In den Wirren der Zeit

1. Könige 1, 28 – 53

28 Der König David antwortete und sprach: Ruft mir Batseba! Und sie kam hinein vor den König. Und als sie vor dem König stand, 29 schwor der König und sprach: So wahr der HERR lebt, der mich erlöst hat aus aller Not: 30 Ich will heute tun, wie ich dir geschworen habe bei dem HERRN, dem Gott Israels, als ich sagte: Salomo, dein Sohn, soll nach mir König sein, und er soll für mich auf meinem Thron sitzen. 31 Da neigte sich Batseba mit ihrem Antlitz zur Erde und fiel vor dem König nieder und sprach: Mein Herr, der König David, lebe ewiglich!

Es ist an David zu antworten. Er lässt Batseba rufen, die irgendwie im Hintergrund hinter Nathan verschwunden erscheint. Als sie da ist, kommen die Worte, auf die sie gehofft hat und mit ihr wohl auch Nathan. Salomo, dein Sohn, soll nach mir König sein, und er soll für mich auf meinem Thron sitzen. Das sind zugleich die Worte, wie sie dem Willen Gottes entsprechen. Es ist ein Schwur und damit die Form höchster Verbindlichkeit.

Es mag auffallen, wie Batseba auf diese Zusage antwortet. Sie wirft sich nieder und huldigt dem König. Da ist nichts Vertrauliches, auch nichts Warmes. „Batsebas Reaktion bringt ihre Dankbarkeit zum Ausdruck und entspricht höfischen Zeremoniell und der Ehrerbietung gegenüber dem König.“(H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 70) Dass es sich um den gemeinsamen Sohn handelt, der hier zum Thronfolger bestimmt wird, darauf käme man durch diese spröden Sätze nicht. Es ist ein kleines Zeichen für den Abstand zwischen damaligen „Familienbildern“ und heutigen.

32 Und der König David sprach: Ruft mir den Priester Zadok und den Propheten Nathan und Benaja, den Sohn Jojadas! Und als sie hineinkamen vor den König, 33 sprach der König zu ihnen: Nehmt mit euch die Großen eures Herrn und setzt meinen Sohn Salomo auf mein Maultier und führt ihn hinab zum Gihon. 34 Und der Priester Zadok samt dem Propheten Nathan salbe ihn dort zum König über Israel. Und blast die Posaunen und ruft: Es lebe der König Salomo! 35 Und zieht wieder hinauf hinter ihm her, und er soll kommen und sitzen auf meinem Thron und für mich König sein. Denn ihn setze ich zum Fürsten über Israel und Juda ein.

Es geht Schlag auf Schlag, als wäre der alte König aus einer großen Lethargie erwacht oder als hätte er Sorge, die Dinge nicht mehr selbst regeln zu können. Zadok, Nathan und Benaja sollen die Salbung durchführen. An der Gihonquelle. „Der Grund dieser Ortswahl ist nicht mehr eindeutig zu erheben.“ (H. Schmid, aaO. S. 72) Es ist David, der dies alles anordnet und damit Fakten schafft. Frühere Könige, David und sein Vorgänger Saul wurden durch das Volk bzw. die Ältesten gesalbt. Hier dagegen handelt David, als gäbe es ein Erbrecht, eine Dynastie, als könne er in freier Wahl seinen Nachfolger verfügen. „David reißt also ein Recht an sich, das eigentlich dem Volk gebührt.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,1, Göttingen 1977, S. 16)

36 Da antwortete Benaja, der Sohn Jojadas, dem König und sprach: So sei es! Der HERR, der Gott meines Herrn und Königs, bestätige es! 37 Wie der HERR mit meinem Herrn, dem König, gewesen ist, so sei er auch mit Salomo, dass sein Thron größer werde als der Thron meines Herrn, des Königs David!

