Riskante Bitte – riskante Rückkehr

Philemon  1 – 25

1 Paulus, Gefangener Christi Jesu, und Timotheus, der Bruder, an den lieben Philemon, unsern Mitarbeiter, 2 und an Aphia, die Schwester, und Archippus, unsern Mitstreiter, und an die Gemeinde in deinem Hause: 3 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

In anderen Briefen stellt Paulus sich anders vor: als Apostel, als Knecht Christi. Hier aber: ein Gefangener Christi Jesu. δσμιος, desmios „gefangen, gebunden“ (Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 189) Doppeldeutig: einer, der von Jesus gefangen, in Beschlag genommen ist oder einer, der für Jesus in Gefangenschaft ist. Das zweite trifft jedenfalls zu: „Er schreibt diesen Brief als einer, der um seines Missionsdienstes willen gefangen ist.“ (P. Stuhlmacher Der Brief an Philemon, EKK, Neukirchen 1975, S. 29)

Paulus ist nicht allein. Auch wenn Timotheus kaum Mitautor ist, ist er doch mit-Absender. Auch der Adressat ist nicht allein. Neben ihm werden Aphia, die Schwester, und Archippus, unsern Mitstreiter und die ganze Gemeinde im Haus des Philemon genannt und gegrüßt. Es fällt auf – der üblich Hinweis Apostel Jesu Christi fehlt. „weil er nicht von vornherein seine besondere Autorität herausheben will.“ (H.Bürki, Der Brief des Paulus an Philemon, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1987, S. 205) Weil er das „Gespräch auf Augenhöhe sucht.

Alles, was folgen wird, steht unter dieser Überschrift, diesem Segensgruß: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! Schön, dass dieser Gruß immer wieder auch zum Kanzelgruß wird – ganz gleich, wie die nachfolgende Predigt ausfallen wird.

4 Ich danke meinem Gott allezeit, wenn ich deiner gedenke in meinen Gebeten 5 – denn ich höre von der Liebe und dem Glauben, die du hast an den Herrn Jesus und zu allen Heiligen -, 6 dass der Glaube, den wir miteinander haben, in dir kräftig werde in Erkenntnis all des Guten bei uns, auf Christus hin. 7 Denn ich hatte große Freude und Trost durch deine Liebe, weil die Herzen der Heiligen erquickt sind durch dich, lieber Bruder.

Mit welcher Herzlichkeit spricht Paulus Philemon an. Es wird deutlich: Philemon ist ein guter Mensch, ein Bruder in Christus nach dem Herzen des Paulus. Andere haben etwas von seinem Glauben. Und er selbst ist auf einem guten Weg, der ihn in der Erkenntnis all des Guten in Christus wachsen lässt. Sein Glauben wächst – das heißt in der Sprache des Paulus: Er bringt das eigene Leben mehr und mehr zusammen mit dem Vertrauen auf den gekreuzigten und auferstanden Christus.

Philemon ist eine Wohltat für die Gemeinde, die sich in seinem Haus sammelt, viel mehr als nur ein reicher, einflussreicher Mann. Es will etwas heißen, dass Paulus ihn, den ortsfesten, ansässigen Menschen doch seinen Mitarbeiter nennt. Erst recht ist es voller Bedeutung, dass Paulus sagt: Philemon hat ihm selbst gutgetan, ihn ermutigt, getröstet, gestärkt. Zwischen ihnen ist die κοινωνία τῆς πίστεώς, koinonia tes pisteos, die Gemeinschaft des Glaubens gewachsen. Sie verbindet sie wie ein kräftiges Band. „In der Koinonia des Glaubens kann einer dem andern zur Freude und zum Trost werden.“(H. Bürki, aaO. S. 208) Das braucht der Apostel, der so viel unterwegs ist, das tut ihm als Erinnerung jetzt gut: Ich habe in Philemon einen brüderlichen Menschen an meiner Seite. Das alles schreibt Paulus, weil es ihm wichtig ist und weil diese Verbundenheit für die nachfolgende Bitte sozusagen seine Ausgangsbasis ist.

8 Darum, obwohl ich in Christus alle Freiheit habe, dir zu gebieten, was zu tun ist, 9 will ich um der Liebe willen eher bitten, so wie ich bin: Paulus, ein alter Mann, nun aber auch ein Gefangener Christi Jesu. 10 So bitte ich dich wegen meines Kindes Onesimus, den ich gezeugt habe in der Gefangenschaft, 11 der dir früher unnütz war, jetzt aber dir und mir sehr nützlich ist.

