Kommen noch schlimmere Zeiten?

2. Timotheus 3, 1 9

1 Das sollst du aber wissen, dass in den letzten Tagen schlimme Zeiten kommen werden.

Diese Sicht teilt Paulus mit anderen Schriften des Neuen Testamentes. Die Erwartung an die Zeit ist nicht, dass alles besser wird, sondern dass schlimme Zeiten bevorstehen. Es wird in den letzten Tagen nicht immer besser. Das Neue Testament in seiner Gesamtheit ist weit entfernt vom Fortschrittsglauben unserer Zeiten.

Weit entfernt von der folgenden Erwartung: „Nachdem wir ein beispielloses Maß an Wohlstand, Gesundheit und Harmonie erreicht haben, und angesichts unserer vergangenen Bilanz und unserer gegenwärtigen Werte werden die nächsten Ziele der Menschheit wahrscheinlich Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit sein. Nachdem wir die Sterblichkeit durch Hunger, Krankheit und Gewalt verringert haben, werden wir darauf hinarbeiten, das Altern und sogar den Tod zu überwinden. Nachdem wir die Menschen aus dem bittersten Elend gerettet haben, werden wir uns nun zum Ziel setzen, sie im positiven Sinn glücklich zu machen.“ (Y. N. Harari, Homo Deus, München 2017, S. 38) Für mich liest sich das wie eine Nachschrift von „Brave New World.“ (A. Huxley, 1932!)

Wie anders und viel näher an der bitteren Realität: „Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. Das alles aber ist der Anfang der Wehen.“ (Matthäus 24, 6-8) Die Reden über das nahende Unheil in der Zeit nehmen in den Evangelien breiten Raum ein – durchaus in Spannung zur Botschaft vom gekommenen Reich der Himmel. So ist es auch hier. Der Blick auf die Erlösung und den Erlöser lässt nicht über den Schmerz der schlimmen Zeiten einfach hinwegsehen.

Auf den ersten Blick irritierend: hier steht nicht χρόvoς, Chronos, das Wort für die gleichförmig vergehende Zeit der Welt, die wir Menschen mit gestalten, sondern hier steht das besondere griechische Wort: καιροὶ, kairoi Und das heißt doch: Auch diese schlimmen Zeiten sind Gottes Zeit, seiner Macht nicht entnommen, sondern unterworfen. Gott bleibt auch dann der Herr der Zeit, „Meister Hora.“ (M.Ende, Momo)

2 Denn die Menschen werden viel von sich halten, geldgierig sein, prahlerisch, hochmütig, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar, gottlos, 3 lieblos, unversöhnlich, schändlich, haltlos, zuchtlos, dem Guten feind, 4 Verräter, unbedacht, aufgeblasen. Sie lieben die Ausschweifungen mehr als Gott; 5 sie haben den Schein der Frömmigkeit, aber deren Kraft verleugnen sie; solche Menschen meide!

In den Endzeitreden Jesu werden die schlimmen Zeiten vor allem durch Krieg, Katastrophen, Hungersnöte gekennzeichnet. Hier werden sie anders charakterisiert: Durch ein Verhalten der Einzelnen, das völlig selbstbezogen ist, nur noch das eigene Ich, aber keine Skrupel mehr kennt. Asozialität allerorten. Übergriffig gegen Menschen, vor allem gegen Schwächere und zuchtlos. Es ist der völlige Verlust an Humanität, ein Gleichgültig-werden gegenüber allen Werten.

Und das alles unter dem Deckmantel, dem Schein der Frömmigkeit. μόρφωσιν εὐσεβείας, morphosin eusebeias – könnte man auch mit „Gestalt der Frömmigkeit“ übersetzen. Heute liegt es nahe: Unter dem Vorwand der Religion. Wir erleben ja gerade, wie eine erschreckende, bestialische Inhumanität sich religiöser Formeln bedient. Wie unter dem Vorwand einer religiösen „Erneuerung“ in Wahrheit die blanke Macht gesucht wird. Es sind honorige Täter, nicht der übliche Abschaum, der Pöbel. Täter in Nadelstreifen und kostbarer Garderobe. Menschen, die sich alle Rechte nehmen, über andere Menschen zu verfügen, über Leib und Leben. Es ist erschreckend, aber der Missbrauch des Glaubens, der Frömmigkeit und der großen Ideale sind uralt. Und nicht Gott ist der Mörder, der auf der Flucht ist. Menschen sind die Mörder, die Gott zum Aufgeben zwingen wollen, weil sie sich selbst an seine Stelle setzen.

