Halte im Gedächtnis Jesus Christus

2. Timotheus 2, 1 13

1 So sei nun stark, mein Kind, durch die Gnade in Christus Jesus.

Der Eindruck verfestigt sich: Timotheus ist einer, der Zuspruch braucht, der Zuwendung braucht, der Rückenstärkung nötig hat. „Die Anrede mein Kind betont erneut das vertrauensvolle Verhältnis, das zwischen `Paulus und `Timotheus´ besteht.“ ( A.Weiser, aaO. S. 156) Es ist ein wenig irreführend: Sei nun stark entspricht nicht dem, was im Griechischen angedeutet ist: Erstarke nun. ἐνδυναμοῦ. Endynamou. Vielleicht könnte man auch sagen: „gewinne Kraft.“ Es ist klar: es geht nicht um die eigenen seelischen Kraftreserven, die Timotheus aktivieren soll. Er soll Kraft gewinnen aus der Gnade.

Gnade, erst recht die Gnade in Jesus Christus ist keine saft- und kraftlose Angelegenheit, nichts Weichliches oder Schwächliches: Sie verleiht Kraft. Sie macht mutig. Sie schenkt einen anderen Blick auf die Wirklichkeit. Sie sieht auch da noch die Möglichkeiten Gottes, wo die Möglichkeiten der Menschen längst an ihre Grenze gekommen sind. Steht doch hinter der Gnade der unbedingte Heilswillen des Herrn aller Herren, des Königs aller Könige.

2 Und was du von mir gehört hast durch viele Zeugen, das befiehl treuen Menschen an, die tüchtig sind, auch andere zu lehren.

Weitergeben. Bote des Evangeliums sein ist nicht die eigene Erfindung, das eigene religiöse Gefühl unter die Leute bringen. Es ist Weitergeben, was man selbst empfangen hat. Timotheus ist einer in einer langen Kette. Er hat aus dem Mund und aus dem Leben des Paulus das Evangelium empfangen – die Worte und das Bekenntnis des Lebens. Es ist zu ihm gekommen durch viele Zeugen. Es ist – so die schöne Übersetzung durch viele Zeugen verbürgt.“ (K. Berger /C. Nord, Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, Frankfurt 1999, S.755) Das soll er weitergeben. An treue Menschen, denen er vertraut. Vertrauenswürdige, glaubwürdige Menschen – so πίστοι ἀνθρώποι. Pistoi anthropoi.

Treue und Lehrfähigkeit sind die beiden Hauptbedingungen für den Diener am Wort.“ (H. Bürki, aaO. S.48) Nicht die persönliche Brillanz ist erforderlich, sondern zuallererst Treue. πίστοι steht da – das gleiche Wort, das sonst für Glauben steht. Der Glaube macht treue Menschen. Zuverlässig müssen sie sein, beständig, im Vertrauen fest.

Man kann in diesem auffälligen Hinweis durch viele Zeugen vielleicht den Überlieferungsweg der Botschaft des Paulus lesen. Vielleicht sogar den Hinweis: der hier schreibend das Wort nimmt, sieht sich selbst als einen in der Kette der vielen Zeugen des Evangeliums. Er hat von Paulus gelernt und gibt es nun – im Namen und unter dem Namen des Paulus weiter.

3 Leide mit als ein guter Streiter Christi Jesu. 4 Wer in den Krieg zieht, verwickelt sich nicht in Geschäfte des täglichen Lebens, damit er dem gefalle, der ihn angeworben hat. 5 Und wer einen Wettkampf bestreitet, erhält den Siegeskranz nur, wenn er nach den Regeln kämpft.

Dieses Weitergeben wird nicht ohne Auseinandersetzung und Leiden abgehen. Das ist die Erfahrung der ersten Gemeinde und die Erfahrung der ersten Boten des Evangeliums. Das Evangelium sagen und aus dem Evangelium leben kostet. Darum ist die Erinnerung wichtig: Weder Paulus noch Timotheus sind Kriegsleute auf eigene Rechnung. Sie sind keine Söldner. Sie sind in Dienst genommen durch Christus. Darum müssen sie auch den Kopf frei haben und dürfen sich nicht in Geschäfte des täglichen Lebens gefangen nehmen lassen.

