Nicht vergeblich

2. Timotheus 1, 13 18

13 Halte dich an das Vorbild der heilsamen Worte, die du von mir gehört hast, im Glauben und in der Liebe in Christus Jesus. 14 Dieses kostbare Gut, das dir anvertraut ist, bewahre durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt.

Die Standhaftigkeit des Paulus entspringt nicht persönlicher Tapferkeit, sondern der Gewissheit, auf dem Weg hinter Jesus her zu sein und von ihm bewahrt zu werden. Einmal mehr Vorbild. Ὑποτύπωσις, Hypotyposis ist kein festgelegtes Bild, das man nachzuahmen hat. Es ist eher ein „Entwurf“ (Gemoll, aaO. S.773), der die Richtung zeigt, in die das eigene Leben gehen kann. Umso wichtiger: Der Mann im Gefängnis ist mit seinem Weg nicht Abschreckung, sondern Richtungsangabe.

Nicht zuletzt ist er Vorbild, Beispiel, Entwurf in dem, was er gepredigt hat. Die Worte, die er weitergegeben hat, haben gute Wirkungen hervorgebracht. Sie sind heilsam. Ὑγιαινός, hygienos gesund. Unter seiner Verkündigung des Glaubens und der Liebe in Jesus Christus sind doch Menschen heil geworden, was mehr sein mag als nur gesund. Das ist wahrlich kostbares Gut. Es ist selbst in dieser verhaltenen Formulierung noch zu spüren: Das Evangelium ist ein Schatz und dass dieser Schatz einem anvertraut ist, bringt zum Staunen.

Das ist zugleich die Zuversicht, die er auch bei Timotheus stärken will. Was du bewahrst, ist gut für andere. Wie schon im ersten Brief steht hier im Griechischen eine Form von φύλασσω, phylasso bewachen, behüten, bewahren. Es ist ein Schatz, den es zu hüten gilt. Sein Bewahren korrespondiert mit der Wirkung auf Timotheus: Du selbst wirst bewahrt durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt. Das verlangt nach der Aktivität, der Haltung des Timotheus und sagt ihm zugleich den unverfügbaren Geist zu als die bewahrende Kraft. Dass einer im Glauben durchhält, ist Folge der bewahrenden Kraft des Geistes und braucht doch auch das eigene Bewahren. So eng sind menschliches Wollen und göttliches Vollbringen in eins zu sehen.

15 Das weißt du, dass sich von mir abgewandt haben alle, die in der Provinz Asia sind, unter ihnen Phygelus und Hermogenes.

Was mag es einen Missionar wie Paulus kosten, sich das selbst einzugestehen und es anderen zu sagen: Wir haben viele verloren. Und dann gar alle, die in der Provinz Asien sind. Da steht wirklich alle, πάντες, pantes. Nicht nur viele. Die Nennung der beiden Namen Phygelus und Hermogenes darauf hin, dass sie wohl einflussreiche Leute in den Gemeinden waren, die in ihrer Abkehr von Paulus andere mitgezogen haben.

Und doch, einmal mehr fällt auf: der sonst nicht zimperlich ist darin, Irrlehrer zu benennen und auch zu verurteilen, sagt nicht: Sie haben sich vom Glauben abgewendet, sondern sie haben sich von mir abgewandt. Also nicht: sie sind vom Glauben abgefallen. Er hat in ihnen Menschen verloren, die ihm viel bedeutet haben. Das stärkt die Vermutung: „Unausgesprochen steht hinter den Worten die Bitte an Timotheus: du darfst mich nicht auch noch im Stich lassen.“ (J. Jeremias, aaO. S.52)

16 Der Herr gebe Barmherzigkeit dem Hause des Onesiphorus; denn er hat mich oft erquickt und hat sich meiner Ketten nicht geschämt, 17 sondern als er in Rom war, suchte er mich eifrig und fand mich. 18 Der Herr gebe ihm, dass er Barmherzigkeit finde bei dem Herrn an jenem Tage. Und welche Dienste er in Ephesus geleistet hat, weißt du am besten.

