Was sichtbar geworden ist und sichtbar werden soll

Titus 2, 1 – 15

1 Du aber rede, wie sich’s ziemt nach der heilsamen Lehre.

Kommt jetzt Theologie? Wird jetzt erklärt, was die heilsame Lehre ist? An dieser Stelle könnte doch ein kleiner Einführungskurs in frühchristliche Dogmatik erfolgen. Oder setzt Paulus einfach voraus, dass Titus schon wissen wird, was ihm vorschwebt? Weil er es ja oft genug von dem Apostel gehört hat: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“(1. Korinther 3,11) Er ist das Zentrum der heilsamen Lehre.

2 Den alten Männern sage, dass sie nüchtern seien, ehrbar, besonnen, gesund im Glauben, in der Liebe, in der Geduld; 3 desgleichen den alten Frauen, dass sie sich verhalten, wie es Heiligen ziemt, nicht verleumderisch, nicht dem Trunk ergeben, fähig Gutes zu lehren 4  damit sie die jungen Frauen anhalten, dass sie ihre Männer lieben, ihre Kinder lieben, 5 verständig seien, keusch, häuslich, gütig und sich ihren Männern unterordnen, damit nicht das Wort Gottes gelästert werde. 6 Desgleichen ermahne die jungen Männer, dass sie besonnen seien 7 in allen Dingen.

Nein, es folgt keine Entfaltung der Lehrsätze des Glaubens. Es geht mit einer anderen Art Theologie weiter. Mit Anweisungen zur Gemeindeleitung, nach allen Richtungen gedacht: An die alten Männer – πρεσβύτας, presbytas – und die alten Frauen. Πρεσβύτιδας. Presbytidas. Die griechischen Worte werden sonst für die Ältesten verwendet, die eine Gemeinde leiten. Wenn das hier auch der Fall sein sollte, dann hätten wir einen winzigen Hinweis, dass auch Frauen in die Gemeindeleitung einbezogen sein könnten.

Jedenfalls ist die Vielfalt der Gemeinde abgebildet in den Mahnungen, die an die einzelnen Gruppen und die einzelnen Leute geht. Das Leitwort in allen Mahnungen ist „besonnen“. σφρονας. In dieses Wort fließen viele positive Verhaltensmuster mit ein: Nüchtern, ehrbar, geduldig. Jedesmal, wenn das Wort „besonnen“ erscheint, ist es nötig, sich daran zu erinnern, dass das Wort eine hellenistische Haupttugend nennt.“(H. Bürki, aaO. S. 168) Diese Mahnungen sind anschlussfähig an die Umwelt. Es fällt kaum auf: Der Dreiklang „Glaube Liebe, Hoffnung“ (1.Korinther 13, 13) wird hier leicht verändert: Glauben, Liebe, Geduld. Vielleicht darf man so weit gehen und sagen: Die Geduld ist die Lebensgestalt der Hoffnung.

Schön ist das Zutrauen, dass die verschiedenen Gruppen der Gemeinde auch einander helfen können, gute Schritte im Glauben und im Leben zu gehen. So sollen die alten Frauen auf die jungen Frauen einwirken. Wohl weniger durch Reden sondern mehr durch ihr Beispiel, die eigene Lebensführung.

Besonders auffällig ist allerdings, dass sich fast alle Anregungen auf das „normale Leben“ beziehen. Es geht nicht um Gebetshaltungen und Meditations-Übungen, um Gottesdienst-Besuche, um Stille Zeit oder ähnliches. Thema sind vielmehr die Geduld, die Nüchternheit, der Verzicht auf Verleumdungen, die Liebe zu den Kindern…. Gut mit Menschen umgehen ist nach der Sicht des Paulus mindestens genauso wichtig wie Frömmigkeitsübungen. Vielleicht ist es ein Teil der Frömmigkeits-Übungen, dass ich anderen dazu helfe, dass sie gut leben können?

Wirklich revolutionär sind die Mahnungen nicht. Auch die nicht-christliche Umgebung in Kreta hätte gegen solche Mahnungen kaum Einwände zu erheben gehabt. „Ganz Frau und Mutter zu sein ist die Aufgabe der jungen Frau; weil die Sünde der Frau besonders hässlich ist, darum muss sich die junge Frau davor hüten, dass ihr Alltagsleben den Gatten zum verächtlichen Urteil über das Evangelium verleite.“(J. Jeremias, aaO. S. 72) Das heute zu lesen, verschlägt mir die Sprache.