Widerspruch? Verteidigung der Rechte des Volkes? Fehlanzeige: Benaja bestätigt die Anordnung Davids – mit dem Wort So sei es! Amen. „Benaja, der Führer der Kreti und Pleti, wird sich später als williges Werkzeugt Salomos zur Beseitigung seiner Gegner und Stützung seines Thrones – nicht zu seinem Nachteil – erweisen.“ (E. Würthwein, aaO. S. 17) Die Zustimmung wird mit dem Wunsch verbunden, dass der HERR Salomo die gleiche Treue erweisen möge wie David. Der Wunsch, dass Salomos Thron den Davids übertreffen möge, entspricht der auch heute volkstümlich weit verbreiteten Vorstellung: „Meine Kinder sollen es einmal besser haben als wir.“ Keine Kränkung und keine Herabsetzung für David.

38 Da gingen hinab der Priester Zadok und der Prophet Nathan und Benaja, der Sohn Jojadas, und die Kreter und Pleter und setzten Salomo auf das Maultier des Königs David und führten ihn zum Gihon. 39 Und der Priester Zadok nahm das Ölhorn aus dem Zelt und salbte Salomo. Und sie bliesen die Posaunen, und alles Volk rief: Es lebe der König Salomo! 40 Und alles Volk zog wieder herauf hinter ihm her, und das Volk blies mit Flöten und war sehr fröhlich, sodass die Erde von ihrem Geschrei erbebte.

Die Anordnung wird prompt umgesetzt, eher schmucklos erzählt. Es würde ja auch auf bloße Wiederholung der Anordnungen Davids hinauslaufen. Immerhin: das Volk, das nicht gefragt worden war, signalisiert Zustimmung und Freude. Zeigt sich darin auch Erleichterung, weil man so hofft, dass es keinen leidvollen, blutigen Streit um den Thron geben werde?

41 Und Adonija hörte es und alle, die er geladen hatte und die bei ihm waren, und sie hatten schon gegessen. Und als Joab den Schall der Posaune hörte, sprach er: Was soll das Geschrei und Getümmel der Stadt? 42 Als er noch redete, siehe, da kam Jonatan, der Sohn des Priesters Abjatar. Und Adonija sprach: Komm her, denn du bist ein redlicher Mann und bringst gute Botschaft. 43 Jonatan antwortete und sprach zu Adonija: Nein, denn unser Herr, der König David, hat Salomo zum König gemacht 44 und hat mit ihm gesandt den Priester Zadok und den Propheten Nathan und Benaja, den Sohn Jojadas, und die Kreter und Pleter, und sie haben ihn auf des Königs Maultier gesetzt. 45 Und Zadok, der Priester, samt dem Propheten Nathan hat ihn gesalbt zum König beim Gihon, und sie sind von dort heraufgezogen mit Freuden, sodass die Stadt voll Getümmel wurde. Das ist das Geschrei, das ihr gehört habt. 46 Und schon sitzt Salomo auf dem königlichen Thron, 47 und die Großen des Königs sind hineingegangen, zu segnen unsern Herrn, den König David, und haben gesagt: Dein Gott mache Salomos Namen herrlicher als deinen Namen und lasse seinen Thron größer werden als deinen Thron! Und der König hat sich verneigt auf seinem Lager 48 und hat so gesagt: Gelobt sei der HERR, der Gott Israels, der heute einen meiner Söhne auf meinen Thron gesetzt hat, dass es meine Augen gesehen haben.

Szenenwechsel – hin zu Adonija und seinen Fest „am Stein Sohelet, neben der Quelle Rogel“. (1,5) Zum gleitenden Stein. Sorgfältig wird ein weiteres Mal Bericht erstattet über den Vorgang, durch den Salomo König wird. Die Beteiligten werden alle namentlich aufgezählt. Der ganze Bericht kumuliert in dem einen Satz: Unser Herr, der König David, hat Salomo zum König gemacht. Alle anderen handelnden Personen sind nur Ausführende.