Ich lese das so: Keine Ausweichbewegung in nette Beschäftigung und Unterhaltung. Immer im Blick behalten: Auch da, wo ich mit anderen alltäglich unterwegs bin, stehe ist als Streiter Christi. στρατιτης Χριστοῦ Ἰησοῦ. Stratiotes Christou Jesou. Auch das ist bei den so militärisch klingenden Worten wesentlich im Auge zu behalten: „Nicht zum Tatendrang, zur aggressiven Evangelisation wird Timotheus aufgefordert, sondern zum Mitleiden des Unrechts.“ (H. Bürki, aaO. S. 50) Es geht um einen Entsprechen in der eigenen Lebensgestalt wer Bote Christi sein will, der wird ihm gleich-gestaltet werden müssen. „Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach(Lukas 9,23) So ist man ein guter Streiter Christi.

Ein Christ ist immer im Dienst“ – dieser Satz ist der Versuch, den Sätzen des Paulus auf der Spur zu bleiben. Aber er fordert nicht krampfhafte Aktivität, schon gar nicht solche, die dem eigenen Wesen widerspricht, sondern er fordert die Wachheit für das Wirken des Geistes. „Der Heilige Geist wird euch in dieser Stunde lehren, was ihr sagen sollt.“ (Lukas 12,12) Wir müssen uns nur diesem Vorsagen öffnen.

Sich dem Geist öffnen führt dazu, dass man nicht einfach nur kämpft um des Kämpfens willen, sondern nach den Regeln. So wie das Gesetz es befiehlt. Sonst droht im Wettkampf der Platzverweis. Regelkonform – aber auch: den richtigen Kampf. Was aber der richtige Kampf ist, das ist nicht im Voraus entschieden. Sondern das zeigt sich in den konkreten Situationen des Lebens. Vielleicht sogar bei jedem und jeder an anderer Stelle.

6 Es soll der Bauer, der den Acker bebaut, die Früchte als Erster genießen. 7 Bedenke, was ich sage! Der Herr aber wird dir in allen Dingen Einsicht geben.

Ob es darum geht, dass Timotheus sich von der Gemeinde unterstützen lassen darf? Es mag sein, es geht um die „berechtigte Erwartung auf Anerkennung und materielle Unterstützung der apostolischen Arbeit.“(A. Weiser, aaO. S.163) Ein Hinweis auf diese Erwartung fehlt allerdings, nicht zuletzt, weil Paulus  immer von seiner Zeltmacherei zu leben gesucht hat. Aber er hat zu keiner Zeit daraus ein Gesetz gemacht, das für alle Anderen zu gelten hat. Es ist von früheren Schreiben her bekannt, dass er es so sieht: Der Arbeiter ist seines Lohnes wert (1. Timotheus 5,18) – auch der Arbeiter im Dienst des Evangeliums. Das alles wird Timotheus schon richtig verstehen – weil es ihn der Herr verstehen lässt. Vielleicht könnte man σύνεσιϛ – Einsicht – auch mit Verständnis und Zustimmung wiedergeben. Dass Timotheus damit einverstanden wird.

8 Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten, aus dem Geschlecht Davids, nach meinem Evangelium, 9 für welches ich leide bis dahin, dass ich gebunden bin wie ein Übeltäter; aber Gottes Wort ist nicht gebunden. 10 Darum dulde ich alles um der Auserwählten willen, damit auch sie die Seligkeit erlangen in Christus Jesus mit ewiger Herrlichkeit.

Es geht dann schnell weg von den Äußerlichkeiten hin zur Mitte. Damit Timotheus ein fröhlicher Streiter Jesu Christi ist, braucht es eine doppelte Erinnerung. Einmal die Erinnerung an Jesus Christus, genauer noch die Erinnerung, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Das ist der Kern: Christen glauben an den auferstandenen Herrn. An den Gegenwärtigen und eben nicht nur an eine fromme, verehrungswürdige und vorbildliche Figur der Vergangenheit. Wie nebenbei ist es zugefügt: Jesus ist ein Davidssohn, einer aus dem Geschlecht Davids. Auch diese Davids-Sohnschaft gehört zu seinem Evangelium, für das er leidend einsteht.

