Gemeinde ordnen – aber wie?

Titus 1, 1 –16

1 Paulus, Knecht Gottes und Apostel Jesu Christi, nach dem Glauben der Auserwählten Gottes und der Erkenntnis der Wahrheit, die der Frömmigkeit gemäß ist, 2 in der Hoffnung auf das ewige Leben, das Gott, der nicht lügt, verheißen hat vor den Zeiten der Welt; 3 aber zu seiner Zeit hat er sein Wort offenbart durch die Predigt, die mir anvertraut ist nach dem Befehl Gottes, unseres Heilands;

Der Briefkopf, die Selbstvorstellung des Brief-Schreibers Paulus ist länger „als in allen anderen Paulusbriefen, aus genommen den an die Römer. (H. Bürki, Der Brief des Paulus an Titus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1987, S. 143) Er stellt sich vor als Knecht Gottes, als Apostel Jesu Christi. Dann aber auch sofort als einer, der Glauben mit anderen teilt, mit den Auserwählten Gottes. Diese ausführliche Vorstellung mit ihren Hinweisen wirkt gewichtig, auch ein wenig gestelzt. Wenn der Brief an sein rechtes Kind gerichtet ist, versteht man das nicht. Das mag ein erster Zeichen dafür sein, dass hier kein Privatbrief vorliegt, sondern eine Art „amtliches Schreiben“.

In den ersten Zeilen wird der Glaube, πίστις, pistis – als Quelle, Grund und Richtschnur für das eigene Leben benannt. Die Wendungen sind aufeinander bezogen – nach dem Glauben und der Frömmigkeit gemäß. So ist εὐσέβεια, eusebeia zu übersetzen Aus dem Glauben, der Wahrheit Gottes erwächst die Frömmigkeit, die Gottesfurcht. „Wenn Gottes Heilswahrheit nicht zur Frömmigkeit führt, hat sie ihren Sinn verfehlt.“(H. Bürki, aaO. S. 144) Sie ist Frucht des Glaubens und nicht einfach nur ein äußerlicher Habitus. Schon gar nicht frommes Getue oder Frömmelei.

Gedrängt und verdichtet, tauchen Hauptworte der christlichen Lehre auf: Glauben, Erkenntnis der Wahrheit, Frömmigkeit. Es ist, als wolle der Schreiber schon in den ersten Sätzen unmissverständlich klar machen: Was mich treibt ist das Evangelium: Um Wahrheit und Glauben, um Hoffnung geht es, um die Bereitung hin auf das Ende der Zeiten. Um zu empfangen, was Gott verheißen hat – das ewige Leben. Verlässliche Worte, weil Gott der ist, der nicht lügt. Was er sagt, geschieht. Was er verheißt, wird erfüllt.

Er, Paulus, der Schreiber dieses Briefes, weiß sich dazu gerufen, die Wahrheit Gottes offenbar zu machen durch sein Tun und Reden. Das ist alles andere als selbstverständlich. Denn es gab eine Zeit, in der das alles zwar verheißen war, aber noch verhüllt, vor den Zeiten der Welt. Aber jetzt ist andere Zeit, weil Gott eine neue Zeit gesetzt hat: Zu seiner Zeit hat er sein Wort offenbart durch die Predigt. Das ist das, was die Zeit dieses Briefes charakterisiert – sie ist ein Geschenk, weil Gott enthüllt hat, offenbart, was zuvor verborgen war. Ἐφανέρωσεν , ephanerosen – er hat es sichtbar werden lassen. „Gott enthüllt etwas, was für die Erkenntnis der gegenwärtigen Weltzeit verhüllt ist.Er offenbar etwas, was nach den Erkenntnisbedingungen der gegenwärtigen Weltzeit unerkennbar ist.“(J. Moltmann, Der gekreuzigte Gott, München 1972, S. 154) Nicht senkrecht von oben, sondern durch die Predigt, ἐν κηρύγματι, en kerygmati – in der Verkündigung.

