Keine Worte-Torten

2. Timotheus 2, 14 – 26

14 Daran erinnere sie und ermahne sie inständig vor Gott, dass sie nicht um Worte streiten, was zu nichts nütze ist, als die zu verwirren, die zuhören.

Timotheus ist ein Gemeindeleiter. Darum wird ihm in diesen und den folgenden Sätzen auch genau diese Aufgabe ans Herz gelegt. Als erstes: Kein Streit um Worte. Keine Kämpfe, die nur darauf beruhen, dass der eine nicht ganz die gleichen Worte und Sätze wie der andere sagt, dass sich Glaube unterschiedlich ausdrückt. Es gilt, „die Gemeinde vor Wortkämpfen mit den Sektierern zu bewahren.“ (J. Jeremias, aaO.; S.56) Sie tragen nichts aus, sondern verwirren nur. Das gilt gegenüber denen, die anders lehren, es gilt aber auch in der Gemeinde.

15 Bemühe dich darum, dich vor Gott zu erweisen als ein angesehener und untadeliger Arbeiter, der das Wort der Wahrheit recht vertritt. 16 Halte dich fern von ungeistlichem losem Geschwätz; denn es führt mehr und mehr zu gottlosem Wesen, 17 und ihr Wort frisst um sich wie der Krebs. Unter ihnen sind Hymenäus und Philetus, 18 die von der Wahrheit abgeirrt sind und sagen, die Auferstehung sei schon geschehen, und bringen einige vom Glauben ab.

Mahnen ist das eine, das eigene Beispiele das andere. Timotheus soll selbst bedacht sein, sich nicht in die fruchtlosen Debatten ziehen zu lassen. Das geschieht am besten in der Konzentration auf das eigene Arbeitsfeld und die eigenen Aufgaben. Also: das Evangelium als Wort der Wahrheit λόγος τῆς ἀληθείας, logos tes aletheias – weitertragen. Das ist als Ausdruck kaum zufällig gewählt. Das Evangelium ist verlässliche Wahrheit, es erlaubt sichere, klare Schritte, es ist nicht Illusion oder Halbwahrheit. In der Sprache von heute: Kein Fake. Daneben tritt: Für die da sein, die Hilfe brauchen. Das macht den rechtschaffenen und untadeligen Arbeiter aus, dass er tut, was er zu tun schuldig ist. Das Zusammenwirken von „rechter Lehre und rechtem Leben“ (H. Bürki aaO. S.63)ist im Zentrum geistlichen Dienstes.

Keine Wortgefechte. Paulus möchte Timotheus davor bewahren, „von der Epidemie des bloßen „Maulbrauchens“ angesteckt“ zu werden (M. Luther, zit. nach H. Bürki, ebda.). Darum diese doch auch schroffe Einschätzung: Die Worte der anderen fressen um sich wie Krebsgeschwüre. Wo ein Wort das andere gibt, wächst nicht die Klarheit, sondern weit eher die Verwirrung. Es sind „Worte-Torten“ (A. Malessa), Wortklaubereien, Wortgefechte, die unterhaltsam sein mögen, aber den Weg des Lebens nicht fördern. Es ist eine wesentliche Beobachtung: Dem einen Wort der Wahrheit stehen die vielen Worte des Geschwätzes – κενοφωνίας, kenophonias – der Geschwätzigkeiten gegenüber. Wir kennen Kakophonien, hier geht es um Ähnliches – Kenophonien, Leerlauf-Stimmen. Die Wahrheit ist anders. „Der Singular betont die Einzigartigkeit der gültigen Lehre, die eben nur eine ist.“ (A. Weiser, aaO. S. 193) Sie braucht nicht das Vielerlei der Wortfluten, sie ist einfach, klar.

Erstmals wird, was in den Briefen an Timotheus „verhältnismäßig selten ist“ (A. Weiser, aaO. s.195) ein inhaltlicher Streitpunkt deutlich benannt: Hymenäus und Philetus sagen, die Auferstehung sei schon geschehen. Das ist eine Position, die es auch in der Gemeinde in Korinth gegeben hat, wo die zukünftige Auferstehung bestritten worden ist, weil sie mit dem Schritt zum Glauben als schon geschehen galt. Zurückgewiesen wird so eine „enthusiatische Überinterpretation diesseitiger Heilserfahrungen“ (A. Weiser, ebda.) weil in ihr die Hoffnung auf die zukünftige leibhafte Auferstehung und Vollendung verloren geht. Der schon im ersten Brief an Timotheus genannte Hymnäus gehört auch hier zu den Gegnern, deren Lehren als Irrlehre gekennzeichnet wird. Eine inhaltliche Diskussion und Widerlegung der Irrlehre erfolgt anschließend nicht.