Die Worte wirken wie ein Nachklang an den steilen Einstieg des Römerbriefes, an das Evangelium Gottes „von seinem Sohn Jesus Christus, unserm Herrn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch, und nach dem Geist, der heiligt, eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft durch die Auferstehung von den Toten.“ (Römer 1, 3-4)

An dieses Evangelium weiß sich der Briefschreiber im Gefängnis, Paulus, gebunden. Es ist die Bindung, die ihn prägt und ihn allen anderen Bindungen gegenüber frei sein lässt. In dem, dass ich gebunden bin wie ein Übeltäter κακοῦργος , kakourgos – weiß sich der Apostel seinem Herrn nahe. Der ist ja auch unter die Übertäter gerechnet, zwischen zwei Verbrechern am Kreuz geendet. Mag sein, andere sehen nur seine Ketten, seine Zelle. Paulus aber sieht sich frei. Weil ja auch das Wort Gottes frei ist, ungebunden. Nicht zu bremsen.

Es ist ein eigentümlicher Blick auf das eigene Leiden: Es kommt anderen, den Auserwählten, zugute. Die gleiche Sicht begegnet auch noch andernorts: „Nun freue ich mich in den Leiden, die ich für euch leide, und erstatte an meinem Fleisch, was an den Leiden Christi noch fehlt, für seinen Leib, das ist die Gemeinde.“ (Kolosser 1,24) Es ist uns fremd, so zu denken: Die Leiden Christ gehen weiter in den Leiden der Christen. Für die ersten Christen ist es offensichtlich die Möglichkeit, dem eigenen Leiden einen Sinn abzugewinnen, der nicht an der eigenen Person hängt.

11 Das ist gewisslich wahr: Sind wir mit gestorben, so werden wir mit leben; 12 dulden wir, so werden wir mit herrschen; verleugnen wir, so wird er uns auch verleugnen; 13 sind wir untreu, so bleibt er doch treu; denn er kann sich selbst nicht verleugnen.

Das ist der zweite starke Pfeiler der Erinnerung: Er bleibt treu. ἐκεῖνος πιστὸς μένει, ekeinos pistos menei. Μένω ist im Johannes-Evangelium ein Hauptwort, wenn es darum geht, Glauben zu beschreiben. Glauben ist Bleiben. „Bleibt in mir und ich in euch. … Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“(Johannes15,4.5) Der Sieger über den Tod lässt die Seinen nicht los.

Es mag ja sein, dass der Weg durch die Zeit ein Weg ist, der Leiden mit sich bringt, der Schmerz mit sich bringt, in dem es so scheint, als wäre der Glaube vergeblich. Aber das alles wird umgriffen von ihm, Christus, der treu ist, der nicht im Tod geblieben ist und auch nicht im Tod bleiben lässt. „Er bleibt uns treu. Oder besser: Er bleibt seinen Verheißungen treu. Auch wenn wir oft versagen und ihm untreu werden.“ (J. Jeremias, aaO. S.55) Oder, noch einmal anders: „Menschliches Versagen zerbricht nicht die unverbrüchliche Treue Christi. Sie bleibt uns Menschen zugewandt trotz – ja eigentlich gerade angesichts! – unseres menschlichen immer neu eintretenden Scheiterns.“ (A. Weiser, aaO. S.175)

In diesem Gedankengang stört, auf den ersten Blick, der Satz: verleugnen wir, so wird er uns auch verleugnen. Er will, so scheint es, nicht wirklich in den Zusammenhang passen, auch wenn er an ein Wort Jesu erinnert: „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.“ (Matthäus 10,32-33) Er wirkt wie eine Drohung.

Mein Versuch zu verstehen: Das griechische Wort ἀρνέομαι, arneomai bedeutet „sich lossagen“, „verleugnen““. „Gemeint ist damit „wohl zunächst das öffentliche und formelle „Sich- Lossagen““ von Jesus Christus und dem Evangelium in bedrängender Situation.“ (A. Weiser, aaO. S.173) Menschen gehen auf Abstand, wollen nichts mehr wissen vom Glauben, von Christus. Sie schwören, vielleicht vor Gericht, dem Glauben ab. Daneben kann treten, dass der praktische Lebenswandel den Glauben verleugnet: durch Gnadenlosigkeit im Umgang mit anderen, durch Zügellosigkeit im eigenen Leben, in Zorn und Genuss-Sucht, durch falsche Lehre. Schließlich: „Diese Verleugnung geschieht nicht nur in Verfolgungszeiten, sondern auch heutzutage, da die Vernunft sich über den Glauben erhebt.“ (A. Bengel, zit. bei H. Bürki, aaO. S. 59)

