Predige das Wort

2. Timotheus 4, 1 8

1 So ermahne ich dich inständig vor Gott und Christus Jesus, der richten wird die Lebenden und die Toten, und bei seiner Erscheinung und seinem Reich: 2 Predige das Wort, steh dazu, es sei zur Zeit oder zur Unzeit; weise zurecht, drohe, ermahne mit aller Geduld und Lehre.

Es sind eindrückliche Worte – nachdrücklich vor allem auch durch den Hinweis auf den kommenden Christus. Die Worte sind ja eingegangen in das Bekenntnis, dass viele Gemeinen all-sonntäglich sprechen: „Ich glaube an Jesus Christus… er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.““ Apostolisches Glaubensbekenntnis EG 804)

Die Worte haben Gewicht, weil sie Timotheus erinnern: Du stehst im Auftrag. Du bist im wahrsten Sinn des Wortes verantwortlich. Διαμαρτύρομα diamartyroma steht da – Ich beschwöre dich. (Einheits-Übersetzung), viel eindringlicher als das sonst häufig verwendete πaρaκάλω, parakalo, das „ermutigen“ und „ermahnen“ heißen kann. Im Griechischen Wort klingt mit an: „Gott und Menschen zum Zeugen anrufen.“(Gemoll, aaO. S, 202) Weil Paulus Timotheus erinnern will: „Was Menschen über dich sagen, ist am Jüngsten Tag ohne Bedeutung; darum sollst du auch jetzt schon frei davon sein.“ (H. Bürki, aaO. S.96) Oder anders: Das Schauen auf die letzte Verantwortung befreit von der Abhängigkeit von Hörer-Zustimmung.

Predige das Wort κήρυξον τὸν λόγον, keryson ton logon – einmal mehr ist es wichtig, sich von vertrauten Bildern freizumachen. Paulus spricht nicht von der Predigt, wie wir sie kennen. Sonntags um 10, fünfzehn oder wohl auch einmal fünfundzwanzig Minuten lang.. „Verkündige das Wort Gottes“ (K. Berger/C. Nord, aaO. S. 758) Von Gott sprechen, von Jesus erzählen, zum glauben ermutigen, wo immer er sein wird. Das Wort, λόγος, logos ist das Evangelium. Um weiter zu verstehen, leihe ich mir Worte eines großen Theologen: „Der Auferstandene ist das Evangelium“ (P. Schütz, Evangelium, Bd. I Gesammelte Werke, Hamburg 1972, S.506) Ihn soll Timotheus seinen Leuten vor Augen malen. Und seit Timotheus alle, die an diesem Predigtamt Anteil haben.

Dieses Predigen ist vielfältig in seinen Akzentuierungen: zurechtweisen, drohen (besser: tadeln), ins Gewissen reden, ermahnen und ermutigen (diesmal steht παρακάλω) mit aller Geduld und Lehre. Es sind keine Worte, die zu gefälliger Rede aufrufen. Im Gegenteil: Es geht nicht darum, den Leuten nach dem Mund zu reden. Es geht um Wegweisung, auch um Forderung, Herausforderung.  Immer geht es darum, dass der Prediger seinen Hörerinnen und Hörern hilft, den Glaubensweg zu gehenen.

3 Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden; sondern nach ihrem eigenen Begehren werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken, 4 und werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zukehren.

Das Weitersagen und Einstehen für das Evangelium ist kein einfacher Auftrag. Weil es um die Bereitschaft zu hören nicht immer gut bestellt ist. „Die Zeit ist im Anbruch, da man in der Kirche die herbe Predigt von Sünde und Gericht, von Erlösung und Heiligung unerträglich finden wird.“ (J. Jeremias, aaO. S.63) Diese Worte des Auslegers aus dem Jahr 1975 sind kaum nur historische Anmerkung zur Zeit des Paulus. Sie sind durchsichtig auf Hörerverhalten bis heute.

Das ist mir zu dogmatisch.“ – „Immer nur: wir sind Sünder – dadurch sollen wir klein gemacht werden.“ – „Ein bisschen freundlicher darf man schon über die Menschen denken, wir sind doch von Grund auf gut.“ Das sind Sätze, die auch heute Prediger und Predigerinnen zu hören bekommen, die die heilsame Lehre sagen – dass wir erlösungsbedürftig sind, dass wir Gott nicht recht sind, weil wir so gut sind, sondern weil er uns sich recht sein lässt – um Jesu Christi willen. Dass wir auf die Gnade angewiesen bleiben. Immer. Auch in dem frömmsten Leben.