In alledem geht es primär nicht um ein dunkles Zukunftsgemälde. „Die Lasteraufzählung soll nicht der Information über Künftiges, sondern der Warnung vor Gegenwärtigem und der Ermahnung zu rechtem Verhalten in der Gegenwart dienen.“ (A. Weiser, aaO. S. 250) Das wird auch sichtbar im Zeitwechsel der Verben – nicht mehr Futur (wie in V. 1,2), sondern Präsens in V. 5! Der Rat des Paulus an Timotheus zielt auf die Gegenwart: Solche Menschen meide! Gehe auf Abstand. Jetzt. Mache dich nicht mit ihnen gemein. Offensichtlich auch deshalb, weil Ansteckungsgefahr herrscht.

6 Zu ihnen gehören auch die, die sich in die Häuser einschleichen und gewisse Frauen einfangen, die mit Sünden beladen sind und von mancherlei Begierden getrieben werden, 7 die immer auf neue Lehren aus sind und nie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen können.

Es ist kein freundliches Bild seiner Zeit. Es ist auch kein Goldgemälde der Gemeinde – denn Paulus nimmt hier nicht die gottlose Welt in Blick, sondern er sieht auf die Wirklichkeit der Gemeinde. Was er zuvor und auch hier schildert, geschieht in der Gemeinde. Da gibt es die, die Parteiungen schaffen, die durch „Hausbesuche“ Intrigen spinnen, die versuchen, Menschen auf ihre Seite zu ziehen.

Gewisse Frauen – andere Übersetzungen: „Weiblein.“ „Kindische Frauen.“ Frauen, „die neugierig wie sie sind – immerfort alles aufnehmen“ (K. Berger/C. Nord, aaO. S. 757) ohne ausgeprägtes eigenes Urteilsvermögen, „skrupelhaft im Gewissen, darum mit dem Bewusstsein unvergebener Sündenlast überhäuft, die durch kein noch so genaues und wiederholtes Schuldbekenntnis als vergeben erfahren werden“ (H. Bürki, aaO.; S.84) Das steht nicht im Text, aber es ist der Versuch, das Verhalten dieser Frauen, ihre Anfälligkeit nicht einfach nur negativ als von Begierden gesteuert zu beschreiben. Sie sind zuallererst Opfer, nicht Täterinnen.

8 Wie Jannes und Jambres dem Mose widerstanden, so widerstehen auch diese der Wahrheit: Es sind Menschen mit zerrütteten Sinnen, untüchtig zum Glauben. 9 Aber sie werden damit nicht weit kommen; denn ihre Torheit wird allen offenbar werden, wie es auch bei jenen geschah.

Die historischen Beispiele erweitern den Blickwinkel. Jannes und Jambres sind ägyptische Magier, die, wenn auch dort nicht mit Namen genannt, in der Auszugsgeschichte Israels vorkommen. Da ließ der Pharao die Weisen und Zauberer rufen und die ägyptischen Zauberer taten ebenso mit ihren Künsten: Ein jeder warf seinen Stab hin, da wurden Schlangen daraus; aber Aarons Stab verschlang ihre Stäbe. Aber das Herz des Pharao wurde verstockt und er hörte nicht auf sie, wie der HERR gesagt hatte.“ (2. Mose 7, 11-13)

Das Neue Testament versteht das Alte Testament gern „Typologisch“, d. h. es sieht in den alttestamentlichen Gestalten und Ereignissen Vorabbildungen („Typen“) dessen, was in der Endzeit, die mit Christus angebrochen ist, geschieht.“ (J. Jeremias, aaO. S.60) Dass hier diese ägyptischen Zauber als Beispiel angeführt werden, macht etwas sichtbar, das wichtig ist: Es geht im Grund nicht um moralische Schuldsprüche. Sondern hinter der verwirrten Moral taucht das tiefere Problem auf: Der Widerstand gegen die Wahrheit. Gegen die Wirklichkeit Gottes, die Glauben fordert, Vertrauen sucht. Die nur geschenkt empfangen wird.