Das alles haben diese Worte vor Augen und warnen deshalb, es sich mit der Treue und der Vergebung Jesu nicht zu leicht zu machen. Sie nicht in einen Garantieschein zu verfälschen, der alles für gleich gültig und damit gleichgültig erklärt. Es bleibt dabei: Der Glaube fordert auf der Seite der Christen Lebensschritte, die zur Antwort auf die Gnade werden. Den guten Kampf, in dem wir auch manchmal scheitern mögen, den wir uns aber nicht gewissermaßen von vornherein gleich schenken dürfen, weil am Ende „der liebe Gott ja doch fünfe gerade sein lässt.“

Zum Weiterdenken

Ich habe gelesen: „In der Skala „positive Wertschätzung rangiert das aktive Ratgeben sehr zu Recht auf der untersten Stufe. Wer denkt, dass er im Leben eines anderen auf Anhieb besser Bescheid wisse als dieser selbst, kann keine allzu gute Meinung von der Intelligenz des anderen haben.“ (J. Schwemer, Psychologische Hilfen für das Seelsorgegespräch. 1974, S. 33) Paulus möchte Timotheus helfen, Kurs zu halten. Darum ein Imperativ nach dem anderen, Bis der Schreiber merkt; Ich überziehe. Darum wechselt er die Sprachform – weg von den Ratschlägen. Hin dazu, den Blick auf das zu richten, was Gott in Jesus getan hat, wie Jesus seinen Leuten begegnet. Auf ihn zu schauen, auf das Heil – das muss Motivation und Stärkung genug sein, um auf dem Weg Jesu zu bleiben. Das ist Beispiel auch für uns – nicht ein Rat nach dem nächsten, nicht Imperativ auf Imperativ – den Blick auf Jesus richten.

Die Echo-Logik: „Wie es in den Wald schallt, schallt es auch heraus“, zerbricht an der Liebe des Heilands. Seine Treue umgreift auch die Untreue, auch den Kleinglauben, sogar das Verleugnen, aus der Angst um sich selbst. Dafür steht im Neuen Testament die Erzählung von der Verleugnung des Petrus. So sind diese Worte hier – denn er kann sich selbst nicht verleugnen ein Trost für die erschrockenen Gewissen. Und doch auch eine Warnung: Es sich nicht zu leicht zu machen, sondern das Einstehen für den Glauben, ὑπoµένω –  zu üben.

Es gibt das Evangelium nicht anders als in einer Kette, die es weitergibt. Keiner kann es sich selbst geben, keiner darf es für sich selbst behalten. Es wird auch nur bewahrt im Weitergeben. Eine Kirche, die aufhören würde, das Evangelium weiterzugeben, würde ihre Berufung verraten. Die Verheißungen Gottes gelten ihr – nur? – als der Trägerin der Botschaft, als Glied in der Kette von der Vergangenheit zur Zukunft. Jetzt, in der Gegenwart.

Im Einüben der eigenen Beständigkeit darf man schon unterwegs auf den Himmel hoffen, schon auf den Wegen des Lebens auf kleine Auferstehungen hoffen, schon in der Zeit den Vorglanz der Herrlichkeit glauben. Er bleibt treu!

Einstehen für Dein Wort. Beständig bleiben in der Treue zu Dir. Sich Tag um Tag neu festmachen. Hineinkriechen in die Zusage. Sich Dein Bild vor Augen halten. Mein Herr und Heiland, das höre ich als den Rat des Paulus als den Rat auch für mich, als den Rat für alle Christenmenschen.

Wie sollen wir von Dir reden, Deine Zeugen sein, wenn wir Dich über dem Tagesgetriebe aus den Augen verlieren, wenn Du uns nicht der Halt bist, an den wir uns halten, wenn Du uns nicht die Kraft gibst, wenn uns die Kräfte ausgehen. Stärke in mir den schwachen Glauben Halte mich fest im Vertrauen, das sich Dir lässt – ganz. Amen