Ein letztes Wort: Gnade

1. Timotheus 6, 17 – 21

17 Den Reichen in dieser Welt gebiete, dass sie nicht stolz seien, auch nicht hoffen auf den unsicheren Reichtum, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darbietet, es zu genießen; 18 dass sie Gutes tun, reich werden an guten Werken, gerne geben, zum Teilen bereit sind, 19 und sich selbst einen Schatz sammeln als guten Grund für die Zukunft, damit sie das wahre Leben ergreifen.

Aller Lobpreis drängt hin auf die Inkarnation des Lobes in unser Leben. Unser Lob mit dem Mund will gelebt sein mit Händen und Füßen. Als ob es ihm unheimlich sei, kehrt Paulus vom Hymnus sofort zurück zur konkreten Anweisung – über den Reichtum.

Es ist so eine Sache mit dem Reichtum. Er ist in den Schriften des Neuen Testaments nicht so gut beleumundet. Er ist eine unsichere Angelegenheit. Motten und Rost können die angehäuften Schätze fressen, Diebe sie stehlen. (Matthäus 6, 19) Darum ist es nicht klug, sich auf sie zu verlassen. Stolz auf Reichtum ist in keiner Weise angesagt. Diese Warnung an die Reichen – πλουσίοι – mahnt dazu, sich nicht auf den falschen Halt zu verlassen. Es klingt viel mehr eine lebensdienliche Alternative an, die auch den Weg in die Zukunft Gottes offen hält. Erzählt von Jesus, als er einen lobt, der sich durch zumindest zwielichtigen Schuldenerlass seine von ihm abhängigen Schuldner zur Dankbarkeit verpflichtet hat. Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wen ner zu End geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten.“(Lukas 16,9)

„Reiche neigen dazu, ihre Hoffnung auf den Reichtum zu setzen statt auf Gott.“(J. Roloff, aaO. S. 367) Das ist mir, und nicht nur mir, aus dem Herzen geredet. Es gibt für die, die viel haben, keinen Grund, hochnäsig zu sein, auf  „arme Schlucker“ herab zusehen. Nichts ist ärgerlicher wie die Rede von „Sozialschmarotzern“ aus dem Mund derer, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld. Was im Grundgedanken der Väter des Grundgesetzes lebendig war – Reichtum verpflichtet – das steht hinter diesen Worten, ist vielleicht aus ihnen als Maxime gewonnen.

20 O Timotheus! Bewahre, was dir anvertraut ist, und meide das ungeistliche lose Geschwätz und das Gezänk der fälschlich so genannten Erkenntnis, 21 zu der sich einige bekannt haben und sind vom Glauben abgeirrt. Die Gnade sei mit euch!

Eine letzte Mahnung an Timotheus. Bewahre, was dir anvertraut ist. φυλλάσσω „bewachen, behüten, beschützen, beachten, in Ehren halten.“(Gemoll, aaO. S. 794) Es geht um ein Bewahren, das alle Kräfte in Anspruch nimmt. Wachsamkeit auch gegenüber dem eigenen Erschlaffen. Es ist ein Ruf zur Treue und ein Ruf zur Unabhängigkeit. Nicht irgendetwas soll Timotheus bewahren – παραθκη ist die Hinterlassenschaft. Das anvertraute Gut. Der Begriff „kennzeichnet ein Gut, einen Vermögenswert, der einem einzelnen mit der rechtsverbindlichen Auflage der unversehrten Bewahrung übergeben wird.“(J. Roloff, aaO. S. 371 So sieht der Briefschreiber seine Botschaft, für die Timotheus einstehen soll. Es geht um unverbrüchliche Treue, über die Zeiten hinweg. Das Evangelium ist treu zu bewahren – das schärft der Autor – ob Paulus oder einer, der in der Rolle des Paulus schlüpft, dem Briefleser ein – ob Timotheus oder der Gemeinde.

Es ist ein großes Gut, sich in seinem Reden nicht abhängig zu machen vom Applaus, nicht heimlich auf Anerkennung und Beifall aus zu sein. Es ist auch eine stete Herausforderung, sich nicht klug zu inszenieren und durch gescheite Sprüche glänzen wollen. Es gibt viele Möglichkeiten, sich vom Glauben zu entfernen, abzuirren. Sich zu verlaufen. Man kann sich durch attraktive Angebote verlocken lassen. Das Versprechen des gelingenden Lebens – eines Gelingens, das sich in äußerem Erfolg, gesellschaftlicher Anerkennung, in sozialen Aufstieg sichtbar darstellen lässt, ist nicht erst heute auf dem Markt.

Die Anfechtung durch schwere Lebenserfahrungen ist eine andere Möglichkeit. Wenn man Gott nicht mehr versteht, weil er schweigt, weil der Kontakt zu ihm so schwer zu halten ist, weil man plötzlich nicht mehr weiß, ob sich dieses Leben als Christ*in denn wirklich lohnen wird. Es ist auch die Warnung davor, sich von Erfahrungen abhängig zu machen, die den Himmel offen sehen und das Leben auf der Erde darüber gering achten. Es gibt das Gieren nach Erkenntnis, γνώσις, die sich in der Suche nach der Tiefe des Seins nicht mehr an das schlichte Wort hält, in dem uns das Heil zugesprochen wird.

Das letzte Wort ist der Zuspruch des Segens. Im Wissen darum, dass unsere letzten Worte nur vorletzte sind und im Vertrauen, dass Gottes letztes Wort „Gnade“, χάρις, sein wird.

Zum Weiterdenken

Ermahnung, Ermutigung – das ist das Gebot der Stunde. Es macht mir zu schaffen, dass ich den Eindruck habe, dass wir uns das nicht mehr trauen. Wir verbreiten lieber Theorien über… Wir knüpfen mit unseren Worten an das an, was alle sagen. Wir schwimmen gerne mit in der öffentlichen Meinung und nicht so gerne gegen den Strom. Wir wollen gute Menschen sein und auf der Seite der guten Menschen stehen. Wir – ich meine mit dem „wir“ uns, die in der Kirche das Wort nehmen, die diese Kirche auch „lieben“ – wir müssten es wieder wagen, in die Spur Jesu zu rufen, auch wenn wir dabei ein wenig weltfremd wirken könnten. Angepasst an die Welt haben wir ihr nichts mehr zu sagen. Das kann man von diesem seltsamen Brief lernen – er ruft auf seine Weise in die Spur Jesu.

Herr Jesus, ich möchte gerne klug sein. Ich freue mich darüber, wenn Andere mich verstehen und mir sagen, dass mein Reden ihnen hilft. Ich freue mich darüber, wenn ich ein ernst zu nehmender Gesprächspartner bin und Menschen das Gespräch mit mir suchen. Ich freue mich, wenn ich Zuhören und Raten kann.

Aber – ich möchte nicht davon abhängig werden, dass ich gefragt werde, gesucht bin, gehört werde. Ich möchte wachsen in der Abhängigkeit von Dir. Amen