19 Aber der feste Grund Gottes besteht und hat dieses Siegel: Der Herr kennt die Seinen; und: Es lasse ab von Ungerechtigkeit, wer den Namen des Herrn nennt.

Stattdessen der Hinweis auf das tragfähige Fundament. Es gibt den festen Grund, der von Gott gelegt ist, auf den es gleichwohl sich immer neu zu stellen gilt: Der Herr kennt die Seinen. Mag sein, die Welt kennt sie nicht. Mag sein, sie haben keinen guten Namen bei denen, die um sie herum leben. Aber er, der Herr, kennt sie und darauf kommt es an. „Der aber zur Tür hineingeht, der ist der Hirte der Schafe. Dem macht der Türhüter auf, und die Schafe hören seine Stimme; und er ruft seine Schafe mit Namen und führt sie hinaus.“ (Johannes 10, 2-3)

Die Konsequenz aus diesem Bekannt-sein, beim Namen genannt sein ist, dass einer auf sich selbst achtet, auf die Art, wie er lebt. Sich vor Ungerechtigkeit bewahrt. Dass der Herr die Namen der Seinen kennt, ist kein Freibrief, sondern stellt auf einen Weg zur Achtsamkeit.

20 In einem großen Haus aber sind nicht allein goldene und silberne Gefäße, sondern auch hölzerne und irdene, die einen zu ehrenvollem, die andern zu nicht ehrenvollem Gebrauch.21 Wenn nun jemand sich reinigt von solchen Leuten, der wird ein Gefäß sein zu ehrenvollem Gebrauch, geheiligt, für den Hausherrn brauchbar und zu allem guten Werk bereitet.

Der Volksmund sagt: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Und in jedem Haus gibt es Schmutzecken und Geräte unterschiedlicher Art. Manche zieren, andere werden zwar benötigt, aber nicht zur Schau gestellt. Und schließlich gibt es die Geräte, die untauglich sind.

Das Wort kann als eine Aufforderung gelesen werden, das Haus, also die Gemeinde, von den Irrlehrern zu reinigen. Also sie auszuschließen. Es kann aber auch defensiver gelesen werden, vor allem wegen der Wendung: Wenn nun jemand sich reinigt von solchen Leuten. Es könnte um Abstand von den Irrlehrern gehen. Das klingt, als sollte Timotheus einfach nur die Ansteckungsgefahr meiden, den Umgang abbrechen, aber nicht Gemeindezucht durch Ausschluss üben.

Man kann allerdings auch so verstehen: „Nur der Diener, der sich selbst reinigt, kann einen reinigenden Einfluss auf die Gemeine ausüben.“ (H. Bürki, aaO. S. 70) Es ist nicht von vornherein gesagt, dass einer als Gemeindeleiter und Lehrer nicht der Ansteckungsgefahr durch fremde Lehren unterliegt. Es ist ein Anknüpfen an die Mahnungen aus dem ersten Brief: „Hab Acht auf dich selbst und auf die Lehre; beharre in diesen Stücken!“ (1. Tim 4,16) Als könnte man es ihm nicht oft genug sagen – er soll bei dem bleiben, was er gelernt hat, was ihm anvertraut worden ist.

Das beste Mittel im Streit ist die Wahrheit. Das beste Mittel, um in der verwirrten Gemeinde für Klarheit zu sorgen, ist nicht der Ausschluss irgendwelcher Leute, sondern das beharrliche eigene Bleiben am Wort der Wahrheit.

22 Fliehe die Begierden der Jugend! Jage aber nach der Gerechtigkeit, dem Glauben, der Liebe, dem Frieden mit allen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen. 23 Aber die törichten und ungezogenen Fragen weise zurück; denn du weißt, dass sie nur Streit erzeugen.

Auf dieser Linie lese ich auch die Aufforderung in den Worten jetzt. Timotheus soll sich nicht hinreißen lassen durch „Leidenschaftlichkeit, Eitelkeit, geistlichen Hochmut.“ (J. Jeremias, aaO.; S.58) Nichts, was zuvor in den Briefen verhandelt worden ist, deutet darauf hin, dass mit den Begierden der Jugend irgendwelche Sinnlichkeiten gemeint ein könnten. Timotheus macht mir nicht den Eindruck, als müsste man ihn vor erotisch gefärbten Abenteuern warnen.