Was Paulus hier sagt, kommt nicht aus einer theoretisch begründeten Überzeugung, die von Christen verlangt, dass sie vergeben müssten, dass sie neue Anfänge gewähren müssten. Nichts ist zu erkennen als der Versuch, Philemon für eine außergewöhnliche Wohltat zu gewinnen. Ohne Forderung, obwohl Paulus doch als „geistlicher Vater“, als alter Mann auch fordern und gebieten könnte. Er könnte seine Autorität ins Gewicht werfen. Aber: „Statt zu befehlen, entschließt sich Paulus darum lieber zur Bitte.“ (P. Stuhlmacher, aaO, S. 37) Keine Christen-Pflicht. Ohne Druck. Seine Worte haben schon genug Gewicht durch die äußere Situation. Ein Brief aus dem Gefängnis ist keine Kleinigkeit und was der Brief will, erst recht nicht.

Paulus will Philemon nahebringen, wie wertvoll ihm Onesimus ist, dieser „Nichtsnutz.“ Ein entlaufener Sklave. Nichts als Ärger hat Philemon mit ihm gehabt. Vielleicht hat er ihn suchen lassen und irgendwann verärgert aufgegeben. Er ist weg. Aber nun ist da neue Nachricht, aus dem Gefängnis. Der entlaufene Sklave ist festgesetzt. Keine Flucht mehr. Der Weg in die Freiheit hat ein Ende in einer Gefängniszelle.

Dort, in der Gefängniszelle hat ein neuer Weg in die Freiheit seinen Anfang genommen. In der Begegnung mit Paulus ist Onesimus Christ geworden. Er hat zum Glauben gefunden. Müßig, daran zu erinnern, dass ja auch Philemon in der Begegnung mit Paulus zum Glauben gefunden hat. Müßig, darauf hinzuweisen: euch verbindet eine gemeinsame Erfahrung. Die Schritte zum Glauben sind für den Freien und den Sklaven in gleicher Weise Schritte ins Neuland, in eine Freiheit, die in der Bindung an Jesus Christus ihren Grund und ihr Ziel hat. Darum wird Paulus bei Philemon zum Bittsteller.

παρακαλῶ σε περὶ; parakalo se peri „bedeutet nach dem Fortgang unseres Briefes „bitten für“ und nicht „bitten um“. Paulus bittet für sein geistliches Kind, das er in der hat gezeugt hat. (P. Stuhlmacher, aaO. S. 38) Es geht zentral nicht darum, dass Paulus einen Gefährten, Diener im Gefängnis haben möchte, es geht um eine Fürbitte für diesen Gefangenen, der ja an seinen früheren Herrn überstellt werden könnte – zu einem ungewissen Schicksal. Entlaufene Sklaven mussten mit schwersten Strafen rechen.

12 Den sende ich dir wieder zurück und damit mein eigenes Herz. 13 Ich wollte ihn gern bei mir behalten, damit er mir an deiner statt diene in der Gefangenschaft um des Evangeliums willen. 14 Aber ohne deinen Willen wollte ich nichts tun, damit das Gute dir nicht abgenötigt wäre, sondern freiwillig geschehe.

Es is auch eine Zumutung an Onesimus: Den sende ich dir wieder zurück. Ob Philemon einmal mit dem Gedanken gespielt hat, Paulus auf seinen Reisen zu begleiten? Ob er ihm das einmal angeboten hat: Lass mich für dich sorgen. Lass mich deinen Diener sein. Jedenfalls könnte Paulus Onesimus gut brauchen für den Dienst, den ihm Philemon nicht leisten kann.

Aber – und hier klingt das verborgene Thema an: Das Gute geschehe freiwillig. Paulus will sich nichts einfach nehmen. Paulus will auch nicht die widerwillig zugestandene Gabe. Das Evangelium verträgt keinen Zwang, keine Unfreiheit. Es liegt kein Segen auf dem, was einem anderen abgepresst wird, auch mit geistlichen Argumenten abgenötigt wird. Alles geschehe aus Freiheit. Wie viel Zutrauen zeigt sich in diesem Denken und Glauben – Zutrauen zu Gott, zu Onesimus und zu Philemon.

