Ein Lernweg des Glaubens

2. Timotheus 3, 10 17

10 Du aber bist mir gefolgt in der Lehre, im Leben, im Streben, im Glauben, in der Langmut, in der Liebe, in der Geduld, 11 in den Verfolgungen, in den Leiden, die mir widerfahren sind in Antiochia, in Ikonion, in Lystra. Welche Verfolgungen ertrug ich da! Und aus allen hat mich der Herr erlöst.

Es ist das Stilmittel des Kontrast – der dunklen Seite wird die helle Wirklichkeit gegenübergestellt. Der dunklen Möglichkeit der ausgefallen Auferweckung, dass alles beim alten bleibt, das hell Licht: „Nun aber ist Christus auferweckt.“ (1. Korinther 15, 20) νυvὶ δέ. Nyni de So auch hier: Σὺ δὲ, sy de – Du aber. Einmal mehr lenkt Paulus den Blick des Timotheus weg von den Problemen, zurück auf sich selbst. Er hält ihm seinen Lebensweg vor, seinen Glaubensweg. Sein Lebensweg bis hierher ist ein Kontrastprogramm zu dem Lasterweg. In der Lehre und in der Lebensführung hat Timotheus den Weg des Paulus geteilt.

Der Reiseweg des Paulus ist sein Lernweg des Glaubens. Es sind die Stationen, die Bibelleser*innen aus der Apostelgeschichte kennen: Antiochia, Ikonion, Lystra. Und auf diesem Weg hat er gelernt, dass das Leben als Christuszeuge in und durch Leiden führt, dass aber der Herr erlöst. Rettet.

12 Und alle, die fromm leben wollen in Christus Jesus, müssen Verfolgung leiden

Das ist das Kriterium, das Paulus anlegt: Der Weg der Christen ist ein Weg hinter Christus her und schließt Leiden nicht aus, sondern ein. εὐσεβῶς ζῆν, eusebos zen fromm leben schließt den Widerspruch der Umwelt, das Leiden , die Verfolgung mit ein. Es ist kein Triumphzug, sondern ein angefochtener Weg. „Was Paulus erfahren hat, gilt für alle Jünger Jesu – unerbittlich ist dieses „alle“ betont – dass die Nachfolge Jesu auf den Kreuzweg führt.“ (J. Jeremias, aaO. S.61)Es ist geradezu das Kennzeichen des Christseins so scheint es hier dass es Widerspruch erfährt und Feindschaft ertragen muss. Und doch: das ist der Weg, der bleibt. Es ist die Schicksalsgemeinschaft der Christ*innen mit dem gekreuzigten Gott, die sich in diesen Verfolgungen zeigt.

. 13 Mit den bösen Menschen aber und Betrügern wird’s je länger, desto ärger: Sie verführen und werden verführt.

Ganz anders aber mit den anderen, den bösen Menschen aber und Betrügern. Sie gehen in die Irre und führen in die Irre, ihr Weg ist trügerisch und abschüssig. Es ist der Kontrast, wie er schon in der Weisheit Israels gesehen wird: „Der Gerechten Pfad glänzt wie das Licht am Morgen, das immer heller leuchtet bis zum vollen Tag. Der Gottlosen Weg aber ist wie das Dunkel; sie wissen nicht, wodurch sie zu Fall kommen werden.“ (Sprüche 4, 18­ 19)Was sich so nüchtern und distanziert liest, ist allerdings weder nüchtern noch distanziert. Die neutrale Sprache verbirgt den Schmerz über diese Irrwege und Abwege.

14 Du aber bleibe bei dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist; du weißt ja, von wem du gelernt hast 15 und dass du von Kind auf die Heilige Schrift kennst, die dich unterweisen kann zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus.

Noch einmal: Du aber. Es geht um die Alternative, um das andere Leben, um das Leben aus den Quellen der Heiligen Schrift. Auch das könnte aus der Weisheit Israel übernommen sein, heißt es doch da: „Mein Sohn, vergiss meine Weisung nicht, und dein Herz behalte meine Gebote, denn sie werden dir langes Leben bringen und gute Jahre und Frieden; Gnade und Treue sollen dich nicht verlassen. Hänge meine Gebote an deinen Hals und schreibe sie auf die Tafel deines Herzens, so wirst du Freundlichkeit und Klugheit erlangen, die Gott und den Menschen gefallen.“ (Sprüche 3, 1-4) Das übersetzt Paulus für Timotheus: Bleibe bei dem, was du gelernt hast.