Und wieder: Abstand von den Wortgefechten. Es sind starke, eindrückliche Worte: Fliehe! Jage! Weise zurück. Einmal mehr διώκω, dioko – jage nach – das Wort, mit dem Paulus sein eigenes Ringen um das Leben mit Christus, um die Gemeinschaft mit ihm im Brief an die Philipper beschrieben hat: „Ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.“ (Philipper 3,12) Die Eindrücklichkeit dieser Worte weist darauf hin, dass es nicht um Nebensächlichkeiten geht. Dieser Eindruck wird gestützt durch die positive Reihe: Timotheus soll sich ausstrecken nach der Gerechtigkeit, dem Glauben, der Liebe, dem Frieden mit allen, die den Herrn anrufen.

24 Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streitsüchtig sein, sondern freundlich gegen jedermann, im Lehren geschickt, einer, der Böses ertragen kann 25 und mit Sanftmut die Widerspenstigen zurechtweist. Vielleicht hilft ihnen Gott zur Umkehr, die Wahrheit zu erkennen 26 und wieder nüchtern zu werden aus der Verstrickung des Teufels, von dem sie gefangen sind, zu tun seinen Willen.

Wie kommt Paulus zu dieser Aufforderung? Gab es etwa doch zänkische, streitsüchtige Knechte? War er der vielen Auseinandersetzungen irgendwann doch müde? Oder sieht er die Gefahr, dass Timotheus seine Unsicherheit durch herrisches Auftreten und Rechthaberei verdecken wollen könnte? Es kann auch die erneut wiederholte Ermahnung des Älteren an den Jüngeren sein, sich aus den unnötigen, unnützen und fruchtlosen Streitereien um Worte heraus zu halten. Nicht jede „geistliche Frage“ ist die Mühe einer Antwort wert. Manche Diskussionen sind schlichte Geschwätzigkeiten.

Meine Frage: Gilt das alles nur für den „geistlichen“ Menschen oder ist das nicht auch im alltäglichen Zusammenleben gut? Es ist doch gut, wenn sich Freundlichkeit und Langmut und Sanftmut gegen die Tendenz, alles und jedes kritisch zu hinterfragen und zu analysieren, behaupten können. „Ein Knecht des Herrn Jesus weiß, dass schlagfertige Widerlegung der Gegner nicht der Weg ihrer Bekehrung ist, sondern – die Liebe, die ihnen freundlich begegnet, die bereit ist zur Rechenschaft über die eigene Glaubensgewissheit, die sich auch einmal etwas gefallen lassen kann und die den Gegner mit Sanftmut zurecht weist.“ (J. Jeremias, ebda.)

Zum Weiterdenken

Es ist die Spannung, die wohl jedes Christenleben erfährt: Es gibt keine Hinkehr zu Christus ohne die Abkehr von dem, was ihm nicht entspricht. Und beides, die Hinkehr zu Christus, das Jagen nach seiner Liebe, seinem Frieden, seiner Gerechtigkeit und die Abkehr von dem, was lähmt und in die Traurigkeit zieht, bleiben eine lebenslange Herausforderung. Der Kampf ums Christsein endet nicht mit der Bekehrung, sondern hat in ihr seinen Startpunkt.

Auch das beschäftigt mich beim Lesen, weil es zu den erschreckenden Erfahrungen meines eigenen Lebens gehört: Man kann aus einer Debatte siegreich hervorgehen. Der Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin verstummt, weil sie keine Argumente mehr hat. Man hat ein Gespräch gewonnen – aber: Man hat den Menschen dabei verloren. Es wäre besser gewesen, nicht siegen zu wollen. Es ist der Rat, der mich in diesem Zusammenhang beschäftigt: „Wenn ihr aufhören könnt zu siegen, wird diese eure Stadt bestehen.“ (Christa Wolf, Kassandra 1984)

Luther hat das wohl so gesehen, so zeigt es die Erklärung zum 8. Gebot. „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsern Nächsten nicht aus Falschheit belügen, verraten, verleumden oder hinter seinem Rücken reden, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.“ Darum suche ich die Freundlichkeit gegen jedermann, besonders gegenüber denen, die mich nerven durch ihre Art und gegenüber denen, die mir nahestehen. Die Freude am Reichtum Christi und an den guten Gaben der Schöpfung will umgewandelt werden in spürbare Freundlichkeit gegen jedermann.

Herr Jesus, Du willst nicht, dass wir skrupelhaft werden. Aber Du willst auch nicht, dass wir gleichgültig werden. Das Vertrauen auf Deine Liebe macht nicht stumpf, lässt es nicht nebensächlich werden, sich um ein gutes Miteinander zu mühen. Es ist gerade die erfahrene Liebe, die sorgfältig macht, um Liebe kämpfen lässt, gerade auch zu denen, die so liebenswert nicht sind. Amen