15 Denn vielleicht war er darum eine Zeit lang von dir getrennt, damit du ihn auf ewig wiederhast, 16 nun nicht mehr als einen Sklaven, sondern als einen, der mehr ist als ein Sklave: ein lieber Bruder, besonders für mich, wie viel mehr aber für dich, sowohl im leiblichen Leben wie auch in dem Herrn. 17 Wenn du mich nun für deinen Freund hältst, so nimm ihn auf wie mich selbst. 18 Wenn er dir aber geschadet hat oder etwas schuldig ist, das rechne mir an. 19 Ich, Paulus, schreibe es mit eigener Hand: Ich will’s bezahlen; ich schweige davon, dass du dich selbst mir schuldig bist.

Paulus rechnet damit, hofft darauf, dass es Philemon unmöglich ist, seinen Bruder Onesimus nicht als lieben Bruder zu behandeln, sondern als das, was er auch ist- als einen entlaufenen Sklaven. Aber es ist ein hohes Risiko für alle: Onesimus weiß nicht, ob Philemon ihn wirklich gut aufnehmen wird oder ob er nach Recht und Gesetz verfährt, weil er ein Exempel statuieren muss. Paulus weiß nicht, ob Philemon ihm nicht die Freundschaft kündigt. Und Philemon weiß nicht, ob das gut gehen wird mit dem zurückkehrenden Sklaven, der jetzt „Bruder“ sein soll. Immerhin: „Philemon erhält mit dem zurückkehrenden Onesimus auch dem ihm gehörigen Vermögenswert zurück, und zwar als αἰώνιον , auf unbegrenzte Zeit.“ (P. Stuhlmacher, aaO. S. 41) Auf ewig.

Was Paulus hier ankündigt, ist ein hoch riskantes Unternehmen. Für Onesimus könnte es Tod, zumindest aber schwere körperliche Misshandlung und noch schwerer seelische Erschütterung bedeuten. Und was wäre mit seinem Glauben, wenn ihn sein „geistlicher Vater“ zurückschickt und der Willkür und Strafe eines erzürnten Herren ausliefert?

Aber auch umgekehrt: was wird los sein im Haus des Philemon, wenn Onesimus nicht bestraft wird, wenn er womöglich gar freundlich empfangen wird, wenn er – noch unmöglicher – mit dem „heiligen Kuss“ als Bruder in Christus begrüßt wird. Hält die häusliche Ordnung das aus oder fliegt sein Glauben dem Philemon hochexplosiv um die Ohren? Was werden die eigenen Leute sagen? Was werden die anderen Sklavenherren sagen, innerhalb und außerhalb der kleinen Gemeinde der Christen?

Hier ist Sprengstoff in einem freundlichen Brief verborgen. Der alles bindende Unterschied zwischen Freiem und Gebundenem, Sklave und Herr wird aufgehoben durch die Brüderlichkeit, durch die gemeinsame Zugehörigkeit zum Leib Christi. „Vor Christus sind Herren und Sklaven gleich.“ (P. Stuhlmacher, aaO. S. 43) Wenn dies die erste und vornehmste Bestimmung eines Menschen ist, dass er Christus angehört, so kann in der Tat die Differenz der sozialen Stellung nicht mehr entscheidend sein. Sie ist überwunden durch die Liebe Christi und in dem Leib Christi. „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“(Gal. 3, 28) Was Paulus da theologisch reflektiert geschrieben hat, das holt er jetzt praktisch ein. Und es ist kein Zweifel möglich: Alles im Haus des Philemon wird anders werden, wenn er der Bitte des Paulus folgt.

Demgegenüber sind alle Proklamationen von Freiheitsrechten sekundär. Nur da, wo die Differenzen zutiefst aufgehoben sind, überholt, kann es zur Begegnung auf Augenhöhe kommen. Wie weit sind wir bis heute davon entfernt, gesellschaftlich und auch in der Wirklichkeit unserer Kirchen.

20 Ja, mein Bruder, gönne mir, dass ich mich an dir erfreue in dem Herrn; erquicke mein Herz in Christus. 21 Im Vertrauen auf deinen Gehorsam schreibe ich dir; denn ich weiß, du wirst mehr tun, als ich sage. 22 Zugleich bereite mir die Herberge; denn ich hoffe, dass ich durch eure Gebete euch geschenkt werde.