Das erinnert an den Anfang des Hebräer-Briefes: „Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welt gemacht hat.“(Hebräer 1,1-2)

Wenn man hier  Selbstbewusstsein des Paulus hört, so trifft es nicht. Es ist ein anderes Sendungs-Bewusstsein, nicht so, wie das heute leicht verstanden wird. Paulus sieht nicht sich selbst als groß, wohl aber seine Botschaft. Sich selbst sieht er als Knecht, als Sklave – so wörtlich ja δοῦλος, doulos. Aber die Botschaft, die er zu sagen hat, die ist groß, großartig. Weil sie den Weg zum Leben öffnet.

Eine doppelte Sendung hat Paulus als Apostel: die Erhaltung der Gemeinde im Glauben und die Ausbreitung der Wahrheitserkenntnis unseres Glaubens.“ (J.Jeremias Der Brief an Titus, NTD 9, Göttingen 1975, S.68) Dieser Spur folgt bis heute das Arbeiten in der Kirche: Es geht um Sammlung und Sendung der Gemeinde. Immer um beides, nie nur um eines.

4 an Titus, mein rechtes Kind nach unserem gemeinsamen Glauben: Gnade und Friede von Gott, dem Vater, und Christus Jesus, unserm Heiland!

Der langen Selbstvorstellung folgt die knappe Angabe des Adressaten: an Titus, meinen rechtes Kind nach unserem gemeinsamen Glauben. Man wird zu verstehen haben: „Titus ist durch die Verkündigung des Apostels zum Glauben gekommen.“ (H. Bürki, aaO. S.146)  Es geht weniger um eine Erinnerung: Du verdankst deinen Glauben meiner Verkündigung, sondern mehr um die Erinnerung: Unser gemeinsamer Glaube“ – κοινὴ πίστις, koine pistis ist das verbindende Band, über allen Abstand hinweg.

Wir wissen von Titus aus anderen Briefen, dass er eine Gefährte des Paulus war, kein Christ jüdischer Abstammung, sondern ein Grieche. Einer, auf den Paulus sich verlassen konnte. Einer, der ihn durch sein bloßes Dasein ermutigt hat: „Aber Gott, der die Geringen tröstet, der tröstete uns durch die Ankunft des Titus.“(2. Korinther 7,6) „Die kirchliche Überlieferung berichtet, dass Titus Bischof geworden sei, unverheiratet gelebt habe und mit 94 Jahren gestorben sei.“ (H. Bürki, aaO. S.141)

Diesem Sohn spricht Paulus zu, was tragfähig ist: Gnade und Frieden. Beides kommt aus dem Geben Gottes. Nicht aus den Umständen des Lebens. Diese Worte sind mehr als nur ein fromme Floskel. Sie sind die Basis, auf der Paulus schreibt, auch sonst – nach Rom, nach Philippi – und sie sind zugleich Segenswort, das das Leben tragen wird.

5 Deswegen ließ ich dich in Kreta, dass du vollends ausrichten solltest, was noch fehlt, und Stad für Stadt Älteste einsetzen, wie ich dir befohlen habe:

Titus ist mit klarem Auftrag auf Kreta: er soll die junge Gemeinde organisieren. Er soll Leute als Gemeindeleiter einsetzen. Er soll weiterführen, was zuvor angefangen worden ist. „Was Paulus unvollendet zurückgelassen hat, vertraut er Titus zur Weiterführung an.“(H. Bürki, aaO. S. 149) Es braucht eine vernünftige Struktur, damit die Gemeinden standfest werden. Diese Weisung spricht dafür: Hier ist die Anfangs-Situation einer Gemeinde im Blick. Noch ist vieles im Fluss, unausgegoren, anfällig für Gefährdungen. Darum dieser Schritt, Älteste einzusetzen. πρεσβυτέροι. Presbyter. Leute, an deren Lebenserfahrung und Glaubensweg die junge Christengemeinde Richtung gewinnen kann.