Wir hätten heute gewiss lieber nicht so deutlich patriarchalisch geprägte Wendungen, im Text und in den Auslegungen: Wir richten den Blick mehr auf die Gleichwertigkeit und Partnerschaft der Geschlechter. Es ist gut, sich erinnern zu lassen: „Das Neue, das durch Jesus in die Beziehung der Geschlechter kam, ist gerade nicht eine Verstärkung oder Bestätigung der Männervorherrschaft, sondern eine Wiederherstellung der ursprünglichen Gegenseitigkeit.“ (H. Bürki, aaO. S.167)

Dich selbst aber erweise als Vorbild guter Werke , ohne Falsch in der Lehre und ehrbar, 8 mit heilsamem und untadeligem Wort, damit der Widersacher beschämt werde, weil er nichts Schlechtes über uns sagen kann.

Das ist viel verlangt: in allen Dingen ein Vorbildτύπος, typos sein. Nicht nur im geistlichen Leben, nicht nur in der Klarheit der Lehre. Sondern weit ausgreifend in der Lebenspraxis, den guten Werken, καλά ἔργα, kala erga. im liebevollen Umgang mit Menschen, auch in den Worten, die einer sagt. Beherrscht in den Worten, so dass man einem, der etwas gegen einen hat, eine Brücke baut. Worte können ja verletzen und sind schnell gesagt. Titus soll seine Worte wägen. Sie sollen deutlich sein, untadelig das Evangelium sagen, klar und wahr. Zum Gesunden helfen.

Das Gute an diesem persönlichen „Einschub“ ist, dass er zeigt, dass sich kein Gemeindeleiter Fensterreden leisten darf – anders nach außen als nach innen. Die persönliche Lebensführung redet immer mit und die Worte, die anderen gelten, gelten zuerst dem selbst, der sie sagt. Der Glaube muss ins Leben hinein und zwar in das persönliche Leben. Hier darf man nicht nachlässig mit sich selbst sein und hart gegen andere, sondern eher umgekehrt: barmherzig mit anderen, aber streng mit sich selbst.

9 Die Sklaven ermahne, dass sie sich ihren Herren in allen Dingen unterordnen, ihnen gefällig seien, nicht widersprechen, 10 nichts veruntreuen, sondern sich stets als gut und treu erweisen, damit sie in allem die Lehre Gottes, unseres Heilands, schmücken.

Die Sklaven kommen zuletzt, weil sie auch gesellschaftlich Letzte sind. Wieder ist nichts zu hören, was nicht jeder Zeitgenosse auch gesagt hätte. Nur die Begründung ist anders: Der Gehorsam der Sklaven gegenüber ihren Herren erweist, dass sie der Lehre Gottes gehorsam und treu sind. Die Herren in der Gemeinde müssen sich nicht fürchten vor solchen Weisungen an ihre Sklaven.

11 Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen 12 und erzieht uns, dass wir absagen dem gottlosen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben 13 und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilands Jesus Christus,

Ἐπεφάνη, epephane. Erschienen, sichtbar geworden. Das ist das feste Fundament, auf dem Christen stehen können. Es ist von Christus gelegt. Die Erlösung ist nicht das Werk der Menschen, sie ist sein Werk. Die heilsame Gnade Gottes ist allen Menschen erschienen. In dem einen Menschen Jesus Christus. Nicht wir erlösen, uns selbst oder auch andere – er erlöst. Aber diese Erlösung geschieht so, dass wir uns aktiv abwenden von dem gottlosen Wesen. Aus der Zuwendung Gottes kommt eine Abwendung des Menschen, eine Neuausrichtung des eigenen Lebens. Dabei ist es so: Sich abkehren, alte Gewohnheiten, alte Lebensmuster verlassen, ist harte Arbeit. Es kostet Mühe, weil es so leicht ist, rückfällig zu werden. Vielleicht hilft es, täglich, immer wieder zu singen:

Weg mit allen Schätzen, du bist mein Ergötzen,
Jesu, meine Lust!
Weg, ihr eitlen Ehren, ich mag euch nicht hören,
bleibt mir unbewusst!
Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod
soll mich, ob ich viel muss leiden, nicht von Jesu scheiden.                                                                         
J.Franck 1653, EG 396

Das ist ein anderes Lebenskonzept als das, was vorher war. Das muss nicht spektakulär sein – besonnen, gerecht und fromm sind nicht nur heutzutage nicht die Werte, die in einer Rang-Skala des Verhaltens ganz weit oben stehen. Dieses Lebenskonzept muss und wird auch nicht Schlagzeilen-trächtig sein. Aber nachhaltig soll es sein. Durchgehalten in einer großen Treue.

