mir entgegengekommen, als ich vor deinem Bruder Absalom floh.

Sprunghaft – so könnten man denken. Den todkranken Mann überfallen Erinnerungen. Glücklicherweise nicht nur düstere. So erinnert er sich an den Beistand Barsillais, des Gileaditers. Das soll seinen Söhnen in bleibender, beständiger Barmherzigkeit vergolten werden. Vielleicht soll mit dieser Aufforderung „gezeigt werden, dass die Befehle Davids nicht nur auf negative Vergeltung zielten.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,1, Göttingen 1977, S. 20) David ist auch auf dem Totenbett nicht nur ein rachsüchtiger, bösartiger alter Mann. Er ist noch im Sterben so widersprüchlich wie im Leben.

8 Und siehe, du hast bei dir Schimi, den Sohn Geras, den Benjaminiter von Bahurim, der mir schändlich fluchte zu der Zeit, als ich nach Mahanajim ging. Dann aber kam er mir entgegen am Jordan. Da schwor ich ihm bei dem HERRN und sprach: Ich will dich nicht töten mit dem Schwert. 9 Du aber lass ihn nicht ungestraft; denn du bist ein weiser Mann und wirst wohl wissen, was du ihm tun sollst, dass du seine grauen Haare mit Blut ins Totenreich bringst.

Schließlich Schimi. Es ist bei David, trotz seines Alters, nicht in Vergessenheit geraten: Schimi hatte ihn auf der Flucht vor Absalom übel beschimpft, verflucht. Er aber konnte nicht anders bei der Rückkehr – er musste ihn leben lassen. Diesen Schimi überlässt David seinem Sohn – empfiehlt ihn seiner Weisheit – dass du seine grauen Haare mit Blut ins Totenreich bringst. So erzählt der sorgfältige Schreiber, unbekümmert darum, dass es wieder ein kaltblütig angeordnet Mordauftrag ist.

Kein Wunder, dass aus diesen Worten noch mehr heraus zu spinnen ist. „Wisse man denn, welche Namen noch auf der Liste stünden, die König David auf seinem Sterbebett seinem Sohn Salomo übergab? … Darauf ich, Informationen von Wert witternd: Wohl hätte ich von der Liste gehört, aber habe sie je einer gesehen? Vielleicht sei die berüchtigte Liste nichts als ein Gerücht, in Umlauf gesetzt, Maßnahmen des Benaja ben Jehojada zu rechtfertigen?“ (St. Heym, Der König-David-Bericht, Frankfurt 1984, S. 21)

Das Könige-Buch kennt keine Liste – nur drei Namen. Aber es genügt, einen erschrecken zu lassen. Weil der Fortgang der Erzählung bestätigen wird, wie Benaja im Auftrag Salomos doch eine Liste abarbeitet.

10 Also legte sich David zu seinen Vätern und wurde begraben in der Stadt Davids. 11 Die Zeit aber, die David König gewesen ist über Israel, ist vierzig Jahre: Sieben Jahre war er König zu Hebron und dreiunddreißig Jahre zu Jerusalem.

Der so auf den Sterbebett noch Todesurteile verhängt, stirbt. Friedlich? Jedenfalls eines natürlichen Todes – „Die Formel „Er legte sich zu seinen Vätern“ wird nur im Fall eines natürlichen Todes verwendet.“ (E. Würthwein, aaO. S. 21) Es folgt eine knappe, amtlich wirkende Zusammenfassung: vierzig Jahre König, aufgeteilt auf den Anfang in Hebron und die lange Zeit in Jerusalem. Sonst nichts – kein Lob, aber immerhin auch kein Tadel.

12 Und Salomo saß auf dem Thron seines Vaters David, und seine Herrschaft hatte festen Bestand.

Alles ist geregelt. Der Nachfolger bestellt und die Nachfolge gesichert. Alles kann seinen Gang gehen – und gut werden. So soll man wohl lesen.

Zum Weiterdenken

Es ist keine idyllische Szene, dieses Miteinander am Sterbebett. Kein Heiligenbild. Es zeigt sich, dass der Sterbende, David, auch angesichts des Todes nicht plötzlich ein Anderer geworden ist. Sanfter, freundlicher, milder. Das kann nachdenklich machen über die eigenen Vorstellung: Was erwarten wir an Verhalten eines Sterbenden? Welche letzten Worte sollen es denn sein? Nur Segensworte? Es könnte sein, es hilft zur Nüchternheit sich einzugestehen, dass auch angesichts des Todes Zorn und Wut, gar Rachsucht aufbrechen können. Auch große Leute, sind wie gewöhnliche Menschen, die den Weg allen Fleisches gehen.

            Es ist die nüchterne biblische Erzählweise, die weiß, dass das menschliche Herz eine „Mördergrube“ sein kann. Nicht bei jedem so, wie es hier erzählt ist. Aber immer wieder – und von solchen Anwandlungen ist kein Herz wie von selbst frei. „Von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen heraus die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord,  Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unvernunft.“(Markus 7,21) Das gilt auch für den Vorzeigekönig David – so wie es auch für unsereinen gilt. Gut, dass die biblischen Erzähler diese „Schattenseiten“ nicht ausblenden, totschweigen, wegretuschieren.

Auch das ist gut, sich im Erschrecken über diese Sterbeerzählung daran erinnern zu lassen: „Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“ (Römer 14, 7 – 8)

Du heiliger Gott, Du weißt unsere Wahrheit, die wir uns oft verbergen. Du kennst unsere Wesensart, weißt, wie wir sind. Wir aber kennen uns selbst nicht bis in die tiefsten Tiefen – Und sind manchmal froh darüber.

Wir erschrecken, wenn es auf dem Weg zum Sterben herauskommt, dass wir zerrissene Leute sind, Hass und Liebe sich die Waage halten, dass wir böse sein können – und doch auch gut.

Gib Du die Gewissheit in unser Herz, dass wir in Dir geborgen sind, dass Du uns aufhebst und uns festhältst. Dass wir in unserem Leben und Sterben Dein sind. Wir zerrissene Leute.Dein für immer. Amen