Nachfolgefragen

1. Könige 1, 1 – 27

1 Als aber der König David alt war und hochbetagt, konnte er nicht warm werden, wenn man ihn auch mit Kleidern bedeckte. 2 Da sprachen seine Großen zu ihm: Man suche unserm Herrn, dem König, eine Jungfrau, die vor dem König stehe und ihn umsorge und in seinen Armen schlafe und unsern Herrn, den König, wärme. 3 Und sie suchten ein schönes Mädchen im ganzen Gebiet Israels und fanden Abischag von Schunem und brachten sie dem König. 4 Und sie war ein sehr schönes Mädchen und umsorgte den König und diente ihm. Aber der König erkannte sie nicht.

König David ist alt geworden. Bettlägerig auch. So alt, dass er fröstelt, selbst wenn er warm zugedeckt wird. Es wird nicht der königliche Rat sein, der hier aktiv wird. Eher die, die täglich um ihn sind und den allmählichen Verfall der Kräfte sehen. Seine Diener – so kann man Große wohl auch verstehen, sorgen sich um ihn. Sie wollen Abhilfe schaffen. Sie suchen jemand, der ihm Körperwärme mitteilen kann. Ein Mädchen. „Dahinter steht wohl ganz schlicht die Erfahrung, dass ein gesunder Körper Wärme ausstrahlt und sich diese bei enger Berührung überträgt.“(H. Schmid, Das erste Buch der Könige, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 2000, S. 59) Es geht um eine therapeutische Maßnahme.

Der alte König wird empfänglich sein für Schönheit. So war es ja bei ihm, als er noch jung war. Die Zahl seiner Frauen spricht an dieser Stelle eine deutliche Sprache. So wird ein schönes Mädchen gesucht – und gefunden. Abischag von Schunem lässt sich auf die Aufgabe ein. Sie wird seine Pflegerin. Mehr nicht. Sie wird dem alten König keine neuen Söhne gebären. Sie ist keine Nebenfrau des Königs geworden, was ihren Status rechtlich „anheben“ würde.

5 Adonija aber, der Sohn der Haggit, erhob sich und sprach: Ich will König werden! Und er schaffte sich Wagen und Gespanne an und fünfzig Mann als seine Leibwache. 6 Und sein Vater hatte ihm nie etwas verwehrt sein Leben lang, dass er gesagt hätte: Warum tust du das? Und er war auch ein sehr schöner Mann und war ihm geboren als der nächste Sohn nach Absalom.

Adonija, der Sohn der Haggit ist der Älteste unter den Davids-Söhnen, nachdem die älteren Söhne Amnon und Absalom nicht mehr leben. So glaubt er, zu Recht, Anspruch auf die Nachfolge Davids erheben zu können. Ich will König werden! Er unterstreicht seinen Willen damit, dass er „aufrüstet“- ein Verhalten, wie es auch schon bei Absalom zu beobachten war – Wagen, Gespanne, Leibwache. „Äußere Erscheinung und Geburt scheinen jedenfalls für Adonija zu sprechen.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,1 , Göttingen 1977, S. 10)

Ob man eine leichte Kritik in der Anmerkung hören darf, dass David ihn nie in seine Schranken verwiesen hat? Das zieht sich als roter Faden durch Davids Umgang mit seinen Söhnen: Er war ihnen gegenüber schwach, zu nachsichtig. Er hat ihnen keine Grenzen gesetzt – weil seine Aufgabe als König ihn seine Aufgaben als Vater hat vernachlässigen lassen? Oder ist das zu modern gedacht, zu sehr von heute her?

7 Und er beriet sich mit Joab, dem Sohn der Zeruja, und mit Abjatar, dem Priester; die hielten zu Adonija. 8 Aber Zadok, der Priester, und Benaja, der Sohn Jojadas, und Nathan, der Prophet, und Schimi und Reï und die Helden Davids waren nicht mit Adonija. 9 Und als Adonija Schafe und Rinder und gemästetes Vieh opferte bei dem Stein Sohelet, der neben der Quelle Rogel liegt, lud er alle seine Brüder, des Königs Söhne, ein und alle Männer Judas, die dem König dienten.