„Zum Verständnis der Kirche des Neuen Testamentes ist es sehr bedeutsam, diese Tendenz zu Ordnung und zur äußeren Organisation in der Kirche fest im Auge zu behalten. Es ist nicht richtig, dass erst eine Zeit des Geistes gewesen ist, in der äußere Ordnung als Hemmung und Verknöcherung des Lebens der Kirche abgelehnt worden sei. Nein, neben dem Wirken des Geistes hat immer äußere Ordnung bestanden. So sehr gilt von vornherein, dass das Leben der Kirche Jesu Christi immer auch eine äußere, sichtbare Seite hat, die der Ordnung bedarf.“(W. Brandt, Apostolische Anweisung für den kirchlichen Dienst, Die urchristliche Botschaft, 15. – 17 Abteilung, Berlin 1941, S.102)

6 wenn einer untadelig ist, Mann einer einzigen Frau, der gläubige Kinder hat, denen man nicht vorwirft, liederlich oder ungehorsam zu sein.7 Denn ein Bischof soll untadelig sein als ein Haushalter Gottes, nicht eigensinnig, nicht jähzornig, kein Säufer, nicht gewalttätig, nicht schändlichen Gewinn suchen;

Es braucht menschliche Qualitäten bei den zukünftigen Gemeindeleitern, damit sie der Gemeinde Orientierung geben können. So lese ich diesen Katalog an Tugenden, an Verhalten: Nicht als Maximalforderung auf dem Weg zur vollkommenen Frömmigkeit. Sondern als schlichten „Lebens-Standard“. Drunter geht es nicht.

Es sind zwei Brennpunkte, die besonders hervorgehoben werden. Der gute Ruf und der gute, eigene Hausstand. Die eigene Lebensführung im familiären Umfeld ist mindestens genauso wichtig wie das Auftreten in der Öffentlichkeit.

Der Lasterkatalog, der Ausschluss-Kriterien benennt, verwundert ein wenig: nicht eigensinnig, nicht jähzornig, kein Säufer, nicht streitsüchtig, nicht schändlichen Gewinn suchen. Sind solche Leute wirklich in der Gemeinde? Aber, wenn es sie nicht in der Gemeinde gäbe, macht die Warnung, sie einzusetzen, doch keinen Sinn. So korrigieren dieses Sätze ein Bild von der ersten Gemeinde, nicht nur in Kreta, das uns vorgaukelt: Da waren lauter Leute mit sanften Stimmen, völlig integrem Leben, unbefleckt von aller menschlichen Schwäche geradezu heiligmäßig lebend, versammelt. Mitnichten.

Die christliche Gemeinde des Anfangs ist wie die christliche Gemeinde heute: Eine Ansammlung von wirklichen Menschen mit wirklichen Schwächen. Manche ein wenig frömmer, andere schwer auszuhalten. Es „menschelt“ in der Gemeinde. Wie sonst sollte unsereiner denn auch in ihr seinen Platz finden können.

8 sondern gastfrei, gütig, besonnen, gerecht, heilig, beherrscht; 9 er halte sich an das Wort, das verlässlich ist und der Lehre entspricht, auf dass er die Kraft habe, zu ermahnen mit der heilsamen Lehre und zurechtzuweisen, die widersprechen.

Es braucht Älteste, die in Wort und Wesen das Evangelium „transportieren.“ Es zusagen und es sich gesagt sein lassen. Daraus leben und mit der heilsamen Lehre – eine Lieblingswendung auch in den Briefen an Timotheus – auf einen guten Weg helfen. Es ist eine steile Forderung: „Die Leitung einer Gemeinde darf nur einem Mann anvertraut werden, dem eine Verkündigung nach dem Lehrverständnis der kirchlichen Überlieferung innerlichst am Herzen liegt.“(J.Jeremias aaO. S. 69f.) Aus heutiger Sicht wird man im Bereich evangelischer Kirchen ergänzen dürfen: auch einer Frau.

10 Denn es gibt viele, die sich nicht unterordnen, Schwätzer und Verblendete, besonders solche aus der Bescheidung, 11 denen man das Maul stopfen muss, die ganze Häuser verwirren und lehren, was nicht sein darf, um schändlichen Gewinns willen.