Aber, einmal mehr: das letzte Wort in der Sache spricht nicht Paulus, sprechen nicht wir. Sondern ob etwas tragfähig ist, aus der Wahrheit Gottes oder Torheit, wird jedermann offenbar werden. Es ist gut, dass so einem voreiligen und vorzeitigen Urteilen und Verurteilen ein Riegel vorgeschoben wird.

Zum Weiterdenken

Ich gestehe mir ein: Ich habe es schwer mit solchen Worten. Weil ich so pauschal nicht denken und schon gar nicht reden will – nicht über die Gesellschaft und auch erst recht nicht über die Kirche, das Volk Gottes.  Ich wehre mich instinktiv gegen ein Denkmuster, das nach dem wunderbaren Anfang nur noch Abfall und Abstieg sieht. Es wird alles immer schlimmer.  Am Anfang: ein Herz und eine Seele – aber dieser Anfang ist ein Traumbild. Ein Ideal, das es nie gab. Die gute alte Zeit war so gut auch nicht. Auch in der Zeit, in der wir leben ist es so, dass es die gibt, die sehr ernsthaft und einfältig den Weg Gotts suchen.  Zu denen möchte ich gerne gehören. Es gibt auch die, die sich nicht um Gott scheren, die aber dennoch einigermaßen ordentlich unterwegs sind. Gottlos, aber nicht unmoralisch. Dann gibt es die, die nur ihr eigenes Ich kennen, deren Egoismus zum Himmel schreit, weil er über Leiche geht. Davon gibt es, bis in höchste Staatsämter hinein mehr, als der Welt zuträglich ist.

Was Paulus hier schreibt, das könnte über alle Zeiten hinweg auch heute gelten. Manches, was hier als Laster steht, gilt heutzutage zwar nicht als Tugend, aber doch als unvermeidliche Lebenshaltung. Aber diese Aufzählung bleibt im Äußeren und ist damit noch nicht wirklich aufregend. Entscheidend unausweichlich als Frage an die Christen wird das andere: Ist das geistliche Leben aus der Kraft Gottes geboren oder nährt es sich aus sich selbst? Baue ich womöglich einen falschen Schein auf – wirke fromm, aber es ist nur eine äußerliche Sache, nur aus der Religiosität geboren? Da ist eine innere Klärung notwendig und das geht weiter als der äußerliche Laster-Katalog.

Man tut solche Lasterkataloge auch ein wenig leicht ab mit dem Urteil: Sie sind traditionell. So könnten damals auch viele andere schreiben. Vor allem, um Gegner zu diffamieren. Diese Art Klage ist so alt wie die Menschheit. Beispielhaft wird die Klage des Sokrates über die verkommene Jugend gerne als Beleg angeführt. Das Problem ist nur: Hier wird nicht die lasterhafte, freche Jugend beklagt. Es geht um eine Sicht auf die Gesellschaft insgesamt, unter Einschluss honoriger Leute.

So gelesen ist es, als hätte der Schreiber prophetisch die Zeiten kommen sehen, die so viele in diesen Jahren, nach dem Siegeszug der asozialen „sozialen Medien“ wortreich und hilflos zugleich beklagen. Das Unsagbare ist sagbar geworden, das Unvorstellbare vorstellbar. Brandmauern werden eingerissen – in der Politik und, schlimmer noch, in der Gesellschaft. Irgendwann vermutlich bis in die Kirchen hinein. Es sind Worte, die die Exzesse einer orientierungslos gewordenen Gesellschaft in der Form eines Lasterkatalogs geißeln.

Mag sein, mein Gott, es sind schlimme Zeiten. Es kommen noch schlimmere Zeiten. Mag sein, es wird nicht besser mit uns Menschen. Lenke Du meinen Blick so, dass ich in allen schlimmen Zeiten Dich nicht aus dem Blick verliere, dass ich die Hoffnung bewahren kann, weil ich auch diese Zeiten als Zeiten in Deiner Hand glauben lerne.

Gib Du mir und uns allen die Zuversicht, dass Du uns nahe bist, in den guten und in den schweren Tagen und uns an Dein Ziel bringst, durch die schweren und die guten Zeiten. Amen