Es singt sich noch einigermaßen leicht, aber es glaubt sich schon schwerer als das Urteil über das eigene Leben:

Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst, die Sünden zu vergeben.                                Es ist doch unser Tun umsonst auch in dem besten Leben.                                               Vor dir niemand sich rühmen kann.                                                                                         Des muss dich fürchten jedermann                                                                                    Und deiner Gnade leben.                                 M. Luther 1524, EG 299

Auf der Hitliste der Lieblingslieder landet dieses Lied nicht ganz weit oben. Obwohl es die heilsame Lehre nach-buchstabiert.

5 Du aber sei nüchtern in allen Dingen, leide willig, tu das Werk eines Predigers des Evangeliums, erfülle redlich deinen Dienst.

Es sind – so merkwürdig es klingen mag – Mutmach-Worte an einen Mitarbeiter, der es manchmal schwer mit sich hat und der diese Ermutigung in ihrer herben Form bitter nötig hat. ργον ποίησον εὐαγγελιστοῦ, ergon poieson evangelistou, önnte man auch übersetzen: Mache die Arbeit eines Evangelisten. Rufe zum Glauben, mit wem auch immer du zu tun haben wirst.

Es gehört zur Nüchternheit sich einzugestehen: das ist nicht nur nicht einfach, das verwickelt auch in Gegensätze, ruft Widerstand hervor bringt Leiden mit sich. Κακοπάθησον. kakopatheson „Unglück, eine Niederlage erleiden, misshandelt werden“ (Gemoll, aaO. S. 402) Es gibt – so dieser Brief – einen Zusammenhang zwischen dem Predigen des Wortes und der Erfahrung des Leidens. Zeuge sein – da klingt das Martyrium mit an. Umso wichtiger: „In allen Dingen einen kühlen Kopf bewahren“ (K. Berger/C. Nord, ebda.), bei der Sache bleiben. Sich ab die Aufgabe des Rufes zum Glauben hingeben.

6 Denn ich werde schon geopfert, und die Zeit meines Hinscheidens ist gekommen. 7 Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten; 8 hinfort liegt für mich bereit die Krone der Gerechtigkeit, die mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag geben wird, nicht aber mir allein, sondern auch allen, die seine Erscheinung lieb haben.

Der Schreiber weiß: meine Zukunft wird kürzer. „Es ist Zeit, Abschied zu nehmen.“ (K. Berger/C. Nord, ebda.). Das ist nicht Schicksalsergebenheit, schon gar nicht Resignation. Sondern „das ist der glaubensgewisse Ausblick auf die richterliche Herrlichkeit seines Heilandes.“ (J. Jeremias, aaO., S.64) Und darum Zustimmung und Zuversicht, ein Sich-fest­machen im Wort. Die Zukunft ist geklärt, nicht durch die eigene Tapferkeit, sondern durch die Zugehörigkeit zu Jesus Christus. Vor ihm wird ja unser Leben offenbar werden. Und Paulus weiß: Der mich da richten wird ist der, der sich für mich gegeben hat, dem ich darum mein Leben hier schon anvertraut habe und an den ich es hingegeben habe. Sein Richten wird mich aufrichten.

Darum liest man auch falsch, wenn man hier Selbstgewissheit lesen würde. Als ob Paulus die Bilanz seines Leben zöge und sagen würdet: alles gut. Nein. Paulus nimmt das Urteil Christi nicht vorweg. Aber er hält fest daran: ich gehe dem entgegen, dessen Gnade ich verkündigt habe und auf dessen Gnade ich vertraue. Es ist seine Gnade, die mir die Krone der Gerechtigkeit bereitlegt. Nur: Ein wenig Aufatmen schwingt vielleicht doch mit. Im Rückblick mag der Schreiber sehen, wie oft er auch gefährdet war in seiner Treue. Und drum erleichtert für sich fest halten: Ich habe Glauben gehalten. Ich bin bei dem geblieben, was ich selbst als das Zeugnis des Glaubens empfangen habe.