Der Schmerz über manche Abwendung macht nicht blind. Gerade weil nicht alle die Treue durchgehalten haben, ist es umso wichtiger, dass einige treu geblieben sind. Sie sind nicht auf Abstand gegangen. Ganz im Gegenteil: Onesiphorus hat es sich Mühe und Zeit kosten lassen, Paulus zu suchen. Er ist „von Behörde zu Behörde, von Kerker zu Kerker gelaufen, bis er ihn fand.“ (J. Jeremias, ebda.)

Es ist sicher in einer Zeit, in der die Umwelt misstrauisch auf die Christen sieht – was sind das für seltsame Leute – nicht selbstverständlich, sich nicht zurück zu ziehen von denen, die stigmatisiert werden, diskriminiert. Onesiphorus hat mich oft erquickt und hat sich meiner Ketten nicht geschämt.

Kein Wort von Onesiphorus wird uns mitgeteilt. Als hätte er nichts gesagt. Aber vielleicht ist ja auch gar nicht so wichtig, ob einer etwas sagt und was einer sagt. Sondern wichtig ist, dass er da ist, nah ist. Dass einer wie Paulus in der Enge seines Gefängnisses erlebt: Da steht einer so zu mir, dass er mich aufsucht. Das macht ihn für Paulus zur Erquickung, zur Hilfe, zu einem, der ihn auch im Glauben stärkt und durchhalten lässt: Er ist da. Ich spitze zu: Manchmal ist Dasein wichtiger als die richtigen Worte zu finden. So ist er, von dem wir nur aus diesem 2. Brief an Timotheus überhaupt den Namen wissen, ein Lichtblick in dunklen Tagen, ein Gottesgeschenk.

Zum Weiterdenken

Die Missionsgeschichte ist keine ständige Erfolgsgeschichte, sondern sie kennt auch das andere: dass der Anfang versandet, dass der Aufbruch in sich zusammenbricht. Wir wissen heute, dass die Missionstätigkeit des Paulus im Mittelmeer-Raum gesegnet war, aber eben keine ungebrochene Erfolgsserie. Eher die Geschichte ununterbrochener Schwierigkeiten, geprägt auch durch Konflikte, Gefängnisaufenthalte und Abwendungen. Am Ende steht Paulus irgendwie vor den Trümmern seiner Arbeit.

Die Geschichte der Kirchen heute – in Deutschland – ist eine Abschiedsgeschichte. Es gilt, Abschied zu nehmen von einer Form der Volkskirche, die lange das Denken über die Kirche und die Frömmigkeit geprägt haben. Eine Frömmigkeit, die ohne eigenen Entscheidung auf der Tradition fußte. Diese Tradition bricht ab. Das Wort „Traditionsabbruch“ hat mein ganzes Pfarrerleben seit 1976 begleitet. Heute sind nur noch Trümmer von Kirche zu sehen.Der Rückhalt des Christentums als Lebensform und Denkvoraussetzung bröckelt.

Bei uns heute fallen nicht Gemeinden ab. Bei uns kommen die Menschen einfach nicht mehr. Der Gaube ist für viele keine lebensprägende Wirklichkeit mehr – nicht in der Alltagsethik und nicht in Frömmigkeitsformen. Wo aber keine Gestaltung und keine Gestalt des Glaubens mehr ist, ist auch kein Glaube mehr.  Kein tragendes Gottvertrauen. Es ist ein Befürchtung, die nach mir greift: Es könnte sein, dass der notwendig gewesene Verzicht auf Gottesdienste in der Corona-Krise dazu führt, dass vielen der Gottesdienst noch mehr als ohnehin schon verzichtbar geworden ist. Nicht Not-Wendig.

Umso wichtiger ist es, die Zuversicht zu bewahren. Den Schatz des Evangeliums zu hüten. Die Einladung zum Glauben, „die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.“ (Barmer Erklärung 1934, These 6, EG 810)

Mein Gott, lass mich nicht blind werden für das Gute, für die Freunde, für die treuen Weggefährten. Lass es nicht zu, dass mein Blick nur noch wahrnimmt, was schwierig ist, Probleme bereitet, dass sich viele nicht mehr rufen lassen, manche ihres Weges gegangen sind.

Wehre Du aller Bitterkeit. Halte Du uns fest im Vertrauen, dass Dein Rufen nicht vergeblich ist, dass darum auch unser Arbeiten nicht vergeblich sein wird. Amen