Es ist eine Absage an alle geistlichen Höhenflüge, an alles Abheben in Himmelserfahrungen, Engelerscheinungen, esoterische Geheimlehren. Der Glaube wird gebunden an die Heilige Schrift hier ganz streng: an die Hebräische Bibel! das Neue Testament gibt es noch nicht! Es ist das äußere Wort, das zu Herzen genommen wird, das unterweisen kann zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus.

16 Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, 17 dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt.

Es ist für Paulus klar: Das Wort des Alten Testamentes ist der Wegweiser für den Glauben der Christengemeinde. Was hier gesagt wird, ist ein Programm für das Bibellesen. Beständig werden. Sich festmachen in der Tradition. Sich an das Wort der Schrift halten. Das Alte Testament leitet zu Jesus Christus als dem, der die Verheißungen Gottes erfüllt. Und die Worte der Schriften sind von Gott her so zu verstehen, dass sie uns zur Seligkeit, zu unserer Rettung, Εἰς σωτηρίαν , eis soterian geschrieben sind, zu unserem Trost, um unseren Glauben zu wecken und zu vertiefen.

Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, braucht die Schrift Menschen, die sie sich nützlich sein lassen. Das ist das Ziel, auf dass hin die Nützlichkeit der Schrift ausgerichtet ist: Der Mann Gottes werde durch sie gerüstet zu jedem guten Werk.“ (A. Weiser, aaO. S.283)

Bemerkenswert ist die strenge Verknüpfung: zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus. Es ist das Wort des Alten Testamentes, das in den Glauben an Jesus führen kann, das damit den Weg zur Rettung öffnet. Aber wohl nur so, dass es gelesen wird auf Christus hin und von Christus her. Diese Sicht auf die Hebräische Bibel trennt die Christen von den Juden. Bis heute.

Zum Weiterdenken

Theologisch ist der Ausdruck „von Gott eingegeben“ hoffnungslos überfrachtet worden. Er gibt nicht her, was man hier lesen wollte: Verbal-Inspiration. Menschen werden zu Schreibwerkzeugen Gottes, die Unfehlbarkeit der Schrift. Paulus liegt nicht so schrecklich viel daran, eine Theorie der Schriftentstehung weiter zu geben.

Wichtiger erscheint ihm, die Autorität der Schrift zu bezeugen, ihre Kraft, das Leben zu mehren. So kann man das lateinische auctoritas übersetzen. Die besteht nicht in ihrer Entstehung, sondern in dem, der hinter ihr steht, der sie in Gang setzt, der in ihr zum Glauben ruft. Es geht um die Wirkungen der Schrift: Lehre, Zurechtweisung, Besserung, Erziehung in der Gerechtigkeit. Alle diese Worte zielen darauf hin, dass Menschen geprägt werden, nicht nur Lehrsätze übernehmen, sondern aus diesen Lehrsätzen Lebenspraxis wird. Das Wort der Schrift will Menschen formen, so, dass sie dem Bild Gottes näherkommen, werden, wozu sie bestimmt sind: Imago Dei, Gestalt, die ihm entspricht. Person, durch die er wirken kann.

Damit bin ich gefragt nach meinem Vertrauen auf das Wort, dass ich ihm Glauben schenke und mich durch das Wort leiten lasse auf dem Weg hinter Jesus her.

Mein Gott, an der Gemeinschaft der Heiligen scheitern wir oft genug mit unserem Glauben. So heilig finden wir die Anderen nicht. Uns selbst auch nicht. Wir sind Menschen und mancher leidet darunter, dass wir sind wie wir sind.

Hilf uns dazu, dass wir uns aussöhnen mit unserer Unvollkommenheit mit mancher Unzulänglichkeit mit Defiziten und Macken. Und hilf uns dazu, dass wir uns mühen, gebunden an Dein Wort, Menschen nach Deinem Willen zu sein. Amen