Auch da gibt es kein Herumreden: dieser Weg des Glaubens ist Kampf. Ein guter Kampf – man könnte auch sagen: ein schöner Kampf. Weil das Gute auch schön ist – im Griechischen nur ein Wort: κὸς. Kalos. Nur das weiß Paulus von sich: ich habe Glauben gehalten. τὴν πίστιν τετήρηκα, ten pistin tetereka kann man auch übersetzen: Ich habe die Treue bewahrt. Das ist nicht so leicht, wie wir gerne tun. Paulus gebraucht hier doch wohl bewusst ein Wort, das aus der Sprache des Militärs genommen ist und den anstrengenden und manchmal auch ermüdenden Wachdienst bezeichnet. Da ist ganzer Einsatz gefordert.

Aber darin ist er ja nicht allein. Was er für sich erhofft, das wird ja allen zuteilwerden, die seine Erscheinung lieb haben. Die ihm entgegen-warten. Die nicht nur liturgisch korrekt am Ende des Kirchenjahres singen:

Wir warten dein, o Gottes Sohn, und lieben dein Erscheinen.                                    Wir wissen dich auf deinem Thron und nennen uns die Deinen.                             Wer an dich glaubt, erhebt sein Haupt und siehet dir entgegen;                                du kommst uns ja zum Segen.“                               P. F. Hiller 1767, EG 152

Ob es angemessen ist, diese Worte als „Testament“ des Paulus, geschrieben „im festen Blick auf den Tod“ (J. Jeremias, aaO.; S.64) zu bezeichnen? Es ist eine gehobene Sprache, eine, bei der die Worte bewusst gewählt erscheinen. Und sie haben durchaus den Charakter, dass sie noch einmal ins Zentrum stellen, was die Jahre des Weges geprägt hat und was Paulus seinem jungen Bruder Timotheus mit auf dessen Weg geben will. Ein wenig wirken sie wie letzte Worte, denen besonderes Gewicht zukommt.

Zum Weiterdenken

Noch einmal ist knapp und zentral auf den Punkt gebracht, worum es Paulus geht: Predige das Wort. Das ist der Satz, der bis heute ein Ordnungsruf ist. Ein Wort, das mich sehr berührt hat und mir immer auch den Rücken gestärkt. Es geht nicht darum, schöne Geschichten zu erzählen, sich selbst als Prediger darzustellen. Es geht um den Dienst am Wort. Nichts soll sich dazwischenschieben dürfen – keine gelehrte Wissenschaft, keine neugierige Spekulation, keine Sensationslust, keine Gefühlsabhängigkeit und kein Nachgeben vor Hörerwünschen. Nicht die Hörer entscheiden über die Treue zum Auftrag, sondern der Auftraggeber. Geht es nach den Hörern, so geht es oft um Selbstbestätigung, die unter der Hand doch auch zur Belastung wird.

In einer Zeit, in der Kirchen zunehmend Relevanz-Verlust erleiden, sich vor der Bedeutungslosigkeit fürchten, in der Pfarr-Personen auch erfahren, dass sie nicht mehr unumstrittene Autorität sind, können diese Passagen zu nüchterner Selbst-Wahrnehmung helfen: Der Weg eines evangelischen Predigers wird immer wieder einmal auch ein Leidensweg sein. Weil er den Menschen nicht nach dem Mund reden kann, nicht gefällig nur sagen kann, was alle gerne hören, wonach ihnen die Ohren jucken. Dieser Hinweis auf den Leidensweg ist nicht nur Drohung, auch nicht nur Realitätssinn, sondern zugleich Verheißung, weil dieses Wort die Nähe zu Jesus Christus ansagt, das „Gleichgestaltet-Werden“.

Heiliger barmherziger Gott. Ich lerne es mühsam, dass meine Hoffnung tieferen Grund braucht als meinen Optimismus, als die Sätze, die sagen: Wird schon wieder. Am Ende gleicht sich alles aus.

Meine Hoffnung braucht festen Grund. Ich spanne meine Hoffnung aus im Warten auf Dich. Ich suche den Brückenschlag über den Abgrund des Todes, das Bild auf der anderen Seite, Dich, Du Auferstandener, der in die Tiefen des Leides gegangen ist, damit wir dort nicht allein sind.

Wenn ich nicht von Dir sage, Dein Zeuge bin, in die Angst und Not hinein, in das verzagte Hoffen – dann habe ich nichts zu sagen. Hilf Du mir, dass ich treu bleibe an dem Wort, das von Dir sagt, das Du mir sagst. Amen