Für sein Vorhaben sichert sich Adonija einflussreiche Helfer. Joab und Abjatar, beide bewährte Männer aus dem Umfeld Davids. Repräsentanten von Militär und Geistlichkeit. Dennoch liegen die Dinge nicht so einfach. Es gibt auch Männer, die David nahestehen und die sich nicht für die Pläne Adonijas einvernehmen lassen. Es könnte daran liegen, dass Adonija „entschlossen ist, zu handeln und vor dem Tode Davids eine Entscheidung zu seinen Gunsten herbeizuführen.“(E. Würthwein, ebda.)Dafür suchte er auch die Unterstützung aller Männer Judas. Ist es nur die Eile Adonijas, die manche zögern lässt oder sind es Bedenken, weil nicht die Mitwirkung aller Stämme, vor allem aus den Norden, gewollt und gefordert wird?

10 Aber den Propheten Nathan und Benaja und die Helden und seinen Bruder Salomo lud er nicht ein. 11 Da sprach Nathan zu Batseba, Salomos Mutter: Hast du nicht gehört, dass Adonija, der Sohn der Haggit, König geworden ist, und David, unser Herr, weiß nichts davon? 12 So komm nun, ich will dir einen Rat geben, dass du dein Leben und das Leben deines Sohnes Salomo errettest. 13 Auf, geh zum König David hinein und sprich zu ihm: Hast du nicht, mein Herr und König, deiner Magd geschworen: Dein Sohn Salomo soll nach mir König sein, und er soll auf meinem Thron sitzen? Warum ist dann Adonija König geworden? 14 Siehe, während du noch da bist und mit dem König redest, will ich nach dir hineinkommen und deine Worte zu Ende führen.

Unter denen, die Adonija nicht eingeladen hat zu seinem Inthronisationsfest, ist auch der Prophet Nathan. Der wird nun seinerseits aktiv. Das ist, ohne dass es großartig erwähnt wird, eine Ausweitung des Bildes von dem, was einen Propheten kennzeichnet. Nathan sitzt nicht kontemplativ in einer Ecke, sucht die Stille und wartet auf ein Gotteswort. Er schaltet sich ein – aus Eigeninteresse und/oder aus Verantwortung? Er stellt die Absicht des Adonija schon als Faktum dar und fordert Batseba zum Handeln auf. Nicht ohne Dramatik – geht es doch für sie darum, das eigene Leben und das des Sohnes Salomo zu retten. Sie soll zu David gehen und ihn erinnern, dass er geschworen hatte, Salomo zu seinem Nachfolger zu machen.

Von einem solchen Schwur steht nichts in den Samuelbüchern. Erst im Chronikbuch gibt es Hinweise, die auf eine „Vorherbestimmung“ Salomos zu deuten sind, aber auch dort nicht durch einen Schwur Davids belegt: „Siehe, der Sohn, der dir geboren werden soll, der wird ein Mann der Ruhe sein; denn ich will ihm Ruhe schaffen vor allen seinen Feinden ringsumher. Er soll Salomo heißen; denn ich will Israel Frieden und Ruhe geben, solange er lebt.“ (1. Chronik 22, 9) Ein Wort Gottes, kein Schwur Davids. Und später: „Und von allen meinen Söhnen – denn der HERR hat mir viele Söhne gegeben – hat er meinen Sohn Salomo erwählt, dass er sitzen soll auf dem Thron des Königtums des HERRN über Israel.“(1. Chronik 28,5) Wenn man so will – Batseba soll David an Gottes Verheißungen erinnern.

15 Und Batseba ging hinein zum König in das Gemach. Der König aber war sehr alt, und Abischag von Schunem diente dem König. 16 Und Batseba neigte sich und fiel vor dem König nieder. Der König aber sprach: Was willst du? 17 Sie sprach zu ihm: Mein Herr, du hast deiner Magd geschworen bei dem HERRN, deinem Gott: Dein Sohn Salomo soll König sein nach mir und auf meinem Thron sitzen. 18 Nun aber siehe, Adonija ist König geworden, und du, mein Herr und König, weißt nichts davon. 19 Er hat Stiere und gemästetes Vieh und viele Schafe geopfert und hat alle Söhne des Königs geladen, dazu Abjatar, den Priester, und Joab, den Feldhauptmann; aber deinen Knecht Salomo hat er nicht geladen. 20 Du aber, mein Herr und König, die Augen von ganz Israel sehen auf dich, dass du ihnen kundtust, wer auf dem Thron meines Herrn und Königs nach ihm sitzen soll. 21 Wenn aber mein Herr und König sich zu seinen Vätern gelegt hat, so werden ich und mein Sohn Salomo es büßen müssen.