In der Luther-Übersetzung von 1964 stand noch für σωφρόνως statt besonnen „züchtig“. Das Wort ist aus dem normalen Sprachschatz verschwunden. Es ist durch besonnen gut ersetzt. Besonnene Menschen sind nicht angstgeleitet, auch nicht triebgesteuert. Auch nicht machtbesessen. Sie müssen sich nicht aufgeregt selbst in Szene setzen. Sie tun, was dran ist. Sie sind der Sache und nicht dem Image verpflichtet. Sie sind den Werten treu, die uns das Hören auf das Evangelium erschließt – dem Erbarmen, der Gerechtigkeit, der Geduld, die keinen aufgibt. Solche Besonnenheit ist eine Qualität, die gerade in aufgeregten Zeiten besonders rar und gleichzeitig gefragt ist.

Es wird spürbar wohltuend für die, die um einen so umgekehrten Menschen leben. Und es wird sich zeigen: wer so lebt, lebt nicht in den Augenblick hinein, auch wenn er ganz im Augenblick lebt. Aber er lebt zugleich ausgestreckt in der Hoffnung auf das Kommen Gottes. Auf das Sichtbarwerden der heute noch verhüllten Gegenwart Gottes. Die Erlösung wird sich ja erst vollenden in dieser sichtbaren Erscheinung Gottes.

Am Anfang und am Ende dieser Worte steht jedes Mal eine Form aus dem Grundwort φαίνω – Ἐπεφάνη – ἐπιφάνειαν. Ans Licht bringen. Erscheinen. Es ist das Wort, das in den Begegnungen des auferstandenen Jesu mit seinen Jüngern immer wieder verwendet wird. Das mag ein Hinweis sein: am Ende aller Tage wird kein anderer zur Erlösung, zur Vollendung erscheinen als der, an den die Christen heute schon glauben.

14 der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre zu guten Werken.

Vom Stichwort reinigenκαθαρζω, katharizo – her gibt es eine Querverbindung, auf die man nicht gleich kommen muss, zur Rede Jesu über den wahren Weinstock: „Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe.“(Johannes 15,2) Es scheint, dass im Brief an Titus also eine Vorstellung zum Tragen kommt, die schon früh in der jungen Christenheit auch in anderen Gemeinden vermittelt worden ist. Es geht immer um ein Handeln Gottes am Einzelnen, durch das er ihn/sie so „gestaltet“, wie es der Vorstellung Gottes entspricht.

Was dann zur Vollendung kommen wird, hat hier und jetzt schon angefangen. Ich spiele das – persönlich gefärbt – durch am Stichwort „reinigen“. Nicht wir reinigen uns – er reinigt uns. Hier hat alle Verzweiflung an sich selbst ein Ende. Mein Grübeln über mich selbst macht nicht rein, sondern nur traurig. Der Blick auf das Werk Jesu macht froh. Gereinigt werde ich durch das Kreuz Jesu, durch seine Hingabe. Das ist meine Reinigung, dass er für mich, an meiner Stelle starb. Nun bin ich frei, vor Gott zu stehen.

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit. H.D. Hüsch, Psalm

Von daher, aus diesem Zuvorkommen Gottes gebe ich mein Leben hin an ihn. Ich liefere mich ihm und seinem Handeln an mir aus. Nicht ich weiß, was bei mir anders werden soll – er weiß es. Er soll mich nehmen und reinigen zum Dienst. Vielleicht wäscht er aus meinen Leben weg, was mich noch nie bedrückt hat. Vielleicht lässt er anderes stehen, womit ich mich quäle. Reinigen ist oft eine Arbeit mit scharfen Mitteln und wenn der Einsatz so hoch ist wie hier, dann wird es wohl nicht mit lauwarmem Waschwasser abgehen können. Darum die Bitte: Reinige mich, Herr.