Es wird schrill im Tonfall , selbst wenn man unterstellt, dass diese Worte das Umfeld meinen und nicht die Menschen in der Gemeinde. Aber vermutlich geht es gar nicht um die Umwelt, sondern um Menschen in den eigenen Reihen, was den Ton allerdings noch härter erscheinen lässt: „Nun werden die Irrlehrer charakterisiert. Sie stellen für die junge ungefestigte kretische Gemeinde eine besonders ernste Gefahr dar, weshalb energisches Vorgehen am Platz ist.“(J.Jeremias, aaO. S.70)

Die die Gemeinde durcheinander bringen, Schwätzer und Verblendete – ob sie nun aus den Juden – darauf deutet die Herkunft aus der Beschneidungkommen oder von woanders her, müssen zum Schweigen gebracht werden. Es könnte sein, dass diese Störenfriede als Lehrer mit der Forderung des Gesetzes aufgetreten sind, wie so manche mit einer jüdischen Herkunft. Aber es kann auch sein, dass andere Hintergründe mitspielen. Das wird nicht deutlich.

Deutlich wird allerdings, wie weit diese Worte entfernt sind von dem liebenden Werben der Worte aus dem Brief an die Römer in den Kapiteln 9 – 11. Hier ist keine Brücke zu den jüdischen Brüdern. Hier ist keine Hoffnung, sie zu gewinnen. Die Liebe, mit der Paulus um seine Volksgenossen gekämpft hat, ist in diesen Worten nicht mehr spürbar oder, erschreckend, gar in Hass umgeschlagen. Das mag ein Hinweis auf die schmerzende Entfremdungsgeschichte seit den Anfängen des Sonderweges der Christen sein.

12 Es hat einer von ihnen gesagt, ihr eigener Prophet: Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche. 13 Dieses Zeugnis ist wahr. Aus diesem Grund weise sie scharf zurecht, damit sie gesund werden im Glauben 14 und nicht achten auf die jüdischen Fabeln und die Gebote von Menschen, die sich von der Wahrheit abwenden.

Jetzt geht der Schreiber regelrecht auf die Kreter los. Warum -unklar. Eine kretische Stimme wird zitiert. Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche. „Der Ausspruch wird dem kretischen Priester Epimenides (6. Jahrhundert v. Chr.) zugeschrieben.“ (H. Bürki, aaO. S.156) Er wird von Paulus bestätigt. Seine Schlussfolgerung daraus: Kein Blatt vor den Mund nehmen. Klartext ist angesagt, ohne jeden Kompromiss, ohne Zugeständnisse, würden wir wohl sagen.

Die Erwartung: Aus dem Klartext entsteht so etwas wie eine Immunisierung. Sie werden gesund im Glauben. Sie werden nicht weiter empfänglich für das, was Paulus jüdische Fabeln nennt. Und für die Gebote, die die aufstellen, die nicht der Wahrheit des Evangeliums trauen.

Es fällt schwer, hinter diesen Worten über die Kreter den fürsorglichen Schreiber der ersten Zeilen zu entdecken. Der so deutlich die menschlichen und geistlichen Qualitäten einfordert, ist hier rasch bei der Hand mit Sätzen, die sich wie üble Klischees anhören, die den anderen alle menschlichen Qualitäten absprechen. Ob das wirklich hilfreich ist für Lebensänderungen, dass man Menschen „scharf zurechtweist“? Gibt es doch die andere Erfahrung, dass zu harsche Kritik eher verhärtet, eher Widerstand hervorruft.

Ein bisschen mutet das an wie der Versuch, die eigenen Leute abzuschotten. Aber vielleicht ist die Situation so, dass nicht Offenheit, sondern Abgrenzung angesagt ist, nicht Gespräch, sondern Abkehr? Ich lassse meine Sicht in Frage stellen: „Nur wer in der letzten Hingabe um Menschen ringt, wie es Jesus, die Propheten und Apostel taten, kann so unverblümt alles Faule und Falsche bloßlegen, um einen einzelnen, einen Kreis, eine Gemeinde oder ein ganzes Volk aufzuwecken und zur Umkehr zu rufen.“ (H. Bürki, ebda.)