49 Da erschraken alle, die bei Adonija geladen waren, und machten sich auf und gingen hin, jeder seinen Weg.

Was erzählt wird und wie es erzählt, bringt die Planungen Adonijas am gleitenden Stein völlig ins Rutschen. Ehe er sich versieht, ist er allein. Man geht auf Distanz zu ihm. Jeder geht seinen Weg. Adonija hat keine Macht-Basis mehr. So einsam kann einer sein, dessen Pläne offenkundig scheitern

50 Aber Adonija fürchtete sich vor Salomo und machte sich auf, ging hin und fasste die Hörner des Altars. 51 Und es wurde Salomo angesagt: Siehe, Adonija fürchtet den König Salomo, und siehe, er fasst die Hörner des Altars und spricht: Der König Salomo schwöre mir heute, dass er seinen Knecht nicht töten wird mit dem Schwert. 52 Salomo sprach: Wird er redlich sein, so soll kein Haar von ihm auf die Erde fallen; wird aber Böses an ihm gefunden, so soll er sterben.

Adonija weiß, dass er verspielt hat. Die Furcht greift nach ihm. Wohl auch, weil er seinen Bruder Salomo kennt. Aber auch, weil er weiß, wie es in der Welt zugeht, wenn neue Herrscher an die Macht kommen. Köpfe rollen. So flüchtet er an die Hörner des Altars. Wo dieser Altar steht, ist unklar. Klar ist nur, dass er ein anerkannter Zufluchtsort ist. „Adonija nimmt damit für sich das Asylrecht dieses Altars in Anspruch, das dem zu Unrecht oder Recht Verfolgten bis zur Klärung des Falles an Leib und Leben Schutz gewährt.“ (E. Würthwein, aaO. S. 20)

Salomo geht auf das Ersuchen Adonijas, der ihn damit als König anerkannt ein. wenn auch nicht bedingungslos. Sein Verschonen wird gelten, wenn Adonija redlich ist – ben hāijl – ein Edelmann. „Zuverlässigkeit wird von ihm gefordert, dass er sich in die Gelegenheiten schickt und keine verdächtigen Maßnahmen ergreift.“(H. Schmid, aaO. S. 80) Es ist mehr als ein Stillhalteabkommen. Es ist der Verzicht auf alle eigenen Ambitionen. Wird er dies nicht leisten, so ist sein Leben verwirkt.

53 Und der König Salomo sandte hin und ließ ihn vom Altar holen. Und als er kam, fiel er vor dem König Salomo nieder. Salomo aber sprach zu ihm: Geh in dein Haus!

Eine Antwort Adonijas wird nicht überliefert. Nur, dass Salomo ihn holen lässt. Dabei allerdings fällt er vor dem neuen König huldigend nieder und wird in sein Haus entlassen. „Mit der Mehrheit der Ausleger wird man das so aufzufassen haben, dass er sich in das private Leben zurückziehen soll.“ (E. Würthwein, ebda.) Kein Hausarrest, aber auch keine aktive Teilhabe am Geschehen vor Hof.

Zum Weiterdenken

Man muss wissen, wann das Spiel verloren ist. Wer diesen Zeitpunkt nicht erkennt, der gerät umgehend in Lebensgefahr. Damals, auch in Israel. Darin unterscheidet sich das Volk Gottes nicht von den Völkern ringsumher. Es gibt Regeln im Spiel um die Macht, die gelten unverbrüchlich, gewissermaßen universal. Auch heute noch? Wer in den Demokratien des Westens das Machtspiel verliert, muss nicht mehr um sein Leben fürchten. Er verliert nur an Reputation, an öffentlichem Einfluss. Für manche*n ist das ein schlimmer Verlust. Andere gehen erleichtert. Es gibt ein Leben jenseits der Macht, auch jenseits der Öffentlichkeit. Man muss es nur entdecken und annehmen.

Du heiliger Gott, durch menschliches Planen, durch Suchen nach Macht und Einfluss, auch durch Intrigieren führt der Weg, auf dem Du Deine Sache vorantreibst. Wir aber sehen nur den Vordergrund, das Agieren von Menschen in aller Zweideutigkeit, die Selbstsucht, die Machtgier.

Dass wir so kurz-sichtig sind gefährdet unser Vertrauen, unsere Zuversicht. Öffne du uns die Augen, dass wir Deine Gegenwart sehen, auch wenn sie tief verhüllt ist in den Wirren der Zeit. Amen