Batseba tut, wie es ihr Nathan geraten hat. Das zeigt etwas von Nathans Stellung bei Batseba. Sie erinnert David. Es ist, als würde der alte Mann, der von der schönen Abischag umsorgt wird, umständlich informiert werden müssen. Er weiß nicht mehr, was da im Gang ist. Nur so viel lässt Batseba durchblicken: Adonija hat ihren Sohn Salomo übergangen. Das ist kein gutes Zeichen für die Zukunft, wenn David nicht mehr sein wird. Sie hat Angst. Durchaus zu Recht.

22 Während sie noch mit dem König redete, kam der Prophet Nathan. 23 Und sie sagten dem König an: Siehe, da ist der Prophet Nathan. Und als er hinein vor den König kam, fiel er vor dem König nieder auf sein Angesicht zur Erde 24 und sprach: Mein Herr und König, hast du gesagt: Adonija soll nach mir König sein und auf meinem Thron sitzen? 25 Denn er ist heute hinabgegangen und hat geopfert Stiere und Mastvieh und viele Schafe und hat alle Söhne des Königs geladen und die Hauptleute, dazu den Priester Abjatar. Und siehe, sie essen und trinken vor ihm und rufen: Es lebe der König Adonija! 26 Aber mich, deinen Knecht, und Zadok, den Priester, und Benaja, den Sohn Jojadas, und deinen Knecht Salomo hat er nicht geladen. 27 Ist das von meinem Herrn und König befohlen und du hast deine Großen nicht wissen lassen, wer auf dem Thron meines Herrn und Königs nach ihm sitzen soll?

Noch während Batseba spricht, kommt Nathan hinzu – diese Abfolge ist eine geschickte Inszenierung. Er wirft sich nieder, wie es sich vor dem König gehört, aber er ist durchaus nicht unterwürfig. Seine Schilderung des Geschehens ist so, dass sie David heraufordern muss. Er stellt Fragen, die unangenehm sind: Steht David hinter diesem Akt des Adonija? Hat er ihn ermutigt? Hat er ein Machtspiel gespielt, von dem der Beraterstab des Königs nicht wissen sollte?

Was ist da im Gange? Die Aufzählung derer, die Adonija nicht eingeladen hat, hat eine Schlagseite. „Nathan nennt sich zuerst und betont seine Verbundenheit mit dem König. Davids Diener also hat Adonija gerade nicht eigeladen.“ (H. Schmid, aaO: S. 69) Das gibt dem Geschehen bei seinem Fest den Anstrich einer Revolte. Es ist eine offene Frage, ob es wirklich so ist, wie Nathan zuerst zu Batseba gesagt hatte: David, unser Herr, weiß nichts davon.“(1,11) Oder spielt David doch ein anderes Spiel? Es könnte ja sein, er hat bewusst die Frage seiner Nachfolge offengehalten.

Zum Weiterdenken

Nachfolge zu regeln ist immer heikel, wenn sie nicht durch gewachsene Tradition automatisch geordnet erscheint. Wo es noch keine Dynastie gibt, drohen Kämpfe, drohen Intrigen, drohen Interessenkonflikte. Und: wer sich zu früh bewegt, zieht die Aufmerksamkeit aller Konkurrenten auf sich. Was hier von den Spielen um die Nachfolge Davids erzählt wird, lässt sich mühelos auf die Suche nach Nachfolge-Kandidaten im demokratischen Rahmen übertragen. Wie geht es im Ringen um den einen Platz zu? Welche Regeln der Fairness gelten und wann werden diese Regeln verletzt? Und: Glauben wir, dass Gott auch in solchen Ring-Kämpfen und Ränke-Spielen doch seine Wahl durchsetzen wird?

Mein Gott, immer drängen wir auf rasche Lösungen. Immer wollen wir wissen, wie es weitergeht. Wie oft ist es so, dass Handeln anderer uns zum Handeln treibt. Wir wollen nicht, dass über uns entschieden wird, dass wir die Regie aus den eigenen Händen verlieren. Wir wollen selbst Richtung und Weg bestimmen können

Fehlt es uns am Zutrauen, dass sich schon zeigen wird, was richtig ist? Fehlt es uns am Vertrauen auf Dich? Lehre Du mich, offene Situationen auszuhalten. Lehre mich auch zu fragen und Wege zu suchen – und in allem Deinen Weg. Amen