15 Dies rede und ermahne und weise zurecht mit ganzem Ernst. Niemand soll dich verachten.

„Diese Botschaft von der rechtfertigenden und erziehenden Gnade Gottes soll Titus verkündigen.“ (J.Jeremias aaO. S.73) Nicht mehr und nicht weniger. Für sie soll er einstehen. Und niemand hat das Recht, ihn deshalb zu verachten. Für einfältig zu halten. Oder für zu jung. Für einen, der nur die Worte des Paulus nachspricht. Glauben ist auch ein Nachsprechen-Lernen der Botschaft, die ich von anderen empfangen habe.

Zum Weiterdenken

Der Schreiber des Titus-Briefes ist kein Sozial-Revolutionär. Zu seinen Lieblingsworten gehört unterordnen. Ὑποτάσσω, hypotasso. Er ist weit entfernt von einem solchen Satz: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Galater 3,28)Sein Bild von Gemeinde ist konservativ: Männer sind ordentlich. Frauen ordnen sich unter und Sklaven bleiben Sklaven. Es hat lange gedauert, bis in der Christenheit das Schandmal der Sklaverei mit deutlichen Worten gegeißelt und dann auch in der Gesellschaft überwunden worden ist. Bis in die staatlichen Gesetze hinein.

Wie ist das heute? Wagen wir Christen es denn, den Sozialstrukturen und Werten der Gesellschaft zu widersprechen – durch unangepasstes Verhalten, durch Strukturen, die nicht aus dem gesellschaftlichen Konsens kommen und begründet werden? Manchmal denke ich, dass wir auch nur abbilden, was die Gesellschaft, in der wir leben, als ihre Werte benennt. Wir sind weit davon entfernt, die „Kontrast-Gesellschaft des Reiches Gottes“(G. Lohfink) zu sein oder wenigstens anfangsweise abzubilden. Wir sind keine Kirche, die Grenzen aufbricht, weil sie der grenzenlose Liebe Gottes vertraut. „Wir“ schreibe ich – und muss mir eingestehen: Was ich hier schreibe, trifft über lange Zeiten meines Lebens auch mein eigenes Denken, Reden Handeln: bürgerlich angepasst.

Der sich selbst für uns dahingegeben hatἔδωκεν ἑαυτὸν ὑπὲρ ἡμῶν, edoken heauton hyper hymon. Das ist Zentralwort des Glaubens. Für uns. So schreibt Paulus und nimmt darin älteste Worte der Christenheit auf: „Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift;“(1. Korinther 15,4) Ich lese in einem bewegenden Interview: „Ich habe Schwierigkeiten mit dem Satz, dass Jesus „für unsere Sünden gestorben“ ist. Gerade diesem Satz kann ich schwer einen nachvollziehbaren sinn abgewinnen.“(Interview H. Tetens, Für den Atheisten ist die Welt nicht vernünftig“, Anders Handen 1/2020, Hamburg 2020, S. 25) Wenn man den Tod Jesu am Kreuz als eine Art „Reparatur-Unternehmen versteht, dann habe ich auch meine Schwierigkeiten und kann die Fragen nachvollziehen. Anders aber, wenn der Tod am Kreuz, die Hingabe Jesu den Weg in die Freiheit eröffnet. „Die Auferweckung des gekreuzigten Christus offenbart die Gerechtigkeit Gottes anders, nämlich als gerechtmachende Gnade und schöpferische Liebe zu den Gottlosen.“ (J. Moltmann, Der gekreuzigte Gott, München 1972, S. 163) Das ist ganz nahe an dem, was Johannes von Jesus überliefert: „Wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende.“(Johannes 13, 1) In der Liebe geht Jesus bis zum Äußersten, bis ans Ende. Für uns.

Reinige mich, Herr, bilde mich nach Deinem Bild. Vollkommen werde ich auch dann nicht sein. Aber lass etwas von Deinem Licht auf mich fallen, damit es zum Leuchten bringt, was Dir gefällt.

Herr, lehre mich, auf Dich zu schauen, den Blick auf Dich zu richten, Deine Hingabe, Deinen Weg, Deine Liebe. Was ich anschaue, wird mich verwandeln und vielleicht wird so doch etwas sichtbar davon, wie Du mich willst. Amen

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