Der gute Kampf

1. Timotheus 6, 11 – 16

11 Aber du, Mensch Gottes, fliehe das! Jage aber nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut! 12 Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen.

Aber du. So „ist ein schroffer Gegensatz zwischen dem direkt angeredeten Timotheus und dem vorher nur in unbestimmten Wendungen beschriebenen Personenkreis markiert.“ J. Roloff, aaO. S. 345) Ihm ist der Autor Paulus jetzt ganz zugewandt. Dem Menschen Gottes. ἄνθρωπε θεοῦ – so redet er ihn an, in der Hoffnung, dass ihn das stärkt, weil es ihn an sein Fundamet erinnert. Das erhofft er für ihn, dass er durchhält, klaren Kurs behält, dass er bewährt, was er empfangen hat.

Auch das ist dem Kontrast geschuldet und unterstreicht ihn noch: fliehe – ergreife. φεῦγε· δίωκε,pheuge – dioke. Es gibt keinen Automatismus in geistlichen Dingen, darum die Aufforderungen, die Imperative, die alle nur anspornen, nicht befehlen wollen. Es geht um das Erwerben und Bewahren von Gottvertrauen, von Glauben. Beides, Erwerben und Bewahren fordert Einsatz – oder, wie Paulus sagt: guten Kampf. καλὸς ἀγῶν Das gilt, unbeschadet dessen, dass es Glauben nur als Geschenk gibt. Dass er das eigene Leben durchdringt und prägt, ist mit Arbeit, Einsatz, Kampf verbunden. Von selbst geht da nichts.

In diesem Wort ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist gipfeln die Ermutigungen. Darum geht es, dass in das zeitliche Leben dieses andere Leben, das ewige Leben hineinreicht und mitten im Leben ergriffen wird. Gewollt wird. Gelebt wird. Das Ewige Leben, αιώνιη ζωή, beginnt hier und jetzt – als das Leben aus der Hingabe Christi und der Hingabe an Christus und sein Erbarmen.

Damit hat Timotheus ja schon angefangen – in seinem guten Bekenntnis vor vielen Zeugen. Das Wort Ὁμολογία, Homologia, das mit Bekenntnis übersetzt wird, kann auch Übereinstimmung, Übereinkunft heißen. Es klingt mehr nach der gemeinsam gefundenen Wahrheit als nach einem allein gesprochenen Bekenntnis in Worten, als nach abgefragtem Glaubensinhalt. Sein Weg als Christ, zusammen mit anderen – das ist das schöne Bekenntnis, das gelebte Zeugnis. Auf diesem Weg soll er bleiben. Die Art, in der das geschieht: Der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut nachjagen.

Das erinnert an eines der markanten Paulus-Worte: „Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.“(Philipper 3,12) Bis in die Wortwahl ähneln sich die beiden Stellen – hier wie dort das griechische διώκω – „nachlaufen, sich anschließen, jagen.“(Gemoll, aaO. S. 222) als das Wort, das dem Verhalten seine Dringlichkeit gibt. Es geht um viel, mehr noch, um alles, um die Ewigkeit Gottes. Dieses Nachjagen, dieses Ergreifen wollen ist der Anfang, den Gott in uns setzt und den wir leben.

13 Ich gebiete dir vor Gott, der alle Dinge lebendig macht, und vor Christus Jesus, der unter Pontius Pilatus bezeugt hat das gute Bekenntnis, 14 dass du das Gebot unbefleckt und untadelig bewahrst bis zur Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus, 15 welche uns zeigen wird zu seiner Zeit der Selige und allein Gewaltige, der König aller Könige und Herr aller Herren, 16 der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann. Dem sei Ehre und ewige Macht! Amen.

Eine seltsame Mischung zwischen Ermahnung und hymnischem Lobpreis. Der Kampf des Glaubens und die Verherrlichung Gottes im staunenden Stammeln gehören ganz eng zusammen. Lobpreis ist nicht Abheben aus der Welt und Versenkung in mystischen Tiefen, sondern es ist Staunen vor der Tat Christi. Und sich hinein geben in diese Tat.

In den Ermahnungen wird der Charakter des christlichen Lebens als Weg und als Kampf deutlich. So ist es ja auch bei Jesus: Er hat standgehalten. Er ist auch vor Pilatus nicht von seinem Weg abgewichen. Er hat in seinem Bezeugen – μαρτυρήσαντος – gezeigt, was es heißt: Zeuge zu sein. Die Ermahnung erlaubt keine unverbindlichen Gedankenspielereien, sondern sie fordert das Ja und den Akt des Gehorsams. Darum auch dieses deutliche: Ich gebiete dir. παραγγέλλω σοι. Dieses Gebieten stellt Timotheus vor Gott und vor Jesus Christus. Das ist die letzte Instanz. „An das Bekennen Jesu Christi soll Timotheus sich anschließen… Das Bekenntnis Jesu Christi wird nun zum Bekenntnis zu Jesus Christus.“(J. Roloff, aaO. S. 351)

Über allem steht die liebevolle Sorge um den jungen Mitarbeiter. Es scheint mir diese Sorge in ihrem Mut zum konkreten Wort und in ihrer geistlichen Kraft ein großes Geschenk des Heiligen Geistes. Ermahnen können ist Charisma – Charismen werden im Gebet empfangen.

Man kann darüber stolpern: Das Gebot soll Timotheus bewahren. Das ist keine Aufforderung zu buchstäblichen Halten des Gesetzes. Keine Einweisung in Paragraphen. Hier steht eben nicht νόμος für Gesetz, sondern ἐντολή. Ein Wort, das viel naher am hebräischen thora dran ist, an der Weisung. Es geht um die Wegweisung, die sich aus dem Leben Jesu ergibt, aus dem Glauben an ihn. Da, im Glauben, ist nicht alles möglich, sondern eine Spur ist gelegt, der es zu folgen gilt.

Von dieser letzten Instanz vor Gott – coram deo, ἐνώπιον τοῦ θεοῦ – kann Paulus nicht anders reden als im Lob, im Staunen, in der Anbetung. Über alles Verstehen hinaus weisen die Worte. Paulus hält fest: Wir glauben Jesus Christus, Mensch unter Menschen. Gelitten, gekreuzigt unter Pontius Pilatus. Im Tod in die Gottesferne gestoßen. Aber in ihm, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, stehen wir zugleich vor der Wirklichkeit dessen, den aller Himmel Himmel nicht fassen können, der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann. Dem Gott, aus dem alles Leben kommt und zu dem alles Leben zurückkehrt.

Zum Weiterdenken

Es hat in meinen Augen guten geistlichen Sinn, dass die Worte dieses Hymnus mit zu den Worten gehören, die wir liturgisch bei Beerdigungen am offenen Grab verwenden. Helfen sie uns doch, angesichts des Todes das Lob Gottes festzuhalten. Wahrscheinlich ist es so, dass wir neu lernen müssen – das Fragen nach dem Grund des Glaubens zu verbinden mit dem Staunen, dem Feiern des Glaubens.

Manchmal fehlen mir die Worte, mein Jesus, die Dich loben, die Deine Güte preisen, die mein Staunen aussagen können. Manchmal komme ich mir sprachlos vor. Nur wenn es ans Klagen geht, ans Kritisieren, dann gehen mir die Worte nie aus.

Lehre es mich, die Stille zu suchen, das Verweilen vor Dir zu üben, den Kampf des Glaubens auszufechten, der in mir so oft tobt. Gib Du mir die Worte, die mir fehlen, Lob, Pres, Anbetung, und wandle Du mir die Worte, die mir so leicht zufallen. Amen