15 Den Reinen ist alles rein; den Unreinen aber und Ungläubigen ist nichts rein, sondern unrein ist beides, ihr Sinn und ihr Gewissen. 16 Sie beteuern, Gott zu kennen, aber mit den Werken verleugnen sie ihn; ein Gräuel sind sie und ungehorsam und zu allem guten Werk untüchtig.

So sehr ist Paulus in seinem Urteilen gefangen, dass er auch aus einem gewissermaßen neutralen weisheitlichen Satz „Den Reinen ist alles rein; den Unreinen aber und Ungläubigen ist nichts rein“ nur noch ein Urteil machen kann. Warum soll Titus auf dieser Insel noch etwas tun – das ist doch ein verlorener Platz, so wie diese Worte über die Kreter klingen.

Noch einmal die Diagnose aus den Worten des Paulus: ihr Sinn und ihr Gewissen ist unrein. Μιάινω„beflecken, beschmutzen, besudeln.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S.505) ist stärker als das eher vorsichtige unrein. Sinn und Gewissen sind untauglich geworden, wie ein befleckter Spiegel, der kein Bild mehr zeigt. Wenn Verstand und Gewissen unterdrückt, befleckt oder verstört werden, dann schreitet der Verfall sittlicher Maßstäbe rasch voran, dann kann man sogar im Namen Gottes und des Gewissens morden, kriegen, schänden und betrügen.“ (H. Bürki, aaO., S. 159) Es finden sich auch in unsere Zeit genug Belege für solches Handeln, angeblich geboten durch die eigene Religion.

Besonders schmerzhaft: Die, denen die Auseinandersetzung gilt, sind keine Gottesleugner. Keine Atheisten. Sondern Leute, die von sich selbst sagen: Wir kennen Gott. Wir wissen, wie er ist, was er will. Aber – so der Einwand des Paulus: Was sie von sich selbst sagen, stimmt nicht zusammen mit ihrem Leben. In ihrem Verhalten zeigt sich nicht, dass sie Gott vertrauen, dass das Evangelium von Christus sie leitet. Und: Sie bleiben das gute Werk schuldig. Ich übersetzte für mich: Taten der Barmherzigkeit. Das Weitergeben des Erbarmens Gottes. Reden und Leben, Worte und Handeln fallen auseinander und widerlegen die behauptete Frömmigkeit.

Zum Weiterdenken

Gemeinde muss und kann eine Ordnung finden. Gestaltlose Gemeinde ist für das Neue Testament nicht vorstellbar. Die Ordnung der Gemeinde dient und entspricht dem Auftrag auch in ihrer Gestalt. Eine andere Ordnung ist für die Gemeinde nicht vorstellbar. Nur darf dies nicht dazu führen, dass ein früheres Bild der Gemeinde auf ewig festgeschrieben wird. Es wird darum gehen müssen, Ordnungen zu finden, die der Gemeinde in ihrer Zeit dazu helfen, die Botschaft von der freien Gnade auch wirklich auszurichten. Nicht nur in ihren eigenen vier Wänden, sondern für alles Volk. Über enger werdende Grenzen hinaus.

Mich beschäftigt und erschreckt die Schärfe der Auseinandersetzung, der Abgrenzung. Eine Schärfe, die an der Gegenseite ja nur noch moralischen Verfall sehen kann, nur noch Lüge und Verführung. Ist das zwangsläufig so: weil es um die Reinheit des Evangeliums geht, gibt es nur noch Schwarz oder Weiß. Aber keine Zwischentöne, keine Brücken?

Wenn ich mir selbst Rechenschaft zu geben suche: Es gibt Erinnerungen an Auseinandersetzungen, wo ich rasch mit den Abweichlern fertig war. Wo ich es an der geduldigen Liebe habe fehlen lassen. wo ich auf mein letztes Wort nur deshalb verzichtet habe, weil ich dachte: Gott wird es ihnen schon zeigen und es sie spüren lassen, wie sie irren.