Es bleibt dabei. Paulus wirbt um die Zustimmung des Philemon. Er wirbt um sie, weil er sich ja mit ihm in der Tiefe des Glaubens verbunden weiß. Das ergibt sich nicht als Automatismus. Tiefe Verbundenheit will auch erworben sein – darum wirbt Paulus so um Philemon. In Psalm 23 heißt es „Er erquickt meine Seele“ (23,3) Paulus erbittet sozusagen von Philemon, dass er Gottes Werkzeug der Erquickung ist. Das geht nur aus einem freien Herzen. Es ist eine Freundlichkeit, die er erbittet und kein Recht, das er einfordert. Es ist ihm eine Herzensangelegenheit – und deshalb spricht er auch Philemon zu Herzen.

So groß ist sein Vertrauen in Philemon, dass er sagen kann: ich weiß, du wirst mehr tun, als ich sage. Dass es nicht nur Gehorsam sein wird, was Philemon tun wird. Überflüssig also auch zu sagen, was zu tun sein wird. Paulus schreibt in dem großen Zutrauen, dass sein Anliegen ein Echo bei Philemon finden wird.

23 Es grüßt dich Epaphras, mein Mitgefangener in Christus Jesus, 24 Markus, Aristarch, Demas, Lukas, meine Mitarbeiter.

Das alles ist ein Brief aus der Gefangenschaft. Vielleicht macht gerade diese Gefangenschaft ja besonders sensibel für das Geschenk der Freiheit. Und wahrscheinlich macht sie auch besonders dankbar für die Erfahrung von Gemeinschaft. Es ist gut, Menschen an der Seite zu haben, die die Verbindung halten, auch wenn es schwierig ist, die sich nicht trennen lassen, auch nicht durch Gefängnismauern.

25 Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist!

Am Ende der Segen. Alles wird gut. Nein – alles möge gut werden. Im Segen ist das Wissen um den Mehrwert bewahrt. Im Segen rufen wir Gott als den Segnenden hinein in unsere Hoffnungen, Wünsche, Pläne und guten Absichten. Im Segen halten wir uns Gott hin: Gib Du, dass aus allem Gutes wird und es Dir entspricht, was wird. Im Segen vertrauen wir uns, die anderen und alle Anliegen Gott an. „Unser Herr macht was daraus.“(K. Vollmer)

 Zum Weiterdenken

 Hoffen auf Verständnis. Hoffen auf Zustimmung. Das lässt Paulus seinen Brief schreiben. Es ist die gleiche Haltung, die er grundsätzlich für seine Verkündigung einnimmt: „So bitten wir nun an Christi statt.“(2. Korinther 5,20) Er kann nicht befehlen, er kann nicht anordnen, er kann nur hoffen und bitten. Wenn Philemon sein Bitten nicht erhört, wenn er den entlaufen Sklaven Onesimus fertig macht, zurücksetzt, gar tötet? Dann hätte Paulus zwei Brüder verloren. Wenn es – um des Evangeliums willen – zu konkreten Schritten kommt, dann ist das immer Risiko und Chance. Es ist nicht heraus, wie es gehen wird, weil die Welt kein Theater mit vorher festgelegtem Ausgang ist. Gott lässt sich in seinem Sohn Jesus auf uns ein – suchend, bittend, mit dem Risiko, dass wir nicht hören. Paulus macht mit seinem Bitten nur Gott ein wenig nach.

 

Heiliger Gott, wie leicht gehen uns Worte über die Lippen: Solidarität. Gleichberechtigung. Menschenwürde. Wie leicht fordern wir ein, rufen nach Gesetzen, verlangen Regelungen. Aber wir müssten es einüben im eigenen Lebensumfeld, mit den Menschen, die mit uns leben solidarisch sein, sie so behandeln, wie wir es uns für uns wünschen, ihre Würde achten in Worten und Taten. Hilf Du uns, dass unser alltägliches Tun unsere Worte nicht Lügen straft.

Herr, unter Deinen Segen stelle ich mich, die Meinen. Deine Gemeinde und die Welt. Unter Deinem Segen muss gut werden, was zerbrochen war, verwundetes Vertrauen heilen, verlorene Beziehungen neu aufleben.

Unter Deinem Segen tun sich versperrte Wege neu auf. Amen