Heute geht es mir anders. Ich glaube, dass es eine Härte, eine Schärfe in den Urteilen und dem Ringen um Klarheit gibt, die sich mit dem Evangelium von Jesus nicht mehr vereinbaren lässt. Weil er in seiner Person die suchende Liebe ist und bleibt, die auch die Irrenden sucht. Immer. In einer unendlichen Geduld.

Heiliger Gott, Du gibst Deiner Gemeinde, was sie braucht. Glauben, Liebe, Hoffnung. Du gibst ihr Menschen, die ihr gut tut, die andere leiten können, ermutigen, ein Beispiel des Glaubens sein können in dem, wie sie alltäglich leben.

Mein Gott, die harten Worte erschrecken mich. Rede ich so von Menschen in der Gemeinde? Wo ist die Grenze zwischen Hochmut und aufbauender Kritik? Wo ist die Grenze zwischen Lieblosigkeit und harter barmherziger Wahrheit?

Gib mir Worte, die aufbauen, auch wenn sie kritisieren, die nach vorne helfen, auch wenn sie wehtun. Gib mir Worte aus Deiner Liebe. Gib Du uns heute, dass wir auf uns selbst achten, damit wir keinem den Weg zum Glauben, den Weg in die Gemeinde verstellen, der diesen Weg sucht. Amen

3 Gedanken zu „Gemeinde ordnen – aber wie?“

  1. Wenn die Verantwortlichen in der Kirche zu Beginn der NS Zeit die Worte des Paulus beherzigt hätten, wäre .manches vielleicht anders geworden. Ich finde Paulus in seiner Kritik deutlich und engagiert, aber sicher war das nötig. Hass kann ich da nicht heraushören.

    1. Vielleicht ist Hass das falsche Wort. Aber in der Sache bleibe ich dabei – das ist ein Tonfall, der dem Evangelium nicht entspricht. Dass die Kirchen in den Anfängen der der NS-Zeit anders hätten agieren müssen, ist wahr. Aber nicht mehr zu ändern.
      Zu ändern wäre aber, dass die evangelikalen Brüder und Schwestern in Brasilien und den USA ihren frei drehenden Präsidenten endlich das Vertrauen kündigen und sie kritisieren – Scharfmacher, Hass-Redner, Egomanen, die spalten und nicht versöhnen. Da wünsche ich mir klare Worte, Klartext, auch aus der IFES.

      Scharfe Worte statt „kirchlichem“ Gesäusel. Klartext statt Wischiwaschi. So könnte man auch lesen und ich verstehe das, weil es mich manchmal aufregt, wenn alle weichgespült wird. Es gibt diese Sehnsucht nach Klarheit. Wird sie hier bedient? Meine Frage: Muss sich Klarheit nicht auch darin bewähren, dass sie an der Liebe festhält, dass sie das Erbarmen mit den Gottlosen transportiert. Was ist das für eine Wahrheit, die dem anderen wie ein nasser Lappen um die Ohren geschlagen wird? Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche. Verliert man mit dieser Art von Wahrheit nicht auch das Evangelium? Mir scheint, der Schreiber in der Rolle des Paulus hat das Evangelium aus den Augen verloren in der Härte, in der er urteilt, aburteilt.

      Auch das gehört zu meinem nachdenklichen Fragen an mich selbst: Darf ich einen Brief, der im Kanon steht, damit Teil der „Heilige Schrift“ ist, so der Kritik unterziehen? Oder kritisiere ich damit das Wort Gottes? Mir sind diese Worte in dieser Härte nicht vereinbar mit den Worten dessen, der die Liebe zu den Gottlosen festgehalten hat bis zum Äußersten, bis zum Tod am Kreuz. Das also ist meine Kritik – theologische Sachkritik von der Mitte des Evangeliums her.

      1. Danke für deine ausführliche
        Antwort, die ich nachvollziehen kann.
        Überhaupt sind deine Textauslegungen und die vielen Zitate ein grosser Schatz!!!

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